Schauen, wo das hinführt
So bunt und unübersichtlich sich die esoterische Szene auch darstellt, ein Name taucht überall auf und scheint die anderen an Erfahrung und Kenntnis zu überragen: Dr. Ruediger Dahlke. Interview mit einem Vielbeschäftigten.
Von Martin Frischknecht
SPUREN: Ruediger Dahlke, Sie haben sich einen Namen gemacht als Co-Autor des Buches «Krankheit als Weg». Das war die Zeit, als ein wachsendes Publikum begann, sich für Esoterik zu interessieren. Heute ist eine umgekehrte Welle zu verzeichnen, und keiner scheint mehr Esoteriker sein zu wollen. Sind Sie es noch?
Ruediger Dahlke: Ja, denn ich meine, das Wort «Esoterik» kann nichts für das, was in seinem Namen alles gemacht worden ist. «Esoterik» kommt ja von «esoteros» und meint einen «inneren Kreis». Das ist ganz in Ordnung. Allerdings ist dieses Wissen nicht mehr für einen inneren Kreis gemeint, und insofern passt das Wort «Esoterik» heute nicht mehr.
Früher haben wir beispielsweise unsere Ausbildungsreihe «esoterische Medizin» genannt. Doch dieses Wissen soll weit über einen inneren Kreis hinaus bekannt gemacht werden. Darum sprechen wir heute von «archtypischer Medizin». Insofern habe ich tatsächlich das Gefühl, wir seien ein Stück aus der Esoterik herausgewachsen. Doch deswegen gleich das Wort negativ bewerten - nein, das trage ich nicht mit. Und ehrlich gesagt glaube ich auch gar nicht an diesen viel beschworenen Abgesang der Esoterik. Gewiss gibt es solche Bewegungen, doch wenn man das unter dem Strich anschaut, meine ich, die Bewusstwerdung in diesem Bereich nehme weiterhin zu.
Wo beobachten Sie diese Zunahme denn konkret?
Im medizinischen Bereich lässt sich ein sehr breiter Trend feststellen, der zwar nicht völlig wegführt von der Schulmedizin, aber anderes in sie integrieren will. Viele Ärzte nehmen inzwischen auch naturheilkundliche Inhalte in ihre Praxis mit auf, und an den Grenzen der Naturheilkunde macht sich ein Übergang zum Spirituellen bemerkbar.
Das klingt danach, als wolle man sich seitens der Medizin bestimmte Techniken aneignen, ohne sich die zugehörige geistige Packung einzuhandeln.
So war es doch immer schon. Mitte der 60er Jahre hiess es von der Transzendentalen Meditation des Maharishi, man könne sich dank TM besser konzentrieren und werde intelligenter. Deswegen fingen damals viele Leute mit Meditation an. Für mich gilt das genauso: Ich fing an zu meditieren, weil George Harrison und die Beatles damit angefangen hatten. Zu Beginn steht oft nicht die hehre Motivation.
Aber ich glaube, selbst wenn einer bloss effizienter werden will, komme er irgendwann für sich auf den Weg. Ich erlebe das manchmal mit Firmentrainings. Die Leute werden von ihren Unternehmen einfach hingeschickt, ob sie es wollen oder nicht. Doch weil diese Dinge untrennbar mit Eigenerfahrung verbunden sind, kommt eine neue Bewegung in Gang.
Dennoch gab es diese Esoterikwelle, welche Sie zweifellos massgeblich mitgetragen haben, und diese Welle ist inzwischen zerbröselt.
Das Erste, was zerbröselte, war die New-Age-Bewegung. Ich glaube, dieser Bewegung fehlte die philosophische Tiefe, eine Tiefe, wie wir sie beispielsweise im Buddhismus finden. Da wurde versucht, mit einem ganzen Bündel neuer Techniken und Methoden ein neues, beschwingtes Lebensgefühl hinzukriegen, vergleichbar etwa mit dem Drogenkonsum der Hippies.
Für mein Gefühl hat sich die New-Age-Bewegung sehr rasch selber entlarvt, als Methoden wie das positive Denken integriert werden sollten: Ich habe ein Problem und kleistere irgendso einen Licht-und-Liebe-Satz drüber. Gegen diese Tendenz zur Oberflächlichkeit müsste sich ein spirituell Suchender ja eigentlich verwehren. Diese Grundhaltung ist aber eben unheimlich zäh: Ich habe einen Hautausschlag und schmiere Cortisonsalbe drauf. Kurzfristig mag das funktionieren, langfristig geht es aber nicht auf. Gerade so gilt heute in der Weltpolitik die Losung: Schlagt die Terroristen tot, dann ist alles wieder in Ordnung.
Wenn ich zu Ihren Anfängen zurückblenden darf: Viele Ihrer Aussagen zu Krankheitsbildern wurden mit der Zeit ja sehr populär interpretiert, was doch leider oft dazu führte, dass einem Kranken auch noch Schuld für sein Leiden aufgebürdet wurde.
Das ist das grosse Schattenthema bei der Deutung von Krankheitsbildern.Krankheit als Weg ist im Wesentlichen ja von Thorwald Dethlefsen geschrieben worden. Er hat eine Sprache und eine Art, die mich damals schon veranlasste, das ganze Buch in Anführungszeichen zu setzen. Diese grossen, dicken Anführungszeichen ganz am Anfang und am Schluss des Textes wurden bei den ersten zehn Auflagen des Buches gedruckt, später aber weggelassen. Mit den Anführungszeichen wollte ich signalisieren: Lasst uns schauen, wo das hinführt.
Heute schreibe ich in jedem meiner Bücher zur Deutung von Krankheitsbildern, dass es nicht um Schuld geht, sondern um Verantwortung. Schuld ist eigentlich ein Thema der Religion. Ich dagegen will anregen, Antworten zu finden auf die Herausforderungen des Lebens. Wenn man es so sieht, bietet dieser Ansatz wunderbare Möglichkeiten. Das weiss ich aus den Rückmeldungen vieler Menschen, die damit Schritte in Richtung Gesundheit unternommen haben. Wenn jemand aber eine Allergie hat und er schlägt direkt in einem der Bücher die Deutung nach, dann hat er nachher nicht bloss die Allergie, sondern er ist auch noch schuld daran. So hat sich alles bloss noch verschlimmert.
Zweifellos ist das der scheussliche Schatten dieser ganzen Geschichte. Aber ich würde meinen, das liege zu einem guten Teil auch an unserer christlichen Kultur, die so eine verheerende Sündenkrämerei betrieben hat. Das halte ich für eine Eigenheit der drei grossen monotheistischen Religionen. Ein Mensch mit einem anderen religiösen Hintergrund kann darauf wohl eher mit Verantwortung reagieren.
Demnach dürfte man diese Thesen in unserem Kulturkreis gar nicht auf die Leute loslassen.
Tatsächlich war mir anfangs nicht klar, in welchem Ausmass die Leute bei uns in Schuld verliebt sind und wie gerne sie umgekehrt Schuld verschreiben. Heute sehe ich es in meinen Seminaren als einen wesentlichen Teil der Arbeit an, darauf zu achten, dass die Teilnehmer lernen, solche Projektionen zurückzunehmen. Damit habe ich in der Tat viel zu tun, und ich habe mir schon mehr als einmal überlegt, ob ich das Ganze nicht besser lassen sollte. Das ist ein Schatten - doch wo gibt es das nicht?
Sie sind auf den unterschiedlichsten Gebieten tätig, glänzen als Vortragsredner, Buchautor, Ausbildner, Kolumnist, Arzt und namhafter Esoteriker. (Eine Übersicht bietet www.dahlke.at) Woher schöpfen Sie Ihr immenses Wissen und diese scheinbar unerschöpfliche Antriebskraft?
Erstmal habe ich ganz normal Medizin studiert. Allerdings war ich dabei geprägt von einem Grossvater, der auch Arzt war und sich bereits für alternative Methoden interessierte. Schon während des Studiums unterzog ich mich einer Psychoanalyse und bildete mich in jungscher Psychologie aus. Recht früh begann ich zu meditieren, und dem bin ich neben allen anderen Tätigkeiten treu geblieben. Am Anfang war das die Transzendentale Meditation, später wandelte sich das zur Meditation des Zenbuddhismus.
Während der Semesterferien reiste ich viel und studierte in anderen Kontinenten andere Medizinsysteme. Daneben habe ich bei verschiedenen neuen Heilverfahren reingeschaut und bei deren Verbreitung Pate gestanden. Das heisst, ich habe heute von diesen Verfahren eine gute Kenntnis und kann Patienten an kompetente Praktiker verweisen.
Gibt es daneben nicht auch eine okkulte, hintergründig wirkende Seite Ihrer Bildung?
Okkult in dem Sinn, dass mir die Inhalte von geistiger Seite mitgeteilt würden und ich als Medium wirkte - nein, das kenne ich nicht.
So war's nicht gemeint. Vielmehr interessiert mich, ob Sie Eingeweihter einer Schule oder so etwas Ähnlichem sind?
Ich habe mich stets bemüht, meine Meditation zu machen, und ich habe auf diesem Weg auch ganz gute Lehrer gefunden. Doch da gab es keinen, der mir sozusagen sein Wissen übergeben hätte.
Auch nicht der grosse Zürcher Esoteriker Oskar Schlag?
Oskar Schlag war für mich wichtig. Er hat in Zürich seinen Kreis gehabt, und dem habe ich eine Weile angehört. Mit Oskar Schlag habe ich viel erlebt, und bei ihm habe ich ein Verständnis für Rituale bekommen. Das Gleiche gilt auch für meine Beziehung zu Thorwald Dethlefsen, wobei ich anmerken will, dass ich über das, was seit zehn Jahren bei Dethlefsen geschieht, nicht auf dem Laufenden bin und es auch gar nicht sein will.
Nun haben Sie ein gewichtiges Buch vorgelegt mit dem Titel Woran krankt die Welt? (Rieman Verlag, München 2001, 416 Seiten, Fr. 41.30) Können Sie Ihre Diagnose kurz zusammenfassen?
Ich glaube, wir stecken zur Zeit voll in der Projektion. So wie wir Krebs oder Bakterien bekämpfen, wird auch der Terrorismus bekämpft. Wir kümmern uns nicht um die Wurzeln dieser Probleme, fragen uns nicht, wie es dazu kommt, dass Menschen derart aufbegehren. Zwanzig Prozent der Menschheit haben sich achtzig Prozent des Reichtums der Welt unter den Nagel gerissen. Auf die Dauer kann das nicht gut gehen. Unter den achtzig Prozent der Habenichtse wird es immer solche geben, die aufbegehren.
Dagegen können wir rüsten - mit der Folge, dass wir uns nie mehr werden sicher fühlen können. Oder wir können versuchen, die Kluft zu schliessen, die sich da gebildet hat. Wenn beim Mensch eine Kluft entsteht zwischen Körper und Seele, entsteht Krankheit. Wo zeigt sich das? Wir sind auf einem gnadenlosen Trip der Quantität, und kein Mensch achtet mehr auf Qualität. Da leben wir mit völlig falschen Gleichungen: Zeit ist Geld - völliger Quatsch! Am Ende des Lebens sehen wir alte Leute, die sich für ihr Geld Lebenszeit kaufen wollen. Doch das geht nicht und hat noch nie gestimmt.
Entsprechend leben wir in einer gnadenlosen Übertreibung des patriarchal männlich bestimmten Yang-Pols, was auf der Gegenseite einer Abwertung des weiblich bestimmten Yin-Pols entspricht. Da wir praktisch bei allem, was wir unternehmen, auf das Äussere zielen, handeln wir uns mit jeder neuen Aktivität nur wieder neue Probleme ein: Aus der Suche wird eine Sucht, aus der Vereinigung erwächst Zwietracht. Das zeigt sich bei der europäischen Einigung, wo mit Gewalt etwas zusammengeschraubt wird, dem auf der inneren Ebene keine Einheit entspricht. Globalisierung - wunderbar! Alle Grenzen weg - das ist ja der Anspruch jedes spirituellen Menschen. Doch eigentlich geht es um einen inneren Anspruch. Wenn man das im Aussen versucht, ohne es innen anzugehen, wird es zu mehr Leid führen.
Ihre Diagnose ist offensichtlich und leuchtet ein. Allerdings ist sie auch altbekannt. Wieder appelliert ein Vernünftiger an den Verstand der Menschen und fordert sie auf, in ihrem unsinnigen Treiben innezuhalten. So etwas wird doch seit Jahrzehnten bereits vergeblich unternommen, ohne dass es entsprechende Folgen gezeitigt hätte.
Dieses Gefühl ist mir durchaus vertraut, doch so pessimistisch bin ich nicht. Als Arzt erlebe ich immer wieder, wie Menschen in scheinbar aussichtslosen Situationen doch noch die Kurve kriegen und wieder gesund werden. Das könnte auch für die Erde als Ganzes gelten. Diese Hoffnung bringe ich in meinem Buch auch zum Ausdruck. Wenn es uns gelingt, die ökologisch engagierten Menschen mit den spirituell engagierten zusammenzubringen, könnte ein neues Feld entstehen, das die nötige Kraft für einen solchen Umschwung mit sich bringt.
Wenn Sie schon von der Überbetonung der Yang-Energie in unserer Gesellschaft sprechen: Sie selber scheinen ja geradezu ein Ausbund dieser Energie zu sein. Wie sorgen Sie persönlich für Ausgleich?
Seit dreissig Jahren meditiere ich täglich ohne Ausnahme. Ich praktiziere Zen-Meditation.
Das ist auch nicht gerade eine Meditationsform mit betont weiblicher Energie.
Mir ist völlig klar, dass ich selber ein Exponent der Yang-Energie bin. Das erkenne ich und weiss, dass ich sicherlich nicht Teil der neuen Welt bin. Aber ich sehe, dass die alte Welt nicht läuft, und bemühe mich nicht, dieses Alte zu zementieren.
Nehmen wir als Beispiel die Familienaufstellungen, die Bert Hellinger macht. Das ist eine geniale Therapie; doch vertritt Hellinger ganz offensichtlich eine alte Ordnung. Seine «Ordnung der Liebe» ist eine alte Ordnung. Und wenn man gar keine Ordnung hat, ist es natürlich für viele immer noch besser, eine alte Ordnung zu haben statt gar keine. Mit solchen Widersprüchen, glaube ich, müssen wir zur Zeit leben lernen.
Danke für das Gespräch!
