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Nr. 66 Winter 2003
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 66 Winter 2003
 
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Frauen ohne Gott
Glauben Sie an Gott - oder eher nicht? Nicht die Inquisition ist es, die Frauen solches fragt, sondern ein altersmilder ehemaliger Priester. Adolf Holl konstatiert: Eher nicht. Und das ist gut so.
Von Martin Frischknecht

„Gottlose Frauen?“ Ist es eine Klage, gar eine Anklage, die mit solch einer Formulierung daherkommt? „Gottesfürchtig“ oder „gottlos“, das scheinen Begriffe aus einer anderen Zeit zu sein. Kampfbegriffe. Die Assoziationen, die sich damit verbinden, lassen an Inquisition und Glaubenskrieg denken. Da gab es solche, die wussten Gott auf ihrer Seite, und wer denen nicht beipflichtete, galt als gottlos und wurde gnadenlos verfolgt.
Wir wissen: Diese Art von gottgewissen Menschen gibt es noch. Im Zusammenhang von Terror und Krieg haben sie in jüngster Zeit wieder ganze Völker unter ihre Fuchtel bekommen, mit Gottes Unterstützung hüben so gut wie drüben.
Adolf Holl verwendet die Rede von der „Gottlosigkeit der Frauen“ gerade umgekehrt. Mit der ihm eigenen altersmilden Gelassenheit stellt er fest: „Zu Beginn des neuen Millenniums tun die alten Religionen immer noch so, als ob nichts passiert wäre.
Sie bekämpfen einander wie eh und je, exorzieren die Mächte und Gewalten, die das Tempo auf dem Globus bestimmen, blättern im Koran oder in der Bibel, beten am Freitag, am Samstag oder am Sonntag, vermeiden den Genuss von Rindfleisch oder Schweinefleisch, beschneiden Knaben und Mädchen, glauben an die Erlösung von den Leiden des Daseins. Setzen fort, was die Völker ein paar tausend Jahre lang halbwegs zusammenhielt, ob auf Chinesisch oder auf Lateinisch, mit feierlichen Befehlen aus göttlichem Mund.
Von alledem wenden sich immer mehr Frauen ab, überall auf der Welt. Die Katastrophen des dunklen Jahrhunderts haben sie in eine Selbstständigkeit entlassen, die es noch niemals gegeben hat. Die weibliche Abkehr von der Religion ereignet sich in der Regel undramatisch, im Gegensatz zu männlicher Religionskritik, die gern bissig auftritt und dazu neigt, alsbald ein gottloses Gegensystem auszudenken, an das geglaubt werden kann, wie im Fall der Bolschewiki.“
Der einstige katholische Priester trägt in seinem neuen Buch Belege zusammen für den erleichternden Verdacht, dass Frauen an dieses Zeugs eigentlich nie recht glaubten. Holl fragt sich, ob die weibliche Gottlosigkeit nicht eine Kraft sei, über welche die Männer nicht verfügten.
Seine Briefe richtet er an drei Freundinnen, von denen er weiss, dass sie sich vom Religionsbetrieb der Männer nie haben vereinnahmen lassen und sich ein waches Sensorium für geistige Fragen bewahrten. Ein ausführlicher Brief geht an die Anthropologin Felicitas Goodman, an deren Erkundungen vorgeschichtlicher Trancezustände sich Adolf Holl Anfang der achtziger Jahre selber beteiligte.
Was die drei Adressatinnen dieser Briefe über ihre Skepsis gegenüber dem Bestehenden hinaus verbindet, bleibt offen, muss offen bleiben, um nicht sogleich in überkommenen Kategorien verortet zu werden und seiner Sprengkraft verlustig zu gehen.
„Wörter wie Religion, Spiritualität, Esoterik wirken leidenschaftslos und matt im Vergleich zur beschwörenden Kraft der Andachten, die immer noch zelebriert werden in den Tempeln, Synagogen, Kirchen und Moscheen überall auf der Welt. Sie wirken wie fremdartige Inseln im Lärm des Strassenverkehrs, der anderen Gesetzen folgt“, stellt der Autor fest, nachdem er sich mit Dutzenden von Frauen-Biografien beschäftigt hat.
Allesamt sind diese Lebensgeschichten Ausdrucksformen von dem, was Holl „weibliche Starkgeistigkeit“ nennt. Nach der Lektüre dieses herzensklugen inspirierenden Buches wissen wir erst recht, wie wichtig jene „fremdartigen Inseln im Lärm des Strassenverkehrs“ für uns doch geworden sind. Dank der "gottlosen Frauen".

Adolf Holl: Brief an die gottlosen Frauen, Zsolnay Verlag, Wien 2002, 207 Seiten, Fr. 31.30


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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