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Nr. 58 Winter 2001
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Das Zen des Glücks in uns. Das 3. Buch von Peter Steiner
 

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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 58 Winter 2001
 
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Gangaji & Eli Jaxon-Bear
Stille und Befreiung
Und plötzlich diese Wahrheit: Rasant wächst im Westen eine «Satsang-Bewegung». Allerorten versammeln sich Menschen um befreite Lehrerinnen und Lehrer, die eben noch waren wie du und ich. Was geht dabei vor?
Von Colette Grünbaum-Flury

Vor zwanzig Jahren prophezeite mir ein indischer Yogi, dass ich östliche Weisheiten in den Westen bringen werde. Vor 15 Jahren interpretierte ein Astrologe, der seine Kunst nach Wolfgang E. Döbereiner betreibt, mein Horoskop dahingehend, dass ich versuche, das Unbeschreibliche zu beschreiben und das Transzendente in die Immanenz zu bringen. Ein schwieriges Unterfangen - gar ein unmögliches? Beim Schreiben dieses Artikels wurde mir bewusst, dass ich genau dies versuche: In meiner Ergründung dessen, was in Indien als Satsang bezeichnet wird, versucht mein Verstand immer wieder zu erfassen, was nicht fassbar ist. Ich ringe um Worte, um Erklärungen bis zur Kapitulation. Immerhin konnte ich erfahren und beobachten, dass das Unfassbare Wirkung zeigt:
«Mein Leben hat sich verändert auf Grund der Besuche von Satsang», sagt Peter S. aus Hamburg. «Am 5. September 1999 hatte ich im Satsang bei Rani mein 'Aha-Erlebnis', die Erfahrung, dass ich Energie bin, Wahrnehmung selbst bin, dass das, was jenseits von Worten liegt und doch mit Worten angedeutet werden möchte, alle und keine Worte hat. Es fühlte sich einfach an. Kein Drama, keine Übertreibungen, einfach und trotzdem faszinierend. Ich nahm wahr, dass alles, was passiert, in Wirklichkeit Segen ist. Themen, die ich vorher schwierig fand, hatten plötzlich trotz aller Heftigkeit auch die Qualität von Leichtigkeit.»

Was ist Satsang?
Birgt der Besuch von Satsangs die Möglichkeit zu wirklicher Transformation, zum Erwachen? Ist Befreiung allen zugänglich und nicht nur einigen wenigen Auserkorenen?
Satsang kann übersetzt werden als «Zusammensein mit einem erleuchteten Lehrer». Das Sanskritwort setzt sich zusammen aus Sat und Sang. Sang bedeutet Zusammensein, in Verbindung sein mit, und Sat bedeutet die Wahrheit, die letzte Wirklichkeit oder das wahre Selbst. Mit Selbst ist ein Zustand jenseits des Verstandes gemeint, jenseits der Identifikation mit Denken, Fühlen und Wahrnehmen, ein überpersönliches, allumfassendes Gewahrsein.
In Indien hat der Begriff Satsang eine Tradition in der Philosophie des Advaita-Vedanta. Advaita bedeutet Nicht-Zweiheit. Veda heisst Wissen, Vedanta ist das Ende vom Wissen. Satsangs wurden über Jahrtausende im kleinen Kreis abgehalten. Im letzten Jahrhundert gelangte der Advaita-Vedanta an eine grössere Öffentlichkeit und begann auch im Westen Fuss zu fassen. Dies wurde speziell gefördert durch die weitreichende Ausstrahlung des indischen Weisen Ramana Maharshi.
Menschen, die ihr Selbst verwirklicht haben oder, wie im Westen bevorzugt gesagt wird, die erleuchtet sind, hat es immer wieder und allerorts gegeben. Deshalb ist es ein Ding der Unmöglichkeit, einen geschichtlichen Abriss über die Essenz von Advaita und Satsang geben zu wollen. Das, worum es im Satsang geht, hat weder Anfang noch Ende. Alle Worte aber sind begrenzend, jede Begriffsbildung und jede Ausformulierung einer Philosophie ist eine Unterteilung und Einschränkung der Wirklichkeit. Was geschrieben wird, ist also nicht Advaita und kann höchstens eine Ahnung, einen Geschmack davon geben.

Im Satsang
«Was für ein widersinniges Unterfangen das doch ist», sagte im Herbst der Amerikaner Wayne Liquorman selbstkritisch im Satsang in Kilchberg/ZH. «Ihr stellt Fragen, ich beantworte sie. Aber jede Frage bringt nur neue Fragen hervor.» Dazu erzählte er die Geschichte einer Dorfgemeinschaft, die sich zusammentat, um Welse auszurotten. Die Fische hatten begonnen, das Riff vor der Insel aufzufressen und damit deren Leben zu bedrohen. Taucher warfen die Fische in ein Boot, wo ein Mann sie entzweischnitt, bevor er sie ins Wasser zurückwarf. Jede Fischhälfte wuchs nun aber wieder zu einem ganzen Fisch heran...
Und so fragen und fragen wir und wissen womöglich immer mehr. Und doch ist nie genug. Die Aktivität des Geistes ist ein Kriterium, an dem die Qualität eines Satsang gemessen werden kann. Arbeitet der Verstand auf Hochtouren, so sind wir in Verbindung mit dem Verstand, und es handelt sich um «Verstandes-sang» (Mindsang); wird das Denken ruhig, ist das Satsang.
Rund fünfhundert Menschen kamen letzten Sommer nach Baden-Baden zu einem Retreat mit Gangaji und Eli Jaxon Bear. Bei Isaac Shapiro waren es vielleicht zweihundert, bei Om C. Parkin hundert. Andere Satsangs werden von zehn, zwanzig, fünfzig Menschen besucht. Wenn der Lehrer hereinkommt, verneigt er sich zumeist mit aufeinandergelegten Handflächen vor dem Bild seines oder seiner Lehrer und vor den Besuchern. Dieser Gruss bedeutet: du (die eine Hand) und ich (die andere Hand) sind eins. Die Hände werden vor dem Herzen oder dem Gesicht aufeinander gelegt und man verneigt sich.
Manchmal beginnt ein Satsang mit zehn, zwanzig Minuten Stille oder mit Musik. Bei kleineren Gruppen schaut der Lehrer meist jedem einzelnen Besucher in die Augen. Dann spricht er für kürzer oder länger aus der Einheit und beantwortet vielleicht einen Brief. Zum Abschluss werden Fragen gestellt.

In der Stille
Ramana Maharshi, der Weise vom südindischen Berg Arunachala, der 1950 starb, lehrte vor allem in der Stille. Das sei die höchste Form von Satsang. Fragen lösten sich in der Stille auf, und bei vielen Suchenden kam das innere Gerede zur Ruhe. Eine meiner tiefsten Satsang-Erfahrungen hatte ich als Übersetzerin eines Seminars des indischen Meditationslehrers Dr. B.D. Awatramani in Zürich. Er schwieg geschlagene zwei Stunden. Ich kann sonst keine zwanzig Minuten still sitzen. An diesem Tag jedoch sass ich einfach da in Gewahrsein und Frieden.
Aber Stille ist nicht gleich Stille. Würde Hinz oder Kunz in einem Raum schweigend Satsang geben, würden die Besucher davonlaufen. Satsang funktioniert nur, wenn der Lehrer wirklich in der Stille ist und die Anwesenden für diese Stille empfänglich sind. Meist wollen wir aber Antworten, Erklärungen, wollen verstehen. In einigen Satsangs, die ich besuchte, kam mein Denken trotz vieler Worte schnell zur Ruhe. Das ist möglich, wenn der Lehrende aus der Einheit spricht und während des Sprechens darin bleibt. Mit Gegenfragen wie: «Wer ist es, der fragt?» oder «Wer will das wissen?», wirft der Lehrer Neugierige auf sich zurück. Das Denken wird durchschaut, blossgelegt und löst sich auf.
«Denken ist ein Ausflug ins Leichenschauhaus. Halte dich an keiner noch so tief sitzenden Überzeugung fest, sonst stinken deine Taschen nach toten Fischen», sagte der 1997 verstorbene indische Weise H.W.L. Poonja, in dessen Satsang viele Westler sassen, die heute selber Satsang geben. Poonja erklärte: «Den Verstand gibt es in Wirklichkeit nicht! Sobald du etwas willst oder brauchst, regt sich der Verstand und bemüht sich, seine Funktion zu erfüllen. 'Ich will etwas haben und etwas anderes vermeiden' - das ist der Verstand. Er existiert nur in der Form von Zweifeln und Wunschdenken. Nur dafür brauchst du ihn. Und damit sind all seine Tricks durchschaut worden. Sein Verwirrspiel ist vorbei. Mit dieser Erkenntnis machst du ihn zu deinem Sklaven, der sich um dein körperliches Wohlergehen kümmert, anstatt dir Befehle zu erteilen und dich mit seinen Überlegungen zu tyrannisieren. Solange man nicht weiss, dass der Verstand ein Untergebener ist, leidet man unter ihm. Erkläre dem Verstand, dass er deine Befehle ausführen und dich gut bedienen muss, wenn er bei dir bleiben will. Damit wendet sich das Blatt, und mit dieser Umstellung verändert sich alles.» H.W.L. Poonja schwärmte von der Schönheit, die in Augenblicken von Gedankenfreiheit, also in der Stille, hervortritt.

Die Wirkungen
In den Antworten auf unsere Umfrage (siehe Kasten) wurde offensichtlich, dass Satsang eine heilsame Wirkung auf den verschiedensten Ebenen hat. «Meine Depressionen, unter denen ich mehr als zwanzig Jahre lang gelitten habe (bis zu Klinikaufenthalten), sind Vergangenheit. Schulmedizin und esoterische Wege halfen nur kurzfristig oder gar nicht. Heute stehe ich wieder ganz im Leben. Auch beruflich», schreibt ein 52-jähriger Mann. Ein Psychoanalytiker berichtet: «Satsang hat Angst und Abwehr freigelegt, die zwanzig Jahre Psychotherapie und Selbsterforschung nicht erreichen konnten - mit der Möglichkeit der vollkommenen Akzeptanz. Dies hat auch eine befruchtende Auswirkung auf meine Arbeit mit Patienten, indem es von falschen, hinderlichen theoretischen Konstrukten der Psychoanalyse befreit (zum Beispiel, dass das Ich gestärkt werden müsse. Ja. Aber die Psychoanalyse hat kein Konzept zur Überwindung des Ich und zur Verwirklichung unserer wahren Natur). Es ist tiefer Friede, der nicht mehr weicht, auch mitten in schmerzhaften Erfahrungen, die ich jetzt nicht mehr abwehren muss, oder deren Abwehr mir sehr schnell bewusst wird und dann endet.»
Viele berichteten, ihre Akzeptanz und Toleranz gegenüber sich selbst sowie gegenüber Mitmenschen und Lebensumständen sei gewachsen. «Ich kann mich besser annehmen und Widerstände schmelzen.» Als Folge davon wird das Leben gelassener hingenommen, und eine neue Leichtigkeit stellt sich ein. Es wurde von einer wachsenden Klarheit, von Freude, gesteigerter Liebesfähigkeit sowie über die Erfahrung von tiefem Frieden berichtet. Andere haben mehr Spass an der Arbeit, weniger Ängste, können besser Entscheidungen treffen und sind genussfähiger geworden.
«Nach vielen Therapien und Seminaren aller Art blieb ein Teil von mir immer noch leer und unberührt, der Kern nicht erfasst», schrieb eine Frau. «Im Satsang habe ich gefunden, wonach ich seit langem suchte. Jetzt endlich bin ich dabei, viele Dinge in mir zu entdecken, die mich zuvor in Gedichten und Schriften angesprochen hatten. 'Du bist der Spiegel. Ich begegne dir, um mir zu begegnen.' Meine Interessen in der Welt beruhigen sich, und ich nehme an und lasse geschehen. Tunloses Tun. Ich lebe für die Liebe, ich bin eins.»
Satsang bringt nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Es rüttelt auch am alten Welt- und Selbstverständnis: «Einerseits wird das Leben unsicherer, da alles erscheinen darf, was mich vom Selbst in Trennung fühlen lässt. Andererseits wird es ruhiger, entspannter im Jetzt. Ich bin bereit, Dinge in Erwägung zu ziehen, die früher nie in Frage gekommen wären.» «Die Gelassenheit und Akzeptanz gegenüber Problemen wächst, gleichzeitig aber ist da oft eine tiefe Verunsicherung und ängstliche Abwehr gegenüber der Auflösung von Strukturen.» «Satsang hat eine sanfte Wirkung, es können aber auch unerwartete Aggressionen auftauchen. Vielleicht ist da einfach mehr Authentizität.» «Ich werde kompromissloser, immer weniger Halbheiten, Fadenscheinigkeiten und Verleugnung der eigenen Bedürfnisse passieren.» «Meine Ahnung, wie weitreichend meine eigene Täterschaft ist - im Gegensatz zum Opfersein - hat sich vergrössert. Da ist mehr Selbstverantwortung und gleichzeitig die Einsicht, dass es doch nicht wirklich in meiner Macht liegt.» «Ich nehme wahr, wann ich davonlaufe, und komme zurück zu dem, was mir hilft, mich zu verwirklichen.»

Das Ende der Suche
«Der wiederholte Blick durch den Riss in der Wolkendecke des begrenzten Geistes hat das Erkennen ermöglicht, dass Leiden nicht die wahre Natur des Seins, der Existenz ist», schrieb ein 59 Jähriger. «Ich bin gewahr, wer ich wirklich bin: reines, bewusstes Sein.»
Gespräche mit Satsang-Besuchern sowie die Umfrageergebnisse zeigen, dass Satsang für viele eine «endgültige Wende» im Leben bedeutet. «Ich suche nichts anderes mehr und verlange nach nichts. Mein Leben lang war ich ein Suchender. Durch Satsang bin ich ein Findender geworden. Nur was wesentlich und wahr ist, ist noch wichtig. Das Jetzt zählt, echte Beziehungen und Begegnungen.»
Einige sprechen von einem «Vorgeschmack der Wirklichkeit» von «Glimpses», kurzen Einblicken ins unbegrenzte Sein, in denen die Identifikation mit Gedanken und Gefühlen sich auflöst und innere Freiheit sowie eine bedingungslose, unpersönliche Liebe erlebt werden. «Erleuchtung - etwas, das ich nicht tun kann, das ich jedoch geschehen lassen kann, ist in greifbare Nähe gerückt.» «Ich erkannte, dass das in Konzepten, Vorstellungen, Urteilen und Beurteilungen behaftete Ich völlig wesenlos ist.»
Manche erleben kurze Einblicke: «Die Erlebnisse von Befreiung, Verbundenheit und Einssein werden mehr.» Bei anderen sind die Durchbrüche von längerer Dauer: «Trotz langjähriger Meditation in unterschiedlichen Disziplinen und trotz diversen 'Durchbrüchen' hat die Begegnung mit Om C. Parkin einen nachhaltigen Eintritt in die Seins-Ebene bewirkt, die zwar temporär war, aber tiefe Spuren hinterlassen hat. Seither erscheint mir die Welt, wie wir sie erleben, als ein Traum, und der Aufenthalt in ihr wenig verlockend und interessant.»
Die Berichte zeigen, dass sich dabei die Perspektive verändern kann. Die Identifikation mit dem Ich beginnt sich aufzulösen und einer beobachtenden Instanz Platz zu machen: «Viele Ängste sind verbrannt. Das Leben lebt sich zusehends selbst durch diesen Organismus.» «Da sind Phasen innerer Stille, unabhängig von äusserem Geschehen. Wenig Anziehung von 'dramatischen' Ereignissen im Aussen. Wenn ich in diesem intensiven, wachen, stillen Kontakt mit mir bin, geschehen plötzlich in der Aussenwelt die Ereignisse harmonischer, fliessender und ohne dass ich darüber nachdenke.»

Erleuchtet?
Wann ist jemand erwacht oder auf Dauer erleuchtet? Im vergangenen Oktober veranstaltete die deutsche Zeitschrift Connection in der Nähe von München das Forum «Mythos Erleuchtung», um Licht in solche Fragen zu bringen. Eine «Expertenrunde» von westlichen spirituellen Lehrern, die als erleuchtet gelten, hatte sich zur Verfügung gestellt, darüber Auskunft zu geben.
«Wenn du dich selbst beobachten kannst, bist du erwacht», sagte der Holländer Han Marie, Erleuchtung sei aber nochmals was anderes, ergänzte er und wich jeder weiteren Definition aus, weil jede Definition trennend und begrenzend sei.
«Was ist der Unterschied von vorher und jetzt?», fragte ich den gross gewachsenen Mario Nette Jens, der erst einige Monate zuvor von der ebenfalls anwesenden Veet Charya ermutigt worden war, selber Satsang zu geben. Er überlegte kurz und erzählte dann von einer neuen Bekanntschaft, mit der er erstmals intim zusammen war. Sie habe auf sein Glied gedeutet und gefragt: «Wird der noch grösser?» Früher hätte ihn eine solche Aussage verletzt, jetzt sei da nichts mehr, was verletzt werden könne. «Ist Unabhängigkeit von dem, was andere über uns sagen, ein Kriterium von Erleuchtung?», fragte ich einen weiteren spirituellen Lehrer. «Ja, das kann ein Kriterium sein», antwortete er, «nur, wenn der Mann von allen möglichen Frauen sexuell angezogen ist und wenn er dieser Anziehung nachgibt, zeigt es, dass er noch immer mit dem Körper identifiziert ist und nicht wirklich frei.»
Veet Charya vom Chiemsee/D schilderte ihren erwachten Zustand mit den Worten: «Ich erfahre, was ich bin, als Ekstase, als überschäumende Freude, als körperliche Energie, die in jeder Zelle ekstatisch pulsiert. Ich stehe einfach immer in Flammen.» Doch die Forum-Spezialisten waren sich nicht einig darüber, wie Erleuchtung sich in einem Menschen manifestiere. «Erleuchtung ist keine Erfahrung, sie hat keine Form, keinen Geschmack, keinen Ton, kein Gefühl, keine Emotion, es ist noch nicht mal ein Zustand», sagte Pyar Troll, die sich in den Satsangs des Amerikaners Samarpan Unterstützung und Begleitung zu ihrem Erwachen geholt hatte. Was Veet Charya beschrieben hatte, musste in ihren Augen noch nicht mal etwas mit Erleuchtung zu tun haben. Für sie ist Erleuchtung ganz normal. «Es ist, was du bist, wenn alles, was du nicht bist, wegfällt. Es ist nichts, was hinzugefügt würde zu einer Person. Es ist, was nach Abzug von allem inklusive der Person übrig bleibt. Es ist nicht das Vorhandensein von etwas, sondern die Abwesenheit der Illusion, des Traumes, die Abwesenheit des separaten Ich.»

Heiligenbilder
Auch Erleuchtete sind Menschen. Der Advaita-Lehrer Ramesh Balsekar aus Bombay erklärt, dass je nach deren Konditionierung auch bei Weisen Gefühle von Wut, Angst, Vergnügen, Zufriedenheit, Unzufriedenheit und Freude auftreten. Der Weise empfinde diese Gefühle jedoch nicht als s e i n e Gefühle und er erlebe keine Handlung als persönliche Handlung. Wird sein Verhalten von der Gesellschaft gelobt, tauche da vielleicht Freude auf, aber kein Stolz. Gerät er durch eine Handlung in Verruf, sei da vielleicht Bedauern, aber kein Schuldgefühl. Verletzende Handlungen von Mitmenschen werden als Wille Gottes erlebt und dadurch als Schicksal hingenommen, ohne dass Hass auf den Auslöser der Verletzung empfunden werde. Gefühle von Stolz, Hass, Eifersucht, Neid und Schuld kenne ein Erleuchteter aber nicht.
Wir tendieren dazu, Erleuchtete entweder von vornherein abzulehnen oder sie als unfehlbare, perfekte Menschen auf ein Podest zu stellen, um unsere Ideale auf sie projizieren zu können. In meinem Beruf bin ich bereits unzähligen spirituellen Lehrern in Fleisch und Blut begegnet. Auf einem Podest stehen sie für mich nicht mehr, auch wenn Dankbarkeit, Respekt, Freude, Schmunzeln oder Stirnrunzeln mich erfüllt, wenn ich an sie denke. Auch sie sind «nur» Menschen.
«Hast du noch eine Schwäche?», fragte ich im letzten Juni Gangaji, die amerikanische Satsang-Lehrerin der ersten Stunde. Sie zögerte mit der Antwort, weil sie, wie sich herausstellte, meinte, ich wolle sie irgendwie schlecht machen. Ja, sie habe eine Schwäche für schöne Kleider. Ihr Partner Eli hat vielleicht eine für gutes Essen. Der französische Weise Stephen Jourdain raucht wie ein Schlot, und Poonja wird nachgesagt, er habe besonders gerne Blondinen um sich gehabt, worauf sich einige Frauen in seinem Umfeld schnurstracks die Haare gefärbt haben sollen.
Solche Schwächen und Vorlieben machen die «Übermenschlichen» menschlich. Aber sind sie denn wirklich erleuchtet? Und ist einer, der einmal erleuchtet ist, für immer erleuchtet? Auf spirituelle Lehrer lauern, wie wir aus zahllosen Presseberichten sehr wohl wissen, viele Fallen: Macht, Geld, Ruhm und Sex. Diese Gefahren können zu korruptem und verantwortungslosem Handeln verleiten. Der Verstand ist trickreich und gibt die Kontrolle nicht gerne auf. Vielleicht schleicht er sich zur Hintertür wieder ein, und das Ende der Selbsttäuschungen wird unmerklich zu einem neuen Anfang von Selbsttäuschungen mit eingeübter Satsang-Terminologie. «Glaube nicht, nichts zu sein, solange du es nicht wirklich bist», sagte der amerikanische Erwachte Robert Adams. Andere warnen davor, wie sehr einer, der sich für erleuchtet erklärt und es nicht ist, sich selbst und anderen schade.

Die Szene in der Schweiz
Der Satsang-Boom hat auch in der Schweiz Fuss gefasst. Es gibt Privatpersonen, die Satsang organisieren, so gut wie spirituelle Zentren, wie etwa das Advaita-Haus in Kilchberg/ZH, die Buchhandlung im Licht/ZH oder das Osho Sangha Meditationszentrum in Bern. Es ist nicht einfach, etwas über die Qualität von Satsang-Lehrern zu sagen. Mit einem Lehrer, der mich im Herzen berührte, konnte ein Bekannter von mir gar nichts anfangen. Von einem anderen Lehrer war dieser Mann jedoch sehr angetan. Aus einer anderen Quelle hatte ich über jenen Lehrer aber gehört, er sei nur halb gar gekocht. So unterschiedlich reagieren wir.
Kommt es am Ende gar nicht so sehr auf den jeweiligen Lehrer an? Wenn viele Menschen im Namen der Wahrheit zusammenkommen, entstehe dadurch ein offenes Feld, ein Kraftfeld, das nicht unbedingt viel mit dem Lehrer zu tun hat, der vorne sitzt, vermutet ein Freund, der sich intensiv mit diesem Phänomen auseinander gesetzt hat. «Wenn du selbst vorne sitzt, kommst du in eine Kraft, in eine Energie, die dir zuvor nicht bekannt war», erklärt er.
Gangaji bietet in ihren Retreats eine Übung an, in der ein «spiritueller Freund» einem anderen in Offenheit zuhört. «Sei, was du bist, und übe dich darin, stets die Wahrheit zu sagen», fordert sie die Sprechenden auf. Bereits gibt es in der Schweiz Menschen, die zusammenkommen um Satsang zu üben. Abwechselnd sitzt einer vorne und gibt Satsang oder es wird Satsang in Zweiergruppen gegeben. Eine Übung in Wahrhaftigkeit oder in Satsang-Terminologie? Ist das ein Lehrgang für künftige Satsang-Lehrer? Sicher ist es ratsam, auch in einem Bereich, in dem es um die Loslösung vom Verstand geht, den gesunden Menschenverstand nicht über Bord zu werfen.

Das Ende ein Anfang
Das Ende der Suche sei lediglich ein Anfang, erfuhr ich aus verschiedenen Quellen. Der in Neuseeland geborene, heute in England wohnhafte Satsang-Lehrer Mikaire erläutert, dass die wirkliche Arbeit nach der Erleuchtung erst anfange. Der in Deutschland wohnhafte Amerikaner Samarpan wiederum weiss, dass es mit dem Loslassen kein Ende hat.
Wer es wagt, sich auf Satsang einzulassen, läuft Gefahr, dass sein ganzes Denken, all das, was er bisher geglaubt hat, wie eine Seifenblase zerplatzt. Wo kein Boden, keine Erdung und vielleicht keine kompetente Begleitung da ist, kann das gefährlich sein. Es kann aber auch das Ende all unserer Leiden und Mühen sein. Der Anfang von Freiheit.

Literatur:
Ramana Maharshi: Sei, was du bist, O.W. Barth Verlag.
Sri H.W.L. Poonja: Der Gesang des Seins, Sphinx Verlag.
Gangaji: Du bist das. Gangaji und Eli Jaxon-Bear: Die Flamme der Wahrheit.
Om C. Parkin: Die Geburt des Löwen. Alle Lüchow Verlag.
Pyar Troll: Reise ins Nichts.
Stephen Jourdain/Gilles Farcet: Einsichten eines erleuchteten Kettenrauchers.
Robert Adams: Stille des Herzens.
Alle J. Kamphausen Verlag.
Advaita Journal: Satsang-Allionce e.V., Maria Louisen-Str. 57, D-22301 Hamburg. Connection Special: Advaita, Satsang, Erwachen: Connection Medien GmbH, Hauptstr. 5, D-84494 Niedertaufkirchen


Autor: Colette Grünbaum-Flury | Profil
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