Frau ist für die Liebe verantwortlich.
Barry Long ist ein spiritueller Meister, dessen Lehre über Liebe viele Menschen berührt hat. Insbesondere mit seinem Buch «Making Love � Sexuelle Liebe auf göttliche Weise» brachte er frischen Wind in manch eine Beziehung.
Von Claude Jaermann
Spuren: Wenn sich jemand verliebt - in englischer Sprache sagt man «to fall in love» - , fällt er dann in eine Falle?
Barry Long: Das Schlüsselwort ist «fallen» und das bedeutet, dass man sich nicht selbst helfen kann und sich nicht bewusst ist, was geschieht. Man ist dabei, denselben Fehler zu begehen, den die meisten Menschen vor uns begangen haben. Es ist keine Falle; es geschieht aus mangelndem Selbstwissen, nämlich dass wir vom ersten Zwang eines reproduzierbaren Körpers geleitet werden: der Fortpflanzung der Spezies. Daraus entsteht die grosse sexuelle Anziehung, die so oft mit Liebe verwechselt wird.
Dann gibt es noch den anderen Zwang: Dass Mann und Frau über die Liebe oder zumindest über das, was Liebe nicht ist, lernen, indem sie eine Partnerschaft miteinander eingehen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass abgesehen von viel irregeleitetem sozialem und religiösem Geschwafel niemand oder nur ganz wenige wirklich wissen, was Liebe ist.
Ist Ihrer Meinung nach Liebe ein Gefühl in einem drin, oder ist es vielmehr der Raum zwischen zwei sich liebenden Menschen?
Da gibt es Raum und Raum. Der erste Raum zwischen zwei Liebenden ist der Raum, der es ihnen erlaubt, sich gegenseitig wahrzunehmen. Es ist derselbe, rein äusserliche Raum, der zwischen allen Objekten vorhanden ist. Auch dieser Raum ist ein Zwang: Er ist absolut unvermeidlich und erlaubt, dass alle anderen Zwänge, wie oben erwähnt, funktionieren. So weit lässt sich feststellen, dass es da nichts Persönliches gibt.
Doch wenden wir uns jetzt dem inneren Raum zu, der persönlichen Seite der Liebe. Das ist die Gefühlsseite, die Sie erwähnt haben. Anstelle eines kristallklaren Seinszustandes ist dieser innere Raum mit persönlichen Gefühlen vergiftet worden. Gefühle zwischen Liebenden ändern sich laufend, und dadurch entstehen Missverständnisse und Konflikte. Gefühle sind völlig persönlich, und es gibt keine zwei Menschen, welche die gleichen Gefühle der Liebe über längere Zeit teilen. Liebende mögen sagen «Ich liebe dich». Aber was dies für diese beiden Menschen bedeutet, muss nicht zwangsläufig dasselbe sein. Und da gibt es immer noch ein weiteres Gefühl, das darauf wartet, das vorhergehende zu bewerten - die Argumentation.
Solange Gefühle nicht bewusst aufgelöst werden, stören sie die natürliche Klarheit des inneren Raums, und so können emotionale Blockaden zwischen zwei Liebenden entstehen. Wenn sie fortfahren, persönliche Gefühle zu pflegen oder auszudrücken - durch Forderungen, Anklagen oder Anschuldigungen -, wird die Beziehung immer weniger liebevoll, sie wird schwieriger oder langweiliger, vielleicht sogar unmöglich und ohne Aussicht, aus ihr aussteigen zu können.
In Ihren Büchern steht, der Mann sei verantwortlich dafür, in der Frau echte Liebe zu erwecken. Für einige Frauen ist das schwer zu verstehen: Schon wieder er! Weshalb funktioniert es nicht auch umgekehrt?
Was ich gesagt habe, ist, dass Mann und Frau zwei göttliche Prinzipien verkörpern, die in Wirklichkeit bereits vereint sind, hinter der äusserlichen Erscheinung eines vergänglichen, reproduzierbaren physischen Körpers. Ich habe auch gesagt, dass ultimativ Mann und Frau zusammen ein Bewusstsein sind, das verantwortlich dafür ist, diese Einheit in die Existenz zu bringen. Die ursprüngliche Schwierigkeit liegt darin, dass der Mann die Frau seit Jahrhunderten dazu versklavt hat, seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Jetzt muss er diesen Zyklus umkehren oder neutralisieren, indem er die Frau wahrhaftig liebt. Und die Frau ist für die Liebe verantwortlich, indem sie sich dem nicht hingibt, was keine Liebe ist. Liebe als ein Prinzip ist viel stärker als Sex, jedoch auch viel subtiler.
Zurück zu Ihrer Frage «Weshalb funktioniert es nicht auch umgekehrt?». Es geht auch den umgekehrten Weg. Beide haben die Kraft, die wahre Liebe im anderen zu erwecken. Es ist ihre kosmische Bestimmung. Aber die Frau weiss nicht, wie sie es tun soll. Der Mann muss die Liebe vor den Sex stellen, und die Frau muss in jeder ihrer Beziehungen lernen, sich nicht auf seine starken sexuellen Bedürfnisse einzulassen. Aus Angst, er könne sie verlassen, falls sie nicht mitmacht, und weil er dies in einem leidenschaftlichen Moment auch zu verstehen gibt, ist es extrem schwierig für sie, diesen «jungfräulichen» Anspruch aufrechtzuerhalten, insbesondere in unserer «sexuell aufgeklärten» Zeit.
Die Frau muss erkennen, dass er sie ausreichend liebt, und beide müssen sich einig sein, dass sie es gemeinsam tun wollen. Die grösste Mühe des einen ohne die entsprechende Beharrlichkeit des anderen bedeutet gemeinsames Versagen. Aber nicht für die individuelle Frau. Für sie bedeutet dies die Möglichkeit, einen Bewusstseinszustand zu erreichen, in dem sie mit den universellen Problemen männlich dominierter Sexualität und den Einschüchterungen der Frau gegenüber fertig werden kann.
Eine solche Frau muss realisieren, was Liebe ist und welche ihre Liebe ist. Sie entdeckt auf beiden Wegen, dass Liebe Gott ist. Sie erkennt, dass ihre Liebe das einfache und unschuldige Bewusstsein ist, das sie so oft in dem Mann erkennen kann, der sie aufrichtig liebt - das immanent Göttliche oder das reine Bewusstsein in jedem Lebewesen. Und sie sieht diese Liebe als Bewusstsein ihrer eigenen Sinne, das die Existenz von allem erschafft. Nur so kann sie sicher genug sein, um mit der unsteten oder perversen sexuellen Natur des Mannes umgehen zu können.
Der Mann ist zwangsläufig sexuell gesteuert, und die Frau ist es nicht. Es sei denn, dass der Mann sie überzeugt hat, wie viele andere Frauen vor ihr, den Sex der Liebe vorzuziehen und ihm zu dienen, und somit die Frau von der kurzen, aber unerfüllbaren sexuellen Lust abhängig gemacht hat.
Die Frau muss sich selbst eingestehen, dass sie fortwährend über die Liebe des Mannes nachdenkt. (Woran du am meisten denkst, ist, was du liebst.) Das Gleiche gilt für den Mann. Doch er ist so sehr auf sexuelle Befriedigung eingestellt - Selbstbefriedigung, erotische Fantasien, Pornofilme und -magazine usw. -, dass bei der körperlichen Vereinigung Sex an Stelle von Liebe dominiert.
Durch ihre eigene Erfahrung mit Männern - durch ihr eigenes Wissen über ihn - muss die Frau erkennen, dass der Mann grundsätzlich ihre Liebe ist, und zur gleichen Zeit, dass er die Ursache für die meisten ihrer emotionalen Probleme ist. Doch sie muss dies ohne Beurteilung erkennen, da Anklage ihre Emotionen vergrössert und sie aus der Balance bringen wird. Sie strebt aber Gleichgewicht an. Wenn ihr Gleichgewicht stabil ist, wird sie keine Nachsicht mehr mit seinem Sex ohne Liebe üben. Sie wird Liebe an erste Stelle setzen, sogar wenn dies bedeutet, dass er sie verlassen wird. Solange sie sich ihm gegenüber nachsichtig erweist, wird er nie zu dem Mann werden, der er im Prinzip ist.
Die Frau hat nicht begriffen, dass sie auf diesem Planeten die Hüterin der Liebe ist. Nur sie kann den Mann befreien und vielleicht mit ihm eine lebenslange Partnerschaft entdecken, die auf Liebe und Sexualität basiert. Somit liegt die grösste Hoffnung für die Liebe auf Erden bei der Frau.
Natürlich kann die Frau nicht jeden Mann befreien. Darum geht es auch nicht. Um diesen Grad von Macht über sich selbst und in sich zu erreichen, wird sie erkennen, dass das männliche Prinzip, welches imstande ist, sie wahrhaft zu lieben, Gott ist. Und dass sie Gott dient, indem sie mehr Liebe in die Welt bringt.
Ich sage nicht, dies sei einfach oder es sei jedem Mann und jeder Frau in einer Beziehung möglich. Aber Mann und Frau besitzen das Potenzial dazu. Und wenn wir das Leben genau betrachten, können wir erkennen, dass jeder von uns auf jeder Ebene versucht, ein grösseres Potenzial zu verwirklichen. Wenn es doch um die Liebe auf dieser Erde geht - könnte es da eine schönere Aufgabe geben? Allein schon es zu versuchen, erhöht das Bewusstsein.
Sie sprechen und schreiben über die Wahrheit bei der körperlichen Liebe. Gibt es denn nur eine Wahrheit, Ihre Wahrheit? Oder sollte jeder die eigene Wahrheit finden?
Seit Anbeginn der Zeit hat jeder versucht, die eigene Wahrheit zu finden. Ein Blick auf die Welt der Liebe und Partnerschaft zeigt, wie erfolgreich dies gewesen ist. Ist meine Wahrheit die Wahrheit? Wie will das jemand herausfinden, solange er es nicht gehört und ernsthaft praktiziert hat?
Sie leiden an Krebs. Dem Tod ins Auge zu blicken, ist eine ganz besondere Situation. Besteht zwischen dem Tod und der Liebe eine Verbindung?
Der Tod des physischen Körpers ist der Tod des individuellen Bewusstseins hinein in die göttliche Liebe. Göttliche Liebe ist der innere Raum, wiederhergestellt zur ursprünglichen Reinheit, da er nicht mehr durch die problembeladene emotionale Person und die Last des Fleisch-und-Blut-Gehirns wahrgenommen wird.
Es ist auch möglich, psychologisch zu sterben, während man noch lebt, wegen der Liebe zur Wahrheit und zu Gott.
Wie auch immer: Solange wir ein physikalisches Gehirn haben, können wir nicht wahrhaftig glauben, was wir hören oder lesen. Aber was wir tun können, ist, in das hineinzuhören, was gesagt wird, um die subtile Bestätigung des Klanges oder Echos der Wahrheit zu vernehmen. Dieses widerhallt oder erklingt von neuem aus dem tiefen Unterbewusstsein, wo Wissen und Selbsterkenntnis liegen, weit weg von den Zugriffsmöglichkeiten unseres begrenzten Geistes und unseres Erinnerungsvermögens.
Ist das, was ich gesagt habe, der Klang der Wahrheit? Nur du, das Individuum, kannst dies sagen.
Barry Longs Texte wurden in zehn Sprachen veröffentlicht, fünf seiner Bücher sind in
deutscher Sprache erhältlich. Sein bekanntestes heisst «Making Love - Sexuelle Liebe auf
göttliche Weise». Im September 2003 erscheint «Ein Gebet für das Leben - Ursache und Überwindung von Terrorismus, Krieg und menschlichem Leid» (MB Verlag, Freiburg), Fr. 25.80.
Für mehr Informationen über Barry Long und seine Arbeit siehe www.barrylong.org und www.originaltantra.de
