Paartherapie im Test
Ich wollte – typisch Mann – nie in eine Paartherapie gehen. Inzwischen habe ich in zwei Beziehungen drei verschiedene Therapeuten erlebt – und dabei einiges gelernt. Wer eine Paartherapie zur Erziehung des Partners nutzen will, spart sein Geld besser für einen Scheidungsanwalt
Von Marius Leutenegger
Glaubt man, was die Medien zu diesem Thema schreiben, dann war ich früher in mindestens einer Hinsicht ein richtiger Mann: Ich wollte nicht zur Paartherapie. Nicht etwa, weil ich sie für eine unnötige Geldverschwendung hielt – so Macho war ich dann auch wieder nicht –, sondern weil ich überzeugt war: Aufgeklärte und konfliktfähige Paare brauchen keine externen Berater. «Ausserdem haben wir doch gar keine echten Probleme, Liebling», war ich felsenfest überzeugt. «Klar, wir streiten uns ständig und hauen einander sogar hin und wieder, aber das gehört nun einmal zu einer leidenschaftlichen Liebe.» Nun, ich war eben jung und entsprechend naiv. Und schon bald am Boden zerstört: Denn meine erste Frau lernte einen zweiten Mann kennen.
«Ich habe es dir immer gesagt», meinte sie, «wir haben eben doch Probleme!» Immerhin gab sie mir noch eine letzte Chance und erklärte sich bereit, mit mir eine Paartherapie zu besuchen. Ich willigte ein. Im Schockzustand, in dem ich mich nach dieser völlig überraschenden Wende befand, wäre ich allerdings auch damit einverstanden gewesen, eine Nacht in einem Käfig voller Vogelspinnen zu verbringen, wenn sie das von mir verlangt hätte.
Streiten mit teurem Publikum
Nun sass ich also im Alter von 26 Jahren zum ersten Mal bei einer Paartherapeutin. An sich fand ich das ja spannend, weil ich mir unter einer Paartherapie kaum etwas vorstellen konnte. Die Therapeutin wohnte in einem wunderschönen alten Haus am Stadtrand, trug eine Brille und mochte mich nicht. Die Sitzungen mit ihr liegen bald ein Dutzend Jahre zurück, ich kann mich nicht mehr exakt daran erinnern, aber unvergesslich bleibt für mich auf jeden Fall, dass meine imponierend impulsive Frau und ich in der Therapie das Gleiche taten wie daheim: Wir sparten nicht mit Vorwürfen und stritten uns. Nur, dass wir jetzt auch noch Publikum hatten, das wir erst noch teuer bezahlen mussten. Die Therapeutin machte fleissig Notizen, die heute vielleicht noch irgendwo herumliegen und mit denen ich mich höchst ungern erpressen liesse. Sie stellte hin und wieder eine Frage und wirkte alles in allem nicht richtig interessiert an unserem Fall, den sie wohl als gänzlich hoffnungslos erachtete: Wir hatten zu jung geheiratet und kamen aus zu verschiedenen Welten. Jeder pochte auf seine Einzigartigkeit und war nicht bereit, auch nur ein Jota von dem, was er für sein Recht hielt, abzuweichen.
Endlich sagt dir das mal jemand!
Ein paar Monate später, nachdem wir uns endgültig getrennt hatten, gestand mir meine spätere Ex-Frau, sie sei nur mit zur Therapie gegangen, weil sie wollte, dass «dir endlich jemand sagt, wie daneben du bist!». Das fand ich wirklich gemein. Schliesslich war das genau meine Hoffnung gewesen: Die Therapeutin sollte meiner Frau mal so richtig meine Meinung sagen! Die arme Psychologin hatte jedenfalls einen schweren Stand mit uns. Nach vier oder fünf Sitzungen tauschten wir sie darum gegen den Scheidungsrichter ein. Damit schien das Thema Therapie für mich erledigt. Alle meine Vorurteile hatten sich perfekt bestätigt: Paarberatungen kosten einen Haufen Geld und taugen nichts! Therapeuten haben keine guten Tipps auf Lager, wie man eine Beziehung rettet! Und wenn eine Frau ihren Liebhaber nicht verlassen will, dann kann man noch so lange mit ihr in Therapien herumsitzen – sie wird ihre Meinung niemals ändern!
Der Neue hat (leider) immer Recht
Kurz nach der Trennung von meiner ersten Frau lernte ich meine neue Partnerin kennen – wie so oft in solchen Fällen war sie mehr oder weniger das pure Gegenteil ihrer Vorgängerin, nämlich sanft, besonnen und liebenswürdig. Zwei Jahre später kam unsere Tochter zur Welt; für mich als Familienmensch war damit das Glück perfekt. Probleme schienen mir einmal mehr etwas zu sein, was entweder andere hatten oder was man schnell lösen konnte, am besten zwischen Arbeitsschluss und Nachtessen, damit nachher noch Zeit für einen Film blieb. Meine Partnerin war aber ganz anderer Ansicht: «Die Geburt unserer Tochter veränderte mein Leben total», sagte sie. «Wir hatten ausgemacht, uns die Familienarbeit und das Geldverdienen zu teilen, aber weil unsere Einkommen so unterschiedlich waren, ging das in der Praxis nicht. Ich arbeitete daher nur sehr reduziert weiter und litt unter der Umstellung, fühlte mich oft einsam und unverstanden. Ich hatte einfach den Blues!» Ich merkte zwar, dass die Stimmung nicht besonders gut war, hielt aber nach rascher Problemanalyse die Taktik «Augen zu und durch» für angebracht. Bis Mister Right in das Leben meiner Partnerin trat – und damit auch in meines. Auch er war natürlich das pure Gegenteil von mir, keiner dieser Typen, die sofort mit Lösungsvorschlägen kommen, wenn die Frau klagt, sondern einer, der einfach nur zuhören konnte. Ich wusste von früher, wie schlecht meine Karten jetzt waren. Der Neue ist immer der Hoffnungsträger, eine ideale Projektionsfläche für Sehnsüchte; er kann eigentlich gar nichts falsch machen. Ich wollte aber meine Familie auf keinen Fall verlieren und war dankbar, als mir meine Partnerin vorschlug, es noch einmal mit mir zu probieren – unter der Voraussetzung, wir würden in eine Paartherapie gehen.
Die Therapeutin als Verbündete
Allerdings verfolgte sie damit nicht unbedingt das Ziel, unsere Beziehung zu retten. «Ich kam vor allem aus Pflichtbewusstsein in die Therapie», sagt sie heute. «Ich hatte unserer Tochter gegenüber ein total schlechtes Gewissen, war verzweifelt, wusste in diesem Moment überhaupt nicht mehr, wo oben und unten ist und war noch immer in den anderen Mann verliebt. Ich hoffte, die Therapeutin würde mir helfen, die Situation zu entwirren und notfalls ohne Streit aus unserer Beziehung herauszukommen.» Das waren ziemlich andere Ziele als meine: Ich wollte die Beziehung um fast jeden Preis retten, war bereit, mich ehrlich mit den Vorwürfen, die auf mich niederprasseln sollten, auseinander zu setzen und wollte mich als kritikfähiger, liebevoller und weitsichtiger Partner erweisen. Die Therapeutin, die wir zufällig auswählten – wieder eine Frau –, war dafür die ideale Besetzung: warm, bemüht, vom Helfenwollen beseelt. In ihr sah ich eine Verbündete, die sich für die Erhaltung unserer Beziehung stark machte. Sie fragte viel, machte konkrete Vorschläge – die aber nichts bringen konnten, weil meine Partnerin und ich letztlich nicht das gleiche Ziel hatten. Wir hofften beide nur noch auf ein Wunder.
Wenn die Offenheit fehlt
Einmal bekamen wir von der Therapeutin eine Hausaufgabe: Jeder sollte für den anderen einen «Verwöhnabend» ausrichten, um ihm seine Wertschätzung zu zeigen. Ich warf mich voll ins Zeugs, doch das vergrösserte das schlechte Gewissen meiner Partnerin nur noch. Sie hielt sich an ihrem Verwöhnabend zurück, um meine Hoffnung nicht zu vergrössern – und enttäuschte mich natürlich. Ein unglücklicher Teufelskreis entstand: Ich wollte immer klarere Zeichen, dass alles wieder gut wird, meine Partnerin wurde dadurch immer stärker zurückgedrängt. Sie sagte später: «Ich habe einfach nur noch gelitten und fühlte mich schuldig, weil ich gar nicht mehr richtig in unsere Beziehung involviert war. Es war ein ganz schwieriger Zeitpunkt für eine Paartherapie; ich war nicht mehr bereit, mich bei uns auch mit Unangenehmem auseinander zu setzen, weil ich wusste, dort draussen ist dieser andere Mann, der auf mich wartet – wenn es hier keine Lösung gibt, habe ich eine Alternative.» Wir versuchten zwar, unsere Chance zu nutzen – aber wir hatten eigentlich gar keine mehr. An der letzten Sitzung teilten wir der Therapeutin mit, dass wir uns getrennt hatten. Das Wunder, das wir erhofft, aber wohl kaum erwartet hatten, war ausgeblieben.
Mit Neugier zum gemeinsamen Ziel
Das war aber nicht nur ein Ende. Vielleicht war es gewissermassen ein Anfang. Zwar schien unsere Situation im Moment zu verworren für ein gemeinsames Leben – aber wir hatten im Verlauf der Paarberatung, die aus Gesprächen und Tests bestand, neue Intensitäten erlebt, neue Seiten aneinander entdeckt, neue Formen der Auseinandersetzung geprüft und gesehen: Eigentlich hätten wir gekonnt. Wenn wir beide noch gewollt hätten. Erstmals in unserer Beziehung hatten wir richtig miteinander gesprochen, einander zugehört, ehrlich versucht, den anderen zu verstehen. Natürlich spielte die Anwesenheit der Therapeutin dabei die entscheidende Rolle. Wir wollten uns vor ihr keine Blösse geben und hielten uns ganz selbstverständlich an die Spielregeln eines zivilisierten Gesprächs.
Über zwei Jahre lang blieben wir getrennt. Als die neue Beziehung meiner Partnerin auseinander fiel, näherten wir uns einander wieder vorsichtig. Wir waren uns bewusst, dass die Situation unsere Kräfte überstieg: Da waren so viele Verletzungen, so viele Ängste vorhanden, dass wir Hilfe brauchten. Wir beschlossen deshalb, uns bei unserer Annäherung von einem Therapeuten begleiten zu lassen. Diesmal waren die Voraussetzungen ganz anders als bei meinen ersten beiden Versuchen mit Paartherapien. Erstmals hatte ich den Eindruck, meine Partnerin und ich würden das gleiche Ziel verfolgen: Wir wollten unsere Beziehung nicht um jeden Preis retten, waren aber bereit, für ihr Gelingen viel zu tun. Wir wurden beide von einer riesigen Neugier aufeinander gepackt, wollten ernsthaft wissen: Was braucht es, damit wir zusammenleben können? Warum reagieren wir bei Konflikten so, wie wir das tun? Womit lösen wir welche Reaktionen aus? Natürlich gab es auch diesmal Vorwürfe und Momente, in denen sich jeder von uns ungerecht behandelt fühlte, aber grundsätzlich war die Atmosphäre äusserst konstruktiv – so konstruktiv, wie wir noch nie miteinander hatten umgehen können.
«Sie schaffen’s kaum!»
Der Therapeut trug wesentlich zur guten Stimmung bei. Erstmals hatte ich in einer solchen Situation mit einem Mann zu tun. Seine analytische, ruhige Art lag uns. Im Unterschied zu den bisherigen Therapeutinnen hielt er mit seiner Meinung nicht zurück; spätestens nach der zweiten Sitzung erstaunte er uns mit der Aussage, wir hätten wohl kaum eine Chance. «Sie sind zu verschieden, ich glaube nicht, dass es zwischen Ihnen funktionieren kann», meinte er. Ich sei zu impulsiv, zu aktiv, meine Partnerin würde von mir in ihrer stillen Art erdrückt. Später hatten wir den Therapeuten in Verdacht, uns eine so schlechte Prognose gestellt zu haben, um uns herauszufordern, aber heute wissen wir, dass er Zweierkisten generell skeptisch gegenübersteht. Eine etwas ungewöhnliche Einstellung für einen Paartherapeuten, die für uns aber hilfreich war – denn wir schraubten so unsere eigenen, vermutlich noch immer viel zu hohen Erwartungen zurück. «Sehen Sie», sagte er einmal, «zu mir kommen laufend Paare, die ihre Probleme gelöst haben wollen. Dabei muss ich oft sagen: Viele Probleme können Sie nicht lösen!» Es gehe oft nur darum, Probleme zu erkennen und die Verschiedenartigkeit der Partner und ihre Interessen zu akzeptieren. Das brachte uns zu der Erkenntnis, dass es in Beziehungskonflikten nicht immer nur richtig oder falsch gibt. Natürlich hatten wir das intellektuell schon früher begriffen, nun spürten wir auch, was das heisst und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Das war für uns eine Kernerfahrung: Es gibt Probleme, die wir nicht lösen können und mit denen wir leben müssen, wenn wir zusammenbleiben wollen.
Der Testsieger
War der dritte Therapeut nun der Beste von allen? Dem Erfolg nach zu urteilen ist er tatsächlich Testsieger, denn meine Partnerin und ich sind nach ein paar Jahren und trotz schwieriger Ausgangslage noch immer zusammen. Doch vergleichen lassen sich die verschiedenen Therapeuten natürlich nicht, denn die Situationen, die mich in Paartherapien trieben, waren jedes Mal ganz anders. Sicher war der «dritte Mann» der Richtige für uns – andere Paare hätten vielleicht in einer vergleichbaren Situation eher Aufmunterung gebraucht; uns taten die relativierenden Worte gut. Auf jeden Fall hatte ich bei ihm zum ersten Mal den Eindruck, hier sässen drei Erwachsene, die sich wirklich um Probleme kümmern und nicht nur Schwarzpeter spielen wollten. Der Therapeut war einer dieser drei Erwachsenen – seine Bedeutung darf man daher weder über- noch unterschätzen. Wenn das Paar nicht mit der richtigen Einstellung zu den Sitzungen erscheint, hat er kaum eine Chance, etwas zu bewegen. Heute halte ich jenen Paartherapeuten für gut, der als eine Art Medium agiert, das Botschaften entschlüsselt, sie weitergibt, für gute Verbindung zwischen Sender und Empfänger sorgt und manchmal einen Gedanken verstärkt – doch ein Heiler, der kranke Beziehungen wieder gesund machen kann, das ist er nicht.
Aber vielleicht gilt das nur für uns – und andere Paare benötigen eher Unterstützung von Dr. Love, der sie mit guten Ratschlägen eindeckt. Den richtigen Therapeuten zu finden, das hat sich in meinem Fall als fast so schwierig erwiesen wie die Wahl der richtigen Lebenspartnerin – aber letztlich als ähnlich fruchtbar.
