Die Tigermenschen von Khasi
Im Nordosten Indiens lebt das Naturvolk der Khasi. Zu gewissen Zeiten verwandeln sich Männer und Frauen in Tiger.
Von Claude Jaermann
Im Nordosten Indiens leben die Khasi, ein Naturvolk, bei denen der gesamte Besitz in den Händen von Frauen liegt. Die heiligen Wälder der Khasi bilden letzte Inseln einer einst üppig reichen Vegetation im wolkenverhangenen Bergland Meghalayas. Für die Khasi sind die Wälder der Wohnsitz von U Ryngkew, einem göttlichen Geist, der sich den Menschen als Tiger zeigt und der als Verkörperung von Glück und Wohlstand der Dörfer gilt.
Zu gewissen Zeiten verwandeln sich Männer und Frauen in Tiger. Als Vertreter ihres Klans begegnen sie den Tigern des Waldes. Menschentiger und Geistertiger spielen und raufen miteinander, sie lieben und bekriegen sich, und gemeinsam sitzen sie im «Tigerrat», einer archaischen Begegnung von Mensch und Tier, Kultur und Natur.
Eine Ausstellung im Völkerkundemuseum der Universität Zürich gibt in Bild und Ton Einblick in die faszinierende Welt der Tigermenschen.
Tigermenschen berichten:
«Früher gab es Leute, die sich körperlich in Tiger verwandeln konnten. Aber das ist heute nicht mehr möglich. Die Menschen sind nicht mehr so aufrichtig, wie sie es früher waren. Heutzutage verwandeln sie sich nur in der Seele. Es ist wie ein Traum. Und im Traum gelangt man in die Welt des Traums … »
«Wenn du im Dschungel unterwegs bist, wenn du auf der Jagd bist mit einem Gewehr und du hörst das Gebrüll des Tigers: schau zu, dass du wegkommst. Der brüllende Tiger ist nämlich ein Menschentiger, der dich warnt, damit du fliehen kannst.»
«Im Moment der Verwandlung fühlt es sich an, als würde es kalt. Wie ein Schweissausbruch. Der Körper bleibt so, wie er ist. Nur der Schatten ist dort. Der Mensch bleibt hier. Die Person ist hier, doch der Schatten ist dort. Der Körper teilt sich; der Körper bleibt im Haus, aber die Seele geht hinüber.»
«Es geschieht im Schlaf. Es geschieht bei Tag. Es geschieht während der Arbeit oder wenn wir irgendwo unterwegs sind. Wir müssen die Arbeit liegen lassen und uns hinsetzen. Und wenn wir uns hinsetzen, überkommt uns grosse Müdigkeit. Dann kommt das Brüllen. Nach dem Brüllen verschwindet die Seele.»
«Im Traum kommt ein alter Mann, der uns Gewänder gibt, sobald wir schlafen. Er führt uns hinüber. Und wenn wir angekommen sind, befiehlt er uns, diese Kleider auszuziehen. Alle unsere Kleider müssen wir ablegen. Und er sagt: ‘Nehmt diese Gewänder, die ich euch gebe. Die äussere Kleidung habt ihr mir gegeben.’ Das bedeutet, dass ich gelernt habe, den Traum der Tigerwandlung zu träumen. Es ist nicht unser Fell. Das Fell gehört dem geliebten Vater.»
Gebet der Khasi:
«Zu hüten und schützen. Sippe und Klan. Das Wesen des Hauses, das Wesen
des Haushalts. Blatt und Laub.
Ranke und Bambus. Der Priester,
Darbringer von Opfern.
Durststillende Quelle, heilige Quelle.
Altar und Opferstätte.
Religion der Menschen,
Religion der Ziege. Göttin der Priester, Göttin des Kriegs. Seit Urzeiten,
seit Zeiten der Kiefern.
Es geschah in den zwölf Ländern,
den zwölf Dörfern der Priester
und kam auf uns durch die Generationen. Auf uns die Klans derer, die so leben, die Klans derer, die so sind, die so leben …»
Ausstellung «Tigermenschen» bis am 17. August 2003 im Völkerkundemuseum der Universität Zürich, Pelikanstrasse 40, 8001 Zürich, www.musethno.unizh.ch
Buch zur Ausstellung: Thomas Kaiser, Tigermenschen. 136 Seiten, Fr. 20.–.
Zu beziehen im Völkerkundemuseum.
