Schauspieler Max Rüdlinger
Trick der Evolution
Ihre Entstehung ist wissenschaftlich erklärbar, so aber fühlen sie sich nicht an. Emotionen sind überraschend, unkontrollierbar. Vielleicht sind sie die letzte Bastion der Seele.
Von Arvid Leyh
Sieht mein Hund eine getrocknete Sardine, beginnt sein Schwanz zu wedeln, und Wesen, die seine Sprache sprechen, entdecken ein freudiges Lächeln auf seinem Gesicht: Er fühlt sich gut. Hätte ich in meiner Hand nicht die Verheissung allen kulinarischen Hundeglücks, sondern einen massiv lebensbedrohlichen Gegenstand - einen Wasserschlauch vielleicht -, unser Versuchstier wäre schneller verschwunden, als er selbst es gemerkt hätte.
Es sind wahrscheinlich überlebenssichernde Reaktionen dieser Art, die die Evolution von der Wichtigkeit der Emotionen überzeugten - und die Reaktion eines Menschen unterscheidet sich kaum von der des Hundes: Es ist eine Entscheidung zwischen Überlebensförderndem und Gefährlichem. Zwischen gut und böse.
Gefühl oder Emotion?
Emotion kommt vom lateinischen emovere - erschüttern. Und erschüttern können uns diverse Grundemotionen: Zorn, Furcht, Widerwille, Traurigkeit, Erwartung, Erstaunen, Lust und Freude, Annehmen und Vertrauen. Dabei kennt die Bühne der Gefühle durchaus Rivalitäten: Furcht reduziert Freude, Widerwille schlägt Vertrauen.
Dabei unterscheidet der Experte zwischen Gefühlen und Emotionen. Gefühle spiegeln in der ersten Stufe das sensorische Empfinden des Einzelnen wider. Emotionen definieren in einem zweiten - und nicht notwendigerweise bewussten - Entscheidungsprozess, wie mich das Gefühl beeinflusst. Oder kürzer: Gefühl spiegelt den Zustand des Subjekts, Emotion zielt auf ein Objekt. Beiden gemeinsam ist eine zeitliche Dynamik: Sie setzen ein, entfalten sich und verklingen ...
Hardware
Was sich für uns in der Summe anfühlt wie ein diffuser Schnellwaschgang, lässt sich in genau definierbaren Arealen des limbischen Systems, also im Säugetiergehirn, nachweisen. Zu dessen Aufgaben gehören neben den Emotionen auch die Funktion als Tor zum Gedächtnis. Das ist nicht unbedingt nahe liegend, dennoch werden eingehende Informationen auch anhand der mitgelieferten Emotionen gewichtet: Den ersten Kuss vergessen wir genauso wenig wie den letzten Streit. In einer ähnlichen Stimmung werden ähnliche Erlebnisse wieder erinnert, daher ist unser Gedächtnis so schrecklich selektiv.
Daneben gibt es zahlreiche weitere Gehirnareale, die sich mit Emotionen und ihren Folgen befassen. Im Frontallappen scheint beispielsweise der Sinn für Gemeinschaft angesiedelt zu sein. Tritt hier eine Schädigung ein, lösen sich die sozialen Bindungen des Patienten bis hin zur Familie. Andere Schädigungen führen zu übermässiger Besorgnis bis hin zu Paranoia. Wieder andere Verletzungen kappen die Fähigkeit, den emotionalen Gehalt einer Aussage zu erkennen.
Hormongesteuert
Das Netzwerk, das unseren Alltag bestimmt, ist neurologisch unübersehbar verzweigt, während wir über die Geist-Körper-Kommunikation weitaus mehr wissen: Sobald ein erschütternder Reiz im Gehirn angekommen ist, wird der Körper auf mögliche Konsequenzen vorbereitet. Dies funktioniert mittels eines doppelten Systems aus neuralen Bahnen und chemischen Botenstoffen, wie zum Beispiel Adrenalin oder Endorphine. Diese Hormone und Neurotransmitter produzieren im Körper bestimmte autonome Reaktionen, wie Veränderungen in Puls und Atmung. Was dann auch die erste wissenschaftliche Komponente einer Emotion ist, gefolgt von einer Veränderung in Mimik und Stimmlage, und natürlich eine Aussage.
Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Botenstoff und Gemütsverfassung. Serotonin beispielsweise deckt den Bereich von Selbstvertrauen bis spiritueller Glückseligkeit ab, Dopamin eher den der Euphorie. Das System ist allerdings ungleich komplexer, da die Wirkung der Botenstoffe auch vom Einsatzort abhängen. Dieser kann prinzipiell im ganzen Körper liegen - auch Muskeln werden in bedrohlichen Situationen auf anstrengende Einflüsse vorbereitet - womit ersichtlich wird: Emotionen wie Freude oder Angst spielen nicht nur im Gehirn oder im Herzen - sie orchestrieren den ganzen Körper. Das zeigt spätestens die nächste Ankunft eines geliebten und schwer vermissten Menschen.
Emotional blockiert
Manche Menschen reagieren regelmässig emotional. Sie weinen, wenn der Held mit der Angebeteten in den Sonnenuntergang reitet, und sind Bildern verhungernder Kinder in den Nachrichten nahezu schutzlos ausgeliefert. Andere dagegen - vorzugsweise männlichen Geschlechts - stellen sehr schnell fest, dass die Umwelt für weinende Jugendliche nur Spott übrig hat. Folgerichtig beginnen sie, sich zu schützen: Sie werden cool.
Der Preis ist hoch, was Wilhelm Reich mit seiner Sicht der emotional bedingten Muskelpanzerungen erstmals beschrieb. Neurologen wie Len Ochs gehen davon aus, dass es im Gehirn ganz ähnlich ist: Traumatische Erlebnisse werden in bestimmten Thetafrequenzen in ganz bestimmten Gehirnarealen gespeichert, die Kombination künftig blockiert.
In beiden Fällen erfolgt eine Vermeidung. Der Erste macht unangreifbar, indem er aufkommende Emotionen nicht mehr zulässt. Der Zweite verhindert eine Reaktivierung unangenehmer Erinnerungen. Aber genauso wie Bioenergetik und ähnliche Verfahren die körperlichen Blockaden auflösen können, lassen sich auch Traumata durch die gezielte Stimulation mit den blockierten Frequenzen reaktivieren und auflösen.
Sehr individuell
Zwar lösen emotional wirksame Ereignisse im Körper eine Erregung aus, welche Bedeutung diese aber bekommt, hängt vom ganz persönlichen Bezugsrahmen der Person ab: Menschen in freudiger Stimmung assoziieren zum Stichwort Leben Begriffe wie «Liebe», «Freiheit», «Spass» und «Freude». Die wütenden Kollegen im Raum nebenan kommen dagegen auf «Kampf», «Arbeit» und «Wettbewerb». Doch Emotionen sind nicht nur ausgesprochen situativ, auch vergangene Parameter fliessen mit ein: Welche Vergleichssituationen gibt es, was sagen Erfahrung und Gedächtnis?
So wirken Emotionen auch über den Augenblick hinaus und machen damit einen Grossteil unserer Individualität aus: Wir fühlen uns bei bestimmten Musikstilen gut, bei bestimmten Sportveranstaltungen oder in Gegenwart bestimmter Menschen. So entsteht ein dauerhaftes, über längere Zeiträume relativ unverändertes Bezugssystem unseres Lebens - bis hin zu einer gehobenen oder eher depressiven Grundstimmung.
Diese allgemeine Sicht auf die Welt konstruiert sich aus neuronalen Netzwerken und Gewohnheit. Eine Verbindung zweier Neuronen, die sich bewährt hat, wird leichter gegangen. Das kann genauso die Regel «Rot = stehen bleiben» oder die Erkenntnis «die Menschen mögen mich nicht» sein. Kaum ein grosser Gedanke ohne Gefühl.
Sehr vernünftig
Das aber sah Plato ganz anders, als er die menschliche Seele in Denken, Fühlen und Wollen einteilte. Auf ihn geht die Trennung von ratio und emotio zurück, die durch Descartes noch verstärkt wurde: «Die Wahrheit liegt in dem, was klar und deutlich ist» - also bestimmt nicht in den Gefühlen.
Das prägte lange Zeit die wissenschaftliche Sicht: Emotionen beeinträchtigen die rationale Auseinandersetzung mit der Umwelt. Zudem sind sie enorm schwer zu beobachten. Ein Wissenschaftler mag ein Lächeln anhand der eingesetzten Muskeln untersuchen, ein anderer anhand der aktiven neuronalen Areale, aber messen sie wirklich Emotionen?
Neuere Erkenntnisse weisen einen ganz anderen Weg. So vertritt Antonio Damasio - der amerikanische Popstar unter den Neurologen - die These, dass vernünftiges Handeln ohne eine gesunde Emotionalität gar nicht denkbar ist. Er bezieht sich dabei auf mehrere Fälle, in denen bestimmte emotionale Areale des Gehirns geschädigt waren. Die betroffenen Patienten waren alle unfähig, realistische Pläne für die Zukunft zu entwickeln.
Trotzdem: Wer emotional (und damit meist weiblich) ist, trifft merkwürdige Entscheidungen: «Ich weiss, es ist zu teuer, mir war eben danach ...» Wenn wir rational sind, können wir emotionale Entscheidungen häufig nicht nachvollziehen. Genauso wenig wie umgekehrt. Was aber keine Aussage darüber ist, welche Variante vorzuziehen sei.
Pathologie des Geistes[/b]
Entscheidungen im evolutionären Rahmen sind immer dringend. Umso schlauer von der Evolution, Emotionen sehr nahe an der Wurzel des Selbst anzusiedeln. Ich empfinde nicht Wut beim Anblick meines Steuerbescheides - ich bin wütend. Diese Identifikation ist enorm effektiv und glücklicherweise auch vergänglich: Die Erlebnistönung dauert nur so lange, wie der spezifische Bewusstseinsinhalt - der Steuerbescheid - aktiv ist. Ändert sich die Situation, ändert sich die Stimmung.
Doch Gefühle laufen nur teilweise über das Alltagsbewusstsein, teilweise aber auch an ihm vorbei. Sie existieren auf verschiedenen Ebenen. Nur auf den oberen Ebenen sind wir uns ihrer bewusst, hier können wir sie sogar beeinflussen, verstärken oder abfedern. Auf den unteren Ebenen dagegen haben wir selbst nach reiflicher Überlegung Schwierigkeiten, die Empfindung zu artikulieren.
In schwere emotionale See geraten wir dann, wenn wir auf einer dieser Ebenen den freien Fluss unterbrechen und dauerhaft um ein bestimmtes Thema trudeln. Es entstehen emotionale und geistige Knoten, die am Ende der Leiter auch in Obsessionen mutieren können. Wir bewegen uns in einem Strudel des Geistes aus Eifersucht, Liebeskummer, blinder Wut oder Verzweiflung. Bis wir diesem Strudel entrinnen, bindet er sehr viel geistige Energie. Dummerweise sind wir selbst meistens die Letzten, die einen solchen Knoten entdecken: Wir selbst haben uns nicht geändert, aber die Umwelt ist plötzlich so anders.
Es gibt viele Situationen, in denen der Mensch seine Gefühlswelt lieber dissoziiert - also aus einer gewissen Distanz - erleben möchte. Die Vernunft kommt hier mit der Einsicht: «Ich bin nicht meine Gefühle.» Und damit hat sie Recht, aber leider erst nach und nicht in der Situation. Ist diese mittelfristig - wie etwa eine durchschnittliche schlechte Laune - kann eine Lösung sein, einfach den Ort zu wechseln. Das verschafft dem Geist neue Eindrücke und gibt ihm damit die Möglichkeit, den Ärger loszulassen. Sowohl das Verwöhnprogramm als auch die Nacht des Darüberschlafens sind bewährte Hausrezepte.
Die wahren Probleme des Lebens beginnen meist durch kurzfristige (über-)Reaktionen: «Ich verlasse dich!» Hier sind wir tatsächlich Opfer unseres eigenen Temperaments. Wer sich des Öfteren in dieser Situation wieder findet, dessen Ausweg ist lang und führt sowohl über sehr ruhige als auch über sehr intensive Pfade.
Die Ruhe finden wir in der Meditation, und indem wir meditieren, erlernen wir irgendwie die Kunst, diese Millisekunde zwischen Reiz und (autonomer) Reaktion zu verlängern und damit eine Kurzschlussreaktion im Geist zu verhindern. Was uns die Freiheit von unbewussten Reaktionen schenkt. Das intensive Leben dagegen führt uns in andere, neue Situationen und erweitert unseren Horizont - wir gewöhnen uns an Ungewöhnliches und heben damit die Latte für heftige Reaktionen.
Reine Energie
Viele Wissenschaftler - darunter auch der Philosoph Jean Piaget - sehen in den Emotionen die Energie, die uns zur Entscheidung überhaupt erst befähigt. Doch alle Betroffenen reagieren ab und zu sehr emotional auf ihre Gefühle - fühlen sich eingekreist und aller Alternativen beraubt. Diese Einstellung wird der Evolution nicht gerecht, aber wahr ist beides: Gefühle können sowohl zwischen uns und dem Leben stehen als auch das Leben lebenswert machen. Wie fühlt sich diese Erkenntnis an?
[i]Arvid Leyh ist freischaffender Autor in Heidelberg mit den Spezialthemen Gehirn, Geist und Mindmachines. 1999 veröffentlichte er das populäre Sachbuch Nur in deinem Kopf, das Update für Geist und Gehirn (Verlag Werner Pieper, Löhrbach).
Literatur: Jeremy W. Hayward: Die Erforschung der Innenwelt, Insel Verlag, Frankfurt/M 1996, 392 Seiten, Fr. 21.-. Antonio R. Damasio: Descartes" Irrtum, dtv, München 1997, 384 Seiten, Fr. 24.50.
