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Nr. 62 Winter 2002
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 62 Winter 2002
 
Im Banne der Bilder
Sie kennt Mittelerde und jeden Hobbit mit Namen und Eigenschaften . Entsprechend kritisch ging Franziska Fot ins Kino.
Von Franziska Fot

Mittelerde ist neu erschaffen worden. Für lange Zeit haben Hobbits, Bruchtal, Moria und Sauron zwischen zwei oder besser gesagt sechs Buchdeckeln und in der Fantasie der jeweiligen Leser existiert. Gemütlich konnten wir uns im Sessel zurücklehnen, das Buch auch mal weglegen. Unsere inneren Bilder nach unserem Gutdünken formen. Damit ist jetzt Schluss. Ein neues Zeitalter ist angebrochen.
Im Hinterkopf meine Vorstellung von Orks und Hobbits und davon, was wie erzählt werden müsste, sitze ich gespannt im Kino. In kurzen Worten und eindrücklichen Bildern gelingt es den Filmemachern, die Essenz aus der ellenlangen Vorgeschichte von Mittelerde, an der wohl schon mancher Lesewillige gescheitert ist, sowie die Entstehung und Geschichte des Ringes rüberzubringen. Gleich von Beginn weg bin ich gefangen, ja mehr noch, gebannt von der Intensität der Bilder, der Stimmungen. Da entspanne ich mich innerlich, lasse mich in diesen Film sinken, denn ich fühle mich verstanden in meinem Empfinden und meinen inneren Bildern.
Ein realistisches Gefühl einer zum Leben erwachten steinalten Welt entsteht. Überwältigende Landschaften, Moria mit seinen unterirdischen Gängen, Mordor, der Turm in Isengard und natürlich das liebliche Auenland mit seinen fröhlichen Hobbits. Wirklich, sie haben behaarte Füsse, was in einigen Einstellungen auch explizit gezeigt wird. Klein sind sie auch. Halb so gross wie die Menschen. Frodo, der Held, der eigentlich gar keiner sein will, wirkt sehr überzeugend in seinem inneren Konflikt zwischen der Aufgabe und Verantwortung als Ringträger und seinem Wunsch, ein einfacher fröhlicher Hobbit zu bleiben. Fast zu kurz sind die idyllischen Szenen. Etwas mehr Hobbitwitz hätte ich mir gewünscht zur Auflockerung der düsteren Begebenheiten, die folgen. Die Ringgeister sind unterwegs. Nazgûl werden sie genannt. Die fremd klingenden Namen und Sprachen, die Tolkien in seinem Buch verwendet, werden bestens in den Film integriert. Zu meiner Freude sprechen die Elben wirklich elbisch. Die vielen Lieder hingegen, die in wunderschönen Reimen die Geschichte Mittelerdes und deren Bewohner erzählen, fehlen im Film leider völlig. Dafür verstärkt eine manchmal sphärische und dann wieder absolut bösartige Filmmusik die Sogwirkung der Bilder.
Die Darstellung der Elben und ihrer Behausungen hätte leicht ins Kitschige abgleiten können. Auch diese Klippe meistert der Regisseur bestens. Gut wird spürbar, dass die Zeit der Elben abgelaufen ist. Es haftet ihnen eine ätherische Aura an. Die Elbenfrauen sind zwar schön, aber nicht barbiehaft. Die Aufwertung der Figur der Arwen zu einer starken Frau und die Liebesgeschichte zwischen ihr und Aragon tun dem Film sehr gut. Tolkiens Vorlage ist doch sehr männerlastig.
Für die neun Gefährten hätte ich mir keine idealere Besetzung vorstellen können. Die Orks, vor allem die Uruk-hai, allerdings sind mir zu schauerlich und die Schlachtszenen zu lange und grausam. Das Böse will böse dargestellt sein.
Der Film endet in etwa dort, wo auch der erste Band endet. Nämlich mitten drin. Nun kann ich leider nicht einfach eine neue Filmrolle einspannen, wie ich die erste Seite des zweiten Bandes geöffnet hätte. Nein, ich muss mich bis nächsten Winter gedulden, denn ich bin dem Banne dieses Filmes verfallen und werde mich auch den Fortsetzungen nicht entziehen können.

Ein Film ist entstanden, Sie alle zu fangen,
ins Kino zu treiben und ewig zu bannen.
Im Lande Hollywood, wo die Vermarktung droht.


Autor: Franziska Fot | Profil
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