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Nr. 74 Winter 2005
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Dalai Lama ohne Ende
Seine Heiligkeit, der XIV. Dalai Lama füllt die Buchhandlungen und uns mit Weisheit …
Von Martin Frischknecht

So viel Weisheit war nie. Wer eine allgemeine Buchhandlung betritt und sich in der Abteilung für Religion und Esoterik umschaut, stellt fest, dass das Angebot der grossen Verlage in dieser Sparte merklich zurückgegangen ist. Nach Feng Shui für den Hund, Reiki für die Katz und Jakobsweg im Rückwärtsgang hat sich das Geschäft in diesem Bereich dann doch etwas totgelaufen. Die Grossen zogen sich zurück und überliessen den Markt den kleineren Verlagen, so diese noch existieren.
Nicht so bei einem Autor: Seine Heiligkeit, der XIV. Dalai Lama. Die allerwichtigsten Dinge sagt er mit den allereinfachsten Worten. Einfach gut. Seine Werke füllen in den Läden gleich mehrere Tablare. Was neu reinkommt, wird Vollsicht präsentiert und bringt es auf die Bestsellerliste; was sich seit längerem umsetzt, steht dicht gedrängt Rücken an Rücken in den Regalen.
Logik der Liebe (Goldmann Verlag), Das Buch der Menschlichkeit (Lübbe Verlag), Glücksregeln für den Alltag (Herder Verlag) – rund 200 Titel aus gut einem Dutzend Verlagen sind es bereits, und ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. In diesem Herbst kommen neu hinzu Das Herz der Liebe (Theseus Verlag) und Der buddhistische Weg zum Glück (O. W. Barth Verlag), um nur zwei Beispiele zu nennen.
Natürlich ist es die reine Güte des Herzens, welche die Branche umtreibt, die Worte des Friedensnobelpreisträgers von 1989 zu verbreiten. Wer an den Motiven zweifelt, der durfte sich im vergangenen Jahr von Diogenes eines Besseren belehren lassen. Das Zürcher Verlagshaus hatte häppchenweise Auszüge seines Dalai-Lama-Bestsellers Ratschläge des Herzens an die deutsche Bild-Zeitung verhökert. Dort gab es den tibetischen Mönch neben Nackedeis und Meldungen von Mord und Totschlag zu lesen. War es nacktes Gewinnstreben, welches den Verlag zu diesem Handel veranlasste? Nicht doch, beteuerte Diogenes. Die Einkünfte aus der Bild-Serie seien samt und sonders an ein Hilfswerk für tibetische Flüchtlingskinder gegangen.
Buchstäblich: Der Dalai Lama hat gut lachen. Er tut es aus allen möglichen Blickwinkeln auf den unter seinem Namen veröffentlichten Büchern. Geschrieben hat er die vielen Werke nicht. Seine Heiligkeit spricht. Andere hören zu, zeichnen auf, übersetzen und redigieren. Mit seinem Segen gelangen die Texte dann auf den Markt und werden verkauft an den Meistbietenden. Ein Verlag, der keinen Vorschuss in fünfstelliger bis sechsstelliger Höhe auf den Tisch blättert, braucht sich um die Rechte nicht zu bewerben.
Doch die hohe Investition zahlt sich aus. Der Dalai Lama als Autor ist ein sicherer, krisenfester Wert. In den achtziger Jahren erschienen Werke mit einem Vorwort von ihm, die sind heute noch im Handel. Zwischenzeitlich gibt es sie als Taschenbuch, und wenn das vergriffen ist, vielleicht wieder in neuer Aufmachung unter einem neuen Titel als hübsch aufgemachtes Geschenkbuch und so weiter. Die Verleger und deren Agenten fischen kreuz und quer im «Ozean der Weisheit», so die wörtliche Übersetzung des Titels «Dalai Lama»; was in den Netzen der Verlage landet, wird veröffentlicht. Gut möglich, dass der geneigte Leser ab und zu auf einen Text stösst, dem er in einem anderen Zusammenhang bereits einmal begegnete.
Macht nichts. Dalai Lama ist gut. Und er macht glücklich. Restlos alle. Irgendwann selbst die Chinesen. Auch wenn ich an dieser Stelle eigentlich noch ein paar bissige Bemerkungen über die Vermarktung dieses Mannes loswerden wollte, komme ich nicht umhin, meinen Übermut im Ozean der Weisheit zu kühlen.
«Menschen, die ständig andere beleidigen und verstören, sind selbst dauernd verstört, nicht nur, wenn sie wach sind, sondern sogar in ihren Träumen. Wenn Sie anderen Menschen helfen und eine Atmosphäre des Friedens und Glücks schaffen, werden Sie selbst Frieden und Glück geniessen, sogar in Ihren Träumen. Das Glück, das einem aus der Teilhabe am Glück anderer Menschen erwächst, ist unverdorbenes und lauteres Glück, ein wirklicher Gewinn, jetzt und in der Zukunft.»
Was habe ich gesagt? Die Chinesen? Eines Tages werden auch sie Dalai Lama lesen wollen und dürfen. Sichern Sie sich jetzt die Rechte! Es wird Sie glücklich machen.


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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