Seelenlandschaft Bodensee
Kelten, Römer und Alemannen kamen an den Bodensee und haben ihre Spuren hinterlassen. Die christlichen Missionare hatten es nicht leicht, die animistische Weltsicht aus den Köpfen zu vertreiben.
Von Eva Rosenfelder
Wasser, so weit das Auge reicht. Der Bodensee spiegelt den Himmel in wechselnden Farben, kräuselt sich sanft oder wirft aufbrausend und stürmisch seine Wellen ans Land.
Gesäumt von Schilfgürteln, breitet er sich über die Landschaft, erinnert an unendliche Wasser, ans weite Meer. In sich birgt er vergangene Zeit und Geschichte zurück bis zur Urzeit.
Unsere Urahnen sahen ihn wohl nicht ohne Grund als «Wasserwesen». Der See bildet zusammen mit dem Rhein, den sanften umgebenden Hügeln und den Inseln viel mehr als eine touristische Attraktion: Es ist eine mythische Landschaft, beseelt von Natursagen und Geschichten.
Noch heute sind Spuren zu finden von der belebten, animistisch geprägten Welt unserer Vorfahren, die in der Altsteinzeit als Jäger und Sammler die Seeufer bevölkerten. Ebenso Relikte aus der Pfahlbauerzeit, in der die Erdmutter als Ahnfrau verehrt wurde und als universelle Gestalt Erde und Kosmos verkörperte in der heiligen Landschaft.
Da sind aber auch barocke Kirchen, die den Bodensee umgeben, Legenden von unerschrockenen Mönchen und Heiligen, die als Missionare im 6. Jahrhundert See- und Berggeister bannten, die Christianisierung vorantrieben und alte Kultplätze mit kirchlichen Bauten zudeckten.
Die kommenden Sommertage laden ein, in diese geheimnisvolle Seelandschaft einzutauchen und auf Spurensuche zu gehen. Gut beraten ist, wer sich als Reisebegleiter die gleichzeitig erschienenen und gleich betitelten Bücher Magischer Bodensee von Barbara Hutzl-Ronge und Kurt Derungs in den Rucksack packt. Sie bieten reichen Proviant an verlockenden Reisevorschlägen, was auch ein mehrtägiges Eintauchen in die Seelandschaft und deren Umgebung ermöglicht.
Während bei Kurt Derungs der Schwerpunkt eher bei uralten Kultplätzen und deren Bedeutung liegt, führen Barbara Hutzl-Ronges genüssliche Reisen auch zu vielen barocke Kirchen und zu Spuren christlicher Heiliger. Beide Bücher bieten einen guten Überblick und eine reiche Auswahl an sinnlicher Naturerfahrung, kulturhistorischer Rückschau und mythologischen Zusammenhängen.
Höhlen als Anderswelt
Verbunden durch den Rhein als Nabelschnur, liegt Schaffhausen nur wenige Kilometer vom See entfernt. Nahe beim Bahnhof Thayngen befindet sich die Steinzeithöhle «Kesslerloch». Sie liegt westlich, etwa 500 Meter zu Fuss der Bahnlinie entlang Richtung Schaffhausen. Bei Ausgrabungen im 19. Jahrhundert kamen hier Tausende von Fundgegenständen zum Vorschein, die aus der Altsteinzeit (14000–12000 v. u. Z.) stammen. Neben Steingeräten und Tierknochen wurden herausragende Kunstgegenstände entdeckt. So etwa ein Doppellochstab, der ein aufrechtes Wesen mit mächtigem Geweih zeigt, und mehrere Göttinnenfiguren. Einige davon sind im Museum Allerheiligen in Schaffhausen und im Rosgartenmuseum in Konstanz ausgestellt.
Höhlen symbolisierten die «Anderswelt» und den Erdschoss, man kroch zurück in den Mutterleib, um als neugeborener Mensch wieder ans Tageslicht zu kommen. Die Erdmutter war als «Höhlen-Uterus» anwesend. Quellwasser und Höhleneingang wurden als Analogien zum Körper der grossen Göttin gesehen.
Auch andere Höhlen, wie etwa das «Heiden- beziehungsweise Bruderloch» nahe bei Konstanz verlocken zum Erforschen. Dieser von Menschenhand erstellte «Erdstall» besteht aus mehreren Kammern und besitzt eine altarähnliche Sitzbank. Hier soll eine Heimstätte für Seelen gewesen sein, die auf ihre Auferstehung warteten – Ahnengeister, die in manchen Sagen zu hilfreichen Zwergen wurden.
Schwebend über Wassern
Eine andere Sage führt ans nördliche Ufer des Sees, das Konstanz gegenüberliegt. Sie erzählt vom malerischen Städtchen Meersburg, das einmal versinken soll: Die Ortschaft stehe auf dem Wasser. Nur eine dünne Erdschicht trenne Strassen und Plätze vom Wasser. Als nämlich ein Meersburger einen Brunnen habe graben wollen, sei das Seewasser aus der Tiefe hervorgebrochen ...
Vielleicht erinnert die Erzählung an eine Zeit, in der am Seeufer Pfahlbauten standen. An der Uferzone Meersburg-Hagnau sind sie jedenfalls archäologisch nachgewiesen zur Bronzezeit (2200–850 v. u. Z.). Ganz in der Nähe von Meersburg, in Uhldingen, ist das beliebte Pfahlbauermuseum. 2002 kam ein neues Pfahlbauerdorf dazu mit Rekonstruktionen frühgeschichtlicher Häuser.
Am westlichen Rand von Unteruhldingen findet man einen «Themenweg durch die Zeiten». Ein Abschnitt dieses Rundgangs ist den «Pfahl-Ahnen» geweiht und erlaubt einen Einblick in die animistische und ahnenbezogene Gedankenwelt der früheren Menschen. Abhängig von der Gunst der Naturkräfte waren sie zutiefst verbunden mit den Kreisläufen des Jahres und verehrten Bäume, Steine, Felsen, Berge, Hügel, Quellen und Flüsse als belebte Wesen.
«Mutige» Mönche
Durch alle Zeiten hindurch bot das «See-Wesen» den Menschen gute Lebensgrundlagen. Fische und Wasservögel bereicherten den Speiseplan, und auf dem Wasser konnte man weite Strecken schnell mit Booten überwinden, ohne sich durch dichte Wälder schlagen zu müssen.
Kelten, Römer und Alemannen kamen an den Bodensee und haben ihre Spuren hinterlassen. Die christlichen Heiligen und Missionare, etwa der irische Mönch Kolumban und sein Begleiter Gallus, hatten es nicht leicht, die animistische Weltsicht aus den Köpfen der Seebewohner zu vertreiben.
Etwas oberhalb der Stadt St. Gallen, nur eine halbe Stunde vom Bodenseeufer entfernt, liegt St. Georgen. Dort fliesst der Bach Steinach durch die Mülenenschlucht. Die von Felsen umgebene Schlucht mit ihren Wasserfällen und Kaskaden bildet hier eine zauberhafte Landschaft. Im 7. Jahrhundert sei Gallus hier der Steinach entlangmarschiert bis dorthin, wo sich heute die Stiftskirche und das ehemalige Kloster St. Gallen befinden. Da habe er zwei nackte Frauen angetroffen, die geisterhaft am Ufer standen, als wollten sie ins Bad steigen. Gallus soll die «Dämoninnen» sofort gebannt haben, worauf diese laut klagend zum Himmelsberg – dem heutigen Menzel – geflüchtet seien: «Weder bei den Menschen noch in den Einöden dürfen wir noch bleiben ...»
In dieser Sage zeigt sich die Kluft zwischen der animistischen und der christlichen Weltsicht. Heidnische Kulte, wie das Ehren der Wasserwesen oder des «Genius loci» an kraftvollen Stätten, waren den Missionsbeflissenen ein Dorn im Auge. Wohl nicht zufällig errichtete Gallus hier die erste christliche Zelle. Die Steinach wurde ebenso ins Unsichtbare verdrängt, wie die beiden Wasserfrauen: In der Stadt St. Gallen ist der Bach als frei fliessende Lebensader zugedeckt.
Die Bodenseeregion aber ist ein Sammelbecken mythischer Zeiten geblieben. Noch immer sind hier unzählige belebte Kultorte zu finden. Kirchen, kleine Kapellen, Kreuze und Bildstöcke an Wegkreuzungen, Marienbildnisse, die in Bäumen hängen und von der Verbundenheit der Menschen zu kraftvollen Orten zeugen. Wo einst die Erdgöttin heilige Quellen hütete, ist es heute meist die Gottesmutter Maria. Wo Zwerge, Drachen und Schlangen sich herumtrieben, mag jetzt ein heiliges Gotteshaus stehen.
Wie immer man diese zauberhafte Landschaft bebildern mag – es ist Ausdruck von Ehrerbietung im Angesicht einer überwältigenden Naturschönheit, die Wandernde, Suchende und Siedelnde über alle Zeiten hinweg mit reichen Gaben beschenkt.
Kurt Derungs:
Magischer Bodensee.
Reisen zu mythischen Orten.
Amalia Verlag 2011,
192 Seiten, Fr. 38.90.
Barbara Hutzl-Ronge:
Magischer Bodensee.
Wanderungen zu Orten
der Kraft.
AT Verlag 2011, 408 Seiten, Fr. 39.90.
