Daniela am Wasserfall
«Wollen wir eine Trommelreise machen, um herauszufinden, worüber du schreiben könntest?», fragt mich Daniela Rupp in urchigem Bündner Dialekt. Und ob ich will!
Von Claude Jaermann
Bepackt mit Trommeln und weiteren Zeremonialgegenständen stapfen wir also durch den Sulzschnee in Richtung Sertiger Wasserfall. Vorbei am Sertig-Dörfli, das mir in Form von Bastelbögen, die es anno Domini in der Primarschule zu kaufen gab, noch lebhaft in Erinnerung ist.
Schon von weitem hört man den Sertiger Wasserfall, der in zwei Stufen etwa hundert Meter in die Tiefe stürzt. Das Rauschen wird Schritt für Schritt stärker, und wenn ich nicht dauernd auf den engen, leicht eingetretenen Pfad schauen müsste, würde ich ihn auch schon längst sehen. Jeden Vollmond, egal wie das Wetter auch sein mag, zieht es Daniela Rupp, die schamanistisch Tätige, mit Gleichgesinnten an den Sertiger Wasserfall. «Wie aus einer Vulva schiesst das Wasser hinunter», meint unsere Führerin und fügt hinzu: «schon seit Jahren ist das für mich ein kraftvoller Ort.» Schmunzelnd meint sie: «Hier stört es auch niemanden, wenn wir trommeln und singen.» Manch ein Einheimischer hat ihr bereits das wenig schmeichelhafte Prädikat «Spinnerin» verliehen.
Unsere Blicke gehen den Berg hoch, zum Punkt, wo sich das Wasser des Ducanbachs über die Felskante stürzt. Doch etwas anderes lenkt unsere Augen noch weiter nach oben. So kitschig es in diesem Zusammenhang auch klingen mag: Drei Adler ziehen am Himmel ihre Kreise und heissen uns offensichtlich willkommen an diesem Ort der Kraft. Eine luftige Etage tiefer segeln ein halbes Dutzend Bergdohlen um die schroffe Felswand. Daniela lächelt, begrüsst die vier Himmelsrichtungen und legt für jede Richtung einen Edelstein auf das Kiesbett, wo der Schnee langsam der Frühlingswärme weicht. In der Mitte dieses kleinen Kreises entzündet Daniela eine Kerze. Behutsam nimmt sie ihre Trommel aus der Hirschfelltasche und beginnt gleichmässig zu schlagen. Ich schliesse meine Augen, setze mit einer zweiten Trommel ein und gehe auf meine Reise.
Schon bald begegnet mir ein Luchs, der mich sanft, aber bestimmt einlädt, mich mit dem Gesicht nach unten auf die Erde zu legen. Als sich das Tier auf mich legt, schweben wir gemeinsam durch verschiedene Erdschichten, bis ich mich auf einer Steinplatte wieder finde. Der Luchs sitzt jetzt auf einem Felsvorsprung. Auf meine Frage, was meine Aufgabe hier sei, dreht er mir einfach den Rücken zu. Plötzlich steht er auf und führt mich in eine Höhle zu vier Wesen, die mir eine leuchtende Kugel zeigen. Noch bevor ich etwas über diese Kugel erfahren kann und damit vielleicht eine Botschaft erhalte, weshalb ich hier bin, ruft mich Danielas Trommel aus der nicht alltäglichen Wirklichkeit zurück.
Ich nehme das Rauschen des Sertiger Wasserfalls wieder wahr, atme die reine, klare Bergluft ein und spüre den Boden unter meinen Füssen. Lautet die Botschaft: Nicht sehen, sondern wahrnehmen? Oder leise und achtsam sich bewegen wie ein Luchs? Doch was hat es mit den vier Wesen und der Leuchtkugel auf sich? Lauter Fragen kreisen in meinem Kopf. Erst auf dem Rückweg erfahre ich von der Bündner Schamanin ein Geheimnis, das mit meiner Reise und dem Sertiger Wasserfall zu tun hat. Doch dieses gehört einzig und alleine zu meinem eigenen inneren Kraftort. Habe ich Ihre Neugier für kräftige Plätze geweckt? Schön wär's!
Daniela Rupp lebt und arbeitet in Davos-Frauenkirch. In Kursen vermittelt sie schamanisches Wissen. Viele Menschen finden auch zu ihr, wenn traditionelle Medizin versagt oder wenn es gilt, Seelenanteile zurückzuholen.
