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Nr. 59 Frühling 2001
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 59 Frühling 2001
 
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Erzähl mir die Welt
Mit seinem Instrumentarium verbindet Stephan Micus die Welt. Zwar spielt er solo, doch dabei erklingen sämtliche Erdteile. Bea Drack Fischer hat ihn auf Mallorca besucht.
Von Bea Drack Fischer

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Stephan Micus ist weiss Gott viel gereist. Kaum ein Land dieser Erde, dessen Grenzen der Musiker nicht schon überschritten hätte. Eben ist er aus dem Jemen zurückgekehrt, letztes Jahr war er in Äthiopien, immer wieder fährt er nach Japan. Stephan Micus hat also viel, sehr viel zu erzählen. Aber die Welt ist einfach zu gross, um sie in Worte zu fassen.
Um dennoch zu erzählen, macht er Musik. «Ich habe den vielleicht naiven Wunsch, dass in meiner Musik möglichst viel von der Erde in allen ihren Facetten drin ist», sagt er. Vom Ozean, vom Dschungel, von Wüsten. Immer wieder von Wüsten. Seine neue CD, die Anfang Jahr veröffentlicht wurde, heisst Desert Poems (ECM 1757/Phonag). Seine Musik soll von den Rätseln dieser Welt berichten, von den schönen wie den furchtbaren Eindrücken. Von der fliehenden Gnuherde, die die Steppe in eine Sandwolke hüllt. Vom Weiss des ewigen Schnees, unerreichbarer Reinheit zwischen Himmel und Erde. Aber auch vom Gesicht des halbverhungerten Kindes irgendwo auf dieser verrückten Welt.
Während er erzählt, schaut er meist in den Goldfischteich, über dem eine Installation aus Spiegelfragmenten baumelt, die aber, wie er sagt, nichts als eine profane Vogelscheuche gegen fliegende Goldfischräuber sei. Oder sein Blick prallt auf die Natursteinmauer, die wie ein grosses Mosaik den Hof umgibt. Wir sitzen vor seinem Studio, trinken Tee und essen einen fantastischen selbst gemachten Obstkuchen und lassen uns dabei von der Februarsonne wärmen. Das Haus ist herrlich gelegen mit Blick auf den malerischen Marktflecken Artà im Osten Mallorcas. Seit bald fünf Jahren lebt der Musiker mit seiner Partnerin und seiner zehnjährigen Tochter auf den Balearen. «Wenn ich etwas in meinem Leben richtig gemacht habe, dann war es, hierher zu kommen. Stell dir nur mal das Wetter jetzt in Deutschland vor.» Wir verscheuchen den Gedanken und wenden uns erfreulicheren Themen zu: Seiner Arbeit.

Nicht New Age, nicht Jazz
Seine Musik einem Genre zuzuordnen ist fast unmöglich, der Versuch dazu führt zu einer lebhaften Diskussion. New-Age? Auf dieses Wort reagiert er geradezu allergisch. «Ich habe nie verstanden, wie Menschen, die auf der einen Seite eine natürlichere Lebensweise suchen, sich biologisch ernähren und sanfte Heilmethoden vorziehen, sich auf der anderen Seite mit vollsynthetischer Musik zufrieden geben können.» Er ist überzeugt, dass er zwar mehr Platten verkauft hätte, wenn er sich das Etikett «New-Age» hätte umhängen lassen. Doch in diese Kiste wollte und will er unter keinen Umständen gesteckt werden.
Seine Musik charakterisiert er mit drei Merkmalen: Erstens verwendet er nur akustische Instrumente. Was bei ihm wie Flöte tönt, ist Flöte; was sich wie eine Sitar anhört, ist eine Sitar, was an ein Steel Drum erinnert, ist ein Steel Drum. Die Elektronik dient nur zum Aufnehmen. Zweitens besteht seine Musik aus Klängen von sehr seltenen, zum Teil sehr alten Instrumenten, die, drittens, aus allen Erdteilen und den verschiedensten Kulturen stammen und die er oft zum ersten Mal überhaupt zusammenbringt. Im ersten Stück seines neuen Werks «The Horses of Nizami» lässt er ein Sarangi, ein indisches Saiteninstrument, und ein Dondon, eine Trommel aus Ghana, gemeinsam von wilden Pferden erzählen.
Also kein New-Age. Jazz und Klassik auch nicht. Weltmusik? «Wäre der Begriff in den letzten Jahren nicht einfach auf alles Aussereuropäische ausgedehnt worden, dann könnte man meine Musik am ehesten vielleicht als Weltmusik bezeichnen; im Sinne einer Musik, die kulturübergreifend sein will, oder eben transkulturelle Musik. Doch ich halte es für schizophren, wenn heute klassische indische Musik, die diesen transkulturellen Ansatz in keiner Weise hat, als Weltmusik bezeichnet wird, nur weil sie nicht aus Europa kommt.»

Die Instrumente der Welt
Seit 25 Jahren zieht Stephan Micus in die Welt hinaus, um bei lokalen Musikern neue Instrumente zu lernen; in Japan studierte er die Shakuhachi, eine Bambusflöte; in Ghana das Dondon, eine Trommel; in Mali das Doussn'gouni, eine afrikanische Harfe, in Armenien das Duduk, eine Art Oboe, um nur ein paar Beispiele zu nennen. So ist sein Repertoire an Klängen immer breiter und vielfältiger geworden. Auf Micus' insgesamt 15 Soloalben sind gegen dreissig verschiedene Instrumente zu hören.
Doch nie ist er der Anmassung verfallen, als Europäer die Instrumente fremder Kulturen möglichst authentisch nachzuspielen. «Was mich interessiert, sind neue Möglichkeiten auf traditionellen Instrumenten zu finden. Bedauerlicherweise greifen die meisten Musiker auch in Afrika und Asien auf der Suche nach Neuem zur Elektronik. Darum sind so viele Instrumente, die ich spiele, vom Aussterben bedroht. Ja, man kann wirklich von einem Artensterben der Instrumente sprechen. Ich schätze, dass alle drei Monate ein Instrument von der Welt verschwindet.»
In der Tat ist sein Studio so etwas wie ein akustischer Garten für bedrohte Instrumente. Im einen Raum stehen schätzungsweise dreissig Gongs in allen Grössen und Tonlagen und eine ganze Reihe an sich ganz gewöhnlicher Blumentöpfe, bei denen lediglich das Abflussloch zugestopft wurde. Mit Wasser gefüllt, werden sie unter den Händen von Stephan Micus zu melodiösen Rhythmusinstrumenten.
In einem anderen Raum ist das Tonstudio untergebracht, wo er auch seine letzte CD aufgenommen hat. Auch hier begegnen sich Kulturen: Hier die Welt der Kabel, Knöpfe und Regler, da die wunderlichsten Kreationen aus Saiten, Resonanzkörpern, Ziegenhäuten, edlen und weniger edlen Hölzern.
Oder aus alten Fahrrad- oder Schirmspeichen, wie die Kalimba. Dieses Fingerklavier aus Tansania besteht aus einem Holzkörper, auf dem flachgeklopfte Speichen so befestigt sind, dass das eine Ende freisteht und gezupft werden kann. Je nach Länge der «Taste» wird ein anderer Ton erzeugt. Der Einfallsreichtum des Menschen auf der Suche nach schönen Klängen ist schlicht umwerfend.

Nicht in die Wiege gelegt
An den Wänden des Studios hängen Gemälde seines vor kurzem verstorbenen Vaters, in ihrer Schlichtheit, Klarheit und Schönheit Abbilder seiner Musik, sparsam in den Farben, eines sogar ganz in Weiss. «Mein Vater hat mich ausgebildet im Sehen, nicht aber im Hören.» Stephan Micus ist 1953 geboren. Aufgewachsen ist er in Bayern. Sein erstes Instrument war eine banale Blockflöte. «Alle in meiner Schule mussten Blockflöte lernen - das Besondere daran war, dass es mir Spass machte.» Später spielte er in Schülerbands Elektrogitarre und, Jethro Tull sei Dank, Querflöte. Auch wenn ihm die Musik nicht in die Wiege gelegt wurde, so war seine Kindheit doch von einem kreativen Umfeld geprägt. Und von Verständnis. «Ich hatte grosses Glück, dass ich so verständnisvolle Eltern hatte. Sie haben mich auf meinem etwas ungewöhnlichen Werdegang stets unterstützt.» Auch dann, als er nach dem Abitur schwor, nie mehr eine Schule zu betreten, und stattdessen nach Indien reiste, um Sitar zu lernen.
Die Rucksäcke, die unter der Laube zum Auslüften stehen, verraten, dass hier jemand erst vor kurzem heimgekehrt ist, die Bräune auf Stephan Micus' Gesicht und Händen lassen auf ein sonniges Land schliessen. Sechs Wochen war er zusammen mit seiner Partnerin im Jemen, diesmal aber weniger der Musik wegen, sondern wegen der Architektur, der Landschaften, der Wüste. «Die Stille der Wüste führt einen automatisch in einen Zustand des Friedens. In den alten Zen-Gärten Japans wurden künstliche Wüsten geschaffen, interessanterweise in einem Land, das gar keine Wüsten hat. Die absolute Reduzierung der Eindrücke auf Sand und Steine wirkt inspirierend.»
Bald wird er seine Koffer wieder packen, diesmal aber in Richtung Norden aufbrechen. «Zwei Seelen wohnen in mir», sagt er, «die eines Nomaden und die eines Sesshaften. Hier lebe ich ziemlich zurückgezogen und pflege nur ganz wenige Kontakte. Wenn ich unterwegs bin, dann bin ich sehr offen und lasse mich auf alles Mögliche ein. Beides brauche ich.»
Im März war Stephan Micus unterwegs und gab in Winterthur auf Einladung der Coal Mine Audio Bar das einzige Konzert in der Schweiz. Die Live-Auftritte sind für ihn ein wichtiger Kontrast zur einsamen Studioarbeit. Dann wird es ihn wieder in die Wüste ziehen.


Autor: Bea Drack Fischer | Profil
Seitenaufrufe: 6019 - Kommentare: 1
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Kommentare:

Wissen Sie, wann und wo Micus demnächst Konzerte geben wird oder wo man das recherchieren kann? Hat Micus eine eigene HomePage? Ich finde keine.

09.05.2004 - 16:36 | Ulrich Papenkort | Profil
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