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Nr. 69 Herbst 2003
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Erotik • Liebe • Stille
Jeder wünscht sich eine gute Beziehung. Die drei Grundpfeiler Erotik, Liebe und Stille sind die Basis dazu.
Von Manuel Schoch

Beziehung entsteht immer durch Anziehung. Anziehung wird erlebt durch die Ausstrahlung einer Person. Das heisst, man wird immer angezogen von der Ausstrahlung eines anderen Menschen. Diese Ausstrahlung ist die Gesamtenergie einer Person, und darin enthalten sind unter anderem die drei Grundpfeiler für Beziehung: Erotik, Liebe und Stille. Ich bin der Meinung, dass sich eine Partnerschaft auf die Länge nur behaupten kann, wenn in ihr diese drei Grundpfeiler enthalten sind.
Wenn man davon ausgeht, dass die Gesamtenergie, also die Aura, in diesen drei Elementen enthalten ist, kann man sich fragen, warum es denn passiert, dass Beziehungen und Partnerschaften so oft zu Ende gehen. Schauen wir uns zuerst die Sexualität an. In der Gesamtenergie sieht man immer wieder, dass Sexualität abgespalten werden kann. Psychoanalytiker wie Freud, Reich und andere haben das brillant beschrieben. Wenn die Sexualität abgespalten wird, gibt es eigentlich nur noch eine biologische Abnützung. Dies führt dazu, dass man ständig einen neuen Kick braucht, etwas Neues sucht und dass das, was Sexualität eigentlich ausmacht, zu kurz kommt oder gar nicht mehr wahrgenommen wird. Jetzt gibt es natürlich Leute, die sagen, Liebe könne diese Abspaltung der Sexualität auflösen. Also wenn man liebte, wenn Gefühle enthalten sind, dann lasse sich diese Abspaltung auflösen.

Mythos Liebe
Hier zeigt sich für mich das erste Problem: Wir sehen, dass eben auch Liebe abgespalten wird. Liebe beruht auf einem Mythos, der meiner Erfahrung gemäss nicht aufgeht. Wenn Liebe abgespalten wird, dann kommt es zu all diesen Dingen, die wir in den Therapien erleben, nämlich, dass man eine Beziehung zu jemandem hat, und zwar nicht wegen der Person, sondern aus Angst, alleine zu sein. Oder aus Angst, etwas verlieren zu können: das Haus oder die Sexualität. Man sitzt also in einer gewissen Abhängigkeitsstruktur fest. In Paartherapien schaue ich zuerst, wie die Energie vom einen Partner zum andern fliesst, und wenn die Energie überhaupt nicht fliesst, dann ist es sinnlos, stundenlang zu therapieren, ausser man will diesen Menschen dazu bringen, die dritte Säule von einem selbst zu sein, als Altersvorsorge sozusagen. Ansonsten hat es überhaupt keinen Sinn.
Es braucht einen gewissen Energiefluss. Aber das Problem ist, dass Menschen, deren Ich-Struktur zu stark abgekoppelt ist, nicht einmal mehr hören, was der Partner sagt. Alles wird auf einer völlig anderen Ebene verstanden, egal ob es um Sexualität, um Gefühle oder um den Intellekt geht. Viele Liebesbezeugungen werden nicht in Bezug von sich zum andern ausgesprochen, sondern nur über den anderen zu sich zurück. Dies geschieht aus Unsicherheiten und Ängsten, wie beispielsweise verlassen zu werden, nicht zu genügen – aber mit Liebe hat dies nichts zu tun.

Vom Ich zum Du
Liebe ist immer eine Bewegung vom Ich zum Du hin. Liebe ist immer eine Bewegung aus der Isolation zur Gemeinschaft. Liebe ist selbstverständlich immer eine Bewegung weg von der Abwehr hin zum Mitgefühl. Doch wir alle wissen natürlich, wie schnell wir in eine Haltung von Abwehr und Rechtfertigung geraten. Liebe ist eigentlich etwas total Passives, eine passive Energie. Liebe ist nicht ein Gefühl, sie ist der Prozess eines Zustandes. Liebe ist eine Bewegung, eine Stimmung.
Die Frage, die mich seit meiner Kindheit, seitdem ich Auren beobachte, beschäftigt, ist die: Wo beginnt die Liebe? Beginnt sie wirklich mit der oben genannten Anziehung? Für mich lautet die Antwort: Liebe beginnt in der Stille. Der Mythos, dass Liebe uns verändert, hat sich in meinen Beobachtungen nicht bestätigt. Das Ich transzendiert nicht über die Liebe, sondern die Liebe ist Ausdruck von Transformation. Liebe ist da, wenn das Ich transzendiert ist, und nicht vorher. Das heisst, wenn das Ich in den Hintergrund rückt, dann entsteht Liebe. Ohne Stille kann das Ich aber nicht in den Hintergrund rücken. Da können Sie einander noch so stark lieben, wie sie wollen, es wird nicht funktionieren.

Am Anfang ist immer Stille
Liebe und auch Sexualität bauen auf Stille auf. Doch was ist Stille? Stille ist nicht die Absenz von Lärm. Stille wäre, wenn überhaupt, Absenz von Angst. Es gibt einen Grund, weshalb meine Arbeit Time Therapie heisst. Weil wir sagen, der Körper ist Form, das Ich ist Zeit. Wenn das Ich verschwindet und Stille entsteht, löst sich Zeit auf. Die Zeit wird transzendiert. Das, was die Mystiker mit dem Jetzt bezeichnen, ist nichts anderes, als ein in den Hintergrund-Fallen des Ichs. Diese Stille ist nichts anderes, als wenn ich plötzlich mehr bei den Zwischenräumen bin, also weniger beim Ich und beim Du.
Schauen wir uns das einmal bei der Sexualität an. Wenn wir auf die Ebene des Tantra gehen, so entsteht ja eigentlich diese geheimnisvolle Verbindung, in der ich weder bei mir noch beim anderen bin. Wenn die Sexualität abgespalten ist, dann ist es, wie bereits erwähnt, eine biologische Abnützung. Wenn sich Sexualität jetzt in dieser Stille bewegt, dann ist es eben nicht genital, es ist etwas gerade dazwischen. Dann wird ein Orgasmus zu nichts anderem als zur Körpersprache der Ekstase. Wenn Sie dies auf die Ebene des Denkens nehmen: 340 Gedanken im Tag. Jeder Gedanke hat einen Anfang und ein Ende. Und dazwischen, zwischen jedem Gedanken, zwischen jedem Wort, gibt es einen Zwischenraum. Dieser Zwischenraum ist Stille. Es gibt ein Konzept aus den alten Schulen, das ich in Frage stelle. Das Konzept heisst zum Beispiel, sich auf den Atem zu konzentrieren. Auf das Ein- und auf das Ausatmen. Ich schlage Ihnen vor, während dem Sex die Aufmerksamkeit auf den Punkt zwischen Ein- und Ausatem zu lenken. Wenn Sie ununterbrochen einatmen, werden Sie sterben. Wenn Sie ununterbrochen ausatmen, werden Sie auch sterben. Aber Sie können nichts dazu tun, dass der Atem ganzheitlich wird, auch nicht indem Sie versuchen, tiefer zu atmen. Aber was Sie machen können, ist auf diesen Umschwung zwischen dem Ein- und dem Ausatmen zu achten. Wir nennen dies Nullfaktor. Wenn man beginnt, auf diesen Nullfaktor zu achten, auf diese Stille, dann wird er länger und länger. Dann entsteht plötzlich Satori. Und aus dem Satori entsteht, wenn man noch ein bisschen auf diese Stille achtet, Samadhi.
Die Stille ist die unglaubliche Grundvoraussetzung dafür, dass sich etwas ständig wieder manifestieren kann.
Wir leben stets mit der Gefahr, dass sich Sexualität abspaltet, dass sich «Ich liebe» abspaltet. Aber die Stille kann dazu führen, dass sich diese Abspaltung wieder auflöst. Jetzt versuchen Sie mal zu sehen, was dies für eine Beziehung bedeutet. Wenn Sie Ihren Partner anschauen, wenn Sie einen Bezug zu ihm schaffen und gleichzeitig zu sich selber, und dann versuchen, sich zu vergessen, den Partner zu vergessen, dann sind nur noch Sie in dem Zwischenraum. Dann stehen Sie plötzlich in Beziehung. Erst dann entsteht wirklich ein Gefühl, von in Bezug zueinander sein. Empathie ist nicht, dass ich mich total in jemand andern einfühlen kann. Empathie ist, wenn sich dieser Zwischenraum öffnet, in dem der Inhalt meiner Persönlichkeit wegfällt. Warum? Wenn die Persönlichkeit wegfällt, bleibt nur diese Zwischenenergie, diese Stille, und die ist kulturunabhängig, sie ist allgemein menschlich, überall absolut gleich. Liebe kann kulturabhängig sein.
Diese Stille führt dazu, dass eine Beziehung auf zwei Ebenen stattfindet. Die erste Ebene ist die einer gerichteten Beziehung. Liebe, die gerichtet ist, ist wunderschön, und gut, aber sie hält eben nur eine gewisse Zeit. Das ist die Kommunikation in einer Beziehung. Wenn Stille dazukommt, entsteht eine universelle Liebe. Eine Liebe, die nicht inhaltlich oder ichbezogen ist.

Nullfaktor Liebe
Jesus hat jahrelang immer wieder darüber gesprochen, und wir sprechen auch immer wieder darüber: zu vergeben. Wenn Sie das jetzt aus dieser Perspektive betrachten, werden Sie merken: Vergeben ist das Loslassen der Vergangenheit. Und das bedeutet nichts anderes, als dass, wenn ich in diese Stille eintrete, alle Erwartungen an mich und die ich an meine Partnerin stelle, aufgehoben sind. Das Fantastische ist, dass genau dasselbe für jede Art von Problem gilt. Hören Sie auf, Ihre Schwächen und Ihre Probleme zu analysieren und in der Vergangenheit mit einer Ursache zu verbinden. Stille transzendiert, ohne dass Sie dies machen müssen. Kann ich das Ich, das Zeit ist, und mein Wissen, also meine Erfahrung, in den Hintergrund treten lassen? Aber wie? Dazu ein einfaches Beispiel: Wenn ich meine Hand auf mein Bein lege, dann habe ich sofort das Gefühl: Ah, jetzt spüre ich meine Hand hier. Die Tatsache aber ist, dass vom Moment an, wo ich meine Finger auf mein Bein halte, der Weg des Reizes über die Nervenbahn bis ins Gehirn, die Verarbeitung im Gehirn und die Feedback-Schleife zurück zu meinem Bein, rund eine halbe Sekunde braucht. Es gibt keinen einzigen Impuls, weder einen körperlichen noch einen gedanklichen noch einen Gefühlsimpuls, der nicht immer zuerst einen Impuls und dann eine Handlung hat. Und zwischen dem Impuls und der Handlung – genau da gibt es eine Wahlfreiheit: diese 0,5 Sekunden.
Jetzt stellen Sie sich mal vor: In jeder Beziehung haben Sie die Möglichkeit, ununterbrochen auf diese Stille, diesen Nullfaktor einzugehen. Das heisst: Sie hören plötzlich auf, einfach zu reagieren. Es gibt kein fixes Schema mehr von Agieren und Reagieren mit allen Rechtfertigungen. Mit einem Mal sind Sie frei davon. Und diese Stille, dieser Nullfaktor entsteht auf allen Ebenen. In der Sexualität kann man ihn am besten leben. Man kann es dort am besten wahrnehmen. Weil es am stärksten mit dem Körper, mit den Gefühlen und auch mit dem Denken verbunden ist. Es ist viel schwieriger, durch tiefe Meditation erleuchtet zu werden als über die Sexualität.
Wenn dies stimmt – wann beginnen Sie damit? Es ist ja so einfach, denn die ganze Zeit sind wir ja mit der Sexualität, der Libido, dem Körper verbunden. Wenn mich jemand fragt, was denn der Sinn des Lebens ist, dann sage ich immer: Bleiben Sie doch bei Ihrem Körper, statt irgendwo abzuheben in Fantasiegebilde, romantische, mystische Verklärungen. Dann lassen Sie sich ein bisschen weggehen vom Körper, so dass diese Stille entstehen kann. Dann treten Sie zu jemand anderem in Beziehung, und Sie werden unverhofft merken, dass Sie in Ekstase sind, dass Sie aus der Zeit rausfallen. Wir sagen: Wenn Sie eine Beziehung wollen mit Qualität, wenn Sie eine Beziehung wollen, die länger dauert und wenn Sie eine Beziehung wollen, in der sich Liebe und Sexualität wirklich manifestieren, dann braucht es diese Stille.

Angst vor der Stille
Das Problem mit der Stille ist die Langweile, die damit einhergeht. Die Vorstellung, wir haben uns nichts mehr zu sagen. Sie haben dies bestimmt schon beobachtet: Ein Ehepaar sitzt in einem Restaurant, und sie glotzen vor sich hin, trinken ihren Wein … die haben sich nichts mehr zu sagen. Das ist nicht Erleuchtung. Aber Sie können sich vorstellen, ein Ehepaar dort sitzen zu sehen, das sich ebenfalls nichts zu sagen hat. Aber die Schwingung zwischen den beiden ist so harmonisch – was wollte man da noch sagen, wenn doch die Schwingung vorhanden ist. Das ist, was die Mystiker mit Leere gemeint haben. Nicht Leere, dass da nichts ist, sondern Leere in dem Sinne, dass es keine Definition von etwas braucht. Im Sex, in diesem Moment, wo Ekstase geschieht, gibt es einen winzigen Punkt, wo ich nicht einmal mehr wahrnehme, dass ich einen Orgasmus habe, wo das körperliche Empfinden und die Ich-Erfahrung aufgehoben sind. Und dies führt bei vielen Paaren zu einem Gefühl von Angst. Ich denke, dass viele Paare spiritueller sind, als sie es von sich glauben, aber sie definieren es falsch. Sie haben das Gefühl, ihre Beziehung verliere an Dynamik, weil die Beziehung in die Stille fällt. Aber wenn eine Beziehung wirklich gut ist, verliert sie einen Teil der Klebrigkeit. Wenn Sie verliebt sind, dann haben Sie während der ersten vier Monate einen Energie- und Hormonschub, dann geht es sowieso runter. Wenn diese Energie abfällt und Stille entsteht, bekommen es die meisten Paare mit der Angst zu tun. Das Gleiche geschieht in der Meditation. Wenn immer das Ich in diese Stille fällt, entsteht ganz zuerst ein wenig Angst. Deshalb sage ich immer: Vor der Erleuchtung wissen wir nicht, werden wir wahnsinnig oder erleuchtet. Wenn diese Stille auf uns zutritt und in uns dieses kleine bisschen Angst hochkommt, dann versuchen wir doch mal, uns darüber klar zu werden. Statt die Angst zu definieren und ihr Inhalte zuzuschreiben, die vielleicht gar nicht stimmen, machen wir es doch umgekehrt. Sagen Sie sich: Wenn Angst das Neue ankündigt, wenn also mein Ich zurückfällt und etwas Neues entsteht, das ich weder kontrollieren noch wissen kann, dann ist die Angst wohl ein fantastisches Signal, denn sie zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Wahrheit ist nie universell. Stets ist sie verbunden mit der eigenen Beobachtung und Wahrnehmung. Wenn die drei Grundpfeiler Sexualität, Liebe und Stille miteinander verbunden sind und sich in einem Gleichgewicht befinden, entsteht Alltag und Erleuchtung zur gleichen Zeit. Das ist nicht ein Wegdriften! Sondern Alltag und Erleuchtung zur selben Zeit. Erleuchtung ist das Ende von Verstehen-Wollen. Und wenn dies geschieht in einer Beziehung, dann besteht sie nicht mehr aus dem Hin- und Herschieben von Gedanken und Gefühlen. Dann ist Beziehung dieses unausgesprochene In-Kommunikation-Sein, sie ist Kommunion. Wenn das passiert, geschehen Stille und Bewegung zugleich.

Dieser Text beruht auf einem Referat von Manuel Schoch, das er anlässlich des Forums für Ekstase, Sexualität und Transformation vom vergangenen November in Zürich hielt. Manuel Schoch ist Begründer der Time Therapie und des Instituts Tune-in in Zürich. Seit seiner Kindheit ist er hellsichtig.
Infos über Manuel Schoch unter www.tune-in.ch


Autor: Manuel Schoch | Profil
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Kommentare:

Ich finde es schön, wie klar sich dieser Text von Manuel Schoch direkt an die LeserInnen wendet. So kurz der Artikel zum Gesamtwerk auch sein mag, gibt er guten Anlass zum Lernen Verstehen.
In Kombination mit dem Interview von Claude Jaermann mit Barry Long, dem Text "Liebe und Eros" von Martina Köhler und dem Artikel von Claude Jaermann "liebe Gedanken" (die beiden letzteren sind nur in gedruckter Form erhältlich) ergibt sich ein schönes und verständliches Bild davon, wie man Liebe verstehen könnte.

Ein Buchtipp zu diesem allgegenwärtigen Thema:
Jean Liedloffs "auf der Suche nach dem verlorenen Glück", erschienen im Verlag C.H. Beck

und dazu noch ein Spuren-Link: Wer macht Liebe?

Eigentlich möchte ich nicht lediglich zu diesem einen Artikel einen Kommentar abgeben (über Spuren und Ihre Themen gibt es soviel zu sagen). Doch wie immer ist alles mit allem verbunden, aber ein kleiner Kommentar kann nicht zu allem etwas sagen. …Auch wenn es zusammenhängt.

liebe Grüsse
Conrad Siegenthaler

Beitrag von: Conrad am 28.09.2003 | 4:01

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