Die Göttinnen von Malta
Vor rund 5000 Jahren errichteten Menschen auf Malta und auf der Nachbarinsel Gozo geheimnisvolle Tempelanlagen. Spirituelle Sucherinnen aus aller Welt pilgern heute auf die Mittelmeerinseln und verbinden sich mit der Kraft der Göttin.
Von Victor Paul Borg
Gelegentlich nimmt Willow LaMonte eine Hand voll Samen, nie aber vergisst sie, Wasser in die Öffnung für Trankopfer zu schütten. Eine Frau opfert ihr Menstruationsblut. Andere wiederum stellen brennende Kerzen hin oder legen Brot auf den Altar, aber auch persönliche Gegenstände wie Amulette. Eine junge Frau verbrachte sogar eine Nacht auf dem steinigen Boden des Mnajdra-Tempels, um im Traum mit dem Göttlichen zu kommunizieren. Auch jetzt, als der Zaun geschlossen ist, hören die Wächter die Eindringlinge: Klirren von Porzellan, Kerzengeflacker im Regen, Silhouetten von hypnotisch tanzenden Menschen, starke emotionale Gesänge, der süsse, narkotisierende Duft von verbranntem Salbei.
Heutzutage finden die neolithischen Tempel von Malta keine Ruhe mehr. Eine grosse Anzahl von Pilgern – hunderte, wenn nicht tausende – reist von überall auf der Erde an, um die Energieschwingung in den Tempeln zu erfahren. Linda C. Eneix, eine Reiseveranstalterin für amerikanische Pilger, sagt: «Ich vernahm in den Tempeln ein richtiges Surren. Zuerst muss ich ganz leise sein, dann ist es, wie wenn sich alle Moleküle in meinem Körper schneller bewegen würden und irgendetwas um mich herumschwirren würde.» Danica Anderson, eine amerikanische Psychotherapeutin, erzählt: «Wenn wir im Hypogeum singen, betont unsere Stimme die Energie, und der Klang bewegt sich durch unsere Körper. In Ggantija auf Gozo fühlte ich mich, als wäre ich schwanger.»
Für Eingeweihte ist diese Energie nicht statisch. Wie eine unsichtbare Hand führt diese Energie den Malpinsel von Anna Grima. Für die Künstlerin Jeni Caruana ist sie eine Quelle der Inspiration. Danica Anderson setzt sie ein für ihre Therapie. Für Willow LaMonte, Herausgeberin der Zeitung Godessing Regenerated vermag die Energie die Grundmauern zu erschüttern: Wegen eines Unfalls humpelt sie an Krücken, in der Tempelanlage jedoch schwingt sie ihre Stecken und beginnt erregt zu tanzen.
Möglicherweise, so dachte ich, ist es ein psychologischer Placebo-Effekt, der diese Phänomene hervorbringt, da diese Menschen davon ausgehen, hier etwas fühlen zu können. Oder ist diese vermeintliche Energie nur eine Art von New-Age-Aberglaube, der intelligente Menschen bekehrt? Eines ist klar: Die neolithische Kultur Maltas setzt sich aus Puzzleteilen und Mysterien zusammen. Malta, das halb so gross ist wie London, zählt mehr grosse neolithische Schreine als der ganze Rest von Europa: 23 grosse Tempel und zwei unterirdische Grabstätten, darunter den Ggantija-Tempel, das älteste Bauwerk der Welt, das tausend Jahre älter ist als die ägyptischen Pyramiden.
Die Tempel bestehen aus eindrücklichen runden Komplexen, oft wurden zwei oder drei Tempel hintereinander erbaut. Der Ggantija-Tempel auf Gozo, der 3600 vor Christus erbaut wurde, besitzt 16 Meter hohe Mauern aus Megalithen. Der grösste Stein wiegt über 55 Tonnen! Warum haben Menschen solche Bauwerke errichtet, zu einer Zeit, als ihre Werkzeuge aus zerbrechlichen Knochen, Horn, Steinen und Splittern aus Feuerstein bestanden? Diese Frage erfüllt Richard England, Maltas berühmtesten Architekten, dessen Handschrift Rundbauten sind, mit Ehrfurcht. Die Weisheit der Tempelbauer lasse sich förmlich spüren, meinte er nachdenklich in einer Fernsehdokumentation über die Tempel.
Man stellt sich vor, das Volk jener Zeit habe rund 5000 Seelen gezählt, und diese Leute hätten ihre Tage friedlich, im Einklang mit der Natur und künstlerisch kreativ zugebracht. Während 2500 Jahren blühte ihre Gemeinschaft. Ihre Kunst reichte in mystische Bereiche. Denken wir nur an die schlafende Frau, die im Hypogeum gefunden wurde, eine Gestalt, die Metaphern und Emotionen auslöst, oder an das ausserordentlich elegante Bündel eines Schamanen, das unter der Erde im Xaghra-Steinkreis gefunden wurde. Wie in anderen Neolith-Kulturen verehrten diese Menschen die Fruchtbarkeit. Sie opferten Tiere und ehrten die Erde. Sie betrachteten das Leben in seiner zyklischen Unendlichkeit, symbolisiert durch die allgegegenwärtigen Spiralmotive in den Tempeln. Im Buch Malta – Die Insel der Göttin schreibt die holländische Kulturanthropologin Veronica Veen über die vorgeschichtlichen Bewohner von Malta: «Sie hatten ein zyklisches Weltbild, in dem alles einem bewussten Transformationsprozess unterworfen war: der Wechsel der Jahreszeiten, die Mondphasen, der Menstruationszyklus der Frauen, die Stadien des menschlichen Lebens, das alles bildete ein Netz aus zyklischen Symbolen. Wandel, Wachstum, Aussaat, Tod und Wiedergeburt wurden erfahren als Teil eines immer währenden Prozesses.»
Den Innenraum ihrer Tempel und ihre Kunstgegenstände bemalten diese Menschen mit Ocker, der Farbe des Blutes – des Lebensstroms. Um ihre Toten zu begraben, führten sie aufwändige Rituale durch, sie legten Opfergaben in die Gräber, und selbst der Leichnam wurde mit Ocker bemalt. Einige Historiker meinen, dass die im Hypogäum in Kauerstellung Bestatteten der Stellung des Fötus im Bauch entsprechen. Doch die Geschichte der ersten Malteser hat ein tragisches Ende. 2500 Jahre vor Christus verlassen die Tempelmenschen Malta überraschend. Die Umstände dieses Exodus beschäftigen die Historiker seit zwei Jahrhunderten. Die meisten Archäologen gehen davon aus, dass die Tempelleute ihre Umwelt während einer längeren Dürreperiode überfordert hatten. Ihre frenetischen Anstrengungen durch Errichten von Tempeln sollten die Erde wieder fruchtbar stimmen – tatsächlich erschöpften sie damit aber ihre Vorräte vollends, was die Gemeinschaft schliesslich verhungern liess.
Heute haben die alten Malteser die Mythologie erobert, als wenn sie vom Himmel gefallen wären, und wir empfinden nostalgische Gefühle, da diese Menschen für uns eine Utopie lebten: Sie verkörpern die Anti-These auf alles, was in der modernen Welt verkehrt läuft. «Von ihnen können wir eine Menge lernen, wie sie in Harmonie lebten und das Leben als solches ehrten», meint Willow LaMonte. «Diese Menschen waren höher entwickelt, als wir es uns vorstellen können, und sie haben uns dieses kleine Mysterium hinterlassen, dass wir nichts Genaueres über sie herausfinden können.»
Einige sagen, dass das sanfte Dröhnen einer Energie, die von so vielen Menschen in den Tempeln wahrgenommen wird, an den so genannten Ley-Linien liege. Diese hoch aufgeladenen Linien mit subtilen elektromagnetischen Schwingungen umspannen die Erde und verbinden sämtliche neolithischen Kultorte. Malta liegt auf einem der Hauptzweige und ist Knotenpunkt dieser Ley-Linien, so die Theorie. Eingeschwungen auf diese kosmische Kraft, errichtete Maltas Urbevölkerung an den stärksten Punkten ihre Tempel. Mnajdra ist nach dem Sonnenaufgang der Tag-und-Nacht-Gleiche ausgerichtet und nach dem Wechsel der Jahreszeiten, und es gibt einige plausible Hinweise darauf, dass Hagar Qim nach den Mondphasen ausgerichtet ist.
Danica Anderson, eine amerikanische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt «Archetypische Frauenpsychologie», meint, dass sich diese Energien durch die Evolutionspsychologie erklären lassen. Sie glaubt, dass wir alle die gesamte Geschichte des menschlichen Denkens in unseren Genen tragen – ein kollektives Bewusstsein, geformt von der Evolution der Gedanken. Da die Tempel während tausenden von Jahren von Generation zu Generation als Kultorte benutzt wurden, können wir heute dieses alte genetische Gedächtnis aktivieren, das in unserem kollektiven Bewusstsein eine emotionale Resonanz findet.
Danica Anderson ist zu einer Art «Pferdeflüsterin» von Maltas Tempeln geworden. Ich begleitete sie zu einem ihrer Workshops, den drei Mütter mit ihren Töchtern belegten, nebst Andersons eigener Tochter und einem weiteren Teenager, dessen Mutter nicht dabei war. Ziel des Workshops war, das Mutter-Tochter-Verhältnis zu verbessern und das Selbstvertrauen der Frauen zu stärken. Andrea Benjamin, 15, erzählt die bewegendste Geschichte. Andrea wuchs ohne Mutter auf und hatte einen Selbstmordversuch hinter sich; der Zustand ihrer Mutter, die an vielfachen Persönlichkeitsstörungen litt, gab ihr wenig Anlass zu Hoffnung. «Ich will eine Mutter, nicht eine Freundin», sagte sie.
Ich begleitete die Frauen zu ihren Ritualen im Ggantija-Tempel. Gemäss Danica Anderson sollten die Rituale helfen, die Frauen mit sich selber und dem Tempel zu verbinden, um sich auf diese Weise für Heilung und Versöhnung zu öffnen. Zuerst leitete Danica Anderson die Frauen durch eine geführte Meditation, bis alle entspannt und gleichzeitig aufmerksam waren. Dann legte jede Frau ihre Geschenke zur Segnung auf einen Schal: ein Durcheinander an Habseligkeiten, Kerzen, ein Medusa-Amulett, ein Prisma, ein Laib Brot und ein Haufen Schmuck. Mit Klageliedern begann die Reinigungszeremonie. Anschliessend machte ein rauchendes Bündel getrockneter Salbei die Runde, um alle Gegenstände und die Anwesenden zu reinigen. Daraufhin hockten wir uns auf den Boden, und es war Zeit für unsere Jüngste, ihrer inneren Unruhe entgegenzutreten. Zuerst schrummte sie auf der Gitarre probeweise einige Takte, dann plötzlich brach es aus ihr heraus, und sie sang Suicidal Dreams von der Gruppe Silver Chain. Ihre Stimme bebte vor Emotionen, doch nach dem Lied sagte sie: «Jetzt fühle ich mich frei.»
Wie auch schon bei anderen Besuchen der Tempel fühlte ich, wie mich eine Kraft beseelte, welche durch die Energie des Tempels ausgelöst worden sein könnte oder durch meine Ahnungen des Wunderbaren. Dann glaubte ich, hunderte von Stimmen zu hören, aber sie klangen so unverständlich wie eine Kakophonie unter Wasser. Tränen tropften auf Danica Andersons Schulter, und ich fragte mich, ob ich halluzinierte. War das nun die Energie, von der so viele Menschen sprechen, oder war es meine Einbildung? Die Zeremonie erreichte mit weiteren archetypischen Ritualen ihren Höhepunkt; die Frauen bildeten einen Kreis, der sich wie eine Blume öffnete, um die heilende Energie in sich aufzunehmen. Zur Abrundung der Zeremonie umklammerten sieben Händepaare das gesegnete Brot und rissen es unter Gelächter auseinander und assen es.
Wiedergeburt der Göttin
Maltas Tempel haben eine kulturelle Wiedergeburt an Ritualen und Gemeinschaften ausgelöst, gefördert durch Marija Gimbutas Beschreibungen des Göttinnenkults. Die verstorbene amerikanische Archäologin postulierte die Theorie einer alten neolithischen Kultur in Europa, in deren Zentrum der Kult einer Fruchtbarkeitsgöttin stand. Mit ihrer Untersuchung von kulturellen Symbolen verband sie sämtliche Aspekte der Tempelkultur mit der Theorie einer matriarchalen, friedlichen, gesunden, Göttinnen verehrenden Zivilisation. Die gefundenen Skulpturen der dicken Frauen sind Abbilder der Göttin, die Umrisse der Tempelanlagen haben die Formen der Göttin – Gimbutas’ Theorie wurde reicher und komplexer. Der Tempeleingang erklärt sich aus Symbolen: die Schwelle, die Vagina, der Bauch als Bereiche der inneren, intuitiven weiblichen Göttlichkeit. Gimbutas erklärte, Maltas Neolith-Kultur sei weniger aufgrund eines Umweltkollapses ausgestorben, sondern eher durch den Einmarsch patriarchaler Stämme aus Osteuropa, was dieses neolithsche Utopia zerstörte. Gimbutas’ Theorien lassen Vertretern einer herkömmlichen Archäologie die Nackenhaare aufrichten. In diesem Lager wird argumentiert, Gimbuta’s Arbeit sei zwar plausibel, doch ihr Umgang mit kulturellen Symbolen sei abstrus und schliesslich auf eine frei erfundene mythologische Theologie hinausgelaufen. Wenn solche Archäologen nach der geheimnisvollen Energie befragt werden oder nach den Ley-Linien, weichen sie den Fragen meist diplomatisch aus.
Der Schatzsucher
Ich besuchte Joe Attard, ein maltesischer Historiker, der sich sein Handwerk selbst beigebracht hat, um herauszufinden, wie ihm eine Reihe von archäologischen Entdeckungen geglückt waren. «Sie denken an Inspiration», murmelte er. «Nein, es war harte Arbeit und eine Intuition, die auf jahrelangen Studien gründet.» In den 70er Jahren war Joe Attard besessen von der Schatzsuche nach einem unterirdischen Gräberfeld. Attard durchforschte Tagebücher und Aufzählungen von Malta-Reisenden aus früheren Jahrhunderten. Er befragte Bauern, analysierte alte Märchen und Legenden und studierte alte Landschaftsgemälde. Und er durchkämmte die Gegend nach Megalithspuren und Tonscherben. Nach fünf Jahren stiess er auf den Xaghra-Steinkreis, ein unterirdisches Grabmal, das tausende von Skeletten und Kunstgegenstände beherbergte.
Ich fragte Joe Attard, was er über die Energie der Tempel, den Göttinnenkult und die Theorie eines Umweltkollapses wisse. Er bemerkte bloss: «Ohne klare Beweise würde ich nichts sagen. Solche hypothetischen Schlussfolgerungen sind nichts weiter als Fantasie.» Doch auch Joe Attard ist Teil dieser Fantasie, selbst wenn es ihn verlegen macht, darüber zu sprechen. Beim Aufspüren archäologischer Überreste betätigt er sich als Rutengänger. So taten es auch Anthony Bonanno und der britische Archäologe David Trump. Geführt von seiner Rute stiess David Trump auf einige Grabmale und auf die Tempel in Xemxija. Trump war von seinen Erfahrungen mit dem Rutengehen fasziniert. Wenn doch das Rutengehen funktioniert, würde das nicht auch die Theorie der Ley-Linien bestätigen? Aus was für einem anderen Grund sonst würden sich zwei Metallstäbe sofort verdrehen, sobald man sich einer archäologischen Stätte nähert? «Ich verbürge mich dafür, dass das Rutengehen funktioniert», sagt Joe Attard. «Aber ich kann nicht erklären, warum und wieso.»
Grabmal und Tempel
Auf der Suche nach Antworten besuche ich das Hypogäum, das eindrücklichste neolithische Monument der Erde und eines der ältesten. Das unterirdische Grabmal besteht aus Etagen, die zwischen 3600 und 2500 vor unserer Zeitrechnung entstanden sind und die verlassen wurden, noch während die Arbeiten im Gange waren. Siebentausend menschliche Skelette hat man hier ausgegraben. An einigen Wänden prangen ockerfarbene Spiralen, aber auch die Skizze eines Baums. Anhängerinnen der Göttin glauben, das Hypogäum symbolisiere die Gebärmutter, den Schoss der Erde. Im Zentrum befinden sich das Allerheiligste und die Hauptkammer. Beide zusammen bilden das Innere des Tempels, ganz besonders die eiförmige Hauptkammer mit ihren pockennarbigen Steinen am Eingang und die seitlichen Kammern, die wie düstere Fenster in die Wände eingelassen wurden. Der Führer erzählt uns von bewusstseinsverändernden Zeremonien, bei denen Menschen um ein Feuer tanzten, eingehüllt vom Geruch des Todes. Verehrerinnen der Göttin erzählten mir, sie hätten sich hier drin geborgen gefühlt wie im Fruchtwasser der Gebärmutter. Temi Zammit, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Hypogäum ausgrub, notierte in seinen Aufzeichnungen: «Ein Hauch von tiefen Mysterien bestimmte den Ort.» Ich selbst fühlte hier eine tiefe Entspannung, den Hauch von etwas Bedeutendem, aber auch etwas Mysteriöses. Das Hypogäum kehrte in Tagträumen zu mir zurück. Wie noch jede Generation von Gelehrten und Schwarmgeistern, die es unternommen hatten, die Tempel verstehen zu wollen, wurde auch ich von ihnen infiziert. Nach und nach habe ich die Besessenheit, mit der Joe Attard fünf Jahre lang seine Schatzsuche betrieb, zu verstehen gelernt. Ich muss immer wieder zu den Tempeln zurückkehren, um herauszufinden, ob ich bei früheren Besuchen nicht etwas verpasst habe. Eine lange, kalte Nacht verbrachte ich im Ggantija-Tempel, nippte am Wein und wartete im Dunkeln, bis ich wieder zu mir fand, im Morgengrauen ausgestreckt schlafend auf dem Steinboden. Was hatte ich erwartet, hier zu finden?
Rote Energie
Was erwartet die deutsche Künstlerin Ebba von Fersen noch Neues, nachdem sie bereits seit elf Jahren in den Tempeln malt? «In den Tempeln fühle ich eine gewaltige Energie», sagt sie, «mit meinen Bildern versuche ich, das Geheimnis dieses heiligen Raums ausdrücken.» Ihre Gemälde versieht sie mit dicken roten, purpuren, dunkelbraunen und schwarzen Pinselstrichen. Sie drückt damit auch die runde Qualität der Megalithen aus, die sich überlappen wie Falten, die tiefer in einen lebenden Organismus führen. Eine bestimmte Botschaft ist nicht auszumachen, nur eine Ahnung von aufziehendem Drama und Mysterium. Selbst der Himmel ist auf diesen Bildern rot.
Ich begleitete Ebba von Fersen Balzan zum Mnajdra-Tempel. «Mnajdra ist sehr ruhig und heilend», sagte sie. Während sie mit Wasserfarben malte, sass ich draussen in der Sonne, vor mir das flache Meer, darüber die Klippen. Auf einem weitläufigen Steinplateau, eingehüllt in Thymianduft, liegen die Tempel von Mnajdra und Hagar Qim, keinen Kilometer weit voneinander entfernt. Hagar Qim ist ein runder Komplex mit verschiedenen Eingängen und Tempeln, eine der ältesten und auch komplexesten Anlagen. Mnjadra ist eine kleine Anlage, drei Tempel liegen hier zusammen, der südliche und grösste gehört zu den besterhaltenen Tempeln von Malta und ist der einzige, der nach der Sonne ausgerichtet ist – eine bewegende Szene, wenn die ersten Strahlen der Morgensonne über das Kliff und das Land streichen und auf den inneren Altar fallen.
«Weshalb ist Rot in Ihren Bildern so dominant?», frage ich die Malerin. «Rot ist eine vibrierende Farbe», erklärt sie. «Und Rot fühlt sich in den Tempeln natürlich an. Es ist, als ob die Farbe der Tempel rot sein sollte. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass das Innere der Tempel früher tatsächlich rot war.»
Sind es diese kleinen Mysterien der Intuition, gepaart mit einem unerschütterlichen Glauben an Wunder und unserer steten Suche nach Anzeichen von Spiritualität, welche die Tempel von Malta so anziehend machen? Ebba von Fersen Balzans frühere Tempelzeichnungen ordneten die Landschaft ihrer Seele neu und verliehen ihrer Kunst eine neue Ausrichtung. Sie sagt: «Ich kann nicht aufhören, in den Tempeln zu arbeiten. Für mich ist das wie eine Sucht.»
Victor Paul Borg ist freischaffender Reisejournalist. Er schrieb einen Reiseführer über Malta und Gozo und über 500 Artikel, die weltweit publiziert wurden. Zurzeit hält er sich in Asien auf und schreibt an einem Reiseführer über Rucksacktouristen. www.victorborg.com
