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Nr. 58 Winter 2001
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Die unbändige Seele
Die zeitlose Botschaft der Spiritualität, begeisternd, klar, überzeugend.
 

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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 58 Winter 2001
 
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Schwester Zen
Sie ist christliche Ordensschwester und zugleich ist sie Zenmeisterin.
Pia Gyger lebt nicht zwischen Christentum und Buddhismus, sondern aus beidem.
Von Martin Frischknecht

«Es geschah in der Marienkirche in Basel. Ich war 22 Jahre alt und besuchte die Fürsorgerinnenschule des Katharinenwerkes. Die Schülerinnen nahmen oft am frühen Morgen am Gottesdienst teil. Ich erinnere mich lebhaft an jene Eucharistiefeier. Ich sass an meinem gewohnten Platz. Es war kurz vor der Kommunion, als ich jene 'Stimme ohne Stimme' in mir hörte, die ich seit meinem sechsten Lebensjahr kenne und die mein Leben in allen wichtigen Entscheidungen und Übergängen leitet. An jenem Morgen konfrontierte sie mich mit Fragen: 'Und wenn dein Weg dich ins Kloster führen würde? Würdest du ja sagen? Und wenn dein Weg dich ins Katharinenwerk führen würde? Würdest du ja sagen?»
Pia Gyger sagte ja. Aber nicht gleich. Zunächst verdrängte sie die eindringlichen Fragen, die sie in der Kirche überkommen hatten. Vier Jahre lang hüllte sie sich in Schweigen, innen wie aussen. Doch dann bedrängten sie die Fragen wieder. 1967 folgte sie der Berufung und schloss sich der Gemeinschaft des Katharinenwerks an.
Das war keine Flucht aus der Welt, kein Rückzug in einen abgegrenzten Bezirk hinter Klostermauern. Die Schwestern des 1913 gegründeten Katharinenwerks leben in der Welt und kümmern sich um die Betreuung von schwer erziehbaren Jugendlichen. Doch die kleine Ordensgemeinschaft steckte in einer Krise. Mittlerweile weiss die heute sechzigjährige Pia Gyger: In einer solchen Situation kommt sie wie gerufen. Wo es an Orientierung fehlt, wo die Interessen auseinander streben und wo eine Neubestimmung der Ziele Not tut, ist diese Frau am rechten Platz. Sie kann gut zuhören, und sie vermag ihre Umgebung für Neues zu begeistern.
Und sie kann vorausgehen, wo andere zögern. Als Kleinkind wuchs sie in Schaffhausen auf. Als die Alliierten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges versehentlich Brandbomben auf die Schweizer Stadt am Rhein warfen, wurde sie von der Wucht einer Druckwelle als brennendes Bündel auf die Strasse geschleudert. Der Geistesgegenwart eines Soldaten, der sie in seine Jacke hüllte und so die Flammen erstickte, verdankt sie ihr Leben.
Mit Meditation im Stile des japanischen Zenbuddhismus befasste sie sich ursprünglich zur Entspannung und Psychohygiene. Später fiel der Entschluss, sich im fernen Japan unter der Leitung von buddhistischen Lehrern systematisch auf dem Zenweg zu schulen. Für viele ihrer Glaubensgenossinnen und -genossen war das ein ungeheuerlicher Schritt. Man könne nicht beides, sondern müsse sich entscheiden für das eine oder das andere, wurde ihr entgegengehalten. Entweder sei der Mensch Christ oder er sei Buddhist, beides nebeneinander habe nicht Platz. Andere christliche Ordensleute wie etwa der in Japan lebende Jesuit Pater Enomiya Lassalle waren ihr auf diesem Weg zwar vorausgegangen. Dennoch traf gerade sie die Wucht der Vorurteile und der Ablehnung mit ungezügelter Heftigkeit.
Sie aber wusste: Die Stimme in ihr hatte so deutlich gesprochen wie damals. Sie war eine Christin, daran gab es keinen Zweifel. Was von ihrem Glauben in der Meditationspraxis nicht Bestand haben würde, darauf konnte sie verzichten.
Um Zen zu praktizieren, brauchte sie nicht zum Buddhismus zu konvertieren. So jedenfalls wurde es von ihrem japanischen Lehrer Yamada Roshi gehalten. Als sie nach dessen Tod die Ausbildung beim amerikanischen Meister Aitken Roshi auf Hawaii fortsetzte, kam es wegen der Religionszugehörigkeit gelegentlich zu hitzigen Diskussionen. Pia Gyger stellte sich dieser Auseinandersetzung unter der Bedingung, dass sie nicht zwischen Lehrer und Schülerin stattfand, sondern von gleich zu gleich.
Dass Aitken Roshi sie 1996 bei ihrer Weihe zur Zenmeisterin als «Braut Christi» bezeichnete «aus der Familie des Apostel Paulus, der Hildegard von Bingen und des Meister Eckehardt» erfüllt sie noch heute mit Genugtuung. Die Meditationspraxis sei für sie wie ein Schlüssel zu einem vertieften Verständnis der christlichen Mystik, der sie sich nun erst recht verbunden wisse.
Nachdem sie die Leitung des Katharinenwerks abgegeben hatte, gründete sie zusammen mit dem Jesuitenpater Niklaus Brantschen das «Institut für spirituelle Bewusstseinsbildung in Politik und Wirtschaft (ISPW)». Unter dessen Führung treten im Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn bei Zug Führungskräfte zusammen, um sich in der Zenmeditation unterweisen zu lassen und um auf Mittel und Wege zu sinnen, wie die geistigen Impulse gepaart mit der entsprechenden Ethik in die Gesellschaft zu tragen sind. Das Lassalle-Haus selber geht mit gutem Beispiel voran. Die Führung des Tagungs- und Bildungshauses wird heute paritätisch von drei Jesuitenpatres und drei Schwestern des Katharinenwerks wahrgenommen.
Damit ist viel erreicht, doch Pia Gygers Weg führt weiter. Nach der Start- und Aufbauphase des ISPW wird sie sich der Ausbildung von Ausbildnern zuwenden und rund um die Welt einigen exemplarischen Projekten beratend zur Seite stehen. Mit Niklaus Brantschen wurde sie 1999 von Roshi Bernard Glassman zur Zenlehrerin geweiht, die in eigener Verantwortung weitere Lehrer ausbilden und ernennen kann.
Pia Gyger steht damit zweifellos an einer Schlüsselstelle der Entwicklung künftiger Spiritualität. Von so einer Meisterin möchte man gerne wissen, wie ihrer Meinung nach wohl die Religion der Zukunft beschaffen sein wird. Die Frage lässt sie schmunzeln: «Wo echte Polaritäten aufeinander treffen und sich ergänzen, entsteht etwas grundsätzlich Neues. Dieses Neue kennen wir nicht. Es entzieht sich unserer Beschreibung, und doch werden wir alle davon ergriffen und verändert werden.»


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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Kommentare:

Das ist ein möglicher Weg in die spirituelle Freiheit. wie wenig dieser Weg vom katholischen Establishment verstanden und toleriert wird, zeigt der Weg von Willigis Jäger.
Meines Erachtens muss der Gottesbegriff, der vorwiegend aus dem AT resultiert aufgebrochen werden, er entspri cht mit seinen fundamentalistischen Tendenzen der vorkopernikanischen Zeit aber nicht der Gegenwart, nicht der Wirklichkeit und schon gar nicht der Sehnsucht desMenschen.
Ausgrabungen im syrischen Resafa zeigen ein kosmisches Christusbild, symbolisch dargestellt im 8fachen Sonnenrad, mit je 3 Sternen im freien Feld und an der Basis funf Blüten als Symbol der Schöpfung.
Bischof Abraham, der Erbauer der Basilika, war rechtgläubig, er unterzeichnete die dokumente des Konzils von Konstantinopel. Leider wurde die orientalische Kirche Syriens von Rom einfach "vergessen".

13.03.2004 - 18:01 | Elisabeth Woeckel | Profil
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