Wie ich denke
Fünf Menschen, die sich von Berufes wegen mit dem Denken beschäftigen, erklären wie es bei ihnen abgeht - Peter Sloterdijk, Luisa Francia, Simone Meier, Steven Harrison und Sushil Bhattacharya
Von Martin Frischknecht
Eine Form von Wettbewerb
Peter Sloterdijk
Was ist für Sie Denken?
Schon in der Antike wurde behauptet, dass Denken vom Staunen herrühre. Das glaube ich nicht. Vielmehr halte ich das Denken für eine Form von Wettbewerb, als Ausdruck einer Streitsucht. Man sieht andere bei dieser Tätigkeit; diese Leute machen sich damit wichtig, und man verfällt darauf, es ihnen nachmachen zu wollen. Das Denken ist sozusagen die narzisstische Sonderausgabe einer ganz kommunen Briefmarke.
Gibt es Zeiträume, in denen Sie nicht denken?
Das weiss ich nicht. Auf jeden Fall würde ich unterscheiden zwischen Zeiträumen, während denen Denken sich innerhalb oder ausserhalb eines Leistungskontexts ereignet. Weil das Denken ausserhalb des Leistungskontexts nicht betont ist, würde man sagen, man denke nicht. In bestimmten mystischen Disziplinen, wo der Wert des Nicht-Denkens betont wird, wird die Sache auf den Kopf gestellt. Der Wettbewerb bezieht sich dann auf die Unterlassung von Denken.
Was verleiht Ihrem Denken Flügel?
Wenn ich in die Lage komme, anderen etwas zu erklären. Oder ich entdecke ein Problem, dessen Lösung seine Schatten vorauswirft.
Gibt es Menschen, bei denen Sie Denken gelernt haben?
Ich glaube, das gibt es nicht. Nachahmung ist vielleicht auch eine Art von Lernen, doch das darf man nicht romantisch sehen. Man sieht zu, wie andere Tricks vorführen. Später macht man die Tricks der anderen nach, entwickelt eigene, und dann wartet man darauf, dass neue kommen, welche diese Tricks nachmachen.
Ihre Erkenntnisse zum Denken in einem Satz zusammengefasst, wäre …
Ich halte das für keine sinnvolle Aufforderung. Das Denken ist in der Kraft des Ausführlichen zu Hause, es lebt in der Vielfalt. Wenn man zusammmenfassen soll, formuliert man ein Resultat und bringt das Denken zu einem Ende. Nach den Erkenntnissen von Neurowissenschaftlern und Meditierenden beruht ein grosser Teil der Gehirnprozesse auf einer beschränkten Zahl von repetitiven Abläufen – eine Jukebox, in der das Ich seine Lieblingsplatten abspielt.
Peter Sloterdijk ist Philosoph mit Lehraufträgen in Karlsruhe und Wien. In diesem Frühjahr veröffentlichte er im Suhrkamp Verlag den dritten Band seiner Sphären-Trilogie: Schäume. SPUREN führte mit ihm mehrere Interviews (in Nr. 2, 24, 45) zu Fragen der Psychotherapie, Gnosis und Sektenbildung. www.petersloterdijk.net

Es denkt mich
Luisa Francia
Mein Hirn arbeitet ähnlich wie eine Waschmaschine: Was mal reinkam, dreht sich ständig herum. Früher gab es noch einige traumatische Situationen, da wurde der Schleudergang aktiv, zwischendurch gibt’s auch mal eine Spülung, da fliesst ab, was überflüssig ist. Aber was nicht reingegeben wurde, ist auch nicht drin. Und was ich nicht kenne, kann ich nicht wahrnehmen. Deshalb nähere ich mich spielerisch, drehe das Erfahrene, Gesehene, Aufgenommene in närrische Richtungen, um mögliche Informationen herauszuschütteln. Nachts spielt mein Hirn allein, verbündet sich mit allen möglichen einlaufenden Informationen und wirft mir Traumbrocken hin.
Als ich aus dem Universum im Körper landete, fand ich schon eine serienmässig mitgegebene Minimalausstattung vor: atmen, essen, trinken, verdauen, schreien, hören, fühlen, sehen, schmecken, riechen. Sex. Ich brachte mein kosmisches Überlebensprogramm und meine alten Archive mit, meine Kindheit fügte noch Nützliches, Überflüssiges und Schädliches hinzu und schon fing alles an miteinander zu kreisen.
Es dauerte ein Weilchen, bis ich die Boten und Botinnen in diesem Bio-System kennenlernte. Gelegentlich waren welche (Serotonine) vom Hirn so gelangweilt, dass sie «im Arsch» landeten. Kopfweh war die Folge. Mein Hirn liebt Serotonine und es ist unerheblich, ob sie durch eine Trance, durch Safran oder Traumzeitrituale ins Tanzen kommen.
Bei Barfussklettertouren tun sich die Serotonine schon mal mit den Adrenalinen zusammen, und erst hinterher setzt so etwas wie ein Denkprozess ein. Ich fühle mich zwar immer wie die Chefin eines grossen Unternehmens – wer immer das ist: ich – aber je älter ich werde umso klarer wird mir, dass es mit der Chefin nicht so weit her ist.
Kann ich dich mal sprechen, sage ich also zu meinem Hirn.
Bitte. Tag der offenen Tür. Alles transparent.
Äh, ich verstehe das aber nicht. Wie denke ich denn?
Wie du denkst, weiss ich nicht. Wir denken, indem wir eingespeicherte Impulse verarbeiten und an Sinne und Organe mit Empfehlungen zurückgeben.
Wer bin ich?
Du bist wir. Die Summe aller Impulse, aller Wesen im Körper, aller Eingaben.
Aber ich habe doch gar nicht zu allem Zugang.
Das würde dich auch nur verwirren. Das machen wir lieber ohne dich. Du weisst ja nicht mal wie der Blutfluss in Gang gehalten wird, obwohl er in dir fliesst. Wir kümmern uns um die alltäglichen Funktionen, und du hast Zeit zu spinnen. Solange du uns nicht behinderst, ist ja alles bestens. Übrigens, was ist eigentlich mit diesem Trauma aus deiner Kindheit, sollen wir das noch speichern? Brauchst du es noch, um ein paar Vorurteile aufrecht zu erhalten? Oder können wir’s löschen?
Löschen. Was soll ich jetzt diesem Blatt schreiben, das einen Text übers Denken will?
Schreib doch einfach: die Tempel auf Malta werden durch die Vulva betreten, aber das Allerheiligste ist der Kopf.
Luisa Francia arbeitet als freischaffende Schriftstellerin in München. Zu ihren letzten Veröffentlichungen zählen die Bücher Die Magie des Ankommens, Das Gras wachsen hören, Die magische Kunst das Glück zu locken. Auf ihrer Website führt sie ein öffentliches Tagebuch: www.salamandra.de
Selbstironie als Tugend
Simone Meier
Denken Sie oft und gerne?
Was für eine Frage! Ich denke immer – jedenfalls in bewusstem Zustand. Was mein Kopf im Schlaf macht, kann ich ja nur partiell mitverfolgen. Ich weiss nicht, wie man das tut: Nicht zu denken. Schliesslich muss ich mich ja der Aussenwelt gegenüber in jeder Hundertstelsekunde meines Lebens irgendwie verhalten, muss analysieren, was um mich herum gerade weshalb geschieht und wie ich mich dem zu stellen habe.
Was verleiht Ihrem Denken Flügel?
Red Bull überhaupt nicht … dafür Kaffee … In erster Linie natürlich Gespräche mit anregenden Menschen. Ich bin eher etwas träge, und es fällt mir schwer, aus mir heraus neue Ansätze oder einen Erkenntniswillen zu generieren. Klar konfrontiert einen die Umwelt 24 Stunden lang mit einer Unmenge an Informationen, aber die allerwenigsten davon sind es wert, dass man sie länger als eine halbe Stunde intellektuell aufzuarbeiten versucht. Ich betrachte das eher als eine Spam-Datenmenge, die einem den Kopf verstopft. Und ich denke besser in einer stressfreien Situation.
Denken Sie gerne in Gesellschaft oder ziehen Sie es vor, dafür allein zu sein?
Wahrscheinlich eher alleine. In Gesellschaft erfahre ich Denken immer auch als kompetitives Denken: Man muss möglichst schlau oder originell auf die schlauen, originellen Aussagen eines Gegenübers reagieren. Das ist bei mir von der Tageskondition abhängig, und ich empfinde es als sehr anstrengend. Zudem handelt es sich dabei immer eher um intellektuellen Smalltalk, den ich sofort wieder vergesse. Ich höre lieber zu, sauge auf und verwerte es dann beim Schreiben. Schreiben muss ich selbstverständlich alleine.
Gibt es Menschen, bei denen Sie Denken gelernt haben?
Ja, klar, Menschen, die mich geistig herausfordern, oft auch an die Grenze der Überforderung führen (worauf ich dann immer erst mit Kopfweh reagiere, eine Art Absturz, wie sie eine überfüllte Computer-Festplatte produziert). Es ist Denkgymnastik: Ich dehne und strecke meine Denkkapazität so lange, bis ihr gewisse Übungen oder Verrenkungen leichter fallen. Natürlich habe ich da während meines Studiums am meisten profitiert, allerdings nur bei sehr wenigen Professorinnen und Professoren. Die meisten, bei denen ich Anfang der neunziger Jahre studierte, standen damals kurz vor der Pensionierung, hatten sich in einer sehr konventionellen Denkroutine eingerichtet und wollten gar nichts Neues mehr erreichen oder entdecken.
Wie gehen Sie vor beim Schreiben?
Sehr assoziativ. Ich komme selten mit einem festen Plan daher, sondern setze mich an den Computer, weiss den Bruchteil einer Geschichte, die ich erzählen will, konzentriere mich dann wie blöd und schaue, was sich dazu kombinieren lässt. In einer ersten Arbeitsphase sind meine Texte deshalb meistens sehr langweilig und bieder, aber auch sehr offen. Es gibt keinen einzigen Satz, auf den ich nicht verzichten oder den ich nicht umbauen darf und kann. «Work in progress» eben.
Simone Meier ist Kulturjournalistin und freischaffende Schriftstellerin in Zürich. Für den Tages Anzeiger schreibt sie täglich eine Kolumne, 2000 veröffentlichte sie ihren ersten Roman Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben.
Lob des Versagens
Steven Harrison
Denken Sie oft und gerne?
Mir scheint, Denken und Spass seien nicht dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterworfen, und da es ausserhalb des Denkens keinen Akteur gibt, wäre es wohl zutreffender zu fragen: «Kommt es je zu einem Gedanken wie ‘Mir macht es Spass zu denken?’» So ein Gedanke ist bei mir noch nicht aufgetreten.
Gibt es Zeiten, an denen Sie nicht denken?
Entschuldigung, diese Frage ist derart umwerfend, dass sie meinen Geist leerfegte – doch im Ernst: Wo kein Gedanke ist, ist auch keine Zeit.
Was verleiht Ihrem Denken Flügel?
Natürlich das Streben nach Geld und nach schönen Frauen. In einem Universum, das aber offensichtlich nicht nach den Gesetzen von Ursache und Wirkung funktioniert, bringt das leider wenig. Ich gebe aber Bescheid, sobald ich mit meinen Bemühungen Erfolg habe.
Denken Sie gerne in Gesellschaft oder ziehen Sie es vor, dafür allein zu sein?
In einem einheitlichen Universum, das uns zwar als etwas unerhört Vielfaches erscheint, in Tat und Wahrheit aber eins ist, gibt es kein Entrinnen vor den anderen. Als Vater von einigen Kindern kann ich davon ein Liedchen singen, und ich kann versichern, dass ich an diesem Problem weiterhin arbeite.
Gibt es Menschen, die Sie in Ihrem Denken beeinflusst haben?
Am meisten beeinflusst haben mich jene, denen ich in der Stillle begegnete. Noch stärker beeinflusst haben mich jene, welche diese Stille zu Taten werden liessen. Und am allermeisten gelernt habe ich, wo das Denken vor der Wirklichkeit des Lebens in Beziehung versagte. Mein eigenes Versagen ist mein Guru, und mir scheint, unser Versagen sei der Sat Guru von uns allen.
Ihre Erkenntnisse zum Denken in einem Satz zusammengefasst, wäre …
Ein sehr, sehr kurzer Satz, kürzer noch als dieser hier.
Steven Harrison ist ein Mystiker und Schriftstller. Er lebt in Boulder, USA, wo er eine alternative Schule mitbegründete: The Living School. Für Begegnungen und Dialoge kommt er regelmässig nach Europa. Seine Werke erscheinen in der Edition Spuren, darunter: Nichts tun
und Das glückliche Kind.
www.doingnothing.com
Kontrolle durch Übung
Sushil Bhattacharya
Denken Sie oft und gerne?
Ja, ich denke gerne, und ich tue es häufig. Gelegentlich inspiriert mich Denken sehr, ich komme dadurch auf neue Ideen, und es fällt mir auch ein, wie sich diese Ideen umsetzen lassen.
Gibt es Zeiten, an denen Sie nicht denken?
Das gibt es. Wenn ich meditiere, steht das Denken oft völlig still. Und dasselbe geschieht, wenn ich sehr beschäftigt bin und mich ganz auf die Arbeit konzentriere, die ich gerade verrichte.
Gibt es Ihrer Erfahrung gemäss so etwas wie ein Gespür für die Qualität von Denken?
Die Qualität des Denkens halte ich für sehr wichtig. In den alten indischen Schriften begegnen wir oft dem Grundsatz «Einfach leben, erhaben denken». Eine hohe Qualität des Denkens führt dazu, dass wir die Dinge richtig tun. Ohne einen hohen Standard beim Denkens kann nichts Gutes gelingen. Je erhabener ich denke, desto höher wird der Gewinn sein, den ich aus dem Denken ziehe, und es wird möglich, kraft der Gedanken etwas zu erschaffen.
Ihre Erkenntnisse zum Denken in einem Satz zusammengefasst wäre …
Der menschliche Geist ist eine Maschine, die fortwährend Gedanken hervorbringt; durch beständiges Üben und durch Distanznahme sollten wir lernen, diese Maschine unter Kontrolle zu bekommen.
Dr. Sushil Bhattacharya ist ein indischer Yogalehrer aus Bengalen, der in seiner Heimat mehrere Yogaschulen begründete und 1989 bei einer Art yogischer Olympiade mit der Vorführung von Asanas den zweiten Platz belegte. Heute leitet Yogacharya Sushil Bhattacharya zusammen mit Ruth Wäfler eine Yogaschule in Bern mit Lehrerausbildung in der Schweiz und in Nepal. www.saptayoga.com