Tausend Wege zurück
Aus einem Meditations-Tagebuch
Von Martin Frischknecht
Ruhe!
Etwas ist immer. Das Ticken der Uhr, der Scheinwerfer eines Autos, der durch die Dämmerung streicht, kalte Hände, der Gedanke «Was soll ich kochen?», der süsse Geruch eines japanischen Räucherstäbchens, ein Zwicken unter dem linken Schulterblatt, das Flöten einer Amsel, das Fiepen eines Weckers, das Räuspern des Sitznachbarn zur Linken, das Rascheln einer Decke rechts hinten, wohlige Wärme im Bauch … und, und, und – wie soll man da bloss zur Ruhe kommen?
Anziehung und Ablehnung; das eine mögen wir, das andere nicht. Ruhe ist gut, Unruhe ist schlecht. Weil wir die Ruhe suchen, setzen wir uns hin zur Meditation – und finden heraus, wie unruhig wir doch eigentlich sind. Jetzt, wo es nichts mehr zu tun gäbe, wo wir uns endlich entspannen könnten und loslassen, rasen die Gedanken. Schrecklich. Und dann noch diese Flugzeuge, das Stechen im rechten Knie, die Ungewissheit, ob wir zu Hause die Herdplatte auch wirklich ausgemacht haben. Muss einem das gerade jetzt in den Sinn kommen?
So geht das nicht. Unter diesen ganzen Kram wollten wir einen Schlussstrich ziehen, dem Stress und der Unruhe ein Ende bereiten. Wesentlichen Dingen wollten wir uns zuwenden – und jetzt das. Meditation ist das nicht.
Ist es doch. Wir befassen uns mit dem, was ist, wenn wir uns nicht ständig neue Reize und Inhalte zuführen. Dadurch entsteht Raum für eine elementare Erkenntnis: Nicht die vielen dummen Dinge sind es, die uns immer wieder aus der Versenkung holen. Wir sind es, die den Dingen, die wir wahrnehmen, eine Bedeutung zuschreiben. Entweder sind sie uns angenehm oder unangenehm. Die Zuschreibung macht es, dass wir uns über Gebühr damit beschäftigen.
Etwas ist immer. Abstellen können wir das nicht. Aber unsere Einstellung dazu, die lässt sich ändern. Und diese Veränderung beginnt nicht zuletzt damit, dass wir eine lieb gewordene Idee fahren lassen: Die Idee von der «guten Meditation», wie wir sie gerne hätten.
Maschenriss
Ich stehe auf, gehe ins Badezimmer, wasche mir das Gesicht, hole die Zeitung, trinke in der Küche eine Tasse Tee. Wie bin ich hierher gekommen? Nein, nicht die grosse Frage der Esoterik treibt mich um, nicht der Lebenssinn, die Bestimmung und solches Zeugs. Weit Geringeres beschäftigt mich, doch genauso unlösbar. Wie habe ich den Weg aus dem Schlafzimmer in die Küche bewältigt? Da gibt es doch eine Treppe. Wie bin ich die bloss runtergekommen? Und jetzt trinke ich Tee. Rätselhaft.
Gut, ich gebe es zu: Ich stelle mich dumm. Ich habe getan, was ich jeden Morgen tue. Der Ablauf ist die reine Routine, jede Bewegung, jeder Handgriff tausendfach eingeübt, es geschieht von alleine, wie selbsttätig aus mir heraus. Ich bin auf Autopilot geschaltet.
Keine Ahnung, wie sich dieses Programm einstellte und wie lange es schon abläuft. Sind es Tage oder Jahrzehnte, die ich in der Routine zugebracht habe? «Im Hinblick auf irgendeine Lücke, irgendeine Helligkeit, einen Maschenriss zwischen zwei Viertelstunden: Was treiben wir eigentlich?», beschrieb der Dichter Alexander Xaver Gwerder in einem «Gespräch am Kaffehaustisch» diese eigentümliche Verfassung.
Etwas ist anders. Jetzt. Wieder könnte ich nicht sagen für wie lange. Meine Hand führt die Tasse zu den Lippen, die Berührung hat eine Qualität, der Tee einen Geschmack. Sowie ich den benenne, habe ich mich davon entfernt. Jetzt geht es hin und zurück: Masche und Riss, Stille und Lärm, Denken und Sein.
Da gibt es eine Sehnsucht in mir nach «immer nur sein», verbunden mit der Vorstellung, Erleuchtung sei ein Zustand des dauerhaften Verweilens in diesem Sein.
Auch das ist wieder eine Vorstellung. Auch sie werde ich loslassen. Weil ich dafür etwas Besseres bekomme, etwas Besseres, das ich dennoch nicht haben kann. Sein.
Zwei Zentimeter
Im Wald unterwegs auf einem Frühlingsspaziergang, auf der Suche nach Meditation und unmittelbarer Präsenz. Ich gehe schnell, es ist eher eine Wanderung. Auch hege ich den Plan, in einem entfernten Dorf den Zug zu erreichen, um in der Stadt die Nachmittagsvorstellung eines Films zu besuchen.
Ich gehe auf einem ebenen Waldweg, neben mir frisch grünende Bäume, Vogelgezwitscher, das Klopfen eines Spechts – da überkommt mich unverhofft die Gewissheit: So weit bin ich gegangen. Jetzt bin ich am Ziel.
Es ist mein Geburtstag. Seit 46 Jahren bin ich unterwegs, mal schnell, dann wieder langsam und auf Umwegen. Alles, alle diese Wege, alle Anstrengungen, alles Bemühen haben mich hierher geführt. Nirgendwohin sonst. Hierher. Jetzt bin ich hier. Angekommen.
Was für eine Erleichterung!
Unmerklich wird mein Schritt langsamer; etwas entspannt sich, geht auf und wird geräumig. Ich gehe weiter, aber ich muss nicht. Ich gehe aus Freude am Gehen.
Vielleicht bin ich gerade grösser geworden. Ich schätze zwei Zentimeter. Mein Gefühl sagt mir, ich sei einen halben Meter gewachsen. Exakt gemessen wären es wohl einige Millimeter, die ich mich in die Höhe gestreckt habe. Zwei Zentimeter, das liegt etwa in der Mitte.
Erfahrungen
Wir glauben, Erfahrungen zu machen auch und ganz besonders beim Meditieren. Da treffen wir auf bestimmte Meister, begeben uns in Retreats und durchleben intensive Zustände von Versenkung. Schliesslich sind wir erfahren in vielen möglichen Spielarten von Meditation. Alle diese Erfahrungen haben wir. In Tat und Wahrheit ist es umgekehrt: Sie haben uns.
Ohne Ärger
«Ohne Ärger keine Freude» steht in riesigen schwarzen Lettern auf gelbem Grund an zentraler Stelle im Zürcher Hauptbahnhof. Es handelt sich um ein Werbeplakat für die auflagenstärkste Tageszeitung der Schweiz. So klug wie die Sprüche der Werbeagentur sind die Botschaften dieser Zeitung bei weitem nicht. Als Amerikaner und Briten im Irak in den Krieg ziehen, geben diese wendigen Schlaumeier noch eins drauf und zitieren Gandhi: «Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Friede ist der Weg».
Unterwegs in einem Doppelstockwagen der S-Bahn habe ich mich draussen auf der Plattform aufgestellt. Als der Zug die Türen schliesst und von einer Haltestelle abfährt, höre ich eine Männerstimme fluchen. Ein offensichtlich angetrunkener Mann müht sich im unteren Stockwerk zwischen den Sitzreihen durch und schafft es kaum die Treppe hoch. Ich blicke ihn fragend an. Lauthals fluchend erklärt er, seine Haltestelle verpasst zu haben. Im Stockwerk über ihm sehe ich eine Frau unverhohlen lachen. Sie freut sich über sein Missgeschick: ohne Ärger keine Freude.
Wirklich? Gibt es da nicht noch etwas anderes? Ist es nicht wie bei der Liebe, dem Glück und der Stille, dass wir diese Wörter in zweifacher Ausführung gebrauchen? Dass wir die eine Liebe meinen und die andere sagen? Freude kann doch etwas sein, was nicht hier auftritt, weil es dort fehlt. Ein Gefühl, das über das Wechselspiel von Ärger und Freude hinausführt. Das uns umsonst ereilt und das grösser wird, wenn wir es teilen. Frei nach Gandhi: «Es gibt keinen Weg zur Freude …»
Mohrenköpfe
Von einer einstigen Waffenschmiede wird in einer Nachrichtensendung berichtet, dass dort auf zivile Produktion umgestellt worden ist. Heute werden von diesem Industrieunternehmen Präzisionsrobotor hergestellt. Die klugen Maschinen verstehen sich darauf, wie Fliessbandarbeiter verschiedene Dinge blitzschnell zu erfassen und einzupacken.
Eine Serie dieser Roboter wird gerade fertig gestellt und soll demnächst nach Schottland ausgeliefert werden. Die Roboter werden dort Mohrenköpfe in Staniolpapier einwickeln, ohne dass die brüchigen Schleckereien Schaden nehmen.
Ich frage mich, ob das Auspacken der Mohrenköpfe nicht genauso gut wieder Robotern überlassen werden könnte. Vielleicht ist es bereits heute so, dass die allermeisten Mohrenköpfe von Robotern ausgepackt und verzehrt werden.
Ab und zu aber soll es geschehen, dass ein Mensch sich einen Mohrenkopf nimmt, dass er ihn achtsam auswickelt, ihn beriecht, schmeckt, mit der Zunge ableckt, mit den Zähnen aufbricht und schliesslich Biss für Biss den Mohrenkopf geniesst. Ah!
Widersprüche
Wie kommt ein Mensch dazu, Ruhezeiten in seinem Leben einzurichten, sich zurückzuziehen und zu schweigen? Die Antwort liegt auf der Hand. Wir suchen damit nach einem Ausgleich, wir wollen so etwas wie eine Insel schaffen in einem Alltag, der geprägt ist von Hektik und Besinnungslosigkeit. Wenn es uns in der Meditation gelingt, das Räderwerk der Lebensuhr ein wenig langsamer drehen zu lassen, ist nicht nur die Hetze, die unser Leben bestimmt, besser zu bewältigen, es besteht auch Anlass zur Hoffnung, dass die Perioden der meditativen Entschleunigung sich insgesamt segensreich auswirken, dass wir dadurch zu achtsameren Menschen werden.
Diese Rechnung geht auf. Das ist die gute Nachricht. Sie besagt: Meditation funktioniert. Es lohnt sich, täglich spirituell zu üben. Die zeitweise Entschleunigung führt zu einer gesteigerten Konzentrationsfähigkeit und zu einer Klärung des Geistes. Der Ausgleich macht es uns möglich, im täglichen Leben besser zu bestehen. Wir könnten sogar behaupten: Wer sich ab und zu die Freiheit der Entschleunigung nimmt, der kann darum herum erst recht Gas geben.
So weit, so gut, und wie gesagt: es funktioniert. Nur rasen wir damit an der Sache, um die es eigentlich geht, vorbei. Nicht dass ich hier behaupten will, ich könne dieses Eigentliche benennen. Das kann ich nicht, schon gar nicht für andere. Doch von einer Richtung kann ich sprechen. Sie klingt an in der widersprüchlichen Handlungsanweisung, mit der wir uns gerade eben beschäftigt haben: Verlangsamen, um beschleunigen zu können. Stehen bleiben, um besser gehen zu können. Die Augen schliessen, um sehen zu lernen. Hören, um dem Klang der Stille zu lauschen.
Solche Paradoxien könnten Wortspiele sein, mehr oder minder witziges Geklimper mit vermeintlichem Tiefsinn. Oft ist es tatsächlich nicht mehr als das. Solche Worte können uns aber auch ganz unvermittelt erreichen, und dann schmecken wir eine Wahrheit jenseits der Begriffe. Und darum kreisen wir in der Meditation denn wirklich. Wir bemühen uns um die Mühelosigkeit. Wir wagen das Unmögliche. Mit weniger sollten wir nicht zufrieden sein.
Das heisst, wir können mit dem, was wir in der Meditation erreichen, gar nie zufrieden sein. Diese Unzufriedenheit und zugleich die Erfahrung tiefer Stille sind die beiden Pole, zwischen denen wir pendeln. Wenn wir uns das einmal eingestanden haben, wissen wir, dass uns die Meditation gewiss nicht dorthin führt, wo wir ursprünglich damit hin wollten: Statt in einem Zustand wohliger Gelassenheit stecken wir mitten im Leben und reiben uns an roh schreienden Widersprüchen. Und die Übung der Meditation war zu nichts anderem nütze, denn zu erkennen: Hier bin ich und bin nichts anderes.
Tausenderlei Wege
Zunächst erscheint es dem Meditierenden, als führten ihn tausend Wege hinaus in die Welt, aus seiner Mitte hinaus in die Zerstreuung, und nur ein einziger schmaler Pfad führe ihn zu sich selber zurück: diese eine kostbare spirituelle Praxis, die man erlernt, die für einen funktioniert und an die man sich bald klammert wie ein Schiffbrüchiger an ein Stück Treibholz. Später dämmert die umgekehrte Wahrheit: Die vielen Wege aus sich hinaus sind eigentlich immer nur die eine zwanghaft vollzogene Fluchtbewegung eines ruhelosen Geistes, der sich geschickt hinter vielen Masken verbirgt und doch stets nach dem einen strebt: Zerstreuung.
Aus der Zerstreuung in die Stille zurück jedoch führen tausenderlei überraschende Wege: Am Morgen die Zeitung nicht lesen, aber die Wolken. Beim Computer haarscharf über den Bildschirm ins Leere blicken, dem Surren zuhören. Einen Menschen fragen «Wie geht es dir?» und zuhören, tief zuhören. Drei Schlucke Wasser vom Brunnen trinken. Duschen, das Wasser abstellen, in der Wanne stehen bleiben, sich nicht abtrocknen und fühlen, wie die Tropfen über die Haut rinnen. Nichts von alledem. Dabei sein, wie es atmet. Schreiben, ja, auch schreiben, zusehen, wo es hinführt.
