Indianer und Bleichgesichter
Claude Jaermann porträtiert Menschen im Land der Lakotas
Von Claude Jaermann
Martin: Künstler und Überlebenskünstler
Manchmal wäscht er Geschirr in einer Kneipe von Keystone. Manchmal ist er obdachlos und lebt irgendwo auf der Strasse. Und einmal im Monat betrinkt er sich gewaltig. Dann rebelliert sein Körper und er begibt sich in eine Klinik, wo ihm Pillen ausgehändigt werden. Den Rest des Monats ist Martin Long Soldier ein begnadeter Künstler. Er fertigt die schönsten Traumfänger und Pfeile der ganzen Region. Martin ist Vollblut-Lakota und heisst Akicita Hunska.
Vor vierzig Jahren kam er in Wanblee, einem kleinen Nest östlich der Badlands, als eines von acht Kindern zur Welt. Dann zogen Mormonen-Prediger von Tür zu Tür, die ihr Schulsystem anpriesen, und «Grosser Soldat» wurde im fernen Idaho zur Schule geschickt. Dort hielt es Martin knapp ein Jahr aus. Mit fünfzehn Jahren zog er ins Pine Ridge Reservat. Ein Typ stellte dort ein Projekt für obdachlose Jugendliche auf die Beine und nahm den Ausreisser bei sich auf. Von diesem Mann lernte Martin die Herstellung von traditionellem Kunsthandwerk.
Trotzdem fühlt sich Martin zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite die Lakotas, deren Sprache er beherrscht. Auf der anderen Seite die Weissen mit der Macht, dem Geld und dem Alkohol. Seine Verwandtschaft, der so genannte Tiospaye, der Kreis, der sich gegenseitig hilft, ist für ihn sehr wichtig. Doch wenn einer aus der Familie mit dem Sixpack Budweiser auftaucht, tritt auch deren negative Seite zutage.
Martins Traum ist es, im Winter ans «National Gathering» nach Arizona zu fahren, dort seine Kunstgegenstände zu verkaufen oder Grundmaterial für neue Werke zu erstehen. Dafür will er die Fahrprüfung machen. Doch mit all den Versicherungen und Papieren kostet dies einen Haufen Geld. «So halten sie einen unten», sagt er grinsend und ohne Groll. Zu seinem Freundeskreis gehören auch Weisse.

Charly, der Brückenbauer
Die Black Hills und die reiche Kultur der Lakotas hatten ihn schon als Kind fasziniert. Charly Juchler, der Winterthurer, las jedes Buch, das er über das Leben dieses Nomadenvolkes in die Hände bekommen konnte. Obwohl er als 20-Jähriger über die Armut und die Alkoholprobleme in den Reservaten South Dakotas wusste, war er erschrocken, wie schlimm die Realität dann tatsächlich aussah.
Immer wieder zog es ihn in die Badlands und die Black Hills. Als der Service Civil ein Unterstützungsprojekt für traditionelle Lakotas ausschrieb und acht Europäer suchte, war für Charly klar: Da will ich hin. Er erhielt den Zuschlag und konnte an einem der letzten Sonnentänze von Frank Fools Crow aktiv mithelfen. Die Begegnungen mit Lakotas, die um die Wahrung ihrer Tradition besorgt waren, berührten ihn tief.
Ein Wendepunkt kam 1993 mit dem Film Dances with Wolves, der in South Dakota gedreht wurde: Der Tourismus nahm im Jahr nach dem Film um 70% zu. Plötzlich begannen sich mehr Menschen für die indianische Kultur im Allgemeinen und die der Lakotas im Speziellen zu interessieren. Galerien entstanden, die Kunsthandwerk billig einkauften und teuer weiterverkauften. «Das kann ich besser», sagte sich Charly selbstbewusst und fing dank seinem guten, über Jahre aufgebauten Netz von Beziehungen an, qualitativ hoch stehendes Kunsthandwerk im fairen Handel einzukaufen.
Heute zeigt Charly Juchler an einer Ausstellung jedes Jahr eine Auswahl an Kunstgegenständen und beliefert unter anderem auch das Indianermuseum in Zürich. Zudem führt er viermal im Jahr kleine Gruppen durch seine zweite Heimat South Dakota. Er bietet Einblick in den Alltag der Lakotas, die in der modernen Welt leben und trotzdem ihre kulturellen Wurzeln pflegen. Und dies ohne Idealisierung und esoterische oder spirituelle Überbewertung. Im Tipi schläft auch er meistens nur, wenn er eine Gruppe zu Gast hat.
www.chanteetan.com
Valery von Wounded Knee
Es ist drückend heiss an diesem Montag im Juli. Das Thermometer steigt auf 35 Grad und auch in Amerika ist Ferienzeit. Doch hier, an der Gedenkstätte in Wounded Knee, die an das Massaker vom 29. Dezember 1890 erinnert, findet sich praktisch kein Tourist. Diese pflegen zum Nationalheiligtum Mount Rushmore zu pilgern, den riesigen Präsidentengesichtern, die in den heiligen Black Hills wie ein Pickel im Gesicht eines Freundes hängen. Dabei ist Wounded Knee das bedeutendste Mahnmal in der noch jungen Geschichte der Vereinigten Staaten. Vor über 110 Jahren wurde hier der Traum der letzten wirklich frei lebenden Indianer wortwörtlich begraben. Über 200 Männer, Frauen und Kinder wurden von der Armee niedergemetzelt. 200 Leute unter der Leitung von Häuptling Big Foot, die, halb verhungert und fast erfroren, sich einfach ergeben und in Frieden zu ihren Verwandten bei Häuptling Red Cloud wollten.
Valery Brown Eye stellt verschiedene Schmuckstücke aus Glasperlen und Stachelschweinborsten her, die sie an einem behelfsmässigen Stand nahe der Gedenktafel zum Verkauf anbietet. In Wounded Knee sind praktisch alle Einwohner arbeitslos und vom Alkohol abhängig. Es ist der ärmste Fleck der gesamten Vereinigten Staaten. Doch Valery klagt nicht. Im Gegenteil: Sie kann von ihrem Kunsthandwerk mehr recht als schlecht leben. Und wenn sie ein paar Dollars in der Tasche hat, gibt sie den Verdienst anderen, denen es schlechter geht als ihr. Wir kaufen ihr einen Traumfänger ab und fragen sie, ob wir ein Foto von ihr für ein Schweizer Magazin machen dürfen. Sie lacht und erzählt von einer Schweizerin, die sie jedes Jahr besuchen kommt, und schenkt uns zum Abschied noch einen zweiten Traumfänger. Berührt und irgendwie auch beschämt, nehmen wir das Geschenk an. Geld würde sie beleidigen. Eine Tafel Schweizer Schokolade wird jedoch lachend ausgepackt und auf der Stelle verspeist. So viel, so wenig. Und beim Mount Rushmore starren Tausende auf steinerne Gesichter.
Weitere Porträts im Heft.