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Nr. 69 Herbst 2003
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Liebe mit Rhythmus
Argentinischer Tango ist mehr als nur ein Tanz von Mann und Frau. Tango ist vor allem auch ein Beziehungsseminar.
Von Arvid Leyh

Das Leben auf diesem Planeten ist vergleichsweise einfach, wie uns jeder Zenmeister jederzeit bestätigen kann. Wie auch das: Der Mensch selbst ist es, der ständig neue Komplikationen schafft. Als Beispiel nehme man die Liebe. Sie ist im Grunde dazu gedacht, den Menschen zu erfreuen, emotional und genital. Am Anfang stellt sie kaum Fragen, kennt dagegen fast alle Antworten. Entsteht dann aus den ersten wilden Wochen eine ernsthafte Beziehung, ist eben diese Verliebtheit mit ihren Superlativen und Exklusivansprüchen ein Grund für viele Probleme. Der Verstand meldet sich aus dem Exil zurück – und er ist voller gefährlicher Gedanken. So schafft jede Beziehung irgendwann ihr Schlachtfeld, auf dem die Träume romantischer Liebe gemetzelt werden. Das ist ernüchternd. Immer wieder.

Beziehungsevolution
Doch vielleicht ist die Liebe in Form einer Beziehung trotzdem perfekt, gerade so wie sie ist. Vielleicht ist sie eine Möglichkeit, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln, ein Lernprozess mit vielen Fehlermöglichkeiten. Diese Sicht ist eine Spirale nach oben, denn je mehr Fehler wir machen, umso mehr lernen wir. Und umso freier und friedvoller können wir dem Leben begegnen – besonders dem in der Form eines Partners. Einige dieser Erfahrungen sehen wir gern, andere weniger. Doch alle helfen uns weiter, denn verweigern wir das Lernen, so erleben wir mit dem nächsten Partner ein vergleichbares Chaos.
Beziehungen sind Zweizeller, eigenständige Wesen mit eigenen Themen, Ängsten und Hoffnungen. Während beide Partner in ihr und durch sie lernen, kann sie wachsen. Ihr Entwicklungspotenzial liegt zwischen den Polen Paartherapie – ein schreckliches Wort – und Alltag. Letzterer hat den Vorteil, dass er uns permanent mit Lernerfahrungen – Problemen – überhäuft. Aber er hat den Nachteil, dass wir kaum hinsehen, ihm vielmehr entfliehen wollen. Daher wäre ein spielerisches Schlachtfeld schön, auf dem wir versuchsweise lernen können, weil wir das Thema nicht so ernst nehmen müssen. Dieses Schlachtfeld gibt es. Es heisst Tango.

Warum Tango?
In Tango steckt das Wort tangere – lateinisch für berühren. Es wird vermutet, dass Tango im 19. Jahrhundert tatsächlich als eine Art Vorspiel in den Bordellen von Buenos Aires begann. Auf jeden Fall wurde er lange Zeit als schlicht skandalös betrachtet, was auch an den ersten Texten gelegen haben mag – sie waren voller sexueller Anspielungen und manchmal auch Obszönitäten. Darüber hinaus war es vor allem die Art des Tanzes, die schockierte: Wange an Wange, Becken an Becken, die Beine ineinander verschlungen, die Blicke verheissungsvoll. Erst in den 1920ern wurde der Tango etwas zahmer, heute gilt er als vergleichsweise elegante Abendbeschäftigung.
Der Impuls zum Tangokurs kommt im Normalfall von der Frau. Meine Vermutung ist, dass Tango die Frau mit dem mediengeschaffenen Archetypus einer eleganten, kühlen und hoch erotischen Weiblichkeit in Verbindung bringt. Und sei es nur durch hochhackige Schuhe und geschlitzte Kleider. Wir Männer dagegen gehen selten, um aus freien Stücken den Stierkämpfer in uns zu entdecken. Auch der versprochene Überschuss an schönen Frauen ist nur ein Köder. Oft gehen wir, weil es ihr wichtig ist.
Völlig überrascht stehen wir dann vor der Erkenntnis, dass das Klischee stimmt: Kaum ein Tanz übersetzt den Dialog von Mann und Frau in ganzer Bandbreite so exakt wie der argentinische Tango. Erotik ist ein Faktor, Dominanz und Kampf sind andere. Wie bei jedem anderen Thema auch definiert die Grösse der Begeisterung den Horizont der Erfahrungen. Und derer gibt es viele:

Zwangsweise Selbsterfahrung
In tieferen Beziehungen stösst jeder Partner den anderen irgendwann in eine kleinere Identitätskrise: Wer bin ich, wie definiere ich mich, wo liegen meine typischen weiblichen und männlichen Anteile? Wer hier weiss, wo seine Grenzen sind, kann klarer entscheiden. Wer dazu noch weiss, welche dieser Grenzen übersprungen werden können/sollen/müssen, der ist weise. Doch wem gelingt das schon? Die Grenzen verschwimmen, es gibt heute so viele Rollen, die in immer neuen Situationen gefordert werden, dass wir manchmal das Gefühl für uns selbst verlieren.
Für spirituell ausgerichtete Beziehungen kommt erschwerend hinzu, dass sie Rollenspielchen verachten: Wir sind aufgeschlossen für Anima und Animus, emanzipiert und ausgestattet mit eigenem Stimmrecht. Wir sind so vernünftig. Ein Grund für meine persönliche Liebe ist, dass ich nicht das Gefühl habe, meine Partnerin führen zu müssen. Bewusst verzichte ich auf diesen archaischen Anteil des Mannseins – ich brauche das nicht mehr.
Im Tango ist das ganz anders: Ich bin der Mann. Ich weiss, wohin ich gehe. Nie zuvor habe ich mir Gedanken über energisches Gehen gemacht. Jetzt muss ich feststellen, dass nur energisch gehen kann, wer wirklich weiss, wohin er will. Dieses Gehen für – ein Ziel, eine Figur, einen Traum – ist fundamentaler Bestandteil männlicher Energie. Deshalb gebührt im Tango dem Manne die Führung. Niemand fragt, ob er sie wirklich will. Er muss sich schon selbst finden.
Analoge Ängste ergreifen die Frau, denn sie muss sich führen lassen. Hingeben. Loslassen. Weich muss sie sein und willig, aber auch unglaublich präsent, immer bereit für eine überraschende Figur. Einige davon – wie die Ochos – tanzt sie nur für ihn.

Abwehr und Hingabe
Doch auf der nächsten Ebene ist alles ganz anders: Seine einzige Aufgabe ist es, ihr zu dienen. Während sie alle Macht hat. Die Dame bestimmt Nähe und Distanz, sie kontrolliert das Taktgefühl. Hat sie keine Lust auf die Nähe der Ganchos, umgeht sie ihn einfach. In einigen Figuren kann sie sich sogar wehren.
Er dagegen begleitet nur ihre Schritte. Bietet den Hintergrund ihrer Darbietung während er diese inszeniert und darauf achtet, dass sie gut aussieht. Im mindesten Fall muss er sie immer noch in der Auswahl seiner Figuren unterhalten und – hoffentlich – amüsieren.
Allein schon dieses Wechselspiel zwischen Vordergrund Führung und Hintergrund Hingabe definiert den Tangokurs als Beziehungsseminar. Eine der abstrakteren Erkenntnisse des Tangos liegt darin, dass das Leben paradox ist. Jede Rolle beinhaltet viele Ebenen und alle Seiten, mögen diese sich auch widersprechen. Sobald wir uns an den einen Aspekt gewöhnt haben, müssen wir bereits den anderen leben.

Du bist schuld
Manchmal hasse ich Tango. Wann immer ich eine Figur perfekt beherrsche und mir absolut sicher bin, dass die auftretende Dissonanz an ihr liegt, kommt der Tangolehrer und belehrt mich eines Besseren. Denn es liegt immer an mir: ich führe. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, permanent die Verantwortung zu tragen.
Doch die Erkenntnis geht tiefer, als mir lieb ist: Wenn sie ängstlich nach Lehrer oder Publikum schielt, weil sie sich der Figur nicht sicher ist. Wenn sie sich nicht genügend konzentriert, nicht genügend fliesst, nicht im Flow ist. All das sehe ich, und es ärgert mich. Die Erkenntnis, dass nur meine mangelnde Sicherheit, mein Mangel an Hingabe und Konzentration mich die ihre überhaupt wahrnehmen lassen, kommt mir erst, wenn ich aus der Theorie dieses Tangoartikels die Praxis eines Tangoabends betrachte. So genau wollte ich es im Grunde nicht wissen.
Analoge Beispiele füllen jede Beziehung: Sie nimmt sich keine Zeit, arbeitet ständig und ist geistig einfach nicht da. Aber er ist derjenige, der beim Frühstück Zeitung liest. Wenn es um Schuld geht – und oft geht es nur um Schuld – sind die offensichtlichen Verhältnisse aus dem eigenen Blickwinkel unsichtbar. Beide wollen Recht haben. Und haben es auch.

Die Einheit
Rechthaberei ist grundsätzlich kontraproduktiv, denn Beziehungen sind ein Mannschaftssport. Tango auch. Das Paar muss aufeinander abgestimmt sein, muss die Figuren und Regeln kennen. Dass besonders Letztere nicht in beiden Köpfen die gleichen sind, zeigt sich schnell. Dann steigt die Spannung.
Witzigerweise sitzt die Spannung immer im Kopf. Sobald wir loslassen – Vorstellungen, Vorhaben, Vorwürfe –, geschieht alles wie von selbst. Am Anfang steht dabei die Aufmerksamkeit auf Jetzt und Hier – eine Aufmerksamkeit, die keine ist, die sich aus Vertrauen und Sicherheit nährt. Aber Vertrauen und Sicherheit allein führen bei Tango und Beziehung zu Routine und Langeweile – ohne Aufmerksamkeit sind beide nichts.
Spätestens hier wird Tango – wie viele andere Tätigkeiten auch – meditativ. Die Grenzen lösen sich auf, beide vergessen sich selbst und verschwinden in der Musik. Sie tanzen nicht, sie werden getanzt.

Das Feuer der Eifersucht
Wem das zu hochtrabend ist, kann sich in Irdischem schulen: in der Dynamik der Eifersucht. Vor allem jüngere Beziehungen sehen in ihr eine gute Möglichkeit, die Aufmerksamkeit und vor allem das Bemühen des anderen zu halten. Viele Ältere sehen das anders: Wer schlau ist, ist nicht eifersüchtig. Denn Eifersucht erschafft sich selbst, füttert sich mit Gründen des eigenen Daseins. Und macht so den Grund erst wahrscheinlich: Wenn wir eifersüchtig sind, treiben wir den Partner vielleicht erst in die Arme einer/eines anderen. Ausserdem: Wer eifersüchtig ist, ist erpressbar. Daher ist Eifersucht zu meiden. In meinem Leben existierte sie gar nicht.
Dummerweise ist Eifersucht ein Gefühl und die beschriebene Strategie eine des Verstandes. Gefühle gewinnen immer. Natürlich existiert doch irgendwo die Angst, ein anderer könnte besser sein. Schneller, schlauer, schöner. Diese Angst tragen wir alle irgendwo in uns. Oder irgendwann. Und wir finden sie wieder beim Tango. Ein Tanz, in dem sich die Partner so nahe kommen, in dem bestimmte Figuren am besten nur mit dem eigenen Partner getanzt werden; dieser Tanz fordert von uns, dass wir grosszügig und erhaben unsere Dame in die Fänge anderer Männer entlassen. Die grundsätzlich alle besser tanzen.
Natürlich ist das in der Beziehung nicht anders. Here today, gone tomorrow – wenn einer nicht mehr will, ist die Beziehung vorbei. Die Zeit vorher können wir mit Sorgen füllen. Oder mit Vertrauen. Die Sorgen werden unsere Situation keinesfalls verbessern. Sagen wir nichts, nagen sie an uns. Kommunizieren wir sie, setzen wir den Partner unter Druck. Da wir im Tango sowieso mit wechselnden Partnern tanzen, können wir hier sehr gut üben. Vertrauen, loslassen, tief atmen ...

Marktwert und geistige Heimat
Was auf Partnerseite ein Fluch ist, ist auf der unseren ein Segen: Wir können mit anderen Partnern tanzen, kommen ihnen nahe. Manchmal prickelt es, dann wieder erleben wir verängstigte Momente. Wir kommen uns näher, teilen Intimes und Erhabenes. Momente wie diese sind überlebensnotwendig. Sie sagen uns, dass wir elegant sind, begehrenswert, dass wir noch einen Marktwert haben, an dem wir – wenn wir ganz ehrlich sind – nach einer längeren Beziehung doch immer wieder zweifeln.
Diese Momente, ausserhalb eines Tangosalons erlebt ohne den schützenden Ritus des Tanzes, können die Beziehung bedrohen. Denn wir wissen nicht, wie weit wir gehen können und dürfen. Wir werden neugierig und wollen mehr. Im Tango kennen wir die Grenze genau. Ausserdem müssen wir nicht, wir können. Ich selbst tue mich immer etwas schwer, wenn ich mit anderen Damen tanzen soll, denn mit der eigenen geht es um Klassen besser. Allerdings schafft tänzerische Monogamie keine Meister, und daher ist es unabdingbar, ab und zu über den eigenen Tellerrand zu blicken: Andere Frauen sind oft nicht so hingebungsvoll, so eingespielt, so tolerant. Sie stellen Forderungen. Und dann sind wir doch immer wieder froh, wenn wir in die gewohnt verzeihenden Arme unserer Partnerin sinken. Und immer wieder inspiriert.

Die andere Seite
Beziehungen sind so hinterhältig dual: Mann und Frau haben oft unterschiedliche Meinungen und auch kein Problem damit, diese lautstark zu verteidigen. Wobei Streit an sich keine schlechte Sache ist, wenn beide mit offenem Visier kämpfen. Auf der anderen Seite gibt es immer eine andere Seite, und die sehen wir äusserst selten. Wir können sie gar nicht sehen, denn wir sind so sehr in der eigenen verhaftet.
Im Tango erkennen wir die andere Seite, weil wir eine höhere Instanz – den Lehrer – zulassen und anerkennen. Er zeigt uns, wo die eigenen Fehlerquellen liegen und wie sie sich auf den Partner auswirken. Wenn wir wirklich neugierig sind, können wir auch die Rollen tauschen, was genauso erhellend wie gefährlich ist. Denn nur ein kurzer Einblick reicht bei weitem nicht aus, um ein vollständiges Gefühl für die Situation des anderen zu bekommen. Gleichwohl ist diese andere Perspektive – wie immer – mehr als erhellend.

Sex
Ein oft beklagtes Opfer längerer Beziehungen ist die Leidenschaft. Irgendwann haben wir jeden Quadratzentimeter des Partners mindestens einmal geküsst, und das menschliche Gehirn ist nun mal so ausgelegt, dass es sich nach Neuem sehnt. Andererseits ist all dies natürlich nur in unserem Kopf – auch die nächste Partnerschaft ist voller Gewohnheiten. Im Grunde fehlt vielleicht nur der entsprechende Stimulus. Das mag einer der Hauptgründe sein, warum die Frau den Mann gerne zum Tango zwingt. Denn natürlich ist Tango Sex. Innig umschlungen, zärtlich, verträumt. Und wild, hemmungslos, brennend. Im Tango finden wir wieder, was in langjährigen Beziehungen unter dem Druck des Alltags oft verloren geht: die Begeisterung für den Körper des anderen. Tango kann tatsächlich ein wundervolles Vorspiel sein.

Leben
Natürlich ist Tango viel mehr als das: Er ist Yoga mit Rhythmus, ist die Entdeckung der Langsamkeit – eine schnelle Milonga lässt sich nur mit viel Ruhe überleben –, ist der Kampf mit den eigenen Widerständen. Und natürlich ist ein Tangokurs pure Theorie. Nur wer abends tanzen geht und Spass an der Sache hat, lernt den Tango zu lieben. Ein einziger wundervoller Tanz rettet den Kampf zweier Kursstunden.
Auch hier gibt es keinen Unterschied zur Beziehung. Wir können uns streiten oder im Alltag versinken, aber im Endeffekt sind es die gemeinsam erlebten Augenblicke, welche die Beziehung wertvoll machen. Das Jetzt, das Hier. Sind beide in genügender Menge vorhanden, lebt die Beziehung aus sich heraus. Und nur darum geht es.


Autor: Arvid Leyh | Profil
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Kommentare:

Hallo!
Von einem guten Freund ist mir dieser Betrag zugemailt worden, der mich tief beeindruckt. Als begeisterte Tanguera kreise ich in Gedanken immer wieder um die geheimnisvollen Zusammenhänge dieser "Non-verbalen-Kommunikation zwischen Mann und Frau" und landete immer wieder in den berühmten Sackgassen philosophischer Ansätze. Ob der Verfasser etwas dagegen hätte, wenn wir auf unsere Homepage einen Querhinweis zu dieser Seite herstellen? Leider kann ich Herrn Arvid Leyh mangels einer Mailadresse nicht direkt danach fragen.

Beitrag von: Anne am 11.07.2006 | 19:02

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