
Illustration: Guido Crepax
Mit Fäusten und Zähnen
Obwohl ein Lehrbuch zur Liebeskunst, enthält das Kamasutra auch Anweisungen zu Schlägen und Bissen.Wo hört das Vergnügen auf? Ein fiktives Gespräch zwischen einem Liebeslehrer und dessen Schüler.
Von Sudhir Kakar
Wie selbstverständlich wandten wir uns später am Nachmittag in unserem Gespräch über das Kamasutra den «Schlägen und den entsprechenden Lauten» zu, dem siebten Kapitel aus dem Teil über die körperliche Annäherung.
«Am Anfang dieses Kapitels nennst du die geschlechtliche Vereinigung einen Kampf und eine Perversion, Acharya», begann ich. «Widerspricht dieser erste Vers nicht vielem, was du davor über die Zärtlichkeit und das Spielerische der sinnlichen Liebe geschrieben hast?»
Tatsächlich hatte mich dieses Kapitel, genau wie das vorhergehende über das Kratzen und Beissen, verunsichert, da es scheinbar die Grausamkeit, die in Kamas Reich üppig gedeiht, gutheisst. Seine Nägel in eine Wange zu graben, die Brüste und die Schamgegend einer Frau mit der Hand oder der geballten Faust zu schlagen, ihr blaue Flecken beizubringen, indem man ihr Fleisch in einem zangenähnlichen Griff packt und herumdreht: Dies und ähnlich aggressive Handlungen mit Nägeln, Fäusten und Zähnen schienen Vatsyayana zufolge zu grösserem sexuellen Vegnügen zu führen als reine Zärtlichkeit.
Vatsyayana lächelte. «Es ist eine Torheit der Jugend, die bedauerlicherweise auch von vielen Älteren geteilt wird, obwohl diese es eigendlich besser wissen müssten, zu glauben, ein Mensch könne sich nicht gleichzeitig mit mehreren unterschiedlichen und einander widersprechenden Gedanken tragen.»
Ich setzte mich zurecht, um ihm zuzuhören, mein Gehör war ganz auf seine Stimme eingestellt, mein Gedächtnis bereit zur Aufnahme.
«Die Kampfesnatur des Geschlechtsverkehrs kann man deutlich bei vielen Tierarten beobachten. Das Männchen fängt das Weibchen ein, richtet es übel zu und beisst es, worauf auch das Weibchen grosszügigen Gebrauch von seinen Zähnen und Klauen macht, so dass die Liebenden blutend und entstellt aus dem sexuellen Kampf hervorgehen. Der erotische Wettstreit nimmt bei Menschen subtilere Formen an. Sein Schlachtfeld ist nicht so sehr das Bett als die Fantasie der beiden Liebenden. Viele dieser Fantasien sind gewalttätiger Art. Ohne Gewalt, wie gering, abgeschwächt und unbewusst diese auch immer sein mag, kann ein Mann nicht von starker körperlicher Erregung erfasst werden. Nicht allein sein Wunsch nach Vergnügen, sondern auch sein Drang nach Dominanz und Unterwerfung der Frau ist es, der sein Glied sich versteifen lässt und seinen Eintritt in die inneren Gefilde der Frau möglich macht. Aggressivität gegenüber der Frau macht ebenso einen Teil seiner Manneskraft aus wie seine zärtlichen Gefühle. Eine der Hauptfantasien des Mannes ist, sich mit Gewalt zu nehmen, was nicht freiwillig geschenkt wird. Einige Männer stellen sich vor, die Frau wolle die Vereinigung zunächst nicht, werde aber dann gegen ihren Willen von der kraftvollen Art des Mannes hinweggetragen. Jede gute Kurtisane weiss dies, wenn sie, nachdem sie den Mann erregt hat, zu Beginn der Vereinigung plötzlich Widerwillen vortäuscht, um ihm dann mit einer sorgfältig gewählten Mischung aus Seufzen und Stöhnen vorzuspielen, er habe sie seinem Willen unterworfen. Bei einer so vollendeten Vertreterin dieser Kunst, wie Chandrika es war, wird aus der Täuschung oft Wirklichkeit, und die Frau wird hinweggerissen. Ob vorgetäuscht oder tatsächlich, die Unterwerfung versichert dem Mann, dass die Frau genau das fühlt, von dem er will, dass sie es fühlt. So weiss er, dass sie sich nicht an einen Ort tief in ihrem Inneren zurückgezogen hat und von dort aus seine Leidenschaft beobachtet und seine Leistung bewertet.»
Klassifizierung der Schläge
«Und Frauen?», fragte ich. «Brauchen sie auch Gewalt, um ihre Leidenschaft zu steigern?»
«Ja», antwortete Vatsyayana. «Die Leidenschaft einer Frau wächst mit der sexuellen Raserei, in die sie den Mann treiben kann. Darin besteht ihr Sieg. Gleichermassen durch ihren Triumph wie durch ihr Begehren erregt, weidet sich die Frau innerlich an der Illusion der Herrschaft, in der sie den Mann wiegt. Während eine der gewalttätigen Fantasien des Mannes darin besteht, die Frau zu durchbohren, bedeutet die Aufnahme des Penis in der Vorstellung der Frau nicht nur ein liebevolles Empfangen, sondern ein Ergreifen, für manche sogar ein Abreissen des männlichen Organs, das sie dann als Siegestrophäe in sich behält. Aggressivität im Liebesakt verwischt die Grenzen zwischen Mann und Frau und erlaubt jedem Geschlecht, die Gewalt des anderen zu erleben.»
«Natürlich ist dieses Überschreiten der Grenzen nur vorübergehend. Der Mann und die Frau müssen bald wieder ihre eigene sexuelle Natur annehmen», fuhr er fort. Mein Bedürfnis nach seiner Anerkennung machte sich wieder bemerkbar. «Manchmal kehrt die Frau aus Leidenschaft, Gewohnheit oder Temperament die Situation um. Dies ist nur vorübergehend; die Natur wird sich letztendlich immer wieder behaupten», zitierte ich das Kamasutra.
Er belohnte mich mit einem Lächeln. «Ich stimme Suvarnanabha zu, der sagt, dass die Gewalt bei der körperlichen Vereinigung, obschon sie für diese unerlässlich ist, die Gefahr schwerer Verletzungen birgt, besonders für die Frau. Chitrasena, der König der Cholas, schlug die Kurtisane Chandrasena mit dem Schlag, der «der Nagel» genannt wird, so hart auf die Brust, dass sie starb. Naradeva, der Hauptmann der Armee im Reich der Pandyas, wollte die Kurtisane Chitralekha mit dem «der Bohrer» genannten Schlag auf die Wange treffen, verfehlte jedoch sein Ziel und drückte ihr eines ihrer Augen aus. Deswegen habe ich ein Paar, das in ein wildes Liebesspiel versunken ist, mit einem von der Geschwindigkeit berauschten Pferd verglichen, das in vollem Galopp dahinfliegt und nicht auf Löcher oder Graben auf seinem Weg achtet.
Durch die Klassifizierung der verschiedenen Nagel- und Zahnmale und Schläge habe ich versucht, Ordnung in das Chaos der Gewalt in der Liebe zu bringen, und mich bemüht, die Grausamkeit des Geschlechtsverkehrs zu ritualisieren. Ich zähle die unterschiedlichen Schreie auf, die eine Frau unter den Schlägen ihres Geliebten ausstösst, um so auch den Mann darauf aufmerksam zu machen, dass er seine Gewalt kontrollieren kann, indem er aus diesen Schreien seiner Partnerin ersieht, ob die Frau härter geschlagen zu werden wünscht oder ob seine Schläge schon zu fest sind und er aufhören soll. Mein Ziel war es, die Gewalt der Sexualität zu bändigen. Deswegen beschliesse ich dieses Kapitel mit dem Vers: 'Ein gebildeter Mann berücksichtigt in seinem sexuellen Verhalten seine eigene Kraft und die Zartheit seiner Partnerin. Er weiss die Heftigkeit seiner Triebe zu kontrollieren und kennt die Grenzen dessen, was das Mädchen ertragen kann!»
Teil des sinnlichen Vergnügens
«Und die körperliche Vereinigung als 'Vamashila', als Perversion, Acharya?» fragte ich.
Vatsyayana wurde nachdenklich. Als er zu sprechen begann, klang seine Stimme ungewohnt zögerlich. «Ich weiss, dass man mich beschuldigt hat, die Vorherrschaft der Tugend zu untergraben, da ich keine klare Stellung zu dem Verhältnis zwischen den beiden Lebenszielen 'Kama' und 'Dharma' beziehe. Tatsächlich sind viele Verse in meinem Werk in dieser Hinsicht zweideutig. Ich will dir ein Geheimnis verraten. Heute bezweifle ich, dass die Sinneslust jemals der Tugendhaftigkeit dienen kann. Die Gewalt, die sich beim Geschlechtsverkehr entlädt, steht im Widerspruch zu dem Kern dessen, was von einem tugendhaften Mann erwartet wird, nämlich seine Sinne und vor allem seine gewalttätigen Triebe zu beherrschen, und dies ist ein Grund für meine Zweifel, ob die beiden Ziele, sowohl das sexuelle Vergnügen als auch die Tugend des Menschen zu steigern, miteinander vereinbar sind. Ja, ich stelle fest, dass 'Leiden zu verursachen keine arische Praxis und für angesehene Menschen unangebracht ist', doch behaupte ich gleichzeitig, dass jemandem Schmerzen zuzufügen Teil des sinnlichen Vergnügens ist.
Neben aggressivem Verhalten und Gewaltfantasien liegen noch weitere Perversionen in der Natur der Sexualität. Die vielleicht grösste Perversion ist die Tatsache, dass unser Bewusstsein, die Grundsätze der Tugend zu verletzen, das Prickeln der Erregung noch steigert. Eine weitere Perversion ist das Bedürfnis nach Abwechslung bei der Vereinigung, was unausweichlich den Partner entmenschlicht: 'Wenn die Kurtisane und ihr Liebhaber, wer auch immer sie sein mögen, eine ungewöhnliche Stellung einnehmen, so verlieren sie ihre eigene Persönlichkeit. Wie auch immer ihr Liebhaber aussieht, für die Kurtisane ist er der Liebesgott selbst.' Nun, ein Gott zu werden bedeutet, über den Stand des Menschen hinaus erhoben zu werden, doch genauso wird man entmenschlicht, verliert seine Individualität. Die Sinneslust beraubt die Liebenden ihres Menschseins.»
«Weshalb brauchen wir denn diese Abwechslung?», fragte ich verwirrt. Wenn ich an meine eigenen Begegnungen mit der Kurtisane in Varanasi dachte, die ich zum ersten Mal mit Chatursen besucht hatte und mit der ich immer noch verkehrte, war ich mir bewusst, dass jede sexuelle Abweichung von dem, was ich bisher kennengelernt hatte, mich eher vor Angst erstarren lassen als mich mit brennender Erregung erfüllen würde.
Ein Hauch von Unsicherheit
«Das offenkundige Ziel der Liebeskunst - von ihren versteckten Absichten rede ich später - besteht darin, Männern und Frauen zu helfen, ihr körperliches Vergnügen zu steigern, ein Vergnügen, das durch die Erregung ermöglicht wird. Nun ist körperliche Erregung ein sehr anfälliger Zustand, eine Knospe, die ständig vom Frost der Langeweile bedroht ist. Ein grosser Teil des Kamasutra ist deswegen dem Ziel geweiht, den Orgasmus vor der Gefahr der Langeweile zu schützen. Im Grunde genommen entsteht Langeweile beim Liebesspiel aus dem Verlust der Risikofreudigkeit. Die zahlreichen unterschiedlichen Stellungen, Nagel- und Zahnmale und Schläge bringen gerade einen Hauch von Unsicherheit in die sexuelle Begegnung ein, eine kleine Möglichkeit zu versagen, die in einer grösseren Vorfreude auf den Triumph enthalten ist. Das Risiko liegt nicht nur auf der groben Ebene des Körperlichen, sondern auch auf der subtileren des Geistes. Bei jedem neuen Partner etwa besteht das Risiko eines negativen Urteils, die Gefahr, dass vor den Augen des Geliebten enthüllt oder in dessen Gliedern verspürt wird, wie unbegehrenswert man sei, und die Möglichkeit, dass die Scham eines Hasenmannes oder die Schmach einer Elefantenkuhfrau wieder aufleben.» (...)
«Acharya, ist die Sinneslust denn ein eigener, abgeschlossener Bereich des Lebens, der keinem anderen Gott dient als dem eigenen?», fragte ich.
«Nein», erwiderte Vatsyayana. «Das Kama mag zwar mit dem Dharma unvereinbar sein, doch genau wie letzteres ist auch dieses dem höchsten Ziel im Leben des Menschen untergeordnet: der Einheit mit der höchsten Seele im Moksha. Genau wie ein hingebungsvoller Musiker sich bemüht, Moksha in der flüchtigsten Erfahrung der Töne zu erreichen, so strebt der den erotischen Freuden zugetane Mann, der 'Kami', dem gleichen Ziel entgegen durch die höchste Verfeinerung seiner Berührungen. ...»
Er schloss die Augen. «Lass uns nun eine Weile über diese tiefgründigste aller menschlichen Erfahrungen nachsinnen, die uns mit heiligem Atem berührt, uns mit der Enthüllung der wahren Natur der Dinge segnet.»
Gehorsam schloss ich die Augen, um gemeinsam mit ihm über das Wesen Kamas und die Bedeutung der Vision, die er uns schenkt, zu meditieren. Was der Gott mir sandte, waren Bilder von Malavika, die zu sehen ich mir vorher nie gestattet hatte: Malavika, die auf der Waldlichtung nackt unter einem Baum im Gras lag, während das Sonnenlicht, das durch die Blätter fiel, in ungleichmässigen Streifen spielerisch über die Haut und die Umrisse ihres Körpers glitt; Malavika, die bis zur Taille im Teich stand und auf deren straffen Brüsten Wassertropfen glitzerten, als sie die Arme hob, um den Schildpattkamm herauszuziehen, der ihr Haar in einem hohen Knoten zusammenhielt; und dann sah ich nur noch ihr Gesicht, das von der Lust gerötet war, ihre fest geschlossenen Augen, hörte ihr unregelmässiges, schnelles Atmen, das vom Atem des Gottes selbst durchdrungen war.
Auszug aus dem Roman Kamasutra von Sudhir Kakar (C. H. Beck Verlag, München 1999, 358 Seiten, Fr. 39.-). Mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Ausführlich besprochen wurde dieses Buches des indischen Psychoanalytikers Sudhir Kakar in SPUREN Nr. 55.
