Hin zur Kraft!
Martin Frischknecht über esoterischen Tankstellen-Tourismus
Von Martin Frischknecht
Sind Sie müde? Fühlen Sie sich ausgebrannt und erschöpft? Kein Wunder: Sie haben strenge Tage hinter sich. Die Zeiten sind hart, aber modern, und das eigentlich schon so lange, dass Sie sich gar nicht mehr daran erinnern können, wann dieser ganze Stress bloss anfing.
Man müsste mal richtig ausspannen, wegfahren und an einem Meer ein paar Tage lang tief durchatmen, den Kopf durchlüften, nichts tun, sich langweilen und dabei die Batterien neu aufladen. Das Dumme ist bloss: Dazu fehlt die Zeit.
Dann trinken Sie eine Tasse Tee oder Kaffee, machen Sie die Fünf-Tibeter, den Sonnengruss, eine Chakra-Atmung - am besten das gesamte Programm hintereinander. Das alles liegt bereits hinter Ihnen, und Sie fühlen sich immer noch schlapp?
Vielleicht geht es um subtilere Energien, um Antriebskräfte, die sich mit Kalorienzähler und Pulsmeter nicht messen lassen. Auch diese Schwingungen sind zu haben. Wer nicht weiss wo, schlägt nach in einem Buch über «Orte der Kraft», in dem sich erdmagnetische Zentren verzeichnet finden. Von Pendlern bestimmt, sind diese Orte ihrer Strahlkraft nach beschrieben. Da erfahren wir, dass es ganz in unserer Nähe eine Wiese, ein Kirchlein oder einen Hügel gibt, die still vor sich hin strahlen und von alters her als Orte der Kraft gelten.
Nichts wie hin! Eine Strassenkarte aus dem Verlag, der auch die Bestseller über Kraftorte vermarktet, weist den schnellsten Weg: Hinfahren, aussteigen, auftanken, sich erholen, die verbrauchten Batterien aufladen.
Ist das nicht wunderbar? Allerdings! Die Sache hat bloss einen Haken: So funktioniert es nicht. Das heisst, ab und zu vielleicht schon, doch dann haben andere Komponenten mitgespielt, die wichtiger sind als das stärkste Strahlen der Erde.
Denn einfach so nur für sich fliessen diese Ströme nicht. Obwohl viele Radiästheten gerade das behaupten. Was sie aber wahrnehmen, was ihnen in den Fingern juckt und was sie gerne als naturwissenschaftlich beweisbare, objektiv feststellbare Energie darstellen, braucht stets einen sensitiven Menschen, der damit in Resonanz tritt.
Ohne unsere Fühligkeit, frei von unseren Empfindungen, ist diese Kraft nicht zu haben. Wir sind die Resonanzkörper, wir sind die Saiten, die erklingen, wenn subtile Kräfte uns streifen. Wie bei einem Musikinstrument kommt es ganz entscheidend darauf an, wie wir gestimmt sind, damit ein guter Ton entsteht.
Womit wir wieder beim Anfang wären. Wer von sich glaubt, nur kaputt und bedürftig zu sein, wer ausgepowert hinfährt, um aufzusaugen, geht auch am stärksten Platz leer aus. Wie sollen wir aufnehmen können, wenn wir bis oben hin voll sind mit Bedürftigkeit und Selbstmitleid? Bereits sind Zäune errichtet worden, um solche Art von Besuchern vom Betreten der Orte abzuhalten. Flurschäden sind zu beklagen, angerichtet von vermeintlich sensitiven Trampeltieren. Autos werden in die Wiesen gestellt, von solchen, die zu faul sind, die paar Meter zu Fuss zu gehen.
Kommt es bei einer Pilgerreise denn darauf an, eine bestimmte Stätte zu erreichen? Scheinbar schon. Doch während einer unterwegs ist, arbeitet er an sich selber, hobelt und feilt an seinen Erwartungen. Mit Lenkrad und Gaspedal ist das kaum zu machen. Nicht von ungefähr werden die klassischen Pilgerfahrten auch heute noch auf Schusters Rappen zurückgelegt.
Es muss ja nicht gleich nach Santiago de Compostella sein. Eine Nacht schweigend durchwandern, um mit den ersten Sonnenstrahlen des Morgens am geplanten Ort einzutreffen - woher strömt dann die subtile Kraft? Aus der Erde, aus dem Heiligtum oder aus dem eigenen Herzen? Sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von allen dreien. Daraus erwächst dieses unermessliche Vierte. Stets wieder neu und unverbraucht. Von geomantischen Tankstellen ist das nicht zu haben.
