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Nr. 72 Sommer 2004
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 72 Sommer 2004
 
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Multiversum
Die fantastischen Romane des Philip Pullman
Von Arvid Leyh

Manche Bücher sind magisch, sie bringen etwas in uns zum Klingen, zeigen uns Wahrheiten oder – was wahrscheinlicher ist – bestärken etwas in uns, was wir im Inneren hoffen und hegen. Üblicherweise finden sich diese tieferen Wahrheiten in Sachbüchern, und deshalb lesen wir die. Doch auch in einigen Romanen zeigen sie sich, oft völlig unerwartet und deshalb umso intensiver.
Vom englischen Autor Philip Pullman stammt eine Roman-Trilogie (Der goldene Kompass, Das magische Messer, Das Bernstein-Teleskop, alle im Carlsen Verlag erschienen), die nicht nur voller Wahrheiten steckt, sondern diese auch noch in eine wunderbare Geschichte zu fassen vermag, bei deren Entfaltung der Leser ungläubiger Zeuge sein darf. Was als Kinderbuch beginnt, mutiert inhaltlich bald zu einem Epos von Tolkien’schem Ausmass. Und ganz nebenher spielt Pullman mit esoterischem Gedankengut, diskutiert theologische Prinzipien und bedient sich aus der philosophischen Schatztruhe der Quantenphysik.
Alles beginnt mit einem kleinen Mädchen: Lyra. Wenn wir ihr das erste Mal begegnen, tobt sie durch die alte Universität von Oxford. Als Findelkind von Wissenschaftlern grossgezogen, ist ihre Bildung genauso gross wie lückenhaft, was zusammen mit ihrem Spieltrieb und ihrem Snobismus eine sehr sympathische Mischung ergibt. Doch all das ändert sich, als ihr Freund Roger entführt wird. Ausgestattet mit einem Alethiometer – einem Wahrheitsfinder – führt ihr Weg nun über London in den hohen Norden, wo sie neben schrecklichen experimental-theologischen Versuchen und Panzerbären auch auf ihren Vater und ihre Mutter trifft, beide schwer zu durchschauende Charaktere mit hehren Zielen und wenig Skrupeln.
Während das erste Buch in dieser Welt spielt, faltet Pullman im zweiten ein Multiversum voller Parallelwelten auf, und mit Will betritt ein Junge aus unserer Welt die Bühne. Gemeinsam haben er und Lyra diverse Abenteuer zu bestehen, um dann im dritten Band unter anderem dem Schöpfer selbst zu begegnen, wenn auch eher nebenbei.
Doch neben den Abenteuern sind es vor allem die Anleihen, die Pullmans Trilogie zu einer kleinen Perle machen. So lebt als erster ernst zu nehmender Hinweis auf anderweltliche Verhältnisse ein Persönlichkeitsanteil der Bewohner von Lyras Welt sichtbar in der Aussenwelt: Jeder Mensch hat seinen eigenen Dæmon, eine Mischung aus Totem und personifiziertem Unbewussten in Tiergestalt. Diese Dæmonen zeigen nicht nur die Gefühlsregungen ihrer Menschen, sie sind auch tatkräftige Helfer mit eigenen Regeln, durch ein inniges Band der Liebe verbunden mit ihrem Menschen. Eines jedoch können Mensch und Dæmon nicht: sich weit voneinander entfernen oder gar trennen.
Doch genau das versucht eine finstere Behörde innerhalb des kirchlichen Organisationsgeflechts. In der Kindheit der Menschen können sich ihre Dæmonen verwandeln, doch sobald sie erwachsen und von Sünde bedroht werden, wählen die Dæmonen ihre letztendliche Gestalt. Die Hoffnung der Kirche ist nun, über die Trennung von Dæmon und Mensch Letzteren vor der Sünde zu bewahren. Basis dieser kirchlichen Theorie ist die Tatsache, dass sich – ein geeignetes Instrument vorausgesetzt – bei Erwachsenen ein Feld um den Körper feststellen lässt, einer Aura nicht unähnlich. Dieses Feld besteht aus Staub, aus Elementarteilchen, die von der Sündhaftigkeit des Menschen angezogen werden. Denn, so vermutet die Kirche, der Staub ist das Böse.
Dass Elementarteilchen auf die Erwartungshaltung der untersuchenden Forscher reagieren, ist auch in dieser Welt bekannt, ebenso wie Everetts Erklärungsmodell eines Multiversums: Wann immer wir uns für A entscheiden, entsteht eine neue Welt, in der wir B gewählt haben. Pullman spielt mit beiden Ideen und zusätzlich mit Sündenfall und Paradies, einem persönlichen Tod und der präventiven Absolution.
So bereitet Pullman seine kleinen Leser auf den Physik-Leistungskurs genauso vor, wie er den grossen Lesern Vergnügen bereitet. Zugegeben, der dritte Band wirkt etwas überfrachtet, doch nach drei Bänden voller überraschender Haken steht eine erfrischend spirituelle Kosmologie und die Hoffnung, dass auch diese Wahrheit zutreffen möge.


Autor: Arvid Leyh | Profil
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