Gurus? Nein Danke!
Editorial
Von Martin Frischknecht
Drei Worte, zwei Satzzeichen, alles klar. Alles? Eben nicht.
Es gibt zu diesem Thema mehr zu sagen, viel mehr. Nur müssen wir dazu das Feld der Gemeinplätze und Vorurteile hinter uns lassen. Wir müssen bereit sein zu einem Gang über unsicheren, schwankenden Grund.
Das liegt in der Natur der Sache selbst. Ein Guru, dem es mit der Befreiung ernst ist, eine spirituelle Lehrerin, die ihre Aufgabe kennt, solche Leute agieren aus einer Wirklichkeit, welche der uns bekannten, scheinbar vertrauten Form von Wirklichkeit, so nahe ist wie der Himmel einer Wolke. Irgendwie hat das eine mit dem anderen untrennbar zu tun, und irgendwie schaffen wir es, lebenslang die Wolke für das Eigentliche zu halten und die unermessliche Weite des Himmels darüber zu vergessen. Wir sind seins-vergessen. Damit wir uns erinnern, muss uns der Teppich unter den Füssen weggezogen werden. Vor Schreck lassen wir dann die Wolke fahren und stürzen mit offenen Armen in den freien Himmel.
Ich sage nicht, dass es dazu die Hilfe eines Gurus braucht. Doch ist es nun einmal so, dass wir in Beziehungen leichter lernen, als wenn wir es auf eigene Faust versuchen. Wir hören zu, wir sprechen nach, wir imitieren, was wir am anderen auf lebendige Weise verkörpert finden, und erproben es im eigenen Leben. So haben wir gehen und sprechen gelernt, so finden wir auch als Erwachsene den Mut, neue Wege zu erproben.
Im indischen Kulturraum, aus dem das Wort zu uns kommt, steht „Guru“ für „Lehrer“. Es wird dort recht unbefangen als Respektbezeugung verwendet für alle, die anderen etwas beizubringen haben. Diese Achtung vor einer der urtümlichsten Formen menschlicher Begabung ist in unserer Gesellschaft leider verloren gegangen. Wenn Lehrer bei uns bekennen, von den Erziehungsaufgaben und dem Leistungsdruck überfordert zu sein, werden sie als Faulpelze an den Pranger gestellt. Doch wenn Lehrer sich in der Schule als Pauker durchsetzen wollen, trachten ihnen mitunter die eigenen Schüler nach dem Leben.
Ganz so fremd ist uns das Thema „Guru“ eben nicht. Wir verhandeln darüber das heisse Eisen Persönlichkeit und Autorität. Der Schreibende weiss, wovon er spricht. In jungen Jahren trug ich mich mit dem Gedanken, in die Fussstapfen meines Grossvaters zu treten und ein Schulmeister zu werden. Bis vor kurzem mühte ich mich damit ab, der gelehrige Musterschüler eines Zenlehrers zu sein. Mehr dazu lesen Sie im Heft ab Seite 24. Und von einem Sektenjäger musste ich mich lauthals als gefährlicher Verführer und Guru beschimpfen lassen.
Wer bin ich nun? Um das herauszufinden, wird es für mich stets wichtig sein, anderen Menschen zu begegnen und in ihnen Teile von mir selbst zu erkennen. Wenn ich meine, in diesem Prozess etwas verstanden zu haben, so ist es dies: Nicht das, was ich für mein Ich halte, wird in Beziehungen grösser und dehnt sich aus in alle Welt, sondern umgekehrt. Das Ich schwindet und macht dem Platz, was scheinbar ausserhalb liegt. Denn die anderen, das bin ich.
