Millionen Zen
Auf Messers Schneide wandelt Claus David Grube, als er auf Geheiss seines Zenmeisters das Kloster verlässt, um in der Welt eine Million zu verdienen. Eine schöne Geschichte mit vielen praktischen Ratschlägen.
Von Martin Frischknecht
Der Titel ist eine Provokation, die Geschichte, die er dazu erzählt ist von unwiderstehlichem Reiz. Claus David Grubes vor kurzem erschienenes Buch Das Zen der ersten Millionen hat das Zeug zu einem Bestseller
Wie so oft bei solcher Art von Literatur gilt die Regel: Selbst wenn diese Geschichte vom sicheren Weg zum Erfolg frei erfunden wäre, stehen die Chancen mehr als gut, dass es der Autor gerade durch den Verkauf seines Buches zum Millionär bringt. Er wäre dann gewissermassen mit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung in eigener Sache hervorgetreten und hätte doch Recht behalten. Und wer ihm diesen Erfolg missgönnt, hat wohl nicht verstanden, dass wahrer Reichtum sich nicht vom Kontostand ablesen lässt, sondern vor allen Dingen darin liegt, Spass zu haben mit sich und anderen.
Und das bietet Claus David Grube in reichem Masse. Bei ihm gibt es Vergnügen und Belehrung in einem. Da betätigt sich einer als Mönch in einem japanischen Zenkloster und strebt mit Meditation und Küchendienst nach dem grossen spirituellen Durchbruch. Als der Meister ihn nach zwei Jahren zu sich rufen lässt, erwartet der Schüler, eine neue Verpflichtung im Putzdienst zugeteilt zu bekommen.
Ab an die Börse
Doch die Lehre des Zen ist bekanntlich nicht dazu da, Praktizierende in ihren Erwartungen zu bestärken. Der Abt eröffnet dem Schüler, für ihn sei die Zeit gekommen, aus dem Kloster zu ziehen. Zen sei der Weg des Buddha in der Welt. Nun solle er den geschützten Raum verlassen und seine Meditation in der Welt draussen praktizieren. Die Tore des Klosters stünden ihm erst wieder offen, wenn es ihm gelungen sei, eine Million zu verdienen.
So gut wie mittellos kehrt der Schüler aus Japan nach Deutschland zurück. Sein einziges Startkapital liegt in einer Lizenz zum Taxi fahren, einigen Zengrundsätzen und der brieflichen Verbindung zum Meister. Wie soll man es damit zu einer Million bringen? Schritt für Schritt. Gerade darauf beziehen sich die Grundsätze: «Mache jeden Schritt vollständig und ganz, als wäre der Schntt das Einzige auf der Welt, was zu tun ist, als wäre dieser dein letzter Schritt. Beobachte dich wahrend des Gehens, frei von Urteilen oder Vergleichen.»
Angewendet auf das Taxifahren, bedeutet das, genau hinzusehen und herauszufinden, wo sich damit mehr Geld verdienen lässt, um ein Betriebskapital für einträglichere Geschäfte zu erwirtschaften. Tatsächlich findet Grube heraus, dass er den Taxidienst nur halbbatzig betreibt, solange er bestimmte Einsatzzeiten und Gegenden meidet. Dort liesse sich zwar gut Geld verdienen, doch die Umstände der Arbeit sind ihm unangenehm. Erst als er ganz bewusst diese «dunkleren» Bereiche ansteuert, gibt sich eines Tages ein Fahrgast als Anlageberater zu erkennen und bietet ihm einen neuen Job an.
«Geld und Zen sind identisch»
Mit Taxifahren allein lässt sich die Million nicht machen. Der schnelle Weg zu den sechs Nullen vor dem Punkt führt so gut wie zwangsläufig über das Geschäft mit dem Geld selbst. Aber auch der Handel mit Aktien, Futures und Optionen ist kein Spaziergang in den Wohlstand. Die wichtigsten Hürden, die es zu überwinden gilt, so erkennt Grube bald einmal, stellen sich in der Form liebgewordener, das Fortkommen sabotierender Glaubenssätze, denen er mit Techniken aus dem NLP erfolgreich zu Leibe rückt.
Und das dickste Ei liegt in der Überzeugung begraben, Meditation und Spiritualität vertrage sich mit dem Streben nach äusserem Reichtum nicht. Dagegen vewendet sich in seinen Briefen mehrfach der Roshi persönlich. «Geld und Zen sind nicht miteinander vereinbar. Sie sind identisch!», verfügt der Lehrer aus Japan.
Als der angehende Millionär die ersten Hürden genommen hat und bereits als Börsenhändler an der Wall Street die grossen Brötchen bäckt, beklagt er sich beim Meister, ihm fehle die Zeit zur Meditation. Dieser antwortet, er habe die Aufgabe des Geldverdienens für ihn gewählt, da er wie viele andere Suchende aus dem Westen zu ihm ins Kloster gekommen sei, um der Welt und ihren Herausforderungen zu entfliehen. In solchen Fällen gehe es aber zunächst einmal darum, im Leben ein solides materielles Fundament zu errichten und sich dabei mit den Lebensbereichen aktiv auseinanderzusetzen, von denen man sich doch gerade habe abwenden wollen. Erst wenn er es in der Welt draussen zu etwas gebracht habe und sich vom Erworbenen auch wieder trennen könne, werde er Zeit finden, um sich der Meditation zu widmen. Hoffen wir's. Grubes Buch endet damit, dass der Autor nach fünf Jahren als gemachter Mann nach Japan fliegt, um dem Meister auf dem Sterbebett die Million zu überreichen.
Das Geld wird verwendet, um den verbliebenen Mönchen des sich auflösenden Klosters die Rückkehr ins weltliche Leben zu erleichtern. Meditation hinter Klostermauern, so lautet die Botschaft, habe sich als spiritueller Weg überlebt. Heute gehe es darum, die Meditation in die Welt hinauszutragen und gerade in die Bereiche der Gesellschaft hineinzubringen, wo die schwerwiegenden Entscheidungen getroffen werden.
Wo bleibt die Ethik?
Claus David Grube tut dies als deutscher Vertreter eines Wall Street-Brokers und als Leiter eines Ausbildungsinstituts für Persönlichkeitsentwicklung und Daytrading. Das Streben nach einer Deckungsgleichheit von Geschäft und Spiritualität entspricht in dieser Form wohl eher der Vision von Grubes langjährigem Lehrer Bhagwan Osho Rajneesh als den Vorstellungen eines Zenmeisters in Fleisch und Blut. Authentisches Zentraining beinhaltet auch eine Schulung im edlen achtfachen Pfad und darin im rechten Lebenserwerb. Ethische Fragen kommen bei Grube auffälligerweise aber wenig vor. Und wo der Autor darauf eingeht, tut er es mit alarmierender Lässigkeit.
Die Stärke von Das Zen der ersten Million liegt in der Provokation und im Spass bei der Lektüre. Dass als Folge dieses Buches etliche begeisterte Leser zwar nicht unbedingt Millionäre geworden sein werden, sie sich aber fühlen werden, als seien sie durch die Lektüre bereits Melster von Zen und NLP geworden, das wird zu verschmerzen sei.
Claus David Grube: Das Zen der ersten Million, Econ Verlag, München 2000, 315 Seiten, Fr. 32.–
