
Rudolf Steiner
Menschheitswerden statt Pokémon
Demeter-Gemüse, Eurythmie und anthroposophische Medizin sind heute zentrale Elemente einer alternativen Lebensweise. Die Anthroposophie hingegen bleibt so gut wie unbekannt.
Von Stephanie Ott
Nein, Karneval wird hier nicht gefeiert und dennoch: In grüne Gewänder gekleidet und mit pastellfarbenen Schleiern in den Haaren schweben wir Schüler zu schmissigem Pianogeklimper durch den Raum. Die Musik ertönt nicht etwa aus einem CD-Spieler, sondern wird von einer Musikerin am schwarzen Flügel gespielt. Mit den Füssen folgen wir komplizierten, geometrischen Formen am Boden. Zugleich schwingen sich unsere Arme zu elfenhaften Bewegungen in der Luft. Gar nicht so einfach! Mein rechter Arm schmerzt vor Erschöpfung, ich bin müde. Doch die begeisterte Lehrerin kommandiert: «So, jetzt das Ganze gleich noch einmal von vorne!» Voller Energie heisst sie uns, die Anfangspositionen einzunehmen. Wir tun wie uns befohlen und üben den Tanz widerwillig weiter. Bis zur Perfektion. Wenigstens geben wir Mädchen uns noch ein bisschen Mühe. Die Jungs setzen sich bei jeder Gelegenheit sofort auf den Boden. Wann ist die Stunde denn endlich um?
Zweimal die Woche Eurythmie! Und das zehn Jahre lang. Noch heute bin ich mir sicher, dass diese Stunden verschwendete Zeit waren. Wie hätte ich Freude an solch eigenartigen Tänzen finden sollen, wenn doch Freundinnen, die öffentliche Schulen besuchten, mir immer begeistert von ihren Ballett- und Aerobicstunden erzählten? «Der Sonne liebes Licht, es hellet mir den Tag. Der Seele Geistesmacht, sie gibt den Gliedern Kraft», dichtete einst Steiner. Diese Zeilen werden an seinen Schulen heute noch täglich rezitiert.
Wie hätte ich auch Spass daran haben sollen, mich zu solch tiefsinnigen, schwer verständlichen Gedichten im Raum zu bewegen und dazu mit den Armen die passenden Laute zu formen? Nein, Eurythmie war mir stets ein Graus. Es sei gut für die Körperhaltung, für den Orientierungssinn und das Erinnerungsvermögen, so wurde uns Schülern später einmal beiläufig erklärt. Tatsächlich kann ich mich heute leicht in fremden Städten orientieren. Fragt sich bloss, ob ich das auch wirklich der Eurythmie zu verdanken habe.
Obwohl Eurythmie wie auch weitere Elemente der Anthroposophie und der zugehörigen Pädagogik heute bei vielen Menschen auf Widerstand stossen, lohnt es sich, die gesamte Kultur der Birkenstock- und Wollpullover-Träger einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Was sich hinter Rudolf Steiner und seiner Wissenschaft, der Anthroposophie, verbirgt, ist vielen noch immer ein Rätsel. Was Anthroposophen bewegt, was sie leisten und welche Bedeutung ihnen heute zukommt, bleibt höchst unbestimmt. Obwohl Steiner als einer der namhaftesten Esoteriker unserer Zeit gilt, wollen seine Anhänger mit dem, was heute unter Esoterik verstanden und betrieben wird, nichts zu tun haben.
Ein gutes Beispiel für die Verschlossenheit der Anthroposophen gegenüber allem Unbekannten und Nichtanthroposophischen lässt sich beim Lesen von spirituellen, esoterischen und ähnlich orientierten Magazinen feststellen. Ob nun als Anbieter in solchen Zeitschriften oder als Vortragende bei einem Reinkarnations-Kongress - eigentlich einem ihrer Kernthemen - Anthroposophen sind in der Öffentlichkeit oft schlicht nicht vertreten.
Als ich selbst zehn Jahre lang Steinerschülerin war, habe ich mich in den Gebäuden der Waldorfschule immer sehr wohl gefühlt. Die Schule war für mich ein Ort der Geborgenheit, wo ich mich, vor allem während der Unterstufe, gerne aufgehalten habe. Das spielerische Lernen und die musikalische Unterrichtsgestaltung kamen mir entgegen und wurden mir zu Steckenpferden.
Allerdings habe ich erst jetzt mehr über die Anthroposophie in Erfahrung bringen können. Denn als Schülerin wurde ich im Unterricht nie über Steiners Theorien aufgeklärt. Bei meiner Recherche bin ich auf ungeklärte Fragen zur Eurythmie, zur Waldorfpädagogik und zum heiss diskutierten Zusammenhang von Anthroposophie und Rassismus gestossen.
Mit der Esoterik will die von vielen Autoren als okkulte Bewegung beschriebene Anthroposophie nichts am Hut haben. Übersetzt heisst Okkultismus aber «Geheimnis» oder «geheimer Gedanke». Weiter wird der Okkultismus heute als Synonym für «Esoterik» verwendet, womit die Anthroposophen jedoch nicht in Verbindung gebracht werden wollen.
Wer sich intensiv auf Steiners Weltauffassung einlässt, entwickelt rasch eine euphorische Begeisterung oder eine kritische Ablehnung. Das ist gut so, denn halbe Sachen gibt es bei den Anthroposophen nicht. Wer sich von Steiners Ideen hat überzeugen lassen, sollte auch voll dahinterstehen und danach handeln.
Die Weisheit des Menschen
Denn Anthroposophie ist, so wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, die Weisheit des Menschen: Anthropos der Mensch, Sophia die Weisheit. Sie beruht auf der Theorie, dass der Mensch aus einem geistigen, einem seelischen und aus einem leiblichen Wesen besteht. Anthroposophie wird ausschliesslich als Geisteswissenschaft oder Weltanschauung bezeichnet. Eine Schulung nach Steiners Massstäben steht im Zentrum aller anthroposophischen Bemühungen. Daran schliesst sich ein umfangreiches Engagement in vielen praktischen Bereichen des Lebens an, besonders in der Waldorfpädagogik, in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft sowie in der anthroposophischen Medizin und Kultur. Steiners Ideen mögen zu faszinieren und seine Wissenschaft bringt auch heute noch Menschen dazu, ihr Leben der Anthroposophie zu verschreiben. Wer ihn zu seinen Lebzeiten gekannt hat, dem muss es wahrlich nicht schwer gefallen sein, Steiner als geistigen Führer anzuerkennen, war er doch ein überzeugender Redner. Doch worin besteht die Anziehungskraft 76 Jahre nach dessen Ableben heute? Ernst Heinzer, überzeugter Anthroposoph, Gründer der Rudolf-Steiner-Schule Winterthur und langjähriger Lehrer, meint dazu: «An der Anthroposophie fasziniert mich am meisten, dass man von den Kräften und Energien etwas erfahren darf, die sich hinter dem äusseren Geschehen abspielen. Dadurch fühlt man sich aufgerufen, eigene Kräfte in sich wirken zu lassen, die man ohne diese Lehre, brachliegen lassen würde.»
Übersetzt heisst das wohl, dass nur der, der sich intensiv mit der Anthroposophie beschäftigt, auch übersinnliche Kräfte in sich spürt. Eine gewagte Aussage! Lydie und Andreas Baumann-Bay, langjährige Mitglieder der Anthroposophie, heute aber Autoren des Buches Achtung Anthroposophie (Kreuz Verlag AG Zürich 2000) im persönlichen Gespräch über ihre Erfahrungen: «In der anthroposophischen Weltanschauung sind Philosophie, Geschichte, Naturwissenschaft, Kunst und Religion keine getrennten Disziplinen, sondern Aspekte einer ganzheitlichen Anschauung. Das hat seinen Reiz, besonders wenn man jung ist und Antworten sucht auf so manche Lebensfragen.» Aus Beobachtungen, die Lydie und Andreas Baumann-Bay bei Anthroposophen gemacht haben, konnten sie feststellen: «Unseres Erachtens sind es drei Aspekte von Steiners Persönlichkeit, die seine Popularität bewirken: seine sprudelnde Kreativität, seine leicht subversive Art und sein vorbildliches integres Wesen.» Schliesslich wuchs Rudolf Steiner in ärmlichen Verhältnissen auf. Später hielt über er 6000 Vorträge und verfasste ein Schriftwerk von dreissig Bänden. Er kannte sich in vielen Gebieten aus und führte trotz seines grossen Erfolges ein vorbildliches, bescheidenes Leben ohne Sex- und Geldskandale. Steiners Bildung war derart allumfassend, dass es vielen Anhängern richtig scheint, auf alle Fragen in der Gesamtausgabe seiner Werke nach einer Antwort zu suchen. Schlag nach bei Steiner! Zu hoffen bleibt nur, dass dabei das eigene Denken nicht auf der Strecke bleibt.
Lernen in einer heilen Welt
Die von Steiner entwickelte Waldorfpädagogik hat tatsächlich viel Begeisternswertes an sich. Noten werden erst in der Oberstufe verteilt, Sitzenbleiben gibt es nicht. Kinder lernen schliesslich unterschiedlich schnell, und der Klassenlehrer unterrichtet seine Schüler acht Jahre lang in den meisten Fächern selbst. Nebst den Pflichtfächern erhält jeder Schüler auch Unterricht im Werken, in der Handarbeit, im Gartenbau, in der Theaterlehre und in der Baum-und Steinkunde. Eine von Steiner mitentwickelte, bildliche Darstellung von Ton und Sprache, die Eurythmie, gehört genauso zum Stundenplan wie Singen, Musizieren und das Rezitieren von Gedichten. Dazu kommen noch die Feste wie Johanni, Weihnachten und Michaelifeier.
Jedes Kind wird vom Klassenlehrer beobachtet und je nach Wesen individuell betreut. Steinerschülerinnen und Steinerschüler können eben noch das sein, was viele Eltern an ihren Schützlingen vermissen: Sie sind unbeschwerte Kinder. Ohne Gameboys, Computerspiele und Barbiepuppen üben sie im Kindergarten den natürlichen Umgang miteinander und bewegen sich viel in der freien Natur. Spielerisch lernen sie ab der ersten Klasse schon Englisch und Französisch und sie können bereits seitenlange Gedichte aufsagen. In der achten Klasse studieren alle Schüler gemeinsam über ein halbes Jahr lang ein Theaterstück ein, welches dann vor grossem Publikum auch aufgeführt wird.
So weit, so gut. All diese Vorzüge bringen aber auch Nachteile mit sich. Fernab von Fernsehgerät und Computer erzogen, können viele Steinerschüler ausserhalb der Schule oft nicht mit der modernen Technik umgehen. Da diese von Anthroposophen als teuflischer Einfluss gesehen wird, werden technische Hilfsmittel wenn möglich nicht benutzt. Und das in einer Welt, in der ohne Computer fast nichts mehr funktioniert! Ebenso beeinträchtigen Schulbücher nach Ansicht der anthroposophischen Pädagogik die Fantasie des Kindes und werden im Unterricht verschmäht. Auch bedruckte T-Shirts, Jeans oder Turnschuhe sind an Steinerschulen ein Tabuthema. Ein Kind soll sich schliesslich ganz nach seinen Bedürfnissen entwickeln können, ohne dass es von Äusserlichkeiten abgelenkt wird.
Wirklich bedenklich ist aber, dass Waldorfschülern kein Wort über Rudolf Steiner erzählt wird. Obwohl natürlich der Unterricht nach Steiners Theorien aufgebaut ist, werden diese gegenüber Schülern nicht erwähnt. Als Kind mag einem anfangs daran nichts auffallen. Wenn man aber im Teenageralter seine Schulerfahrungen mit denen von Freunden vergleicht, die eine öffentliche Schule besuchen, merkt man doch, dass der eigene Unterricht anders aussieht. Frage um Frage taucht auf: Wieso müssen wir vor Unterrichtsbeginn stehend immer ein Gedicht aufsagen? Warum bekommen wir anstelle der Noten ein geschriebenes Zeugnis und was hat es denn mit der komischen Eurythmie auf sich? Fragen, auf die man als Schülerin von Lehrern oft keine Antwort bekommt.
Der Lehrer Ernst Heinzer erklärt warum: «Schüler sollen nicht mit Steiners Ideen voll gepumpt werden, da sie bis zu einem gewissen Alter noch gar nicht in der Lage sind darüber zu urteilen. Wenn das Kind nicht zu früh dazu gebracht wird, sich eine Meinung zu bilden, wird das fundiertere Urteilsvermögen für später gefördert. Treten jedoch zu einem späteren Zeitpunkt Fragen von Seiten des Schülers auf, so ist jeder Lehrer gerne dazu bereit diese auch zu beantworten.» Auch Luisa Weber, langjährige Schülerin der Waldorfschule Winterthur, beklagt den Informationsmangel: «Obwohl der Unterricht immer nach Steiners Ideen gestaltet wurde, klärten uns die Lehrer nie über die Anthroposophie auf. Das ist wirklich ein nennenswerter Nachteil.» Eigentlich widerspricht das Steiners eigener Theorie, war es doch dessen wichtigstes Anliegen, möglichst viele Menschen aus allen Erdteilen zur Anthroposophie zu bekehren. Warum also sollte man nicht auch schon bei Kindern damit anfangen?
Worin liegen nun aber die Vorteile einer Steinerschule im Vergleich zu den öffentlichen Bildungsstätten? Die kinderfreundliche Gestaltung des Unterrichts und die Förderung der musischen Fähigkeiten sind mehr denn je die attraktivsten Lockvögel für Eltern, ihre Sprösslinge den Anthroposophen anzuvertrauen. Daneben beschäftigen sich viele Eltern aber mit dem Gedanken, ob ihr Kind in den Waldorfschulen auch richtig auf das harte, leistungs- und geldorientierte Leben vorbereitet wird. So ist von Seiten der Kritiker öfter der Vorwurf zu hören, Steinerschulen würden eine künstliche, heile Welt erzeugen und die Kinder hätten keine Ahnung, was sich draussen in der Wirklichkeit abspiele. Dazu die 21-jährige Luisa Weber: «Dieser Vorwurf ist berechtigt. Steinerschullehrer geben sich alle Mühe, ihre Schützlinge vor den äusseren Einflüssen zu bewahren. Wenn man als Schülerin einmal weiss, dass man sich in einer künstlichen, heilen Welt befindet, kann man innerlich dazu auf Distanz gehen.»
Walter Kugler, Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs in Dornach, schlägt die Kritiker jedoch mit deren eigenen Waffen (Feindbild Steiner, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2001): «Hand aufs Herz, wer von uns geplagten Eltern will denn nicht, dass seine Kinder in einer beschützten Umgebung aufwachsen - ohne Stress und möglichst nah an der Natur, gleichsam Reihenhausidylle im Schulzimmer?» Eigentlich eine Aussage mit Wirkung. Aber wenn es so weit geht, dass sich die Lehrerschaft selbst in das Privatleben der Schüler einmischt, nur um sie vor der bösen Realität zu verschonen, überschreitet der Bereich der Idylle seine Grenzen. Luisa Weber erzählt, der Klassenlehrer ihres aufmüpfigen Bruders habe der Mutter vorgeworfen, sie würde ihre Kinder zu oft vor den Fernseher setzen. Deshalb sei ihr Bruder, so der Klassenlehrer, auch so wild und rebellisch. «Tatsache ist aber, dass wir zu Hause keinen Fernseher besassen», so Luisa Weber. Dennoch machen viele ehemalige Schüler einen aufgeschlossenen, toleranten und selbständigen Eindruck. «Waldorfschüler werden zur eigenen Selbständigkeit erzogen. Es wird ihnen beigebracht, was es heisst, Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu tragen», meint auch der Musiker Christian Santschi, der während viereinhalb Jahren Steinerschüler in St. Gallen war.
Somit wäre deutlich, dass Waldorfschulen zeitgemässer sind denn je. Steiners Unterrichtsgestaltung war schon immer fortschrittlich und es würde einigen staatlichen Schulen sicher gut tun, sich ein Beispiel daran zu nehmen. Fragt sich bloss, ob nicht die dahinterstehende Anthroposophie einen Entwicklungsschritt in die heutige Zeit nötig hat. Lydie und Andreas Baumann-Bay sagen dazu aber: «Die Anthroposophie lässt sich nicht weiterentwickeln, schliesslich ist sie bereits so, wie Steiner sie gewollt hat.» Ganz so eng sieht es Ernst Heinzer jedoch nicht: «Grundsätzlich will ich natürlich an Steiners Ideen nichts ändern. Da aber heute Probleme auftauchen, die es zu Steiners Lebzeiten noch nicht gab, müssen wir Anthroposophen uns weiterentwickeln und dafür Lösungen suchen.» Ob er damit auch die Einführungen von Videogeräten und Stereoanlagen im Unterricht meint, bleibt unbeantwortet.
In der Schweiz stecken viele Waldorfschulen in einer finanziellen Krise. Anders als zum Beispiel in Deutschland erhalten diese Schulen hier zu Lande keine finanzielle Unterstützung der Steuerzahler. Anthroposophische Bildungsstätten sind daher gänzlich auf das Schulgeld der Eltern angewiesen. In diesem Jahr mussten bereits je eine Steinerschule in Chur und in Neuenburg sowie das Internat in Steckborn am Bodensee ihre Tore wegen Geldmangels schliessen. Die finanzielle Abhängigkeit der Schulen von den zahlenden Eltern führt häufig dazu, dass Skandale unter den Teppich gewischt werden. Gewaltanwendung im Unterricht sowie sexuelle Übergriffe von Lehrern an Schülern wurden verschwiegen, um nicht die Unterstützung der Eltern aufs Spiel zu setzen. Oft ist aber genau das der Anlass, dass Steinerschulen überhaupt ins Gerede kommen
Bedrückt und feierlich
Obwohl der Meister stark betonte, dass seine Weltanschauung nicht mit einer neu entstandenen Religion verwechselt werden dürfe, entstand in seinen Anhängern nach einiger Zeit der Wunsch nach einem anthroposophischen Glauben. Zusammen mit seinem Freund und Jünger Friedrich Rittelmeyer entwickelte Steiner deshalb die Christengemeinschaft. Glaubensgrundsätze dieser Gemeinschaft basieren auf den christlich-theologischen Inhalten der Anthroposophie.
Fortschrittlich dabei ist, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen zur Priesterweihe zugelassen sind. Die Menschenhandlungen, so werden die anthroposophischen Messen genannt, zeigen ansatzweise sektiererische Züge. Zu Beginn reicht ein Mitglied der Gemeinschaft allen Ankömmlingen die Hand und fordert sie auf, den Geist Gottes zu suchen, worauf das Gegenüber antworten muss: «Ich will ihn suchen.» Hat man das Schlüsselwort gesagt, wird Einlass geboten. Im Innern herrscht eine bedrückte und zugleich feierliche Stimmung. Während eine Priesterin, umgeben von Steinerfotos, in komplizierter Sprache pre- digt, sitzen die Gläubigen oft nur stumm auf ihren Stühlen und lauschen. Lydie und Andreas Baumann-Bay erklären noch genauer: «Die Christengemeinschaft ist eher liberal eingestellt. Man missioniert nicht. Und auch der Kirchenbesuch ist nicht obligatorisch. Viele Anthroposophen verhalten sich wie andere moderne Christen. Sie benützen zwar die Dienstleistungen der Christengemeinschaft, sie heiraten dort, lassen ihre Kinder dort taufen und dergleichen mehr, aber die Sonntagshandlung wird nur selten besucht. Zu erwähnen wäre noch, dass die Christengemeinschaft trotz vieler Parallelen zu den grossen Kirchen von deren Vertreter eher mit Skepsis goutiert wird. Und das hat seine Gründe. Denn in den Kernfragen, insbesondere was die Auslegung der Bibel und der Evangelien betrifft, geht Steiner ganz andere Wege.»
«Auch Neger sind Menschen»
Viel Wirbel um die Anthroposophie entstand aber in den letzten Jahren. Nach und nach meldeten sich Kritiker zu Wort, die Steiner als Antisemit und seine Gemeinschaft als rassistische Sekte bezeichneten. Empörung lösen diese Vorwürfe natürlich vor allem beim «anthroposophischen Zweig» aus. So verteidigt Walter Kugler seinen Meister: «Rassist, Faschist, Antisemit, das sind die Formeln, mit denen man heute jeden und alles abwürgen kann, auch Steiner und die Anthroposophie.»
Eine schwache Verteidigung, wenn man die massiven Vorwürfe kennt. Viel Anlass zu Diskussionen gibt oft Rudolf Steiners von der Theosophie übernommene Rassentheorie. «Innerhalb der Entwicklung der Menschheit verliert immer mehr und mehr der Begriff, worin sich die Gruppenseelenhaftigkeit am meisten ausdrückt, an Bedeutung, nämlich der Rassenbegriff. Was wir heute Rasse nennen, das sind nur noch Überbleibsel jener bedeutsamen Unterschiede der Menschen, wie sie in der alten Atlantis üblich waren. So recht anwendbar ist der Rassenbegriff nur auf die alte Atlantis. Daher haben wir, da wir rechnen mit einer wirklichen Entwicklung der Menschheit, für die nachatlantische Zeit gar nicht den Begriff Rasse im eminentesten Sinne gebraucht. Wir sprechen nicht von einer indischen Rasse, persischen Rasse und so weiter, weil das nicht mehr richtig ist. Wir sprechen von einem altindischen Kulturzeitraum, von einem altpersischen Kulturzeitraum und so weiter.» (In: Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerden im Lichte der Evangelien. Gesamtausgabe 177.)
Diese und andere Aussagen Steiners klingen für seine Zeit fortschrittlich und viel versprechend. Allerdings stehen sie in einem gewaltigen Widerspruch zu folgenden Aussagen Steiners aus dessen Vorträgen. «Die Menschen würden ja, wenn die Blauäugigen und die Blondhaarigen aussterben, immer dümmer werden, wenn sie nicht zu einer Art Gescheitheit kommen würden, die unabhängig ist von der Blondheit. Die blonden Haare geben eigentlich Gescheitheit.» Wie unterscheidet man denn die intelligenten Blondhaarigen von den dummen Dunkeläugigen? Steiner selbst teilt doch die Menschheit in eine blondhaarige und eine dunkle Rasse ein.
Wie funktioniert das nochmals genau mit dem Wort Rasse, das durch das Wort Kulturzeitraum ersetzt werden soll, Herr Steiner? In seiner Gesamtausgabe sagt der Begründer der Anthroposphie weiter: «Es ist einmal so beim Menschengeschlecht, dass die Menschen über die Erde hin eigentlich alle aufeinander angewiesen sind. Sie müssen einander helfen. Das ergibt sich schon aus ihrer Naturanlage.» Ein schöner Gedanke. Wie er sich diese Hilfe vorstellt, erklärte Steiner in einem Vortrag vom 21.8.1922. «Denn selbst die Neger müssen wir als Menschen ansehen, und in ihnen ist ja die menschliche Gestalt in einer ganz anderen Weise verwirklicht als in uns, zum Beispiel.» Die Hilfe untereinander besteht also darin, dass wir, als Weisse, welche die Weisheit ja sowieso mit den Löffeln gegessen haben, uns den Schwarzafrikanern annehmen und sie grosszügigerweise auch als Menschen akzeptieren.
Pädagoge Ernst Heinzer ist da anderer Meinung: «Das darf man natürlich nicht so absolut sehen, und Steiner hat das bestimmt nicht so gemeint. Es ist aber schon so, dass die Anthroposophie sich vor allem von Mitteleuropa aus verbreitet hat, wo sie auch entstanden ist. Es ist also nicht verwunderlich, dass deshalb auch überwiegend Elemente der mitteleuropäischen Kultur vorhanden sind. Anthroposophie ist aber eine Weltanschauung für jedermann. Sie soll die ganze Menschheit erreichen, ob nun Weisse, Afrikaner oder Asiaten.» Lydie und Andreas Baumann-Bay sagen dazu: «Tatsache ist: Es gibt Aussagen Steiners über einzelne Völker und Rassen, die nach heutigem Empfinden eindeutig diskriminierend sind. Was er über Schwarze, über Indianer und andere 'Wilde', wie er sie nannte, gesagt hat, ist teilweise empörend. Dass dahinter eine Entwicklungshypothese steht, die einzelne Völker als dekadent und andere als auserwählt für höchste Menschheitsaufgaben betrachtet, macht die Sache nur noch schlimmer.»
Auffällig ist auch, dass an Waldorfschulen nur in Ausnahmefällen ausländische Kinder zu sehen sind. «Nein», schüttelt Luisa Weber den Kopf, «während meiner gesamten Schulzeit bin ich nie einem ausländischen Schüler begegnet, ausser einer brasilianischen Klassenkameradin, die aber bereits als Baby von einer Schweizer Familie adoptiert wurde.» Wo Menschen aus verschiedenen Kulturen gar nicht erst aufeinander treffen, kann der Vorwurf nach Diskriminierung und Rassismus schwerlich erhoben werden.
Aber auch in diesem Punkt verteidigt Ernst Heinzer seine Gemeinschaft. «Ich unterrichtete immer mindestens vier bis sechs Schüler ausländischer Eltern pro Klasse, ob das nun Asiaten oder Europäer waren. Einmal hatte ich sogar einen schwarzafrikanischen Schüler, der ein Jahr an unserer Schule verbrachte.» Ob ihm die Schule nicht gefiel oder ob er andere Gründe hatte, warum er nach einem Jahr die Schule wechselte, konnte der Schulgründer nicht beantworten.
Stellt sich die Frage, ob nun die anthroposophischen Lehrmethoden oder das hohe Schulgeld ausländische Eltern davon abhalten, ihre Kinder in Waldorfschulen zu schicken. Ernst Heinzer weiss auch darauf eine Antwort: «Ich würde behaupten, dass in der Schweiz lebende Ausländer meistens Arbeiterfamilien sind, die sich gar nicht gross für alternative Schulmethoden interessieren. Viele von ihnen sind vielleicht Italiener, Türken oder Ex-Jugoslawen, die noch nie etwas von der Anthroposophie gehört haben.»
Schlechte Aussichten
Die Anthroposophie wird es in den kommenden Jahren nicht leicht haben. Zwar liegen Waldorfschulen nach wie vor klar im Trend, doch viele Eltern, die ihre Kinder der anthroposophischen Lehrerschaft anvertrauen, wollen mit Steiners Theorien selbst nichts am Hut haben. Gefragt wäre demnach eine Kompromisslösung. Steiners Theorien zur Landwirtschaft, Medizin und Pädagogik sollten auch künftig angewendet werden, jedoch ohne den Anspruch des anthroposophischen Absolutismus. Demeter-Brot, gerne. Anthroposophie, nein danke. Lydie und Andreas Baumann-Bay bezweifeln, ob diese Idee auch wirklich funktionieren könnte: «Durch die Kritik von aussen, die seit Mitte der achtziger Jahre deutlich zugenommen hat, ist einiges in Gang gekommen. Es gibt Anthroposophen und Anthroposophinnen, die sich mittlerweile von einzelnen Aspekten der Weltanschauung Steiners distanzieren. Das sehen wir als positives Signal. Ob es diesen liberaleren Mitgliedern gelingen wird, die hundertprozentigen Steinergläubigen zurückzudrängen, wird sich noch zeigen.»
Ernst Heinzer ist der Überzeugung, dass die Anthroposophie in Zukunft mehr denn je an Bedeutung gewinnen wird. «In einer Zeit, die von Egoismus und Kriegen bedroht ist, muss die Anthroposophie ein Gegengewicht darstellen, gleichsam einer Insel der Ruhe und Harmonie umgeben von Materialismus und Gewalt.» Dazu meint Christian Santschi: «Ich glaube, dass Rudolf Steiner ein sehr charismatischer und offener Mensch war, der viel ins Rollen gebracht hat. Leider ist es aber oft so, dass die Theorien eines Meisters nach seinem Tod von dessen Jüngern viel zu pingelig auf das tägliche Leben übertragen werden. Dadurch wird die Gemeinde der Nachfolger einseitig, stur und unflexibel. Würde Steiner noch leben, wären die Anthroposophinnen und Anthroposophen sicher eine aufgeschlossenere, tolerantere Gemeinschaft, als sie es heute ist. Diesen Aspekt sollten sich diese Leute einmal vor Augen halten.»
Anthroposophie ade
Immer wieder kommt es vor, dass sich einige Anthroposophen entscheiden, nach langjähriger Mitgliedschaft sich vom Meister Steiner und dessen Ideen zu verabschieden. Sei dies nun, weil sie einen anderen Führer gefunden haben, weil sie Steiners Ideen nicht mehr als zeitgemäss empfinden oder damit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Auch Lydie Baumann-Bay gehört zu den Abtrünnigen: «Bei mir war es eine langsame, schrittweise Ablösung. Die Zweifel an Rudolf Steiner und seiner Lehre wurden zusehends grösser. Seine vielen Angaben, seine komplizierten Gedankengänge und so weiter empfand ich als mehr und mehr einengend. Statt den Blick zu weiten, verengten sie ihn.»
Ebenso wandte sich Andreas Baumann-Bay von Steiners Weltanschauung ab: «Als ich nach dem Studium begann, Kurse zu geben, merkte ich, wie schwer es mir fiel, die Angaben Rudolf Steiners umzusetzen und seine Ansichten zu vertreten. Ich versuchte daher beim Unterricht, möglichst nur dasjenige zu vermitteln, was mir nachvollziehbar schien. Doch ich geriet damit immer stärker in Konflikt mit den Erwartungen des anthroposophischen Umfelds.»
Wie und ob sich die anthroposophische Bewegung entwickeln wird, wird sich zeigen. Fakt ist aber, dass sogar ein eingefleischter Anthroposoph wie Walter Kugler zugeben muss: «Zweifellos, es gibt Äusserungen im dreihundertbändigen Werk Steiners, die treiben uns Veteranen der Anti-Vietnam-Generation den Schweiss aus allen Poren und mitten auf die Stirn. Da hilft zur Beruhigung auch nicht, dass Schelling und Marx, Adorno und Borges auch mal tüchtig daneben gegriffen haben.»
