Trance-Tanz
Die koreanische Tänzerin und Schamanin Hi-ah Park ist in der Szene wieder "in". Martina Köhler besuchte ein Trance-Tanz-Seminar der Umtriebigen.
Von Martina Köhler
Fast alle in der Gruppe haben die koreanische Tänzerin und Schamanin Hi-ah Park im Film „Unterwegs in eine andere Dimension“ gesehen. Die Erwartungen an sie sind gross, aber diffus. Hi-ah fragt genau nach. Sie will nicht, dass wir uns an ihrer Person aufhalten. Es gehe um uns. Als ich sage, dass ich einmal mehr in meine eigene Kraft finden will, fragt sie mich, welche ich meine. Wir sprechen Englisch und verwenden das Wort Power. Power könne sowohl destruktiv als auch liebevoll wirken. Sie nutzt die Gelegenheit, um über den Umgang mit Macht zu sprechen.
Bevor wir zu tanzen beginnen, fordert sie uns auf, die Kontrolle aufzugeben und Ängste in Energie zu wandeln. Sie findet, in der westlichen Welt gebe es keine Ekstase, aber jeder bemühe sich, nach aussen zu demonstrieren, dass er glücklich sei.
Wir tanzen. Die archaische Musik hilft Spannungen zu lösen. Manche schreien. Das irritiert mich, und ich merke, dass ich meinen inneren Kommentator nicht einmal tanzend abstellen kann. Hi-ah ruft uns zu, dass wir loslassen und uns hingeben sollen. Irgendwann habe ich das Gefühl zu fliegen.
Am nächsten Tag müssen wir in das riesige Foyer der Stadthalle ausweichen. Unser Seminarraum wird von der Filmtechnik besetzt. Die als Teil des Workshops angekündigte „Schamanische Nacht“, in der Hi-ah zur Musik anderer Schamanen tanzen will, soll am Abend gefilmt werden. Im Foyer ist Hi-ah akustisch schwer zu verstehen. In Sechsergruppen wenden wir uns unseren Körpern zu. Jeder wird einmal von fünf Teilnehmern gleichzeitig bewegt und massiert. Später liegen alle im Kreis und entspannen sie mit Hilfe von Atem und Stimme. Danach tanzen wir. Diesmal begleiten uns Musiker mit ihren Trommeln. Ich erlebe einige Momente von völlig freiem Fliessen. Hi-ah schreit wie ein Vogel. Es ist wie eine Antwort. Aber dann kritisiert sie unser Tanzen - wie so oft - als reine Energieverschwendung. Ich bin irritiert: Warum hilft sie uns nicht, den von ihr beschworenen Zustand der Hingabe zu erreichen? Eine Frau erklärt, ihre Gedanken würden sie beim Tanzen stören. Hi-ah holt sie in den Kreis und fordert sie auf, diese Gedanken laut auszusprechen. Die Teilnehmerin ist blockiert. Mit einer wegwerfenden Bewegung wird sie ärgerlich wieder auf ihren Platz geschickt. Die Frau weint. Ich bin wütend. Schamanen sind zwar dafür bekannt, dass sie unsere Ängste spiegeln. Aber das geht mir zu weit. Der Umgang mit Macht scheint tatsächlich ein Seminarthema zu sein.
Abends drängen sich die Zuschauer in den Veranstaltungsraum. Kameras sind aufgestellt. Grelles Licht ist auf die Bühne gerichtet. Der Musiker „tritt auf“, geschmückt wie ein Schamane aus dem Modemagazin. Hi-ah steht schlicht in Weiss vor der Bühne. Sie sagt, ihr Tanz sei kein Entertainment. Sie hat glänzende Augen, als sie darum bittet, das Licht auch in die hinteren Reihen der Zuschauer zu richten: „Ich brauche den Bezug zu den Menschen, die dort sitzen.“ Sie wird nicht gehört. Aber statt auf etwas zu bestehen, was offensichtlich nicht verstanden wird, tanzt sie. Zum Rhythmus der Trommeln tanzt sie sich behutsam und kraftvoll einen Weg durch die dicht geschlossenen Stuhlreihen zu denen, die im Dunkeln sitzen. In diesen wenigen Minuten nimmt Hi-ah mit allen eine innige Verbindung auf. Das erste Mal spüre ich einen starken und liebevollen Kontakt zu ihr. Die Energie im Raum hat sich völlig verändert. Nach diesem Tanz geht sie. Die Musiker spielen weiter; Weisheiten werden zum Besten gegeben. Aber nichts davon erreicht die Gegenwärtigkeit und zärtliche Kraft, mit der Hi-Ah zu berühren vermochte.
Auch am letzten Tag erlebe ich sie im Seminar ebenso mitfühlend wie ärgerlich-respektlos. Schamanische Praxis oder Selbstgerechtigkeit? Sie erklärt, dass sie uns nicht beschämen will: „Es sind nur Informationen.“
Info www.hiahpark.de
