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Nr. 70 Winter 2004
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 70 Winter 2004
 
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Raunächte
Die Tage und vor allem die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönigstag waren erfüllt von Volksglauben und Prophezeiungen für alles Kommende. Noch heute achten Menschen auf ihr Verhalten in den Raunächten.
Von Willi Dommer

Ihr Grossvater, so erzählt meine Frau, sei in der Christnacht nie in den Stall gegangen. «Dann sprechen die Tiere miteinander», habe er gesagt. Die Bäuerin des Nachbarhofs wäscht auch heute noch «zwischen den Jahren» grundsätzlich keine Wäsche und beteuert: «Dann wäscht man einen Menschen aus dem Haus.» Ein anderer Nachbar notierte sich stets die Wetterlage zwischen Weihnachten und Dreikönig. Jeder dieser Tage, hiess es, stehe für einen der zwölf Monate des kommenden Jahres und lasse Rückschlüsse auf das Wetter zu. Auch Träume in den Raunächten sollen sich im entsprechenden Monat des neuen Jahres erfüllen.

Wenn am Neujahrsmorgen
die Sonne auf die Kanzel scheint, bevor der Pfarrer drauf steht,
gibt es ein gutes Bienenjahr.


Fragt man in manchen ländlichen Gegenden nach Bräuchen und Sinnsprüchen im Zusammenhang mit den «Raunächten», so erntet man zuweilen Kopfschütteln, denn nicht überall ist dieser Begriff bekannt. Die «Lostage» oder «zwischen den Jahren», vielleicht auch die «Zwölfernächte» oder «Zwölften» sind vielerorts geläufigere Bezeichnungen für diese bedeutsame Phase im Jahreskreislauf, in der die Pforten zur «Anderswelt» offener scheinen als sonst irgendwann. Die «Lostage» entscheiden über das «Los», das Schicksal fürs nächste Jahr. Auch galt es als gewiss, dass «zwischen den Jahren» Heilkräuter ihre grösste Wirksamkeit entfalten.
«Zu den verbreitetsten Vorstellungen volkstümlicher Überlieferung gehört der Glaube an ein wild dahinstürmendes, Schrecken verbreitendes Geisterheer», schreibt der Badener Autor Willi Thoma. Der Kern sei überall derselbe: «Wenn die Sturmwinde in den Winternächten wüten und Nebelschwaden die Berggipfel verhüllen, jagt der wilde Jäger mit seinem Geisterzug durch die Lüfte ... Besonders in den Raunächten, den zwölf heiligen Nächten, der geheimnisvollen Zeit zwischen dem Weihnachtsfest und Dreikönig, wütet nach altem Volksglauben die heidnische Dämonenwelt.» Handelte es sich in der christlich geprägten Sagentradition bei diesen wilden Jägern um Personen, die in ihrem Leben reichlich Unrecht getan hatten und denen nun die wohlverdiente Seelenruhe des gottgefälligen Erdenbürgers versagt blieb, so ist doch die Herkunft des Bildes aus vorchristlichen Mythen unverkennbar.

Wotan und Freya
In vielen Regionen des deutschen Sprachraums kennt man den Anführer der wilden Jagd als den «Wode» – ein Name, der an den Obersten der germanischen Götter denken lässt: Wotan, auch Odin genannt. Er war der Gott der Krieger, aber auch der Dichter, der Gott des ekstatischen Kampfes, aber auch der Weisheit. Immerhin soll er den Menschen die heiligen Schriftzeichen, die Runen, geschenkt haben. Seine Göttergattin Freya galt als Personifikation des mütterlichen Prinzips und spendete den Menschen sinnliche Liebe und Fruchtbarkeit. Während Wotan und Freya in der heidnischen Vorstellung zwar gefürchtet waren, aber nicht ausschliesslich als böse galten, setzte sich mit der Einführung des Christentums eine Art Verteufelung durch. Wotan wurde zum Anführer der gefürchteten «wilden Jagd», einer Art Totenheer, das die Menschen in den Winternächten in Angst und Schrecken versetzte, das Winde, Stürme, Eis und Schnee mit sich brachte. Freya wurde zu einer Dämonin, zur «Percht», die noch heute im alpenländischen Raum am Vorabend zu Dreikönig in lärmenden, winterlichen Umzügen mit fürchterlichen Fratzen – «Hobergoassn, Sellvogl und Schratzln» – und ohrenbetäubendem Getöse vertrieben werden soll. Ebenso wie der Winter in der alemannischen Fasnet.
Da in alter Zeit die «Perchtenläufe» oft christliches Brauchtum zu überwuchern drohten, wurden sie in Predigten angeprangert und schliesslich in Bayern sogar durch die Behörden verboten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Brauch eine neue Blüte. Raunachtsgeister aus dem österreichischen Mölltal haben bereits das ARD-Wunschkonzert und das «Forsthaus Falkenau» aus der gleichnamigen Fernsehserie unsicher gemacht. In der Gegend des Thüringer Rennsteigs sind die schaurig-schönen Umzüge als «Nacht der Hullefrauen» bekannt. Dort wird Wodan, der wilde Jäger, von den Gästen der voll besetzten Wirtshäuser sehnsuchtsvoll erwartet und lässt sich seine würdevollen Symbolhandlungen mit klingender Münze entlöhnen. Letztendlich hat seine Gattin Freya mit ihren liebenswerten, wenn auch Ehrfurcht gebietenden Zügen Eingang in die deutschsprachige Märchenwelt gefunden: in Gestalt der Frau Holle.

Wenn die Eiszapfen in den
Raunächten lang sind, wird auch der Flachs lang.


Offenbar ist die Vertreibung der alten Götter nicht vollständig gelungen. In ländlichen Gegenden hielten die Menschen in den Raunächten stets gewisse Regeln ein, um die dunklen Gesellen der wilden Jagd nicht anzulocken: Sie wuschen sich weder die Füsse noch ihre Wäsche, schnitten weder Haare noch Fingernägel, nahmen keine Hülsenfrüchte zu sich, pfiffen frühmorgens nicht und schlugen Türen nicht laut zu, es wurde weder gedroschen noch gesponnen. «Würde ein Mädchen in diesen Tagen das Spinnrad schnurren lassen, so käme Frau Holle unverzüglich in der Nacht und würde die Wolle heillos verwirren», schrieb 1949 der Badener Brauchtumsforscher Albert Reinhardt. Zwar fürchteten sich die Christenmenschen vor der geisterhaften Schar, stellten aber in der dunklen Zeit allerlei Leckereien vor das Haus – angeblich «für die Armen». Im Gegenzug für die Beachtung solcher Verhaltensregeln konnte der «Wode» den Menschen auch Gutes bescheren: Geldsegen, reiche Ernte, Gesundheit und Liebesglück.

Wenn Tiere sprechen
Hegen nicht viele Menschen gerade dann heimliche Wünsche, wenn ein neues Jahr bevorsteht? «Schneidet ein Mädchen in der Heiligen Nacht eine Zwiebel und streut Salz darauf, so werden sich bis am Morgen die Züge des zukünftigen Gatten auf der Oberfläche abbilden», heisst es. Die Bäuerin eines Hofs im Südschwarzwald kennt einen ungleich drastischeren Brauch: Am Heiligabend solle eine junge Frau «zhintere vier» – sprich: rückwärts – die Stube ausfegen. Nackt wohlgemerkt! Dann sehe sie bei einem Blick zurück ihren Zukünftigen leibhaftig am Tisch sitzen.
Manch ein Landwirt erzählt von einem Berufskollegen, der wissen wollte, worüber sich die Tiere im Stall in der Christnacht unterhalten. Er habe sich im Futtergang versteckt und gelauscht. «Was schaffen wir morgen?», habe ein Stier den anderen gefragt. – Morgen sei Weihnachtstag, lautete die Antwort; da werde nicht gearbeitet. – Ja, und übermorgen? – Da sei Stephanstag, also ebenfalls frei. – Und am Tag danach? Da führen wir den Bauern zum Kirchhof. Vor Schreck soll der neugierige Lauscher gestorben und am dritten Tag beerdigt worden sein. Die Stiere haben natürlich den Leichenwagen gezogen.
Zuweilen hört man auch folgende schaurige Geschichte: Ein junges Mädchen habe wissen wollen, wie ihr Zukünftiger aussehen würde. Dazu musste man an Heiligabend Wasser in eine Schüssel füllen und über Nacht gefrieren lassen. Als sie am nächsten Morgen die Abbildung auf dem Eis betrachtete, erblickte sie drei Särge. Im darauf folgenden Jahr seien ihre drei Brüder ums Leben gekommen.
Wer heutzutage einen – zumeist spielerischen – Blick in die Zukunft wagen möchte, wendet sich in der Silvesternacht im schützenden Kreise von Freunden oder Verwandten dem Bleigiessen zu. Er befragt vielleicht Tarotkarten nach seinem Schicksal oder achtet auf seine Träume in den «Zwölfernächten».
Wesentlich älter als Bleigiessen oder Kartenlegen ist der Brauch, nach dem Abendläuten Stall und Wohnräume mit Weihwasser zu besprengen oder sie rituell zu räuchern und somit zu reinigen – von bösen Geistern, hiess es einst, während man heute eher von «negativen Energien» sprechen würde. Geräuchert wurde mit Weihrauch oder mit dem «Krutwisch», einem Bündel verschiedener Kräuter, die in katholischen Gegenden an Mariä Himmelfahrt geweiht worden waren. Daher stammt auch der Begriff «Raunächte». Sie heissen nicht so, weil etwa die Witterung besonders rau wäre – da kann es im Januar und Februar weitaus schlimmer kommen. Es hat vielmehr mit dem Brauch des Räucherns zu tun, der vielerorts traditionell in der Thomasnacht, an Heiligabend, zu Silvester und in der Nacht auf Dreikönig gepflegt wurde.

Reinigender Rauch
Im Osttirol ist dieser Brauch noch sehr lebendig. Glut aus dem Herd wird in einen Tiegel gegeben, darauf legt man Weihrauch und Teile des am Palmsonntag geweihten Palmbesens. Betend ziehen die Hausbewohner dann mit der Pfanne durch die Räumlichkeiten. In manchen Gegenden Südtirols hält man einen Hut über den Rauch und setzt ihn dann auf, um das Jahr über vor Kopfschmerzen gefeit zu sein.
Im Tiroler Ennstal legte der Bauer glimmende Holzkohlenstücke aus dem Küchenherdfeuer in eine grosse Kupferpfanne. Darüber streute seine Frau Weihrauch, Eiben- und Wacholderzweige sowie Samen des Bilsenkrauts. «Ein leicht würziger, vertrauenerweckender Duft strömt durch die Küche», berichtet der österreichische Journalist Roman Schweidlenka. «Nun beginnt der Gang durch alle Räume des Hauses, durch Scheune und Stall. Dabei murmelt der Bauer – beinahe klingt es wie ein Mantra – seinen beschwörenden Spruch: ‘Eibenlaub und Kranawitt (Wacholder), Ja das will der Teufel nit’ …»
Eine Zeit des Wechsels und Neuanfangs sind die Raunächte, die «Zwölfer» allemal. Der 21. Dezember, der Thomastag, ist die Wintersonnwende, die längste Nacht im Jahr, in vorchristlichen Epochen als Wiedergeburt der Sonne gefeiert. In bewusster Anlehnung an diese uralte Tradition wurde Weihnachten in diese Zeit gelegt: Das Licht kam nun mit Jesus Christus in die Welt. Um welche zwölf Nächte es sich handelt, ist regional durchaus verschieden. Die Zahl 12 ist ohnehin nicht als numerische, vielmehr als symbolisch-heilige Zahl aufzufassen.
Am weitesten verbreitet ist wohl die Meinung, dass die Raunächte mit der Nacht vom 25. Dezember auf den Stephanstag beginnen (die im neuen Jahr dem Monat Januar entspricht) und mit der Nacht vom 5. Januar auf den Dreikönigstag enden, die Ausblick auf das Wetter im kommenden Dezember gewähren sollte. In vielen Regionen legt man an diesen «Lostagen» zwölf Zwiebel-Halbschalen aus und füllt etwas Salz hinein. Bleibt das Salz trocken, gibt es einen trockenen Monat, wird es feucht, dann ist Regen angesagt. Was die Wettervorhersage für das bevorstehende Jahr anbelangt, haben sich die Schwaben ein Hintertürchen aufgehalten: Schneit oder regnet es am 6. Januar, dann ist diese Art der Klimaprognose sowieso hinfällig.

Wettervorher-Sage
Nach anderer Auffassung sind «Lostage» zur Wettervorhersage über das ganze Jahr verteilt. Siebenschläfer und die Eisheiligen kennt wohl jeder. Für Liebesorakel galt der Andreastag (30. November) als prädestiniert. Schüttelt eine junge Maid vor dem Einschlafen die Bettdecke und sagt einen bestimmten Spruch auf, dann gewährt ihr ein Traum in der Nacht einen Blick auf ihren Zukünftigen. Über den 31. Januar weiss eine Bauernregel: «Friert es an Virgilius, im Märzen Kälte kommen muss». Und hinsichtlich des 4. Dezembers heisst es: «St. Barbara mit Schnee, im nächsten Jahr viel Klee». Sowohl ZDF und ARD als auch RTL fühlen sich bemüssigt, auf ihren meteorologischen Internetseiten zu betonen, dass sich «verlässliche Wetterprognosen anhand solcher ‘Lostage’ nicht herleiten» lassen.

Wer beim Heiligabendläuten
die Schlösser von Türen
und Truhen schmiert, dem bringt dies Reichtum.


Übrigens – der steirische Seher Jakob Lorber (1800–1864), der nach eigener Überzeugung direkte Durchsagen des Schöpfers niederschrieb, wäre solchen Wetterpropheten recht vehement in die Parade gefahren, hätte sie als abergläubisch und heidnisch gebranndmarkt. Schrieb doch der «Schreibknecht Gottes» seinerzeit: «Die ‘Lostage’ beurteilen die Menschen und schliessen daraus aufs zukünftige Wetter; aber den grossen ‘Lostag’ ihres Herzens kennen sie nicht, der ihnen das Hauptwetter ihres zukünftigen, ewigen Lebens enthüllen würde.» Der Mensch würde nach Lorber erst dann recht handeln, «so er die Witterungszustände seines Herzens mehr beachtete und in sich die Einsicht bekäme, dass darin fortwährend ein gar übles Wetter ist, welches wohl von den häufigen ‘Lostagen’ herrührt, die da sind Spieltage, Fresstage, Saufgelage, Tuenichtstage».
Ob man sich nun der althergebrachten bäuerlichen Tradition verpflichtet fühlt oder sich eher dem rigorosen Propheten Lorber zuwendet, sei jedem selbst überlassen. Also: Salz in die Zwiebelschalen, zur Christnacht den Stall meiden, frühmorgens nicht pfeifen und vor allem am Heiligen Abend die Stube «zhintere vier» schweifen – «näckig», versteht sich. Nur keine falsche Scham: Der Zukünftige, der sich dann am Tisch zeigt, ist ebenfalls unbekleidet.

Literatur
Sigrid Früh:
Raunächte – Märchen, Brauchtum, Aberglaube. Stendel Verlag, Waiblingen 1998, 98 Seiten,
Fr. 17.60.
Helma Marx: Das Buch der Mythen –
aller Zeiten, aller Völker. Bastei-Verlag, Bergisch Gladbach 2000, 732 Seiten, Fr. 17.50.
(Originalausgabe vergriffen – nur als Taschenbuch erhältlich.)
Björn Ulbrich/Holger Gerwin:
Die geweihten Nächte – Rituale der stillen Zeit. Arun-Verlag, Engerda 1999, 128 Seiten,
Fr. 26.70.


Autor: Willi Dommer | Profil
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