Netze des Bewusstseins
Vom Leichenschauer zum spirituellen Maler – wohl wenige Künstler tauchten so tief ins Wesen Mensch ein wie Alex Grey.
Von Martin Frischknecht
Alex Grey wollte es wissen. Er wollte es genau wissen, und zwar aus erster Hand. Dieses Verlangen führte ihn dazu, Grenzbereiche zu erkunden, Randbezirke der Gesellschaft und des Bewusstseins. Das brachte den 1953 geborenen US-Amerikaner bereits in jungen Jahren während des Studiums der Kunst dazu, mit Meditation, Yoga und bewusstseinsverändernden Substanzen zu experimentieren.
Neben den inneren Erkundungen beschäftigte Grey sich mindestens so intensiv mit den so genannten Tatsachen des Lebens im aussen. In einer Kunstaktion dokumentierte er den allmählichen Zerfall einer verwesenden Hundeleiche, er arbeitete als Leichenpräparator, und für die Aktion «Tiefgefroren» liess er sich einschliessen in einen Kühlraum voller Leichen.
Natürlich gehörten solch schockierende Aktionen in den siebziger Jahren unter aufstrebenden Avantgardisten so gut wie zum guten Ton. Was bei anderen Mode war, scheint bei Alex Grey aber einem tieferen Bedürfnis entsprochen zu haben und zum Schulungsweg eines westlichen Schamanen unserer Zeit geworden zu sein. Die Beschäftigung mit dem Morbiden, der Gang durch das Reich des Todes, führte diesen Künstler schliesslich zu einem Aufstieg ins Reich des Lichts.
Exemplarisch dokumentiert hat Grey diese Entwicklicklung in einem Triptychon, das abgebildet wurde in seinem Bildband Sacred Mirrors als Reise des verwundeten Heilers. Die erste Tafel zeigt den Menschen, umwunden von einer organischen Spirale in schlafähnlichem Zustand. Auf dem grössten Bild in der Mitte zerfällt dieser Mensch unter dem Einfluss dämonischer Kräfte in seine Einzelteile. Das abschliessende Bild zeigt den Heiler in neu erworbener Ganzheit, wie er mit einem Äskulapstab himmelwärts strebt.
Spirituelle Kunst, wie wir sie kennen, beschränkt sich zumeist auf Szenen wie die auf dem letzten Bild dieser Serie: der geläuterte Mensch erklimmt lichte Höhen. Die Kraft von Alex Greys Bildenr liegt gerade darin, dass der Künstler uns die gesamte Bandbreite der menschlichen Erfahrung vor Augen führt und sie mit seiner «Vision eines kosmischen Bewusstseinsgitters» verbindet. Greys Kunst ist beunruhigend und erhaben zugleich.
In Transfigurationen, dem grossformatigen Bildband mit neueren Werken des in Brooklyn, New York, lebenden Künstlers, vertieft der Maler diese Vision der lebendigen Verbundenheit von Materie und Geist. Eine Bildfolge über zwanzig Seiten zeigt in anatomischen Details, wie sich die Seele des Menschen verkörpert. Eines der jüngeren Gemälde wiederum illustriert den Abschied der Seele aus dem sterbenden Körper. Auch dieses Bild ist in der Anatomie realistisch, in der Darstellung visionär, und zugleich ist es von bezwingender Schönheit.
Alex Grey: Transfigurationen. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt 2003, 144 Seiten, Fr. 69.80.
