Boris Indigo
Als typisches Indigo-Kind wurde der Zweijährige von der hellsichtigen Nancy Ann Tappe bestimmt. Heute ist Boris ein 17-jähriger Lehrling. Porträt eines Jungen der neuen Generation.
Von Colette Grünbaum-Flury
Tatsächlich, er sei des Öfteren als «ein Spezieller» bezeichnet worden, beantwortet der 17-jährige Boris L. meine Frage. In welcher Hinsicht speziell, will ich wissen. Doch darauf hat der aufgeweckte Junge mit der schnittigen Igelfrisur vorerst keine Antwort. «In der Schule bin ich einfach sehr gut. Ich bin direkt, sage meine Meinung. Einige mögen das, andere nicht», antwortet der Informatiklehrling nach einer Weile.
Über Indigos weiss er bloss, dass sie in der Aura eine indigoblaue Farbe haben und eine Art Wegbereiter sein sollen für die Menschen, welche die Welt verändern werden. Während des Interviews sitzt der Jugendliche mir in meinem Arbeitsraum gegenüber. Erstaunlich aufrecht und mit wachem Blick. «Erkennst du dich in den üblichen Beschreibungen von Indigo-Kindern?», frage ich und füge bei: «Indigos sollen aussergewöhnlich begabt sein, medial veranlagt, energiegeladen, hoch sensibel und selbstsicher. Angst kennen sie nicht und absolute Autorität lehnen sie ab.» Er bejaht und schränkt mit einem Blick auf das Blatt mit meinen Fragen ein: «Medial veranlagt bin ich allerdings nicht, Angst kenne ich und mit Autoritäten habe ich keine besondere Mühe.»
«Er ist durch und durch ein Indigo», sagte Nancy Ann Tappe über den zweijährigen Boris, bei einem ihrer Besuche in der Schweiz. Die hellsichtige Amerikanerin muss es wissen. Sie ist es, die in ihrem 1986 erschienenen Buch Understanding Your Life Through Color (Dein Leben durch Farben verstehen) die Bedeutung der Farbe Indigo in der Aura beschrieb.
Indigo war ihr erstmals in den siebziger Jahren als neue Lebensfarbe in der Aura von Säuglingen aufgefallen. Unter den nach 1980 geborenen sollen bereits um die achtzig Prozent Indigos sein und seit 1995 sei der Prozentsatz noch viel höher. Dazu meint Boris sinnigerweise: «Da heute ja fast alle Kinder und Jugendlichen Indigos sind, wäre ich etwas Besonderes, wenn ich keiner wäre.»
Zeit lassen beim Spazieren
Unterschiedliche Veränderungen werden in den letzten Jahren bei Kindern beobachtet. Wo Nancy Ann Tappe von Indigos spricht, beobachten andere Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen. Es besteht eine Tendenz zum Glorifizieren auf der einen und zum Pathologisieren auf der anderen Seite. Was hat das auf sich? Erkennen wir nicht, was die neue Generation braucht? Schlagen positive Eigenschaften bei falscher Behandlung in negative um? «Entweder die Indigos prallen überall gegen Wände, da sie einfach nicht funktionieren, wie sie sollen, oder sie sind freudiger Mittelpunkt der Familie», schreiben Jan Tober und Lee Carroll in ihrem weithin beachteten Buch Die Indigo-Kinder (Koha Verlag, 2000). Wie sollen wir mit den Indigos umgehen? «Behandle sie und interagiere mit ihnen wie mit deinem besten Freund. Anstatt konkrete Anweisungen zu geben, erarbeite mit ihnen eine Strategie. Behandle sie mit Respekt. Hilf ihnen, ihre eigene Disziplin zu finden. Mache sie nie klein und erkläre stets, weshalb du eine Anweisung gibst», rät Jan Tober in einem Interview. Als das Grundlegendste hebt sie hervor, dass wir diesen Kindern stets eine Wahl geben und mit ihnen verhandeln sollen. «Das ist doch etwas, das alle Kinder zu schätzen wissen», meint Boris grinsend.
Auf meine Frage, was er Eltern als Erziehungsmassnahmen empfehlen würde, sagt der begeisterte Eishockeyspieler: «Es wird unterschätzt, wie wichtig es ist, Kleinkindern beim Spazieren Zeit zur Betrachtung der Welt zu lassen. Ich beobachte immer wieder, wie die Kleinen am Arm weitergezogen werden und Eltern sie zur Eile mahnen. Meine Mutter hat sich mit mir Zeit genommen, ist stehen geblieben, hat beschrieben, was ich mir ansah, und mich später selbst die Dinge beschreiben lassen. So lernt man die Welt kennen, man lernt beobachten und später, sich Gedanken zu machen. Bei meinen Bekannten habe ich oft das Gefühl, die schauen gar nicht richtig hin, bemerken es nicht, wenn auf ihrem Arbeitsweg etwas neu ist.» Und viel Taschengeld ab der Oberstufe sei zudem wichtig, damit man mit Geld umgehen und es einteilen lerne, fügt er bei.
Von ihnen lernen?
Was hat die Aurasichtige damals der Mutter des Indigo-Jungen empfohlen? Sie habe eher die zu erwartenden Eigenschaften beschrieben. Er werde beispielsweise sehr organisiert sein, könne dabei pingelig sein und gleichzeitig eine Ordnung haben, die von aussen wie ein völliges Chaos aussehe. Hilfreich war für die allein stehende Mutter vor allem der Hinweis, dass Indigos nur noch einen Elternteil brauchen. Das befreite sie von einem schlechten Gewissen und von Schuldgefühlen wegen der Scheidung. Nancy Ann Tappe ging sogar so weit zu sagen, der Junge sei da, um die Mutter zu beschützen.
«Wir werden von diesen Kindern lernen, und sie müssen von uns genährt werden», prophezeite Nancy Ann Tappe in den achtziger Jahren. Und was ist es, das wir von diesen Kindern zu lernen haben? Jan Tober spricht von Indigos, die unserem Planeten durch Liebe den Übergang ins göttlich Feminine ebnen werden: «Indem wir lernen, wie wir die Indigos behandeln müssen, lernen wir auch einen liebevollen Umgang miteinander. Dies ist das Grundlegende. Wenn wir lernen, ein Indigo-Kind zu lieben, mit ihm zu sein und wir ihm gute Eltern sind, lernen wir auf der höchsten Ebene miteinander umzugehen.»
Lebensaufgaben
Liebe auf die Erde bringen ist also die Mission der Indigos. Und was sieht der 17-jährige Boris als seine Mission oder Lebensaufgabe? «Es gibt so vieles, das in der Welt nicht in Ordnung ist. Bisher hatte ich das Gefühl, dass ich einfach meinen Teil dazu beitragen könnte, damit es besser wird. Nun bin ich mir aber nicht mehr so sicher, ob die Lösung ist, mich zum Wohle der Welt abzurackern, damit etwas zum Spenden übrig bleibt. Wie viel brauche ich, um glücklich zu sein und macht das Weggeben von Geld überhaupt Sinn? Solche Fragen beschäftigen mich seit einem halben Jahr.»
Es scheint nicht einfach zu sein, mit Indigos den richtigen Umgang zu finden. Ob es andere mit ihm manchmal schwer hätten, horche ich Boris aus. «Ich denke schon», lässt er mich wissen, geht aber nur zögernd auf meine Frage ein. «Passt mir die Umgangsform eines anderen nicht, so sage ich es, oder ich verhalte mich genauso und schaue, wie der andere reagiert. Manchmal mische ich mich auch in Dinge ein, die mich nichts angehen. Das kommt nicht gut an.»
«Wenn ich ihm gegenüber einmal ausraste und laut werde, kann er mir tagelang wortlos aus dem Weg gehen, bis ich wieder auf ihn zugehe», erzählt seine Mutter. Für gewisse Verhaltensweisen kenne er null Toleranz. Fairness sei ihm etwas vom Wichtigsten, sagt Boris, der sich als Kleinkind kaum für Spielsachen interessierte. Er wollte immer unter Menschen sein, kommunizieren und Rollenspiele spielen. Heute erwartet er von seinen Freunden, dass sie wie er ihr Bestes geben und korrekt sind. Der Trend zur Gleichgültigkeit missfällt ihm, und wenn andere seinen Erwartungen nach Fairness und Intelligenz nicht genügen, ziehe er sich lieber zurück. Deshalb sei er heute eher ein Einzelgänger.
In einer Fernsehsendung über hoch begabte Kinder erkannte die Mutter von Boris die Eigenschaften ihres Sohnes. «Das musst du dir anschauen», sagte sie zu ihm. «Nein, das musst du dir anschauen. Ich weiss schon lange, was ich bin», antwortete der selbstbewusste Junge, um den sich die Firmen rissen, als er sich für eine Informatik-Lehrstelle bewarb.
Mit guten Schulleistungen allein gibt er sich aber nicht zufrieden. Seit langem beobachtet der Jugendliche das eigene Verhalten und bemüht sich um Änderung, wo er einsieht, dass er «daneben» ist. Er kann es nicht ausstehen, Fehler zu machen. «Eigentlich läuft es darauf hinaus, dass ich möglichst perfekt sein will», reflektiert er. Ob das nicht anstrengend sei? «Ja, es ist Arbeit, aber wenn ich nach zwei Monaten merke, dass sich etwas verändert hat, ist das ein Erfolgserlebnis.»
Gehört der hoch begabte Boris zu den Menschen, die mit einem so genannten Turbo-Hirn ausgestattet sind? Gemäss Professor Heinz Wässle vom Frankfurter Max-Planck-Institut wird seit Mitte des letzten Jahrhunderts ein Phänomen beobachtet, das bei den ab 1965 Geborenen gehäuft vorkommt. «Ihre Hirne schalten schneller, sie können Informationen parallel verarbeiten, das neue Gehirn ist 'gleich-gültiger' gegenüber Emotionen und verfügt über eine erhöhte Dissonanzbereitschaft.»
Intelligenter und intuitiver
Nicht nur die hellsichtige Nancy Ann Tappe und ihre Gefolgschaft beobachten also Veränderungen bei der Jugend, auch wissenschaftliche Langzeitstudien verzeichnen interessante Neuerungen. Obgleich die Ergebnisse unterschiedlich beschrieben werden, stossen wir inhaltlich immer wieder auf ähnliche Aussagen. Die Gesellschaft für Rationelle Psychologie (GRP) stellte bereits in den siebziger Jahren einen Einbruch im Sinnesbereich des Riechens und Schmeckens fest. Seit zwei Dekaden führt die Forschergruppe alle fünf Jahre umfangreiche Tests bei viertausend Deutschen durch. Anfang der achtziger Jahre sah man, dass alle Sinne beeinträchtigt sind und es zusehends schwieriger wird, die entsprechenden Zentren innerhalb der Gehirnrinde zu stimulieren. Das heisst, dass die Sensibilität der Sinne abnimmt.
Dass die neue Generation intelligenter und intuitiver ist, stellen sowohl Wissenschaftler wie medial orientierte Menschen fest. Ganzheitlich orientierte Autoren beschreiben Indigos als Menschen, bei denen die eher rationale linke und die künstlerisch-kreative rechte Gehirnhälfte integriert seien. Gemäss Jan Tober helfen die Indigos uns, einer hirnmässig linkslastigen, rational orientierten Gesellschaft, ein Gleichgewicht zwischen den Hemisphären zu finden.
Zweifellos fordert uns die neue Generation heraus, althergebrachte Erziehungsmassnahmen fallen zu lassen und uns neuen Anforderungen zu öffnen. Was immer es mit den Indigos auf sich hat: Der Austausch mit der neuen Jugend ist spannend, wenn wir diese jungen Menschen sehen können als das, was sie sind: unsere ganz normalen und doch so speziellen Kinder. Meine Unterhaltung mit Boris war angenehm und interessant, aber sind Begegnungen nicht immer spannend, wenn wir uns offen darauf einlassen?
So speziell und so anders als andere Jugendliche habe ich Boris nicht erlebt. Kein Wunder, sind doch heute ohnehin die meisten Kinder Indigos. Und auch sie suchen letztlich vielleicht nur das Eine. Auf meine Frage nach seinem Lebensziel antwortete Boris: «Im Alter, wenn ich auf mein Leben zurückschaue, möchte ich sagen können, dass es sich gelohnt hat, dass ich etwas erreicht habe, das mich glücklich macht.»
