Indianisches Töpfern
Man kann töpfern nach der Art der Jacarilla-Apachen. Man kann sich aber auch auf einen Wochenendkurs mit Intensivbegleitung einlassen.
Von Simone Graf
Bei einer Vernissage hielt ich ein Stück Ton aus den Bergen Neu-Mexikos in den Händen, das mich seit da nicht mehr los liess. Diese Erde hatte eine solche intensive Schwingung; heilend würde ich den Ton betiteln, zugleich wunderschön sind die Arbeiten, die daraus entstehen können.
Gespannt fahre ich in den Weiler ausserhalb Burgdorfs im Emmental. In einer grossen Lagerhalle versammelt sich eine Gruppe von acht Menschen. Wir werden vom Kursleiter Max Schachtler sorgfältig eingeführt und formulieren unsere Wünsche. Ich werde wachsam, spüre die Gewohnheit und Übung von Max in der Prozessbegleitung und höre, dass je nach Bedarf auch auf den eigenen inneren Prozess eingegangen wird. Mit Freude beginne ich mit dem Herstellen der Gefässe.
Vielschichtig sind die Bedürfnisse der Teilnehmer: Die einen wünschen sich einen Töpferkurs, die anderen suchen darin den intensiven Prozess. Doch lange hält das Sinnieren nicht an, denn die Aufforderung, sich nicht auf die eigene Vorstellung zu verlassen, sondern der «Erde Gehör zu schenken» und zu spüren, welche Form sie sich wünscht, wird schon zur ersten Herausforderung und Konfrontation mit den eigenen kopflastigen Zielsetzungen.
Hätte ich damals geahnt, wie «liebevoll» die Kreationen mich konfrontieren würden – wer weiss, welche Gefässe da entstanden wären. Nun wurden sie grosszügig konzipiert, meines Erachtens stabil und eindrücklich; in genauen, symbolhaften Herstellungsschritten. Der Aufbau beginnt auf dem Puki, einem kleinen Teller, welcher mit Silber-Pigmenten eingerieben und zusammen mit der Tortilla den Boden bildet. Die Wände werden mit Würstchen aufgebaut und beidseitig gut verstrichen – aussen wie innen – innen wie aussen. Es sind kleine Handgriffe, deren Symbole und Erläuterungen sich so wahr anfühlen.
Ich bin Topf
Da ich meine Bereitschaft zu inneren und äusseren Prozessen im Morgenkreis geäussert habe, werde ich am nächsten Tag von meinen Töpfen nicht «verschont». Ich muss der eigenen Aufbauarbeit, welche mir auch meine eigene Befindlichkeit klar widerspiegelt, in die Augen sehen. Beim «water-scraping», dem Schaben der Wände, tritt die Doppelwandigkeit meiner vermeintlich stabilen Gefässe zu Tage. Die Parallelen zu meinem Leben sind offensichtlich.
Max begleitet feinfühlig bis provokativ, ganz nach Wunsch der Einzelnen, die verschiedenen Töpferarbeiten und Menschen, welche Schritt für Schritt gedeihen. Nach der Sandsteinarbeit werden die Töpfe mit «Goldslip» eingerieben, welcher ihnen einen bezaubernden Glanz verleiht. Doch zuvor werden Löcher, die während der Arbeit zu Durchbrüchen führten, geflickt. Verzweifelt durfte ich das Glück wieder und wieder erfahren, dass jedes Loch ein Geschenk ist, mich selber entdecken zu können. Langsam ändert sich die Grundeinstellung den so genannten Fehlern gegenüber vom verpönten Misstritt zum willkommenen Begleiter.
Loch um Loch
Am Sonntagmorgen wird der Goldslip mit Halbedelsteinen poliert. Eine wunderbar meditative Arbeit. Doch auch da wurden Einsichten geboten, welche nicht präziser hätten sein können. Im Boden – wie steht es mit meiner Erdung? Die Aussenwand? Oh, ja die Aussenwelt – in intensiver Arbeit wurde die Tonschicht wieder gesund gepflegt und je nach Wunsch auf das eigene Leben «gelegt».
Am Feuer, bei den Liedern und Wünschen, die man den Topfkindern mitgeben konnte, wurde einem bewusst, wie weitreichend, vergänglich und zugleich ewig das Geformte im Innen wie im Aussen ist.
So war es für mich eine intensive Reise. Kein psychologisches oder spirituelles Wochenende bot mir mehr Einsichten über mich und mein Leben wie dieses indianische Töpfern mit enormem Tiefgang!
Info:
Max Schachtler,
Ziegelgut 4,
3400 Burgdorf,
Tel. 079 287 68 77
www.tonart48.ch
info@tonart48.ch
