Rente für alle
Ist es mehr als ein schöner Traum? Ein in Amerika gegründeter Fonds verspricht Geld für alle.
Von Franziska Fot
Es war einmal eine Gruppe sehr reicher Menschen. Die entschlossen sich, ihr immenses Vermögen mit möglichst vielen anderen Menschen zu teilen. Damit wollten sie das Ungleichgewicht zwischen Überfluss und Mangel ausgleichen. Den Menschen zu mehr Freiheit verhelfen. Dazu entwickelten sie ein ausgeklügeltes Verteilsystem ihres Reichtums. Wer am meisten teilt, erhält am meisten.
Was wie ein Märchen klingt, scheint wahr zu sein. Vor kurzem erhielt ich von einer Freundin eine Einladung zum Mitmachen im Given in Freedom Trust (GIFT- engl Geschenk). Der Zweck dieser Organisation besteht darin, nach einem bestimmten Verteilschlüssel Geld zu verschenken. Um Geld zu erhalten, muss ich drei Leute anwerben, die wiederum drei Menschen zum Mitmachen bewegen. «Achtung: Schneeballsystem», war mein erster Gedanke. Bestimmt handelt es sich dabei um einen weiteren esoterischen Flipp. Irgendjemand will mich da übers Ohr hauen. Ich legte die Unterlagen weg. Mein analytischer Verstand arbeitete hart und kam zu keiner überzeugenden Erklärung, wer davon profitieren könnte, dies alles nur erfunden zu haben.
Also nahm ich die Unterlagen wieder hervor und studierte sie genauer. Der Given in Freedom Trust wurde im April 1999 von einer Gruppe sehr reicher amerikanischer Wohltäter gegründet. Die Ersteinlage betrug eine Milliarde US-Dollar. Je nach Bedarf werden weitere Milliarden beigefügt. Der Fonds wird in der Karibik verwaltet und beschäftigt zur Zeit dreizehn Menschen vollzeitlich. Um am Geldsegen des Trusts teilhaben zu können, braucht es eine persönliche Einladung.
Meine Freundin hat nun also mich und zwei weitere Menschen zum Mitmachen eingeladen. Alles, was ich tun muss, ist ein ausgefülltes Formular und die Kopie eines Ausweises mit meiner Wohnadresse dem Trust zu faxen. Bezahlen muss ich nichts. Daraufhin erhalte ich nach vier bis sechs Wochen eine Registriernummer und kann nun meinerseits wieder drei Menschen für die Idee begeistern, welche dann wiederum je drei Teilnehmer einladen. Für jeden Teilnehmer, der in meiner Linie zum Projekt stösst, erhalte ich 0.33 Dollar auf ein Stammkonto gutgeschrieben. Bis zur 12. Stufe. Also 3 x 3 = 9; 9 x 3 = 27; 27 x 3 = 81 und so weiter Das wären dann immerhin 531441 Menschen.
Von diesem Stammkonto wird mir monatlich und bis an mein Lebensende ein bestimmter Betrag ausbezahlt. Angefangen bei 12 Dollar bis zu 20000 im Jahr. Was im allerbesten Fall einem zusätzlichen Monatseinkommen von etwa 3000 Franken entspricht. Mein Konto wird als fortdauerndes Vermächtnis eingerichtet, das mich jetzt und später meine Erben mit Geld versorgt. Theoretisch betrachtet wäre das Netzwerk fähig, nach 21 Stufen die gesamte Bevölkerung der Erde zu erfassen. Der ganze Berechnungsmodus tönt reichlich kompliziert und bringt sicher einen riesigen administrativen Aufwand mit sich.
Die Frage, die sich jetzt natürlich aufdrängt, ist: Hat schon jemand Geld erhalten? Ja. Ich weiss von Personen, die schon Beträge auf ihrem Konto haben und diese bar beziehen konnten. Die anonymen Spender des Given in Freedom Trust geben folgende Erklärung zu ihrer Motivation ab: «Wir gehen davon aus, dass es einen Gott gibt, … eine Kraft, die beabsichtigt, Freiheit und Freizügigkeit für alle Menschen zu schaffen. Wir glauben, dass einer der Gründe, warum das Göttliche uns gelehrt hat, wie wir reichlichen Geschäftsgewinn machen können, darin liegt, dass wir Kanäle für die finanzielle Freiheit aller Menschen sein können. Wir glauben ferner, dass es Gottes Gnade entspricht, alle Menschen aus der wie auch immer gearteten Sklaverei zu befreien, und dass durch das Ende der persönlichen wirtschaftlichen Abhängigkeit von Individuen weltweit eine Verbesserung der Lebensqualität und des spirituellen Bewusstseins erreicht werden kann. Wir wollen den Menschen ermöglichen, das zu tun, was ihnen Freude bereitet, um so durch ihr Dasein unsere Welt bereichern zu können.»
Eine gigantische Vision. Dieses Projekt bedeutet auch, all die Widerstände zu erkennen, die wir aufgebaut haben, um unsere eigene Befreiung zu verhindern. All die einschränkenden Überzeugungen anzuschauen, die wir in Bezug auf Geld und Eigenwert mit uns herumtragen: «Geld, für das ich nicht zu arbeiten brauche, steht mir nicht zu, war einer meiner ersten Gedanken. Bald meldete sich auch ein ganz gemeiner Teil von mir, der zwar sehr erfreut ist über die Aussicht, über mehr Geld für sich selber zu verfügen dies aber keinem anderen gönnen will. Diesen Teil in mir habe ich von seinem bösen Zauber erlöst, damit das Märchen wahr werden kann. Welches meine drei Auserwählten sein sollen, weiss ich auch schon. Auf meine Registriernummer warte ich noch.
