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Nr. 65 Herbst 2002
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 65 Herbst 2002
 
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Verborgene Zusammenhänge
Über das neue Werk von Fritjof Capra
Von Arvid Leyh

Wissen ist ein Berg, den man sich Stück für Stück selbst erlernt, erdenkt, erredet. Wann immer das Leben dann Zeit dafür lässt, stellt man sich auf seines Berges Spitze und betrachtet die Länder der Umgebung. Aus der Höhe sieht man Verbindungen und Strukturen, Einendes und Trennendes, man erkennt Zusammenhänge und verblüffende Einzelheiten. Wohl dem, der sich einen hohen Berg geschaffen hat.
Der Physiker und Wendezeit-Autor Fritjof Capra steht naturgemäss auf einem sehr hohen Berg, denn Aussicht und Überblick sind ihm Berufung. In seinem neuen Buch Verborgene Zusammenhänge blickt Capra nicht weiter, aber doch breiter als die meisten. Sein Spektrum reicht von den Anfängen der einfachen biologischen Zelle über die Tücken der New Economy bis zur Globalisierung mit all ihren mehr oder minder wünschenswerten Segnungen.
Um diesen weiten Blick mit Erfolg in die Welt zu werfen, gebraucht Capra drei ihm wohl vertraute Linsen: Zum einen die chaotischen Gläser der dissipativen Strukturen, hilfreich beim Verständnis von sprunghaften Veränderungen in grossen Systemen. Dann die konstruktivistische Weltsicht seiner Diskussionspartner Varela und Maturana für den Blick auf das Individuum und dessen Wahrnehmung. Allen voran stellt er jedoch die systemische Sichtweise, die Verbindung von Kleinem und Kleinstem, der Wichtigkeit aller Faktoren im Netzwerk des Lebens. Solchermassen ausgestattet, findet Capra die verborgenen Zusammenhänge in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft.

Spirituelle Aspekte
Den ersten Teil widmet Capra „Leben, Geist und Gesellschaft“. Schon seine Definition von Leben unterscheidet sich deutlich von den aktuellen DNA-Dominanzen; er konzentriert sich vielmehr auf zellinterne Netzwerke, bezieht alle Bausteine mit ein. Einen Schritt weiter erklärt er schlüssig den Geist nicht als Ding, sondern vielmehr als Prozess der Kognition, der zum Schlüsselbegriff des Lebens als solchem wird, denn geistige Tätigkeiten sind auf allen Lebensebenen präsent. Ermutigend ist genau dieser stete Blick auf spirituelle Aspekte, wie sie in der materialistisch-wissenschaftlichen Literatur zwangsläufig eher selten zu finden sind. Nur am Ende des ersten Teils, bei der „gesellschaftlichen Wirklichkeit“, erweist sich Wilber inzwischen als der bessere Capra. Hier macht dieses Buch in meinen Augen eine Pause von 29 Seiten.
Im zweiten Teil über „Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“ ist Capra wieder da und betrachtet soziale Strukturen, unter anderem Unternehmen und Manager. Auch hier wehrt er sich tapfer gegen deterministische Ansätze, wägt als tragfähige Unternehmensmetaphern „Maschine“ gegen „Lebewesen“ ab. Zeitgemäss erklärt er, dass es im weit verbreiteten Maschinenmodell primär um Shareholder-Value geht, während eine Unternehmung als Lebewesen betrachtet ganz andere Werte, Zyklen und Ziele hat. Auf lange Sicht - so sein Schluss - werden alle wahrhaft lebendigen Organisationen nur überleben können, wenn wir unser Wirtschaftssystem so verändern, dass es das Leben verbessert, anstatt es zu vernichten.
Weiter streicht Capras Blick über die nahe liegenden Netzwerke des globalen Kapitalismus, der im Zuge der befreiten 90er Jahre zum radikalen Kapitalismus mutierte und zum höchsten Wert der westlichen Welt avancierte. Neben vielen Details, welche dieses Buch insgesamt ungemein lesenswert machen, zeigt der Autor auch die Auswirkungen dieser Kapitalorientierung auf kleine kapitalschwächere Länder auf.
Capra endet mit seiner eigenen Vision von Gesellschaft und Ökonomie, die sich von den bisherigen hoffnungsvollen Seufzern anderer Visionäre wohltuend abhebt, da er schon einige Fortschritte beschreiben kann. Mutig hisst er auf seines Berges Spitze die Flagge eines Globalisierungsgegners, was ihm bestimmt zahlreiche Kritiken einbringen wird.

Ziel erreicht?
Ich bin mir nicht sicher, ob Fritjof Capra sein Ziel, einen gemeinsamen Nenner von biologischen, kognitiven und sozialen Dimensionen zu formulieren, auch tatsächlich erreicht hat. Die von ihm verwendeten Linsen sind zweifellos geeignet, doch sie greifen bei fast jedem System - und der vermutlich gewünschte Aha-Effekt bleibt aus.
Doch darauf kommt es eigentlich nicht an. Wichtig ist vielmehr der Hintergrund dieses Buches: Es ist schlicht ein Bericht über den Status quo von Welt, Wissenschaft und Wirtschaft, und dieser Bericht steckt voller brillanter Details und interessanter Gedanken, die rechts und links am Weg liegen und nur aufgehoben zu werden brauchen.
Der neue Capra ist kein bequemes Buch. Während sich der Leser im ersten Teil noch an der Aufwertung der Spiritualität wärmen kann, ist im zweiten Teil der Globalisierungsaspekt nicht leicht zu schlucken - schliesslich dient all dies uns konsumfreudigen Westlern; und beim Wegsehen lebt es sich ja so bequem. Gerade diese Mischung macht dieses Werk ausgesprochen lesenswert nicht nur für Trainer, Manager, Philosophen, Ökologen, Visionäre oder auch einfach nur Neugierige, sondern im Grunde für jeden aktiven Gehirnbenutzer, der etwas Einblick gewinnen will in die verborgenen Zusammenhänge.
Fritjof Capra: Verborgene Zusammenhänge, Scherz Verlag, Bern 2002, 384 Seiten, Fr. 38.60.


Autor: Arvid Leyh | Profil
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