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Nr. 71 Frühling 2004
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 71 Frühling 2004
 
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Ich wollte fliegen
Die Spuren-Kolumne vom Autor des Gummibärchen-Orakels
Von Dietmar Bittrich

Das grösste Wunder ist ein Grashalm, finden Sie nicht? Und dass die Sonne aufgeht und die Vöglein singen. Das sind die allergrössten Wunder! Das behauptet jedenfalls meine spirituelle Erbtante, und ihre keksknabbernden Freundinnen nicken dazu.
Schrott. Phrasen. Dass Grashalme wachsen, ist kein Wunder, sondern stinknormal. Wenn die Vöglein sprechen statt singen würden, und wenn die Sonne mal im Westen aufginge – das wäre zum Staunen! Wenn schon Wunder, dann müssen sie aussergewöhnlich sein.
Ich will nicht Blümlein sehen, sondern Elfen, Engel, Auren. Ich möchte mich glasklar an frühere Leben erinnern, besonders an dasjenige, in dem ich Pharao war, und ich will Zeitreisen dahin machen, nicht mental, angeleitet von einem schwerhörigen Reinkarnationstherapeuten. Sondern physisch, als Körper. Und ich möchte genau das materialisieren können, was ich mir wünsche. Ich wäre auch zu Abstrichen bereit. Ich würde keine Diamanten materialisieren wie Sai Baba, sondern – schon um meine Tante günstig zu stimmen – Brot für die hungernden Kinder der Welt. Und erst danach Diamanten für mich selbst. Ausserdem will ich unsichtbar sein und durch Wände gehen. Speziell durch die Wand, die mich vom Schlafzimmer meiner neuen Nachbarin trennt.
Das wären Wunder! Aber wo bleiben sie? Jahrelang habe ich geübt. Jahrzehntelang. Ende der siebziger Jahre habe ich mit dem Wundertraining begonnen, per Video instruiert vom gütigen Guru Maharishi Mahesh Yogi. Mit vielen Tausenden habe ich von ihm nicht nur das Meditieren erlernt, sondern die Anwendung der Yoga-Sutren des Patanjali. In tiefer Stille haben wir subtile Gedankenimpulse gesetzt, auf einer Bewusstseinsebene namens Ritam Bhara Pragya, auf jener Ebene, wo der Gedanke unmittelbar Realität wird.
Es hat nie geklappt. Bei keinem. Die Formel für das Wand-Durchschreiten wurde wieder abgeschafft, weil die Übenden bei dem Sutra von Schmerzen heimgesucht wurden. Die Formel für die Reise in frühere Leben wurde gestrichen, weil die Schüler sich eitel in die Vergangenheit gruben. Das Ziel Unsichtbarkeit blieb bestehen, aber es funktionierte nicht. Und bei der grössten Sensation, dem yogischen Fliegen, blieben die meisten wie Säcke am Boden. Diejenigen, die abhoben, schwebten nie. Sondern sie stiessen sich für einen kurzen Moment ab, dank einer Kontraktion der Beckenbodenmuskeln. Wie beknallte Frösche hüpften wir auf Schaumstoffmatratzen im Schneidersitz durch Kellerräume und fühlten uns anschliessend wenigstens gut durchblutet.
Angeblich schufen wir durch unsere Gehirnwellenkohärenz einen harmonisierenden Effekt auf die Umgebung. Aber die Umgebung hat nie davon Notiz genommen. Anfangs bestätigten wir uns gegenseitig, dass wir uns extrem leicht fühlten und total lichtvolle Zustände erreichten. Besonders schwärmten wir denjenigen vor, die hoffnungslos am Boden hockten, weil sie sich den entscheidenden Ruck nicht gaben.
Doch als nach Monaten und Jahren die Hopser nicht höher und nicht weiter wurden, als wir immer noch nicht länger in der Luft blieben als anderthalb Sekunden, versicherten wir uns gegenseitig, dass es auf Wunder ohnehin nicht ankäme. Sondern, naja, auf das Bewusstsein oder so. Man solle sowieso nicht nach besonderen Zuständen streben, fanden wir nun. Sondern mehr im reinen Gewahrsein verharren.
Aber frustrierend war es doch. Und ist es immer noch. Denn mit dem Gewahrsein, das klappt ja auch nicht. Und deshalb kann ich es partout nicht leiden, wenn meine Erbtante mir vom Wunder der Einfachheit vorschwärmt. «Das grösste Wunder», ist mir neulich rausgerutscht, «ist, dass du noch lebst!» Tja. Wenn ich nun trotzdem noch was erbe, dann glaube ich wirklich an Wunder.

Dietmar Bittrich, dbittrich@aol.com, www.dietmar-bittrich.de ist Autor
des hintersinnig verspielten Buches Das Gummibärchen Orakel.
Mit Christian Salvesen veröffentlichte er Die Erleuchteten kommen.


Autor: Dietmar Bittrich | Profil
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