
Steven Harrison
Kein Schüler, kein Meister
Wie lässt sich verhindern, in die Rolle eines Schülers oder Lehrers zu fallen? Colette Grünbaum-Flury im Dialog mit Steven Harrison
Von Colette Grünbaum-Flury
Ich war lange auf der Suche - aber wonach? Etwas zu füllen, das in mir nicht ausgefüllt, nicht befriedigt war? Hatten andere das, was mir fehlte, wonach ich strebte? Das vermutete ich. Spirituelle Lehrer betrachtete ich als weise, glückliche, erfüllte und freie Menschen - lauter Eigenschaften, die ich mir auch wünschte. Ich stellte oft Lehrer über mich und erhoffte mir, von ihnen etwas erhalten zu können, was neu und befreiend war.
Andere auf ein Podest stellen, anderen den Vorrang geben, andere als weiser und womöglich wertvoller zu betrachten als sich selbst, das tun viele. In meiner Recherche entdeckte ich ähnliche Tendenzen auch bei Menschen, die sich für Gurus nie interessierten. Das Meister-Schüler-Modell ist in unseren Breitengraden nicht verbreitet wie in Indien, doch auch bei uns finden wir überall Hierarchien. Manchmal zeigt sich Autoritätsgläubigkeit auch darin, dass einer sich zugunsten eines anderen zurücknimmt, sich nicht traut, sich selber zu sein, anderer Meinung zu sein oder sich durchzusetzen.
In den letzten Jahren habe ich von der Seite der Teilnehmerin von Gruppen auf die Seite der Lehrerin gewechselt. Ich suche nicht mehr und habe einen Zugang zur Weisheit in mir gefunden. Dennoch entdecke ich immer wieder mal, wie sich alte Gewohnheiten durchsetzen wollen. So war es auch, als ich mich zwei Tage dem "Forscherklub" von Steven Harrison zugesellte. "Forscherklub" nannte der amerikanische Mystiker das Zusammensein einer Gruppe von gut einem Dutzend Menschen über einen Zeitraum von sechs Tagen vergangenen Sommer in Wilderswil. Die Tatsache, dass Steven die Tagesstruktur bestimmte, dass er den "Klub" leitete und einige Bücher geschrieben hat, förderte in mir die alten Gewohnheiten. Doch Steven Harrison gab ihnen keine Nahrung, wodurch diese Muster bewusst werden konnten.
Nachdem mich mehrere Leute gefragt hatten, ob ich über den Autor von Nichts tun und Eins sein (beide Edition Spuren, Winterthur) schreiben würde, und ich jedes Mal amüsiert geantwortet hatte: "Nicht dass ich wüsste", wusste ich plötzlich, was unser Thema sein könnte: wie man verhindert, in die Rolle des Gurus oder Schülers zu geraten. Die eine Seite hatte ich satt, in die andere wollte ich auch nicht fallen. Mit diesem Thema implizierte ich, dass diese Rollen nicht erstrebenswert sind. Entsprach dies auch Stevens Erfahrung? "Diese Rollen eignen sich für eine spezifische Art von Erfahrung. Wenn du aber daran interessiert bist, dich allen möglichen Erfahrungen und dem ganzen Leben zu öffnen, dann musst du aus der Meister-Schüler-Beziehung heraustreten", bestätigte er meine Annahme.
Er selbst tut dies konsequent. Auf langen Reisen studierte er verschiedene Religionen und begegnete vielen Meistern. Seine ernüchternde Erkenntnis: "Durch die Verbreitung der spirituellen Lehren ist mehr Schaden entstanden als Hilfe zuteil geworden." (Zitiert aus seinem Buch Getting to Where You Are, dt. Sei, wo du bist, Frühling 2003.) Und der Autor fährt fort: "Weshalb haben wir ein so tiefes Verlangen nach Autorität, nach Anweisungen und Sicherheit, sowohl in unserer inneren wie in der äusseren Welt? Es ist ein kurioses Element menschlichen Seins, nach äusserer Herrschaft zu verlangen, um die inneren Dämonen zu bezwingen (...) oder einen Weg aus dem Labyrinth unseres Verstandes zu suchen, indem wir uns spirituelle Konzepte oder psychologische Ideologien aneignen. (...) Der spirituelle Lehrer mag uns einen Schlüssel zum Universum reichen, doch das Universum ist nicht verschlossen. (...) Die Suche nach einer Autorität ist die Suche nach Betäubung. Es ist ein Vermeiden der Herausforderung des Lebens selbst. Es ist die Kapitulation unserer angeborenen Spiritualität zugunsten einer auswendig reproduzierten Erfahrung eines anderen", schreibt Steven Harrison.
Eines Morgens erwachte ich mit dem Gedanken: "Wer wäre ich, ohne zu urteilen?" Wer wäre ich, ohne zu beurteilen und zu bewerten? Diese Frage hat mich nie mehr losgelassen. Ein Leben ohne diese so alltägliche gedankliche Tätigkeit scheint kaum vorstellbar, macht auch ein wenig Angst, denn wie orientiere ich mich ohne sie? Ich ordne alles gedanklich ein, kategorisiere, schubladisiere. Und andererseits, wie befreiend wäre es doch, wenn es keine besseren, keine schlechteren, keine weiseren oder freieren Menschen gäbe, bloss unterschiedliche? Da gäbe es auch keine Schülerin, keinen Meister. Da würde die gegenwärtige Erfahrung nicht mehr andauernd an alten, oft überholten Überzeugungen gemessen. Offen, weit, wach, da, das sind Eigenschaften, die ich in mir finde, wenn ich aus dem Urteilen heraustrete. Das führt in eine völlig neue Seinserfahrung.
Nicht ein Bedürfnis nach Erfüllung, sondern die Lust, mit geliebten Menschen zusammen zu sein, hatte mich bewogen, nach Wilderswil zu fahren. Im "Forscherklub" sammelten wir unter anderem unsere Aufmerksamkeit in einem spezifischen Körperbereich und beobachteten, was sich an diesem Ort bewegte. Hinterher tauschten wir unsere Erfahrungen aus, bis die Worte sich erschöpften. Dann fielen mir die Augen zu, und es war still. Interessanterweise wurden alle gleichzeitig still. Manchmal spürte ich, wie sich mein Körper von innen her aufrichtete, bis der Rücken gerade war. Niemand hatte etwas von Meditation gesagt. Stille stellte sich einfach ein, ganz selbstverständlich. Sie hielt an, bis wieder Worte kamen oder die Mittagspause.
Später erfuhr ich aus Stevens Buch mehr über seine Ausrichtung: Was ist jetzt da? Was entfaltet sich, was geschieht, wenn keine Hierarchie besteht, keine Regeln festgelegt werden, kein Prozess stattfindet und kaum Strukturen gegeben werden? Was ist tatsächlich da, wenn eine Gruppe von Menschen auf diese Weise zusammenkommt? Dabei bezieht sich Steven Harrison auch auf David Bohms Methode des Dialogs.
In diesem offenen Raum werden Denk- und Verhaltensmuster bewusst, zum Beispiel der alte Wunsch nach Anleitung, der in der Psyche aller Menschen angelegt zu sein scheint, und die Bequemlichkeit, die darin liegt, anderen zu folgen. Wie leicht wäre ich wohl in die alte Rolle verfallen, mit einem anderen mir gegenüber, der die Meisterrolle geniesst?
"Mich kannst du nicht zu deinem Lehrer machen, weil ich nicht dein Lehrer sein will", sagte Steven in unserem Gespräch über das Meister-Schüler-Syndrom. Wie er das verhindere, wollte ich wissen. "Ich kann keinen Ort in mir finden, wo dies landen könnte. Wollte ich dein Lehrer sein, müsste ich die Schülerin in dir finden. Ich sehe dich aber nicht als Schülerin. Ich sehe nicht, dass du irgendein Manko hast. Was könnte ich dir also geben? Ich müsste etwas in mir finden, was dir fehlt, aber das gelingt mir nicht. Wo liesse sich so etwas finden, wenn wir genau hinschauen? Nur wenn wir nicht wirklich hinschauen, können wir eine Meister-Schüler-Situation kreieren."
Damit war eigentlich alles gesagt. Wir hätten den Rest unserer Interviewzeit in Stille verweilen können. Eine Doppelseite in Spuren, beschriftet allein mit den Worten: Kein Meister - kein Schüler. Das ist die ganze Wahrheit.
Doch die Worte plätscherten weiter. Im Verlauf unseres Gesprächs traten Steven Harrisons Ansatz und sein Interesse deutlicher hervor: zu erforschen, was geschieht, wenn eine Beziehung nicht in eine Machtstruktur eingebunden wird. Beziehungen, in denen jeder in seiner Verantwortung bleibt und Mitverantwortung übernimmt für das, was zwischen beiden entsteht. Ein Erforschen, wie Beziehungen jenseits jeglicher Konditionierung aussehen. Die inneren Tendenzen zur Strukturierung fortwährend transparent machen Ehrlichkeit, Transparenz und Offenheit, darin sieht Steven eine Möglichkeit, die Identifikation mit Rollen zu verhindern. "Denn das, was die Struktur beobachtet, also dich und mich, das ist nicht die Struktur selbst. Der Fluss von Gewahrsein und Bewusstsein ist dann die Beziehung, die unterschiedliche Formen annimmt, aber nicht diese Formen selbst ist."
Jenseits von Meister und Schüler, jenseits von Hierarchie, jenseits von Urteil und Konditionierung. Eine Reise in die Welt von Unsicherheit, Ungewissheit, Chaos und Offenheit. Das könnte spannend werden. Wagen wir es?
