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Nr. 73 Herbst 2004
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Kriegsgrund Anthrax?
Anthrax – ein weltpolitisches Lehrstück in Sachen Projektion und Meinungsmache.
Von Martin Frischknecht

Am 11. September 2001 erschütterten die Terroranschläge islamischer Fanatiker die USA und die Welt. Knapp einen Monat darauf gingen fünf anonyme Briefe mit hoch ansteckenden Milzbranderregern an verschiedene Empfänger in den USA. Die getrockneten, zu feinstem Staub zermahlenen Anthrax-Sporen riefen bei 22 Menschen eine Erkrankung hervor und töten deren 5.
Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Die Verbindung der beiden Anschlagserien schien derart offenkundig, dass sich eine verängstigte Öffentlichkeit diese Frage gar nicht stellte. Seltsam bloss: Die Bilder von Ermittlungsbeamten, die von Kopf bis Fuss in Schutzanzügen steckten, von hoch gefährlichen Mikroben in geheimen Labors, von an Milzbrand verendeten Versuchstieren lösten eine Welle von Angst und Schrecken aus, doch seitdem ist es um Anthrax eigenartig still geworden.
Das Pulver in den fünf Briefen war von einer Feinheit, wie sie nur von Spezialisten in hermetisch abgeschirmten Labors hergestellt werden kann. Die Ermittlungen beschränkten sich auf einen Kreis von einigen Dutzend Fachleuten. So viel ist bekannt. Mehr nicht.
Fragt sich, in welcher Richtung die Anthrax-Täter zu suchen sind. Die Richtung ist das Entscheidende. Denn ganz besonders beim Bioterror gilt die alte Kriegsregel: Der Bösewicht ist stets der Fremde, die Verseuchung kommt von aussen und dringt nach innen. So weit das Phantasma der Bedrohung. Es führt zu sanitarischen Untersuchungen an Ausländern vor dem Grenzübertritt und zu Politkampagnen gegen die Überfremdung durch illegale Immigranten.
Die Krankheit, von der hier die Rede ist, verbreitet sich aber auf ganz andere Weise. Als die Berichte über die Anthrax-Briefe durch die Medien gingen, löste das eine Welle von Nachahmer-Taten aus. Mehr als 2000 Drohbriefe mit angeblichem Anthrax sind seitdem in den USA anonym versandt worden. Bereits vor den Terroranschlägen 2001 gab es mehrere hundert solcher Sendungen. Zumeist handelte es sich dabei um Einschüchterungskampagnen, mit denen fanatische Abtreibungsgegner ihre Feinde traktierten.
«Anthrax», wie der Schweizer Geschichtsprofessor Philipp Sarasin in einem gleichnamigen Buch (Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004) das Fantasieprodukt nennt, um es von den tatsächlichen Milzbranderregern zu unterscheiden, lag demnach in der Luft. Wie sehr von der amerikanischen Regierung Anthrax-Angriffe erwartet wurden, zeigte sich gerade auch am 11. September. Frühmorgens, also noch vor den Anschlägen, wurde dem Personal des Weissen Hauses das gegen Anthrax wirkende Antibiotikum Cipro verabreicht. Und Minuten nachdem in New York die Flugzeuge in die Türme des WTC rasten, fahndete in Manhattan bereits ein Spezialteam der Nationalgarde nach «tödlichen Keimen oder chemischen Giften» in der Luft.
Gefunden wurde nichts. Der Grossangriff mit Bioterror fand nicht statt. Doch als es im folgenden Jahr darum ging, die westliche Welt für einen Krieg gegen den Irak zu mobilisieren, stand Anthrax wieder ganz oben auf der Liste. Colin Powell präsentierte dem Uno-Sicherheitsrat ein Glasröhrchen mit weissem Pulver, angeblich ein Beweis dafür, dass Saddam Hussein über waffenfähiges Anthrax im grossen Stil verfüge. Nach einem Jahr Besatzung des Irak mussten die Kriegstreiber einräumen, dass es die Massenvernichtungswaffen in der Hand des irakischen Diktators nicht gab. Die Suche verlief im Sand.
Man müsste eben in anderer Richtung suchen: im eigenen Land. Schon unter Bill Clinton hatten die USA die Erforschung von Anthrax als Kampfstoff im Rahmen eines Geheimprojekts wieder aufgenommen. Dieses Projekt trug den bezeichnenden Namen Clear Vision, und es scheint mit ein Grund dafür zu sein, dass die USA im Dezember 2001 die Unterzeichnung eines neu ausgehandelten Verifikationsprotokolls zur B-Waffenkontrolle platzen liessen. Eine mobile Produktionsanlage für Biowaffen, ein fahrbares Labor, um Erreger zu züchten und in eine waffenfähige Grösse zu bringen, stand den Militärs zu diesem Zeitpunkt bereits zur Verfügung.
Mit anderen Worten: Das, wonach Experten beim Feind während Jahren vergeblich suchten, befand und befindet sich funktionstüchtig mitten unter uns. Eine monströse Tötungsmaschine mit grauenerregenden Möglichkeiten, kurz angetönt mit dem Versand von fünf tödlichen Briefen. Ihre wahre Macht entfalteten diese Sendungen in den Köpfen und Seelen derer, die sich davon ins Bockshorn jagen liessen.


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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