Kafikaze in der Früh
Sein Ruf ist schlecht. Sein Duft betörend. Wer ihn liebt, der wird ihn kaum mehr los.
Von Eva Rosenfelder
Sein Ruf ist schlecht. Sein Duft betörend. Er ist fast überall präsent, von den einen geliebt, von den andern verpönt. Wer ihn aber liebt, der wird ihn kaum mehr los.
Den Kaffee meine ich, der morgendlich meine Bettfedern vom Rücken staubt, biegsam durch die Küche wedelt, die Träume, die wie Nebelschwaden mein Bewusstsein einhüllen, mit zackigem Händeklatschen vertreibt. Es ist unglaublich, wie ein Mensch sich durch sein Beisein verwandeln kann. Die Zunge löst sich, jeglicher Bann wird gebrochen: Merkur kann wirken, die Bahn ist ihm geebnet.
Die Zeitung von gestern lesend (viel zu verschlafen, um die neue zu holen!), sitze ich frühmorgens in der Küche. Selbst der Hund liegt noch tief in seinen Korb verkrochen und blinzelt fragend. Auf dem Gasflämmchen brodelt das magische Espressokännchen. Ein Duft erfüllt den Raum, unsäglich! Er erzählt von der Freude, wieder neu anzufangen, und verspricht, dass gerade dieser Tag ein ganz besonderer sein wird, ein noch nie gehabter. Die Lieblingstasse wartet bereits auf die tiefbraune Brühe.
Der erste Schluck ist bitter. Davon aber lasse ich mich niemals abhalten. Denn bald ist er da!
Heute, da er sich von mir beobachtet fühlt, schleicht er von hinten an und klopft mir auf den Rücken: «Da sind wir wieder! Was für ein herrlicher guter Morgen! Und? Was haben wir heute vor, was geht ab? Come on, erzähl mal ein wenig, ist ja stinklangweilig diese Stille! Musik, Sound! He! He! So etwas von verschlafen!» Und er klopft mir mit hektischen Bewegungen auf den Rücken. Ich habe keine Antwort bereit.
Belustigt sehe ich, wie meine Träume ihre weiten Gewänder zusammenraffen und mit entsetztem Gesicht ins Reich der Nacht flüchten. Mein Körper beginnt nun zu pulsieren, das Herz klopft schneller, Gedanken blitzen durch den Kopf. Ich öffne die Fenster, dieser Kerl bringt mich ins Schwitzen. Er folgt mir auf Schritt und Tritt. Der Typ hat ein wahrhaft feuriges Temperament!
Ich stelle mich unter die Dusche, was ihn nicht daran hindert zu plappern: «Was schaust du mich heute immer so an mit diesem Röntgenblick? Irgendwas nicht in Ordnung? Versuchst du, bald wieder gesund zu leben und trinkst deine Wald- und Wiesentinkturen? Die machen dich langsam, sie kommen nicht aus dieser Zeit. Ich hingegen gehe mit, ich expandiere, explodiere, bringe deinen Geist ins Sausen und Brausen, bin schneller als der Wind. Mein Schlagwort heisst Entwicklung, ich bin Vulkan, tosendes Feuer. In meiner Absicht aber bin ich rein und klar. Und meine Essenz ist schwarz wie die Materie und drängt dich zur Tat.»
Ich bin fertig mit Duschen und erinnere mich an das wunderschöne Bild einer blühenden Kaffeepflanze. Sternenartige, schneeweisse Blüten hatten mein Herz entzückt, und ich erklärte den Kaffeestrauch zu einer der schönsten Pflanzen. Die Früchte, in denen die Bohnen schlummern, sind tiefrot, die ledrigen Blätter intensiv grün.
So steht er vor mir: Seine kohlenschwarzen Augen blitzen, in ihnen lodert das Feuer.
Er ist gross, dunkelhäutig und schwarz gelockt. Keine Sekunde steht er still.
«Für heute hast du mich genug angestarrt!», ruft er temperamentvoll. Aus seinen Augen züngelt das Feuer. Ich bin hellwach und übermütig, ich brenne. Der Tag kann beginnen.
Eva Rosenfelder kennt sich aufgrund eigener Erfahrung aus mit Kräutern, Raben und Elementargeistern. Die Mitbegründerin schamanischer Ladengeschäfte lebt als Mutter von zwei Kindern, Kartenleserin und freischaffende Autorin in Winterthur.
corva@bluewin.ch
