
Das St. Albantal im Jahr 1654
Magischer Raum Basel
Einige Mönche ziehen im Mittelalter vor die Tore der Stadt.Die Klosterbrüder graben einen Kanal. Eine wenig bekannte Linie der Stadtgeschichte führt über die Seidenfabrikation schliesslich zur Entdeckung des LSD in unseren Tagen.
Von Carl Fingerhuth
Als Kind war ich ein enthusiastischer Fussball-Fan. Meine Helden waren die Spieler der Grasshoppers. Leider gewannen sie nicht immer. Irgendwie schien es mir aber sehr klar, dass ich das beeinflussen könnte. Wenn ich nur Gelegenheit gehabt hätte, meinem Idol, dem linken Flügel Biedermann, vor dem Spiel zu begegnen, dann wäre etwas in der Welt anders geworden; er wäre anders auf das Feld gekommen - und die Grasshoppers hätten gewonnen.
Gilt das Gleiche nicht auch für eine Stadt? Ist eine Stadt nicht auch ein Spielfeld, auf dem nicht bloss die mit Nummern auf dem Rücken spielen? Auf diesem Feld gibt es Akteure, die treten, stossen und ziehen; und es gibt Zuschauer, die mit Applaus, Pfeifen oder mit Schweigen Einfluss nehmen; es gibt Schiedsrichter, Berichterstatter, den Platzwart, Sponsoren des Vereins und die Architekten des Stadions.
Das Spiel der Stadt ist nicht ein Puzzle, bei dem das Schlussbild vorgegeben ist. Eher ist es ein Spiel mit einem offenen Ergebnis, und jedes Ergebnis ist ein vorübergehender Zustand in einem übergeordneten grossen Spiel. Jeder Bewegung, aber auch jeder bewussten Nicht-Handlung kommt Bedeutung zu.
Seit ich 28 Jahre alt bin, arbeite ich als Architekt für Städte. In erster Linie unterstütze ich Behörden bei der Betreuung von Veränderungen ihrer Stadt. Auf Deutsch nennt man diese Tätigkeit «Städtebau», das französische Wort «Urbanisme» ist weniger eng gedacht.
Eine Stadt verändert sich nicht chaotisch. Wie in einem komplexen biologischen Prozess transformiert sie sich aus einem alten Zustand in einen neuen, in sich wieder schlüssigen Zustand. Bei diesem Prozess scheinen drei Aspekte zu wirken:
1. Es scheint Kräfte zu geben, die richtungsgebend wirken und in der Stadt immer wieder kohärente Gestalten hervorbringen.
2. Diese gerichteten Kräfte scheinen in ein Spiel von Polaritäten eingebunden zu sein. Erneuernde und stabilisierende Kräfte stehen im Dialog. Das Einfache und das Komplexe streiten sich. Das Individuelle und das Kollektive, das Lokale und das Globale rivalisieren gegeneinander.
3. Und so wie die Welt dreifach gelesen werden kann, auf der Ebene des Fleisches, der Seele oder des Geistes, ist auch das Spiel der Stadt dreifach lesbar. Wir können die Stadt auf ihre technisch materielle Dimension reduzieren, sie als ein Konstrukt aus Stein, Eisen und Glas auffassen. Wir können sie aber auch als Teil unseres Selbst verstehen, als Spiegel unserer Hoffnungen und Ängste, unserer Bedürfnisse und unserer Träume. Vielleicht ist sie aber auch wir selbst.

Von meinem 42. bis zu meinem 56. Lebensjahr war ich als Kantonsbaumeister der Stadt Basel intensiv in das Spiel dieser Stadt eingebunden. Ich war Spieler, Schiedsrichter, Trainer, Architekt des Stadions. Vor diesem Hintergrund sind magische Stadtgeschichten entstanden. Ich erzähle meine Geschichten so, dass die Leserin oder der Leser sie als Spaziergang von Osten nach Westen durch die Altstadt von Basel ablaufen kann.
Wir beginnen im St. Albantal, unten am linken Ufer des Rheins, und zuerst geht es einmal um die «Richtung».
Das St. Albankloster
Irgendwann im 11. Jahrhundert beschlossen Menschen, die auf einer spirituellen Suche waren, draussen vor der Basler Stadtmauer, am Ufer des Rheins, ein Kloster zu errichten. Ich nehme an, dass sie dort bauten, weil von dort aus eine Strasse zur Stadt hinauf führte. Sie steigt mit gleichmässiger Neigung von einem Anlegeplatz am Rhein hinauf zum Münsterhügel und diente wahrscheinlich bereits in römischer Zeit zum Transport von Waren und Baumaterialien. Belegstücke sind römische Bausteine, die aus der römischen Stadt Augst stammen und im ersten Jahrhundert für den Ausbau der Befestigung von Basel verwendet wurden.
Der St. Albandeich
Aber kein Ort kann ausschliesslich spiritueller Ort sein. Eines Tages nahmen die Mönche Pickel und Schaufel in die Hände und gruben von der Birs her einen Kanal. So konnten Maschinen bewegt werden, die zum Mahlen von Getreide und zur Bearbeitung von Baumaterial dienten. Die Gebäude an der Verzweigung der zwei Kanäle heissen heute noch Schindelhof.
Die Papierfabrikation
Städte dienen den Menschen dazu, Güter auszutauschen. Waren oder Informationen werden auf Strassen - materiellen oder virtuellen - transportiert. Jemand brachte das Wissen der Papierherstellung nach Basel und ein anderer achtsamer Mensch erkannte die Bedeutung dieser Technologie. Im St. Albantal entstand ein Technopark. Im Papiermuseum in der Galizianmühle wird heute mit den gleichen Methoden wieder mittelalterliches Papier produziert.
Der Buchdruck
Neue Technologien können als Erfindungen bezeichnet werden. Wir können sie aber auch als magische Prozesse verstehen, die unabdingbare Teile der Evolution bilden. Sie entstehen als Teilphänomene universeller Prozesse. Sie sind so etwas wie Schiffe, die den Menschen für grosse Reisen zur Verfügung gestellt werden und es ihnen möglich machen, neue Kontinente zu erforschen.
Im Norden war der Buchdruck «erfunden» worden. Dieser hatte die gleiche Bedeutung für die Befreiung des Menschen wie die Entwicklung der Sprache oder heute die elektronische Kommunikation. Mit dem Buchdruck öffnete sich der Zugang zu Informationen über die äussere Welt mit einem Quantensprung. Die Papierhersteller waren achtsam und wurden zu Buchdruckern.
Die Universität
Auch damals musste der Prophet noch zum Berg gehen: Erasmus von Rotterdam liess sich in Basel nieder, um bei Johannes Froben im St. Albantal seine Bibelübersetzung drucken zu lassen. Basel wurde zu einem der Kernorte des religiösen und wissenschaftlichen Diskurses in Europa. Die neue Universität blühte. Später zog sie Friedrich Nietzsche, Karl Barth und Karl Jaspers nach Basel. Vielleicht war das so, weil vor hunderten von Jahren ein paar Mönche beschlossen hatten, einen Kanal zu bauen.
Wir haben den Spaziergang bei der Galizianmühle begonnen. Wir sind an der Stadtmauer entlang zum Kanal der Mönche gelangt, wir sind am Schindelhof und an der alten Maschinenfabrik vorbeigegangen. Von dort sind wir zum Münsterhügel hinaufgekommen. Auf dem Münsterhügel war während 14 Jahren mein Arbeitsplatz.
Das grosse Thema im Spiel der Stadt zur Zeit von 1979 bis 1993 war der Gegensatz von Kontinuität und Veränderung, der Kampf des Alten mit dem Neuen. Dieses mythische Thema ist eine von vielen Polaritäten, die das Spiel der Stadt bestimmen. Mit den chinesischen Symbolen für die vier Himmelsrichtungen ausgedrückt, ist es der Kampf des blauen Drachen mit dem weissen Tiger.
Kampf der mythischen Kräfte
Bis Mitte der 70er Jahre war in Basel der blaue Drache allein herrschender Repräsentant der mythischen Welt. Er steht für die Frühlingsenergie, die Wachstum bewirkt. Das Alte muss zerstört werden, damit Platz für Neues geschaffen wird. Seine Kraft und Ausstrahlung war in den 60er Jahren so stark, dass die westlichen Menschen sich gar nicht mehr bewusst waren, dass er nur eine von vielen mythischen Kräften im Kosmos war. In der entzauberten Welt der Moderne hatte seine Energie alle anderen Aspekte der Welt überblendet, so dass die weiteren Kräfte vergessen oder zumindest diskriminiert wurden.
Für Basel bedeutete dies, dass man beschlossen hatte, die Grossbasler Altstadt abzubrechen, um Raum in der Innenstadt für eine neue Strasse und einen zweiten Marktplatz zu schaffen.
Der Sturz der Diktatur des blauen Drachen brachte aber nur eine andere dominante Energie an die Macht. Neuer König wurde der weisse Tiger, der die Herbstenergie repräsentiert. Nun muss gesammelt und gehortet werden. Veränderung ist lebensbedrohend.
Die rasche Veränderung der Stadt in den 70er Jahren hatte diese Gegenreaktion ausgelöst. Strassenbau war zum Symbol von blindem Fortschrittsglauben geworden. Jeder Stein und jeder Balken der Altstadt wurde nun heilig gesprochen. Wichtigstes politisches Instrument war das neue Denkmalschutzgesetz geworden. Die grössten Bauaufgaben von Basel waren Renovationen im Sinne des Denkmalschutzgesetzes.
Meine Aufgabe als Kantonsbaumeister war die Anerkennung der beiden Kräfte als unerlässliche polare Energien für die lebenswichtige Transformation einer Stadt.
Wir renovierten vierzig zum Abbruch vorgesehene Altstadtliegenschaften. Gleichzeitig unterstützte ich aber die Christoph-Merian-Stiftung bei einer kreativen Sanierung des St. Albantals, bei der Altes mit Neuem ergänzt wurde. Bei mehreren Wettbewerben für Baulücken in der Altstadt wurde die alte Struktur zwar respektiert, doch dabei wurden neue Formen eingebracht. Vergleichbares geschieht in unserer Sprache. Die Struktur einer Sprache in der Form ihrer Syntax steht für die Kontinuität. Durch die rasche Transformation der Bedeutung von Wörtern entstehen neue Formen. Anfang der 90er Jahre war in Basel bei diesem Thema ein harmonisches Gleichgewicht erreicht. Heute stehen andere grosse Themen im Vordergrund wie Globalität versus Individualität oder Rationalität versus Emotionalität.
Vom Seidenband zum LSD
Kehren wir nochmals zu unserer Reise durch das magische Spiel der Stadt zurück.
Vom Münsterplatz durch die Augustinergasse weiter nach Westen gelangen wir zum Blauen und Weissen Haus. Hier im Haus der Gebrüder Sarasin trafen sich der Zar von Russland, der österreichische Kaiser und der König von Preussen, hier wohnte Cagliostro, und Napoleon soll sich vor diesem Haus von Peter Ochs überredet haben lassen, die Schweiz nicht als ein Departement Frankreich einzuverleiben.
Hier geht Basels Geschichte einer gerichteten Evolution weiter. Die Sarasins gehörten zur Gruppe französischer Hugenotten, die als Asylanten in Basel aufgenommen wurden und die Technik und Kunst der Seidenbandfabrikation mitbrachten.
Diese neue Industrie führte zu einer Blüte der Wirtschaft in Basel und als dessen Zweig auch zu einer Suche nach Färbetechniken. So entstand eine chemische Industrie, die sich später als pharmazeutische Industrie diversifizierte. Diese Entwicklung schaffte die Voraussetzungen dafür, dass ein Albert Hofmann in einem Labor der Firma Sandoz im St. Johann in den dreissiger und vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts den psychedelischen Wirkstoff LSD entwickeln konnte. Einige hundert Jahre zuvor hatten ein paar Mönche beschlossen, einen Kanal zu bauen É
Man erreicht den Standort von Hofmanns einstigem Labor, indem man vom Blauen und Weissen Haus aus weiter nach Westen geht, auf einer Strasse, die identisch ist mit einer Achse, die den Petit Ballon, zu Deutsch «Kleiner Belchen», im Elsass mit dem Belchen im Solothurner Jura verbindet. Diese Linie liegt orthogonal zur Orientierung des Münsters, welches wiederum auf den Sonnenaufgang des kürzesten Tages weist. Und das Labor liegt dort, wo die ältesten Spuren der Stadt Basel gefunden wurden. Dies führt uns zum dritten grossen Aspekt im Spiel der Stadt Basel, zur Schichtung des Physischen mit dem Emotionalen und dem Spirituellen.
Das Belchendreieck
Der keltische Stamm der Rauraker definierte irgendwann vor der Invasion Galliens durch Caesar ein an den Himmelskörpern ausgerichtetes Orientierungsnetz. Aufgrund dieses Netzes erhielten drei Berge der Gegend identische Namen: der Schweizer und der Deutsche Belchen sowie der französische Grand Ballon. Dieses Netz bestimmte die Orientierung der kirchlichen Bauten auf dem Münsterhügel und den Ort und die Richtung der Strasse, die über den Münsterhügel zum St. Johannquartier und von dort weiter ins Elsass führt.
Ich habe behauptet, die magischen Geschichten seien kollektiv und zugleich individuell. Ende Juni, wenn diese Nummer von SPUREN erscheint, werde ich in einem Seminar mit Stanislav Grof teilnehmen. Der tschechische Psychiater und führende transpersonale Psychologe ist berühmt geworden durch seine Forschungen im Bereich aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände. Begonnen haben Grofs Erkundungen in den sechziger Jahren damit, dass ihm die Firma Sandoz grosse Mengen von LSD zur Verfügung stellte.
Carl Fingerhuth erwarb das Architekturdiplom an der ETH Zürich, wo er ein eigenes Büro für Raumplanung und Städtebau führte. Von 1979 bis 1992 wirkte er als Kantonsbaumeister von Basel-Stadt. Heute ist er an der Technischen Universität Darmstadt als Professor für Städtebau tätig.