Orgon, Tachyon & Co
Glauben oder beweisen? Bei Geräten zur Energiesteigerung und Wasserbelebung vermischt sich das eine mit dem anderen. Marco Bischof hat dazu ein Grundlagenwerk vorgelegt.
Von Hans-Curt Flemming
Esoteriker haben ein intensiv zwiespältiges Verhältnis zur Naturwissenschaft. Auf der einen Seite wird die Naturwissenschaft als "spirituell blind" abgetan, die nicht erfasst, was Seele und Geist so leicht erfühlen können. Auf der anderen Seite gibt es die Sehnsucht, von genau dieser Wissenschaft, die zur neuen Religion unserer Tage geworden ist, anerkannt zu werden und sich auf "gesicherte Erkenntnisse" berufen zu können.
"Wissenschaftlich" ist immer noch ein Ehrenprädikat, aber Wissenschaft ist das Gegenteil von Glaube. Theorien sind nur brauchbar, wenn sie auch überprüft werden können. Wenn immer Physiker und Mystiker sich zusammengetan haben, um in neue Dimensionen vorzudringen, stand der Wunsch nach wissenschaftlicher Erklärung mystischer Phänomene dahinter. Meistens ging es darum, die "Lebensenergie" zu wecken, sie zu unterstützen und zu verstärken. Dabei ist aber auch jede Menge Hokuspokus entstanden, der heute eben mit Wissenschaft - bevorzugt Physik - verkauft werden soll, speziell an Leute, die nicht viel von Wissenschaft verstehen, es aber umso leichter glauben.
Der Rezensent, selbst Wissenschaftler, hat auch oft schon gestaunt und herzlich gelacht darüber, was für ein Quatsch geglaubt wird, wenn er nur mit einem wissenschaftlichen Namen verbunden wurde. Aber könnte nicht doch was dran sein? Bischof findet zu Recht: "Es mangelt nicht nur an seriösen, allgemein verständlichen und allgemein zugänglichen Publikationen für ein grösseres Publikum sowie an kritischen und über den Hintergrund aufklärenden Werken." Genau so ein Werk hat er hier vorgelegt.
Zurück zum Titel: "Tachyonen" sind hypothetische Elementarteilchen, die sich schneller als das Licht bewegen können. Sie sind noch nie nachgewiesen worden, sondern bislang nur theoretisch postuliert. Mit "Orgonenergie" ist sozusagen die physikalische Entsprechung von Freuds Libido gemeint, und "Skalarwellen" sind im Grunde nichts anderes als stehende Wellen im Raum. Das sind nur ganz wenige der vielen Erklärungen und Zusammenhänge, die Marco Bischof in seinem umfangreichen Werk hier anbietet.
Er hat es in drei Teile gegliedert: im ersten Teil zeigt er die historischen Ursprünge dessen, was "Lebensenergie" genannt wird; er erklärt, was mit dem feinstofflichen Körper gemeint ist, und widmet sich frühen Anwendungen und Interpretationen von Elektrizität, Magnetismus und Vitalismus. Im zweiten Teil wird es voll physikalisch, erfreulicherweise mit viel Originalliteratur. Ausführlich setzt Bischof sich mit dem Begriff des "Äthers" auseinander, der den angeblich leeren Raum des Vakuums durchfüllt. Dass das Vakuum seltsamer Weise immer noch eine Struktur hat, wird auch von der heutigen Physik nicht bestritten. Es wird sogar eine Information im Vakuum vermutet, es ist aber noch vollkommen offen, worin diese eigentlich besteht. Interessant ist, dass auch die heutige Physik immer noch so etwas wie den Äther als Erklärungsmodell benutzt; sie nennt es nur anders, zum Beispiel "Nullpunktsenergie".
Im dritten Teil widmet Bischof sich den Anwendungen des Feinstofflichen. In sehr klarer, nüchterner und unvoreingenommener Weise beschreibt er einige der verschiedenen Geräte, die angeboten werden. Viele dieser Geräte dienen der Wasserbehandlung. Bischof beschreibt jeweils die Ansätze, von denen sie ausgehen. Inwieweit sie sich in der Praxis auch bewahrheiten, bleibt offen, denn er zitiert überwiegend die Erfinder selbst, aber nur vereinzelt unabhängige Untersuchungen. Aus eigener Erfahrung konnte der Rezensent einige der Geräte und Verfahren testen. Keines hat die Leistungen gebracht, die versprochen wurden.
Marco Bischofs Buch ist ein Fundamentalwerk, das ohne naturwissenschaftliche Vorkenntnisse, besonders auf physikalischem Gebiet, sicher mühsam zu lesen ist, obwohl es ihm immer wieder gelingt, die geschichtlichen Hintergründe von Erkenntnissen interessant miterleben zu lassen. Der in Berlin lebende Schweizer Autor bleibt seiner Grundüberzeugung treu: "Wer feinstoffliche Felder wahrzunehmen glaubt, sollte sein Bürgerrecht wahrnehmen und von der Wissenschaft fordern, sich auch mit diesem Aspekt seiner Realität zu befassen."
Der Autor hat hier selbst einen wichtigen und ernst zu nehmenden Anfang dazu gemacht. Weder sich noch seiner Leserschaft hat er das einfach machen können, weil das Thema einfach nicht einfach ist. Aber Marco Bischof hat ein Buch geschrieben, das Bestand haben wird. Wer lieber fragt als glaubt, sollte es anschaffen.
Marco Bischof: Tachyonen, Orgonenergie, Skalarwellen, AT Verlag, Aarau 2002, 413 Seiten, Fr. 44.-.
