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Nr. 72 Sommer 2004
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  SPUREN Archiv Ausgabe Nr. 72 Sommer 2004
 
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Begegnung in Bewegung
Chungliang Al Huang, ein Meister des Dao, besucht regelmässig die Schweiz. Spuren begegnete dem weisen, fröhlichen Mann mit den fliessenden Bewegungen.
Von Choenzom Emchi

Zu Beginn des tibetischen Holz-Affenjahres 2131 reise ich von meiner Wahlheimat Spanien in die Schweiz, um meine Familie zu besuchen. Während meines Aufenthaltes treffe ich mich in einem indischen Restaurant mit Martin Frischknecht, und wir sprechen über Gott und die Welt. Wenn wir über Gott und die Welt sprechen, ist für mich Tai-Chi greifbar nahe, und ich erzähle ihm über die bevorstehenden Ostertage und das Tai-Chi-Seminar in Wallisellen mit dem «Master des Dao», Chungliang Al Huang.
Eine von Chungliangs Botschaften, die er uns während des letztjährigen Seminars mit auf dem Weg gegeben hatte, ist mir noch präsent, klingt in meinen Ohren, wie wenn ich diese eben erst vernommen hätte. Ich trage diese Worte in mir, kann sie im täglichen Leben immer und immer wieder einsetzen. «Sobald du etwas hast – lass es los ….» Meine Begeisterung über jenes Seminar ist – wie alle Gefühlsmomente – unbeschreiblich, und daraufhin fragt mich Martin ganz spontan: «Willst du nicht einen Bericht über diese Tage schreiben?» So wie diese Begeisterung wie eine grosse Welle über mich gekommen ist, lasse ich sie wieder los – ins Meer hinaus – die Antwort kommt …
Seit Jahren organisiert das Schweizer Team der «Living Tao Foundation» Osterseminare mit dem in den USA lebenden Chungliang Al Huang. «Weshalb gerade der Standort Schweiz?», will ich von ihm wissen. Er schätzt die einwandfreie Organisation der Schweizer Organisatoren‚ die ein tolles integratives Team bilden. All die Jahre, als ich in der Schweiz wohnte, führte mein persönlicher Weg nie hierhin – lag Wallisellen zu nahe? Nun, seit ich letztes Jahr nach Spanien gezogen bin, führen meine Spuren auf einmal wieder in die alte Heimat, in die Schweiz. Und hier bin ich nun, in der grossen Gemeindehalle, wo sich über hundert Tai-Chi-Begeisterte aus aller Welt treffen und sich vom grossen Meister des Dao in eine andere Welt versetzen lassen.
Es ist kein Treffen für jene, die auf der New-Age-Welle reiten, sondern vielmehr für jene, die Tai-Chi ganz einfach in ihr Leben integrieren wollen. Tai-Chi als Lebensessenz, die wir in Tun, Handeln, Denkweise und Lebenseinstellung grundsätzlich umsetzen wollen.

Mitte halten
Auf einer kleinen Bühne in der Mitte des Gemeindesaals Wallisellen steht ein wunderschöner Blumenstrauss, der den Raum schmückt. Um diese Blumenpracht herum bewegt sich ein zierlicher Chinese, zunächst ganz unscheinbar, um auf einmal das Feuer-Element aus seinem Körper fliessen zu lassen. Qi wird wahrlich im Raum verteilt, dann gibt er sich ganz sanft dem Wasser-Element hin. Prickelnd, erfrischend und wohltuend. Seine einladenden, öffnenden Bewegungen, die den Frühling, das Holz-Element symbolisieren, verwandeln sich unmerklich und doch spürbar ins Metall-Element, in gesammelte Energie. Das Metall, das sich nach dem Schmelzen zusammenzieht, seine ganze Kraft in der Mitte sammelt, bevor sich Chungliangs Körper sanft setzt und sich nun dem Element Erde widmet. «Es geht darum, seine eigene Mitte nicht zu verlieren und mit den Bewegungen immer wieder zurückzufinden, in die eigene Mitte.»
Seine eigene Mitte nicht zu verlieren und dadurch seine Natur nicht zu verleugnen, meint Chungliang Al Huang, sei essenziell. Die Natur erklärt er uns bildhaft‚ lebt sie uns vor. «Wenn wir einen Wald beobachten, so gleicht kein Baum dem anderen. Jeder einzelne Baum lebt seine eigene Natur, sieht anders aus. Ist einfach sich selbst. Die Natur zeigt und lehrt uns so manches, doch der Mensch erkennt dies nur zu selten, schenkt ihr die nötige Aufmerksamkeit nicht.»

Keine strikte Form
Tai-Chi verkommt bei diesem Lehrer nicht einfach zu einer strikten Form: Die Form wird dadurch genährt, dass der grosse Meister des Dao, mit seiner mittlerweile über 40-jährigen Erfahrung in dieser «Heilkunst», rund um die Welt gereist ist, seine Erfahrungen mit Menschen aus der ganzen Welt ausgetauscht hat, und wie er so authentisch sagt, durch das Lehren stets von neuem lernt. Wahrlich ein Lehrer, der sich selber nicht für so wichtig nimmt und überzeugt ist, dass es keine Ausbildung gibt, die man Lehrertraining nennen kann. Das ganze Leben ist lernen, und Lehrer zu sein ist nichts anderes als die Kunst, die eigenen Erfahrungen weiterzugeben, damit dieses Wissen wachsen darf; stets genährt wird durch neue Begegnungen, neue Impulse, neue Erkenntnisse. «Kopiere mich nicht – finde deine eigene Antwort, sonst verkommt Tai-Chi zu einer fixen Form.»
Und dann erzählt er die Geschichte von einem grossen Meister in Shanghai, der durch seine sanften Bewegungen seine Schüler derart begeisterte, dass diese alles nachmachten, selbst des Meisters schiefe Kopfhaltung. Später mussten sie erkennen, dass die schiefe Kopfhaltung lediglich daraus entstand, dass der Lehrer ein verkürztes Bein hatte. Solche und andere spontane Geschichten lösten nicht nur die angestrengte Körperhaltung der Schüler wieder auf, sondern sie lösten auch ein herzhaftes Lachen aus.
Mit einem kindlichen Lächeln sagt hier ein grosser Tai-Chi-Meister, der mit seinem ganzen Wesen diese Lebenskunst in all ihren Facetten zu beleuchten vermag: «Wie schön ist doch die Erkenntnis, etwas noch nicht zu kennen, als frustriert zu sein darüber, dass wir es noch nicht können. Erlaubt euch doch diese Erkenntnis, stets offen zu sein, Neues zu lernen und nie die Freude daran zu verlieren.»
Einatmen … ausatmen … Seine Bewegungen lassen sichtlich erkennen, dass seine Atmung nicht nur ein Lungentraining ist, sondern eine Bewegung, die über das Körperliche hinausgeht, in die Tai-Chi-Bewegungen fliesst und eine Verbindung mit der universellen Kraft Qi darstellt. Egal, ob es die fünf Elemente sind, der erste oder sogar der vierte Kreis. Die Lernenden dürfen auch hier erfahren, dass es nicht darum geht, wie viele Formen einer bereits zusammengestellt hat, sondern vielmehr, was er oder sie daraus macht. «Die Form ist weniger wichtig als der Inhalt.» Denn was wir aus dem Inhalt machen, ist das, was wir leben.
Chungliang Al Huang hat uns über diese intensiven Tage so viel mitgegeben, und dennoch wollte ich zum Schluss von ihm wissen, was seine Hauptbotschaft an mich als seine Schüler ist: «Lerne durch Selbstbeobachtung und betrachte Tai-Chi als Werkzeug dazu, ein guter Erdenbürger zu sein. Kultiviere dich selbst, um ein Schüler des Lebens zu sein und durch stetes Lernen und Kultivieren deine Hingabe zu finden. Versuche, dein inneres Tai-Chi zu praktizieren, denn Tai-Chi ist eine Meditation in bewegter Form, Tai-Chi ist eine Lebensphilosophie.»

Mehr über Chungliang Al Huang
und seine Organisation unter: www.livingtao.org


Autor: Choenzom Emchi | Profil
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