Wie soll ich meditieren?
Fünf Meditationslehrerinnen und -lehrer geben ihre Empfehlung
Von SPUREN
Tiefer entspannen
Anstrengung ist die Sprache des Körpers, und Loslassen ist der Schlüssel zum Geist. Meditation ist die Kunst, nichts zu tun.
Der Geist arbeitet mit Gesetzen, die äusserst verschieden sind von denen des Körpers. Jede körperliche Geschicklichkeit braucht Anstrengung. Alles in der Welt erfordert Anstrengung. Das Schlüsselwort für den Geist lautet Loslassen. Du kannst dich nicht zwingen, jemanden zu lieben noch jemanden nicht zu lieben. Anstrengung bewirkt das Gegenteil von Liebe.
In gleicher Weise kannst du nicht mit Anstrengung meditieren. Meditation ist die Kunst des Loslassens, sie ist die Zeit, in der du tief ruhst, tiefer als das Tiefste, und gleichzeitig bist du wach. Sie ist ein Zustand ruhevoller Wachheit. Du machst nichts und erlaubst allem, einfach weiterzugehen und tiefer und tiefer zu entspannen. Richtig angewendet wird sie alle Bereiche unseres Lebens befruchten.
Alles, was benötigt wird, ist eine persönliche Anleitung und Anweisung, um dem Geist seinen Weg nach innen zu ermöglichen.
Sri Sri Ravi Shankar ist ein indischer Yogi,
der altes vedisches Wissen mit der Botschaft der christlichen Nächstenliebe verbindet.
Kontakt: 0049/7804/910 923.
www.artofliving.de
Verwirklichung von Freiheit
Ich würde die buddhistische Vipassana- oder Erkenntnis-Meditation empfehlen. In jahrtausendealter Tradition verwurzelt und doch frei von asiatischer Kulturprägung, kann sie die Grundlage echter spiritueller Praxis bilden. Durch wache und unmittelbare Achtsamkeit erlaubt sie uns, die wahre Natur von Körper, Herz und Geist zu erforschen und zu verstehen. Im Unterschied zu den heute verbreiteten Wohlfühl-Meditationen führt sie – wenn konsequent geübt und angewendet – zur Verwirklichung tiefer innerer Freiheit. Vervollständigt durch die Praxis des grossen Mitgefühls (Karuna, Bodhicitta), ermöglicht sie die Realisation des höchsten menschlichen Potenzials.
Fred von Allmen widmet sich seit 1970 der buddhistischen Geistesschulung in Asien, Europa und den USA unter Lehrern der Theravada- und der tibetischen Mahayana-Tradition. Der Mitbegründer des Meditationszentrums Beatenberg (www.karuna.ch) ist Autor von «Die Freiheit entdecken» (Arbor) und «Mit Buddhas Augen sehen» (Theseus).
Auf der Türschwelle
Nicht nur beim Sitzen im stillen Kämmerlein soll sich spirituelle Praxis bewähren, sondern unmittelbar im Alltag. Hierzu gehört das Zusammensein mit meiner vierjährigen Tochter. Durch Lorena lerne ich, die Welt mit anderen Augen zu sehen und mich in Offenheit, Klarheit und Geduld zu üben.
Ganz besonders gilt das für die zwei Morgen, an denen es Zeit ist, in die Krippe zu gehen. Warm angezogen und bereit, die Wohnung zu verlassen, muss sie noch dringend aufs WC. Oder dann kommt ihr auf der Türschwelle in den Sinn, dass ihr Lieblingsbär heute unbedingt mit muss. Statt in Stress zu geraten und ungehalten zu reagieren, erinnere ich mich daran, mir Raum für meine Gefühle zu geben und ein Ding nach dem anderen zu erledigen: ein-, zweimal bewusst atmen, aus dem Fenster schauen. Werde ich dennoch von meinem wilden Geist davongetragen, so versuche ich wenigstens, mich nicht dafür zu verurteilen.
Hanspeter Ruch befasst sich seit Jahren mit dem tibetischen Buddhismus. Er ist Psychotherapeut in Winterthur und Autor von «Unsere Geschichte – unser Potential» (Verlag Via Nova, 2001) und ‹Das Feuer entfachen› (Winter 2003).
Licht der Dämmerung
Seit vielen Jahren beginne ich den Tag mit einer klassischen Meditation, bei der ich das Herzchakra als Fokus wähle. Die Technik ist denkbar einfach: Ich entspanne mich körperlich, beobachte eine Weile den Atemfluss und lasse das Bewusstsein dabei aus dem Kopf in die Region des Herzens sinken. Anfängliche Gedanken scheinen nun aus dem Herzen zu kommen, und diese Qualität erleichtert es, sie wertfrei und ohne sie festhalten zu wollen vorüberziehen zu lassen.
Sind die Gedanken zur Ruhe gekommen, visualisiere ich – ebenfalls im Herzchakra – ein Licht; kein gleissendes Licht, sondern ein Licht, das dem sanften Matt der Morgendämmerung gleicht. In diesem Licht versuche ich zu verweilen oder mich im Idealfall ganz darin aufzulösen. Das gelingt beileibe nicht immer, doch stets bleibt ein tiefes Gefühl der Zentriertheit, der Liebe, des Verbunden-Seins mit meinem Wesenskern und der göttlichen Quelle, die in uns allen sprudelt – ein Zustand, der unbedingt weiterzuempfehlen ist.
Christina Kessler ist Kulturanthropologin und Autorin des Buches «Amo ergo sum – Ich liebe also bin ich» (Arbor Verlag, 2002).
Zwischen Mond und Sonne
Soeben betrachtete ich den Aufgang des Vollmonds, vertiefte mich in den langsamen Aufstieg unseres Erdtrabanten, während im Westen hinter den Jurabergen die untergehende Sonne den Abendhimmel erröten liess. Die Erde steht bei Vollmond in der Mitte zwischen beiden Himmelslichtern, macht uns unseren Platz deutlich. Meditierend wende ich mich meiner Mitte zu, betrachte und beobachte meinen Atem, mein Sein. Spüre den Hauch der Luft, lausche den Tönen der Welt, schaue nach innen.
In die Mitte gehen, die Mitte finden, etwas betrachten – all dies bedeutet Meditation. «Medha», die innere Weisheit, lautet die Übersetzung aus dem altindischen Sanskrit. Das Wort «Medizin» geht auf die gleiche Wortwurzel zurück.
So ist meditieren für mich die Medizin der Seele. Medizin im altindianischen Sinn: ich binde mich ein in die Natur. Dazu braucht es wenig: Zeit, Musse, Innehalten, wahrnehmen, beobachten, Zeuge oder Zeugin der Zeit werden. Nichts tun, da sein, zulassen, was ist.
Adelheid Ohlig, Jahrgang 1945, lebt in Biel.
Sie meditiert seit 1967, unterrichtet das von ihr begründete Luna Yoga und schreibt darüber Bücher und Artikel.
