Mira Kudris: Meer der Seele
Durch Mira Kudris spricht der Geist von «Cege». Eine Begegnung mit ihr und dem vor fünfzig Jahren verstorbenen Jung.
Von Eva Rosenfelder
Es ist so heiss, dass die Luft flirrt. Von der Kirche her sei es nicht mehr weit bis zu ihr, hatte mir Mira Kudris am Telefon versichert. Ganz im Grünen, im idyllischen Dorf Eiken, lebt und arbeitet das Medium seit zwei Jahren. Ich bin froh, dass ich das einstige Bauernhaus bald finde. Ein Sofa im Vorraum – wo früher wohl einmal Traktoren vor sich hinrosteten – lädt ein innezuhalten. Weiss getünchte Wände verbreiten angenehme Kühle. Von irgendwoher erklingen Kinderstimmen – ach ja, sie hatte erwähnt, dass sie mit ihrem Sohn und dessen Familie zusammenlebe in liebevoller Verbundenheit.
In einer Tieftrance-Sitzung soll ich heute Gelegenheit bekommen, mich mit dem Geist von «Cege Jung» zu unterhalten. Richtig. Gewöhnlich wird der Name nicht so geschrieben. Gemeint ist tatsächlich der Geist desselben. Seit vielen Jahren spricht über Mira in Tieftrance der hinübergegangene Psychiater.
«Ach, ich habe sie gar nicht gehört!», reisst mich eine Stimme aus den Gedanken. Zierlich und wendig kommt sie die Treppe herunter und schüttelt mir die Hand. «Kommen Sie!» Wir steigen hinauf in ihr Reich unter dem Dach. Trotz offenen Fenstern treibt uns die Hitze den Schweiss aus den Poren. Ich klebe am weissen Sessel. Mira Kudris sprudelt wie ein Bergbächlein. Bilder, Eindrücke, Botschaften aus ihrem Leben plätschern aus ihr heraus – vielleicht um dem Nachfolgenden Platz zu machen? Die 55-Jährige wirkt lebendig und wach, gleichzeitig sanft und liebevoll. Sind es die blitzenden Augen, die langen schwarzen Haare oder ihre Ausstrahlung, die sie um vieles jünger erscheinen lassen? Sie ist einfach präsent. Nichts Belehrendes oder Grossartiges, wie es sich in manchen Beratungssituationen einschleicht.
Mira Maria Kudris hat die Medialität schon bei ihrer Geburt in eine künstlerisch-medial veranlagte Familie in Niederösterreich mitgebracht. Später übte sie meditative Praktiken, studierte Astrologie und machte eine professionelle Ausbildung in Tieftrance-Technik. Bekannt wurde sie 1985 durch das Buch Ich kann sprechen, worin sie die mediale Kommunikation mit ihrem noch ungeborenen Sohn beschrieb. Auch heute noch gilt ihre besondere Hinwendung den Kindern. Sie ist Fachberaterin für Kindernaturheilkunde und hat eine «kosmische Kinderschule» ins Leben gerufen, in der sie Kinder und ihre Eltern spirituell begleitet.
Ein Stück blauen Himmels
«Die Basis für mein Tun habe ich mir ganz langsam erarbeitet. Ich kann mich an mein gesamtes Leben seit meiner Geburt erinnern», sagt sie. Oft wurde das infrage gestellt. Doch da ist in ihr dieses ganz klare Bild: Wie aus einem Tiefschlaf sei sie aufgewacht, als sie vom Spital zu ihrem Elternhaus gebracht worden war. Noch sieht sie den weissen Korb, in dem sie lag, hat den Geruch der Steine vor dem Elternhaus in ihrer Nase und sieht das Stück blauen Himmels vor sich, welches sie damals erkannte: «Mein Himmel! Ich bin wieder da!» Und: «Das muss ich mir merken!» In ihr war das Wissen, dass sie gelebt hatte und wiedergekommen war.
«Ich spürte immer, wenn ich mich zu weit entfernte von meinem Weg, der mich mit dieser Erinnerung verband», sagt Mira. «Naturwissenschaft, Gehirnforschung, alle Bereiche, mit denen ich mich befasste, sind mir zu langsam, sie können nicht Schritt halten mit dem Jetzt.»
Immer mehr lernte sie, sich in die unsichtbare Dimension einzuklinken und die Balance zu finden: zwischen dem quälenden Standpunkt, zwischen sich selbst und der Gesellschaft.
In Tiefen schichten
Mira bereitet sich vor auf die Trance. Sie hüllt sich in ein Tuch, schnieft, schliesst die Augen. Es dauert lange, sehr lange, vielleicht eine halbe Stunde. Die Hitze des Tages entlädt sich genau jetzt in einem tosenden Sommergewitter. Dann räuspert sie sich.
Ihre Stimme ist nun total verändert, das Gesicht verwandelt, tatsächlich scheint ein anderes Wesen aus ihr zu sprechen. «Guten Tag», sagt er. Er ist sehr höflich und gebildet, ich fühle mich leicht beklommen und formuliere innerlich fieberhaft meine Anliegen, um ihm nicht nur mit Neugierde entgegenzutreten. Warum die Welt immer verrückter werde, frage ich, nachdem ich ihn gebührend begrüsst und mich für seine Anwesenheit bedankt habe.
Es gehe um die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Menschen würden sich nicht mehr verbunden fühlen mit Gott. «Die Menschheit sehnt sich nach Gott, doch sie findet ihn nicht. Darum ist sie ohne Ehrfurcht. Sie anerkennt nicht, dass man ihn finden kann. Sie will den Weg der Selbsterkenntnis nicht gehen.»
Es gebe Religionen, in denen Gott nicht vorkomme. Aber als seelische Bedingung müsse es Gott geben. «Wenn die Seele keinen Sinn mehr hat, wird sie verrückt. Es ist der Schatten des Jahrhunderts, dass die Menschen den Kontakt verloren haben.»
Weg der Seele
Mich drängt es, möglichst viel von ihm zu erfahren. Viele Menschen würden nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, werfe ich ein. «Das ist Depression», sagt er, als hätte er diese Frage erwartet. «Für diese Menschen wird das auch so sein, das wird von Gott akzeptiert. Sie verschenken sich. Viele Menschen jetzt sind wiedergekommen mit Zweifeln. Sie werden erleben, wie die Gesellschaft ans Ende kommt und etwas sie trägt, und sie werden erfahren, dass sie leben möchten. 2015 wird sich alles auf wunderbare Weise beruhigen.»
Gott sei geduldig und die Seele auch, meint er. «Die Seele sagt, was richtig ist. Doch führt der Weg der Seele auch durch die tiefste Dunkelheit. Es gilt auszuharren und Gott zu fragen.»
Angesprochen auf Ahnengeschichten, meint er: «Man soll nicht immer alles Böse aus dem Zellbewusstsein heraufrufen, sondern die Ahnen als Liebende sehen. Das Jenseits lässt die Toten nicht zu den Lebendigen. Wenn Tote nicht gehen, hat es immer mit den Lebenden zu tun, dann haben sie ihr eigenes früheres Leben nicht vollendet und schon einen Fötus erzeugt.»
Grüsse aus dem Jenseits
Was er selbst denn noch in dieser Welt tue? Die Spaltung sei noch nicht überwunden, daran arbeite er, an der Öffnung für Gottes Willen, das liesse sich in vielerlei Art tun aus dem Jenseits, im Innersten des Menschen. Mira ist er dankbar, dass sie es tragen kann und sie dazu beiträgt, dass Menschen die Wahrheit erfahren.
Von SPUREN wünscht er sich, dass wir uns noch mehr trauen, «Dinge, die mächtig sind» anzusprechen. «Entscheiden Sie sich für das Göttliche. Das ist nicht immer nur freundlich. Manchmal muss man auch etwas tun, wovor man Angst hat. Viele Grüsse an die Redaktion!»
Und wie es sich für einen gebildeten Mann seines Formats gehört, verabschiedet er sich sehr höflich.
Ganz langsam wird sich Mira Kudris wieder hervorschälen, ihrer eigenen Person Leben einhauchen und erschöpft vor mir sitzen. Ich werde mich langsam auf den Heimweg machen durchs regengekühlte Dorf. Die Zeit hat ein Fenster aufgerissen zur Ewigkeit. Sechs Stunden sind inzwischen vergangen, sagt die Kirchenuhr. Ein Postauto rollt heran und holt mich in die Wirklichkeit. Ob «er» es war oder nicht, spielt für mich keine grosse Rolle mehr. Was ich hörte, war eine Stimme voller Weisheit und Liebe.
