Geist der Ahnen
Malidoma Somé, ein Schamane aus Westafrika, lässt Frauen und Männer bei uns die Kraft von Dorfritualen erleben.
Von Veronika Herzig
Gespannt folgte ich der Einladung von «Tschatscho», einem «Männer-Frauen-Projekt» in Winterthur zu einem Tagesseminar mit dem Thema «Die Kraft von Ritualen in der Partnerschaft und in der Begegnung von Männern und Frauen». Meine Neugier galt vor allem dem Kursleiter Malidoma Somé, dessen Buch Vom Geist Afrikas (Diederichs Verlag, München 1996) mich seinerzeit tief beeindruckt hatte.
Malidoma ist zierlicher als auf den Fotos und wirkt bescheiden, fast schüchtern. Afrikanische Rituale sind begleitet und getragen vom Geist der Ahnen. Der Initiierte vom Stamm der Dagara in Burkina Faso zeigte an einem Tagesseminar, wie wir eigene Rituale schaffen und Elemente afrikanischer Stammeskultur darin integrieren können.
Zunächst sollen die Teilnehmer sich vorstellen: Wer lebt in einer Beziehung? Wie lange? Wer ist als Paar gekommen? Malidoma findet es schade, dass keine gleichgeschlechtlichen Paare dabei sind. Bei den Dagara sind Homosexuelle eine Art «Hüter der Schwelle»; sie vermitteln zwischen der Frauen- und der Männenwelt, da sie beide Wesen verkörpern. Schliesslich dürfen sich noch die Singles vorstellen, «damit die Gemeinschaft sich ihrer annehmen kann», wie Malidoma sagt.
Die Gemeinschaft spielt im Leben afrikanischer Menschen und deren Zeremonien eine tragende Rolle. Malidoma nennt es «the village», das Dorf. Mich in diesem Kreis als Teil einer Dorfgemein schah zu fühlen, will mir aber zunächst nicht gelingen. Zum einen kenne ich niemanden, zum anderen fehlen die Kinder, die Alten und Ältesten. Wenigstens ist es heiss.
Wie in Stammesgesellschaften üblich, werden Frauen und Männer nach der Begrüssung mit Trommelrhythmen vom Kursleiter selbst und von einem Paar, das ihn begleitet, getrennt. Wir sollen uns aussprechen zum Thema: „Was hindert mich daran, Liebe zu geben und anzunehmen?“ Sofort stürmen hundert Gedanken auf mich ein. Natürlich ist es mein Mann, der mich hindert, wer denn sonst? Er und seine Unfähigkeit zur Kommunikation, seine Sturheit und Rechthaberei.
Zunächst beschliesse ich aber, zu schweigen und zuzuhören. Wir sind ja hier nicht in einer Frauengruppe der siebziger Jahre, wo frau nach Herzenslust über Männer lästern durfte, ja musste. Es gefällt mir im Kreis der Frauen, auf Gras und unter Bäumen sitzend. Ein bisschen Struktur wäre hilfreich, doch Malidoma hat betont, wir bräuchten für dieses Zusammensein keinen «Chef». Er warnte uns auch vor dem «Psychologisieren«. Offenbar kennt er uns Westlerinnen und Westler. Schnell sind wir mitten im Thema: Was hindert uns Frauen, Liebe zuzulassen? Es sind Unwertgefühle, alte Verletzungen und die Angst, erneut verletzt zu werden.
Eine Frau mit bewegter Vergangenheit sagt, sie sei einfach zu bequem, sich erneut auf jemanden einzulassen, es sei ihr zu anstrengend. Meinerseits spüre ich, dass es meine Angst vor Macht- und Kontrollverlust ist, die der Liebe den Garaus macht. Ein Ego-Problem – interpretieren wird man ja wohl dürfen ... Als ich mich zu Wort melde, sprudelt es nur so aus mir heraus: Dass ich es liebe, Macht zu haben, besonders über meinen Ehemann, der in vielen, vor allem materiellen und praktischen Belangen von mir abhängig ist. Dass er aber trotzdem nicht tut, was ich will, und je mehr Druck ich ausübe, umso widerspenstiger wird er.
Die Frauen lachen, aber die Essenz der Botschaft ist natürlich nicht lustig. In unserer Ehe tobt ein ständiger, stets unentschiedener Machtkampf, der uns beide viel Energie kostet und uns ziemlich unglücklich macht. Mit Hilfe der Ahninnen suchen wir jetzt in der Natur nach Symbolen für unser persönliches Liebeshindernis. Diese Objekte werden wir später vor die versammelte Dorfgemeinschaft tragen und verbrennen. Ich finde ein zepterartiges Holzstück als Symbol für meine Machtgelüste.
Die Trommeln rufen uns zum Zeremonienplatz. Unter Malidomas geduldiger Anleitung locken wir mit unserem Gesang die Ahnen herbei, laden sie ein, unsere Zeremonie zu behüten und zu segnen. In der Kultur der Dagara begleiten die Geister der Ahnen alle wichtigen Ereignisse. Es gibt keine «privaten» Angelegenheiten, alles wird innerhalb der Dorfgemeinschah geklärt, besprochen, geregelt, entschieden. Das betrifft selbstverständlich auch die Ehe und die damit verbundenen Probleme. Die Ältesten entscheiden kraft ihrer Weisheit und ihrer engen Verbindung mit den Geistern der Ahnen.
Mir selbst ist der Gedanke ungewohnt, mich an meine Vorfahren zu wenden. Bis vor kurzem meinte ich ja, ich sei weiter als die unwissenden Hinterwäldler, von denen ich abstamme ... Dass dieses, von manchen Therapeuten geförderte, Denken zum Verlust eines Teils meiner Vergangenheit und deren Schätzen führt, wird mir inzwischen immer klarer So kommen Malidoma und der Geist Afrikas gerade zur rechten Zeit.
Auf dem Ritualplatz brennt inzwischen ein prächtiges Feuer Ein Schrein mit Kerzen wurde errichtet und eine sanfte Hand führt uns aus dem «Dorfkreis» in die Mitte des Ritualplatzes, wo wir unsere Symbole auf dem Altar darbringen, kurz Zwiesprache mit den Ahnen halten und die Gegenstände den Flammen übergeben, so dass die Hindernisse unserer Liebesbereitschaft verbrannt und transformiert werden.
Die Sonne steht jetzt hoch am Himmel, höchst lebendige «Geister» bringen allerlei Köstliches zur Stärkung. Es steht uns ja noch eine weitere Zeremonie bevor: Die Männer werden ein Ritual kreieren, mit dem sie uns Frauen als Königinnen, Schöpferinnen und Hüterinnen des Lebens ehren. Wir Frauen sind beauftragt, uns ein Männerverehrungsritual auszudenken.
Ich bin gewiss nicht die einzige, die leer schluckt und die Augen verdreht: Männer in kurzen Hosen und mit behaarten Beinen verehren, das fehlte gerade noch. «)hr müsst die Männer mit eurer Liebe erdolchen, und sie sollen diesen Platz singend vor Wohlbehagen verlassen`», sagt Malidoma in seiner bilderreichen Sprache. Aha. Alles klar.
Es ist dann aber ganz angenehm: Wir werden herumgetragen, mit Blumen geschmückt, massiert. Überall entspannte, lächelnde Frauengesichter; das lassen wir uns gern gefallen. Während die Männer uns sanft begegnen, mögen wir Frauen es eher wild: Wir tanzen singend, kreischend, schreiend und trommelnd um die Männer herum. Es soll ihnen angst und bange werden vor soviel weiblicher Kraft Schade, dass ich keinen dieser Männer kenne, noch nicht einmal die Namen habe ich mir gemerkt. Den positiven männlichen Aspekt verehren – warum auch nicht? Allerdings denke ich da sofort an Tausendundeine Nacht, ich bräuchte Weihrauch, berauschende Getränke, farbige Schleier, Zimbeln an den Füssen, das Geheimnis der Nacht.
Jetzt, wo wir uns langsam lockern, ist das Seminar schon zu Ende. Ein nächstes Mal wünschte ich mir mehr Musse um mich einzustimmen in die Gemeinschaft und in die Geistenwelt der Ahnen und Ahninnen. Ich bräuchte Rituale des Sichkennenlernens, die mir meinen Platz sichern - den einer Grossmutter in der Dorfgemeinschah.
Einige Wochen nach dem Seminar zog es mich zum Grab meines längst verstorbenen Vaters. Ich wollte ihm ein besonderes Ritual weihen Mein Mann war sofort einverstanden. Er trug seinen schönsten Boubou (afrikanisches Gewand), ich opferte Blumen, Weihrauch, die ersten Klaräpfel, entzündete eine l.-August-Kerze. Mein Mann verneigte sich gen Mekka. Vaters Geist dürfte sich gewundert haben. Seither herrscht eine friedliche Stimmung zwischen uns. Wir lassen, ganz nach Malidomas Anleitung, den Segen der Ahnen auf uns wirken.
