Schauspieler Max Rüdlinger
Mitgefühl kann man atmen
Mit der tibetische Tonglen-Übung lassen sich schwierige Gefühle transformieren
Von Colette Grünbaum-Flury
Neigen Sie zu Jähzorn, Neid, Gier, oder sind Sie vielleicht sehr ängstlich? Egal, welches Gefühl gerade in uns aufwallt, mit Tonglen (tibetisch: Aussenden und Aufnehmen), der Übung des Mitgefühls, haben wir ein wirksames Hilfsmittel für den Umgang mit ungeliebten Gefühlen. Die meisten Bemühungen, die wir unternehmen, um sie loszuwerden, fruchten nicht. Die buddhistische Nonne Pema Chödrön sieht den Grund darin, dass wir dabei stets gegen unsere grundlegende Energie ankämpfen. «Transformation hingegen achtet die uns innewohnende Energie als Quelle der Weisheit und des Mitgefühls.» Genau dies geschieht in der Tonglen-Übung.
Ob Enttäuschung in uns dominiert, Eifersucht oder Ärger, wir atmen dieses Gefühl voll ein, und wir atmen Linderung, Weite, erfrischende Offenheit, kurzum, jenes Gefühl, das uns gerade gut tun würde, aus. In einem zweiten Schritt atmen wir das betreffende Gefühl aller Menschen, die auch darunter leiden, ein, und für alle atmen wir Linderung aus.
So können wir vorgehen, wenn wir selber in der Misere stecken. Haben wir das Gefühl, in der Übung blockiert zu sein, so machen wir dieses Gefühl des Feststeckens zum Gegenstand der Übung. Leidet ein Kind, ein Grossvater oder ein Obdachloser, so können wir den Schmerz des anderen einatmen, und wir können Linderung und Heilung ausatmen. Stets weiten wir die Übung auf andere aus, öffnen wir uns für den Schmerz aller und atmen für alle den Wunsch aus, sie mögen frei von Leiden sein.
Es gibt viele Variationen des Tonglen. Pema Chödrön vermag sie gut nachvollziehbar zu beschreiben. Sie beantwortet in ihrem inspirierenden Buch häufig gestellte Fragen und räumt mit Missverständnissen auf. Stecken wir im Verkehrsstau oder müssen wir vor einer Kasse Schlange stehen, können wir uns umschauen und uns klar machen, dass alle anderen, die ebenfalls im Stau stecken, das Gleiche empfinden wie wir. Auf diese Weise isolieren wir uns in unserem Unbehagen nicht. Wir atmen Ärger, Empörung, Ungeduld, Nervosität und die Angst, einen Termin zu verpassen, ein, und wir senden ein Gefühl der Entspannung und Erleichterung aus - für uns selbst und für alle anderen im Stau oder in der Schlange.
Ist jemand krank, so atmen wir nicht, wie häufig angenommen, die tatsächliche Krankheit ein, also das Virus oder den Krebs, sondern das damit verbundene Leiden. Wir atmen die Tendenz ein, sich abzuschotten, sich von Schmerzen lähmen zu lassen, die Verzweiflung und das Verleugnen der Gefühle der Vereinsamung des betreffenden Menschen. Wir atmen ein mit dem Wunsch, ihnen das Leiden zu nehmen, das sich um den körperlichen Schmerz rankt. Mit dem Ausatmen verbinden wir den Wunsch, dass ihre Krankheit ein echter Weg des Erwachens für sie werden kann, ob sie nun wieder gesund werden oder nicht.
Tonglen ist eine Herzensübung, die dazu beiträgt, jene Barrieren aufzulösen, die das Herz umgeben, jene Verfestigungen und das Festhalten, die unsere wahre Natur verschleiern. Viel unnötiges Leid erwächst daraus, dass wir uns dem Schmerz verschliessen, unseren Gefühlen verschliessen, uns von anderen abschotten. Mit Tonglen können wir etwas tun, um diese Art von Leiden zu heilen.
Pema Chödrön: Tonglen, der tibetische Weg mit sich selbst und anderen Freundschaft zu schliessen.
Arbor Verlag, Freiamt 2001, 256 Seiten, Fr. 29.80.
