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Nr. 71 Frühling 2004
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 71 Frühling 2004
 
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Magie ohne Spitzhut
Hexe - das war einst ein gefährliches, ja todbringendes Schimpfwort. Heute bezeichnen sich immer mehr Frauen - und sogar einige Männer - freimütig als Hexen. Wir wollten wissen: Wer sind diese Leute? Und können sie tatsächlich zaubern?
Von Marius Leutenegger

Im Winter 2004 hatte das Management des Fussballklubs von Frome Town in Südengland die Nase voll: Die auswärts so erfolgreichen Stürmer trafen in Heimspielen einfach nie ins gegnerische Netz. Es war wie verhext - oder vielmehr: Alle Zeichen deuteten darauf, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging. Deshalb beauftragte man eine Hexe, das Stadion des Klubs vom bösen Fluch zu befreien.
Mit dem Beizug magischer Kräfte folgten die Amateurfussballer übrigens dem professionellen Beispiel vom Southampton, dessen Chefs wegen der notorischen Erfolgslosigkeit ihrer Fussballer ebenfalls ausserordentliche Hilfe angefordert - und bei einem alten Druidenorden gefunden hatten.
Auch wenn man beim Begriff Hexe spontan vielleicht eher an unheimliche Waldhütten denkt als an Fussball: Hexen sind, das zeigt das Beispiel aus der Sportwelt, hochmodern. Neuzeitliche Hexerei lässt sich nicht mehr als vorübergehende Randerscheinung abtun. Allein in den USA wird die Zahl der Anhänger von Hexenkulten auf rund 200 000 geschätzt, in Grossbritannien auf über 100 000. Für deutschsprachige Gebiete liegen keine Schätzungen vor; aufgrund ihrer Internet-Präsenz darf man aber davon ausgehen, dass die Hexen auch bei uns Einzug gehalten haben.

Ein Nudist als Religionsstifter
Ihre Wurzeln hat die neue Hexerei in England. Weil dort die juristischen Mühlen manchmal besonders langsam mahlen, war die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit verpönte und brutal verfolgte Hexerei bis 1951 offiziell verboten. Als die entsprechenden Gesetze endlich aufgehoben wurden, kam dies einem eigentlichen Dammbruch gleich: Eine Vielzahl neuer Hexenverbindungen schoss aus dem Boden, zahlreiche Bücher zum Thema wurden publiziert. Die meisten modernen Hexen beriefen sich auf Vorgängerinnen und Vorgänger in grauer Vorzeit - laut Religionswissenschaftlern handelt es sich bei ihnen aber um Anhänger einer «neuheidnischen Strömung», die im weitesten Sinne dem New Age zuzurechnen ist.
Als führender Kopf und Vordenker der neuen Hexenbewegung gilt Gerald Brosseau Gardner. Der 1884 geborene und 1964 verstorbene Engländer, der viele Jahre in Asien gelebt hatte und dort mit den lokalen Bräuchen in Kontakt gekommen war, begründete mit seinen beiden Büchern Witchcraft Today und The Meaning of Witchcraft die so genannte Wicca-Religion - die Religion der Hexen. Gardner war überzeugter Nudist, weshalb die frühen Wicca-Anhänger viele ihrer Rituale nackt vollzogen. Dass Derartiges die Öffentlichkeit vor Jahrzehnten verstören musste, ist nahe liegend. Bis heute steht die Wicca-Religion darum auch im Ruch von Skandälchen, die aber kaum dokumentiert sind.

Eine kaum strukturierte Bewegung
Gardner verlieh der Hexenbewegung im christlichen Westen auf jeden Fall kräftige Impulse. Ihr Guru ist er aber nicht geworden, hat er gar nicht werden können - denn moderne Hexen lassen sich nicht in ein starres hierarchisches Korsett zwängen, schon gar nicht von einem Mann. Einige Hexen haben sich zwar zu so genannten Covens zusammengeschlossen, im Prinzip ist die ganze Szene aber äusserst lose organisiert und in unzählige verschiedene Strömungen verästelt.
Wenn man von modernen Hexen spricht, ist daher nie ganz klar, wer eigentlich gemeint ist: Die Anhänger der Wicca-Religion? Die freien Hexen keltischer, druidischer oder schamanistischer Prägung? Oder Grossstadthexen, die sich ihr individuelles Hexensüppchen aus Esoterik, Märchenwelt und Zauberglauben brauen? Natürlich gibt es zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb der Hexenszene nicht nur Trennendes, sondern auch viel Gemeinsames. So berufen sich die meisten modernen Hexen auf uralte vorchristliche, zumeist keltische Traditionen, sie finden ihre spirituelle Basis in der Natur und vollziehen grob definierte und individuell gestaltbare Rituale, die eng an den Kreislauf der Jahreszeiten geknüpft sind. Auffallend ist auch die Betonung des weiblichen Prinzips. Trotz der Vorreiterrolle von Gerold B. Gardner war die moderne Hexerei von Beginn weg äusserst frauenfreundlich. Das erklärt auch ihre anhaltend starke Anziehungskraft auf feministische und lesbische Kreise, die im angelsächsischen Raum eigene Covens unterhalten.

Die Hexe als Psychologin
Auch in der Deutschschweiz ist Hexerei vor allem Frauensache. Zu den bekanntesten hiesigen Hexen gehört Wicca - sie heisst gleich wie der von Gardner begründete Kult, zählt aber zu den so genannt freien Hexen ohne feste Einbindung in einen Coven. Die 37-Jährige führt in Fislisbach im Kanton Aargau ein Hexenatelier und ist Herausgeberin des Hexenbesens, der 4-mal jährlich erscheinenden «Zeitschrift über Wicca, Kultur und Naturphilosophie». Im Atelier verkauft Wicca selber gemachte oder aus der ganzen Welt herbeigeschaffte Hexenartikel: Figuren, Tee, Zauberbücher, Utensilien. Wicca ist eine auffallend gut informierte, herzliche Frau, die nicht im Wolkenkuckucksheim lebt, sondern mit beiden Beinen auf dem Boden steht, eine ganz gewöhnliche Ehe führt und ihre Katze nicht mit Zauberbrei füttert. Als Hexe wolle sie den Menschen helfen, erklärt sie. «Zu mir kommen viele mit Problemen; sie sind verzweifelt, möchten mit jemandem reden, aber nicht zu einem Psychologen gehen. Ihnen biete ich mich als Kollegin und Lebensberaterin an.» Als solche gebe sie den Menschen Einblick in ihr Wissen und vermittle Ideen, ohne zu missionieren. «So findet jeder das, was für ihn stimmt.»
Das klingt sympathisch - aber was hat das mit Hexerei zu tun? Wicca verweist auf die Rituale, die sie den Besuchern anbietet, Rituale, die mit Kerzen, Düften, Ölen und bestimmten Sprüchen zu tun haben. «Diese können unterstützend wirken. Magie ist aber nur ein Hilfsmittel. Wir haben es selber in der Hand, unsere Ziele zu erreichen, alles steckt in uns drin.» Damit betont Wicca auch einen grundlegenden Unterschied zwischen Hexerei und religiösen sowie manchen esoterischen Überzeugungen: Religiöses Denken spricht die Macht über das eigene Sein und Verderben bestimmten Kräften zu, denen man letztlich ausgeliefert ist und die man allenfalls durch bestimmte Handlungen für sich günstig stimmen kann. Hexen gehen ihrerseits davon aus, dass man sein Schicksal weitgehend selber in der Hand hat - indem man die in der Natur vorhandenen Kräfte richtig nutzt.

Liebeszauber wie im TV?
Das ist ein verführerisches Konzept, weil es einen in schwierigen Situationen nicht zur Passivität zwingt, sondern die Dinge anpacken lässt. Ganz nach dem Grundsatz: Man kann es ja mal mit Magie versuchen, wenn sonst gar nichts hilft. Die meisten, die sich der modernen Hexerei annähern, haben tatsächlich ein konkretes Ziel vor Augen, hier und jetzt. «Sie wollen zum Beispiel einer unglücklichen Liebesgeschichte eine positive Wende geben», sagt Stefan Beugger, der an der Zürcher Schoffelgasse den «Hexenladen» betreibt. Vor allem bei den jungen Kundinnen - «99 Prozent meiner Kunden sind Frauen» - stünden Liebeszauber im Zentrum des Interesses.
Doch Stefan Beugger warnt vor diesbezüglichen Illusionen. «So einfach, wie sich das viele vorstellen, ist die Sache nicht. Natürlich kann man durch Liebeszauber einen Menschen für sich gewinnen - doch ist es gut, eine Beziehung auf einer solchen Manipulation aufzubauen?» In der Regel rate er den Mädchen deshalb, das Gespräch mit dem geliebten Jungen zu suchen.
Überhaupt geisterten viele falsche Vorstellungen über magische Praktiken herum, findet Stefan Beugger. «Das aktuelle Interesse an Hexerei hängt stark mit Fernsehserien wie 'Buffy', 'Sabrina' oder 'Charmed' zusammen. Sobald eine dieser Serien wieder gezeigt wird, stehen neue Kunden bei mir im Laden - mit Vorstellungen, die das Fernsehen geschürt hat. Viele glauben, man müsse nur im richtigen Moment den richtigen Spruch sagen, dann gingen Wünsche in Erfüllung. Magie setzt aber weit mehr voraus. Ein magisches Ritual ist harte Arbeit, so etwas verlangt ein Höchstmass an Konzentration und eine strenge Einhaltung der Regeln.»

Heiler, nicht Satanisten
Gegenwärtig ist im «Hexenladen» nicht nur Liebeszauber gefragt: Die härteren Anforderungen in der Arbeitswelt führen auch zu einem erhöhten Bedarf nach Schutzzauber, zum Beispiel nach Sprays oder Ölen, die vor Mobbing bewahren sollen. Wirken denn diese Mittelchen tatsächlich? Stefan Beugger ist davon überzeugt. Er bekomme viel Feedback von seinen Kundinnen und lasse dieses auch bei der hauseigenen Produktion der Schutzmittel einfliessen. Er habe sich selber schon oft genug davon überzeugen können, dass Magie wirke - zum Beispiel, als er sich durch Rituale und das gezielte Anbringen von Hexen-Zeichen gegen schwarze Magie habe schützen können, die ein Konkurrent gegen ihn angewandt habe. Man hört es förmlich zischen, wenn Stefan Beugger engagiert vom erfolgreichen Einsatz der Magie schwärmt oder von Sitzungen am Witchboard berichtet, während denen er Kontakt mit der Zwischenwelt aufgenommen habe, «mit Verstorbenen, Schutzgeistern oder sogar mit Erzengel Raffael». Stand er denn auch schon in Kontakt mit Dämonen - oder mit anderen unheilbringenden Wesen? Stefan Beugger winkt sofort ab. «Nein, einen solchen Kontakt würde ich nie suchen. Davor habe ich viel zu grossen Respekt.» Hexen wollten nichts mit schwarzer Magie zu tun haben - und würden deshalb auch nicht in den gleichen Topf gehören wie Satanisten. «Unser Credo ist ganz anders als jenes der Teufelsanbeter, wir verhalten uns auch anders.» Im Zentrum der modernen Hexerei stehe der Grundsatz, niemandem zu schaden. «Wir wollen Menschen helfen und sie unterstützen.»

Die Ursprünge bleiben diffus
Das klingt alles recht friedfertig und harmlos. Dennoch wird die moderne Hexerei auch kritisch beobachtet. Zum Beispiel von Georg Schmid. Der bekannte Zürcher Sektenspezialist findet die Hexenbewegung zwar nicht bedrohlich, weist aber darauf hin, dass dahinter auch völkisches Denken stecke - wie bei vielen weiteren Strömungen des so genannten Neuheidentums. «Man diskreditiert das Christentum als orientalischen Import, indem man eine europäische Urreligion konstruiert, die viel älter und uns eher angemessen sei. Das zeugt von einer antifortschrittlichen Haltung.»
Tatsächlich sind die Traditionen aus grauer Vorzeit, auf die sich die meisten modernen Hexen berufen, historisch kaum fassbar. Es wird auf Wurzeln verwiesen, die sich bei einer näheren Betrachtung meistens in Luft auflösen. Wie Magie in schriftlosen Kulturen ausgestaltet war, das liegt heute weitgehend im Dunklen. Auch von den keltischen Druiden, deren Denkgebäude die meisten modernen Hexen prägen soll, wissen wir nicht viel; wegen der harten Verfolgung durch die Römer sind kaum Beschwörungsformeln oder Rezepte für Zaubertränke überliefert.
Wenn moderne Hexen auf alte Bücher verweisen, aus denen sie ihre Inspirationen hernehmen, meinen sie meistens frühneuzeitliche Überlieferungen, in denen behauptet wird, sie würden sich ihrerseits auf ältere Quellen abstützen. So wird eine Vergangenheit geschaffen, die es vielleicht gar nie gegeben hat.
Hexerei, wie sie heute praktiziert und verstanden wird, ist darum eine moderne Erscheinung. Das belegt eigentlich auch das Selbstverständnis der Hexen: Vor ein paar hundert Jahren wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, sich als Hexe zu bezeichnen. Hexe war ein Schimpfwort, das auf andere angewandt wurde. Und das, man darf es nicht vergessen, für unendlich viel Leid sorgte: In der frühen Neuzeit wurden vermutlich über 100000 Frauen und Männer verfolgt und getötet, weil sie als Hexen galten.



Walpurgisnacht

Die letzte Nacht im April und der erste Morgen im Mai gehören traditionellerweise den Hexen. Es ist die Walpurgisnacht, und sie wird von Hexen aller Zeiten und Länder im Freien gefeiert mit feurigen Ritualen und ausgelassenen Spielen. Die Frauen treffen sich bei einem Feuer, um die Flammen wird getanzt. Dabei wird der Winter verbrannt und der Frühling willkommen geheissen.
Ganz offensichtlich handelt es sich bei Walpurgis um eine Frühlingsfeier der erwachenden Sinne, die in der Geschichte weiter zurückliegt als das Leben der 763 verstorbenen, später heiliggesprochenen deutschen Äbtissin Walpurga, der die Nacht der Hexen in christlichen Zeiten zugeschrieben wurde.
Immerhin stand Walpurga zu ihrer Zeit einem Doppelkloster von Männern und Frauen vor, und darin, so heisst es, sollen alte heidnische Kulte fortbestanden haben. Wenn Männer bei der Walpurgisnacht mittun, so passen sie sich noch heute den Wünschen der Frauen an und nicht umgekehrt.
Die meisten seriösen hexenzirkel sind nicht öffentlich. Wer trotzdem wissen möchte, wo in seiner Gegend eine Walpurgisnacht gefeiert wird - hier ein paar Adressen: www.wicca.ch; Ines Tanner, Tel. 043 411 85 01, www.channeling.ch; witch-Store St. Gallen, Tel. 071 223 20 40, www.witch-store.ch; Kaktusblüte Winterthur, Tel. 052 212 19 50; Susanne Belz, Tel. 062 312 94 80, www.womanandearth.ch



Die auf dem Zaun reitet

Jede Kultur hat ihre eigenen Vorstellungen von Hexen - das schlägt sich auch in der Namensgebung nieder. Die deutsche Bezeichnung Hexe lässt sich auf das althochdeutsche Hagazussa zurückführen, was Zaunreiterin bedeutet. Der Zaun muss dabei als Symbol für die Schwelle zum Unbekannten und zum Tod verstanden werden, als Bannkreis gegen Fremde und Dämonen. Auf dieser Grenze zwischen Leben und Tod bewegt sich die Hexe, die zwar ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, die aber wie eine Schamanin Zugang zu einer anderen Welt hat. Bis in die Neuzeit hinein wurde beispielsweise in der Innerschweiz für Hexen auch der Begriff «Sträggele» verwendet. Damit bezeichnete man ursprünglich einen weiblichen Dämon, der die Verstorbenen ins Totenreich begleitet und vermutlich von der griechischen Göttin Hekate abstammt. Der Name Sträggele verweist auf das italienische Wort für Hexe, Strega, das wiederum von «Strigon» abgeleitet ist, dem slowenischen Begriff für Vampire. Als Vampirin bleibt die Hexe zwar eine Grenzgängerin - zählt aber bereits eher zu den Toten als zu den Lebenden.


Autor: Marius Leutenegger | Profil
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