SPUREN, Magazin für neues Bewusstsein
 Aktuelle Ausgabe | Verlag | Edition SPUREN | Archiv | Weblogs | Specials | Veranstaltungen | Kontakt | Links
Mitglied | Anmelden | Registrieren


Nr. 74 Winter 2005
image
[ SPUREN im Abonnement ]
 Edition SPUREN
 
image
Das Wesentliche so nah
Das Zen des Glücks in uns. Das 3. Buch von Peter Steiner
 

 Impressum
 
Beim Menüpunkt Verlag finden sich unter anderem das Impressum und die Mediadaten.

SPUREN
Rudolfstrasse 13
CH-8400 Winterthur
Tel. +41 (0)52 212 33 61
Fax +41 (0)52 212 33 71
redaktion@spuren.ch
 
 
  SPUREN Archiv Ausgabe
 
image
Willigis Jäger: immer unterwegs
Selten spricht der deutsche Mystiker Willigis Jäger über sich, seine Gefühle, seine Wünsche und seine Träume. Seine Ruhe lässt ihn wirken, als wäre er angekommen – und trotzdem ist er ein Mensch, immer unterwegs.
Von Doris Iding

SPUREN: Sie beziehen sich in Ihren Büchern immer wieder auf das Koan: «Vollende deine Geburt!» und raten Ihren Lesern und Schülern eindringlich, gerade das zu tun. Wie geht es Ihnen persönlich, haben Sie das Gefühl, Ihre Geburt vollendet zu haben?
Willigis Jäger: Ich glaube, dass wir unterwegs sind, solange wir leben. Das heisst, dass wohl kaum ein Mensch sagen kann: «Ich habe es vollendet!» «Vollende deine Geburt!» heisst eigentlich: Mache aus deinem Leben, was sich daraus machen lässt!
Mein persönliches Thema lautet zurzeit: Gott will Menschen. Darum hat er uns geschaffen. Wir sind eine Inkarnation dessen, was wir Gott nennen. Und unsere Aufgabe ist zu leben. Als Menschen zu leben und ganz Mensch zu sein, an diesem Ort, zu dieser Zeit. Das ist meine Aufgabe.

Gab es einen bestimmten Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie das Gefühl hatten, genau der Mensch zu sein, den Gott gewollt hat?
Das ist mein Lebensziel. Es gibt natürlich Momente, die so erfüllend sind, und wo keine anderen Bedürfnisse mehr da sind. Aber wenn ich dann in das Normalbewusstsein zurückkehre, könnte ich nie sagen: Ich habe es erreicht. Ich bin immer einer, der unterwegs ist.

Können Sie einen dieser Momente beschreiben?
In Momenten tiefer Einheit gibt es kein Ich. Teresa von Avila beschreibt es mit folgenden Worten: «Wenn der Wassertropfen ins Meer fällt, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Tropfen und Meer.» Ich sage einfach: In dieser Erfahrung gibt es keine Dualität! Diese Nondualität wird gewöhnlich auch als Leere, als Nichts oder als Nada bezeichnet. Aber es ist eine erfüllende Leerheit, eine erfüllende Qualität, die weit befriedigender ist als alles, was man bis dahin erlebt hat.
Ich stand während einer Sitzung einmal am Rande des Todes und hatte eine Nahtoderfahrung. Das war eine absolute nicht-duale Erfahrung und floss in eine umfassende Liebe. Es war kein Du in dieser Liebe, sondern eine tiefe Gewissheit und Sicherheit, die nicht nur mir gilt, sondern allem. Diese Erfahrung war entscheidend, denn damit war auch gleichzeitig alle Angst weg, einmal hinüberzugehen.

Mit 79 Jahren sind Sie nicht mehr der Jüngste, und Sie sprechen auch immer wieder davon, dass man sich des eigenen Todes bewusst sein sollte. Wie gehen Sie mit Ihrem eigenen Tod um?
Ich glaube nicht, dass es einen solchen Tod gibt. Was zurückbleibt, ist unser personales Ich. Aber das, was wir unser wahres Wesen nennen, das göttliche Wesen, ist zeitlos. Ob ein personales Kontinuum mitgeht in eine neue Existenz, kann ich offen lassen. Geboren wird immer nur wieder diese erste Wirklichkeit. Ganz egal, ob ich herauskomme oder wie ich herauskomme. Es kann immer nur eine Inkarnation des göttlichen Ursprungs sein.

Kennen Sie auch ein Gefühl der Angst, wenn es um Ihren eigenen Tod geht?
Ein Gefühl der Angst hatte ich bei meiner Nahtoderfahrung nicht. Im Gegenteil: Es war eine gewisse Sehnsucht da hinüberzugehen. Ich könnte sogar sagen, dass eine gewisse Heiterkeit da war. Obwohl das Wort Heiterkeit ein Wort ist, das die Erfahrung nicht ganz zum Ausdruck bringt.

Gibt es sonst etwas, vor dem Sie persönlich Angst haben?
Mir ist es momentan nicht bewusst, dass ich Angst hätte für mich. Ich kann aber vielleicht sagen, dass ich Angst um unsere Spezies habe. Wenn ich in die Welt schaue und sehe, wie wir Menschen uns verhalten, muss ich sagen, dass wir eine entartete Spezies geworden sind. Es wird höchste Zeit, dass wir uns nach innen wenden. Denn ich glaube nicht, dass die Moral mit Vorschriften wie «Du musst!» oder dass Revolutionen und Kriege unsere Spezies ändern werden. Es gibt im Menschen einen Bewusstseinsraum, der das Rationale übersteigt. Diese Ebene, die in uns allen angelegt ist, wird den Menschen retten. Es ist die nächste Stufe in der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Es ist die mystische Ebene, zu der wir alle berufen sind. Auf dieser Ebene gibt es Erkenntnisse, die unsere Spezies weiterbringen werden. Wir retten den Menschen, indem wir in das Feld Mensch (Sheldrake) mehr Liebe und Gemeinschaftssinn einspeisen und weniger Hass und Aggression.

Nun habe ich eine ganz andere Frage: Ich habe in Ihren Büchern gelesen, dass das Redeverbot, welches Sie von der Kirche erhalten haben, Sie als Seelsorger sehr betroffen macht, in erster Linie wegen der Menschen, die Sie begleiten. Was mir dabei fehlt, ist eine Aussage über den Menschen Willigis Jäger. Wie ging es Ihnen? Hat es Sie persönlich nicht sehr berührt? Es ist doch so, als würde man zu Hause rausgeschmissen, oder nicht?
Es hat mich sehr berührt, und es hat mich eine Zeit lang auch sehr betroffen gemacht. Aber eigentlich ist es für mich ein rein juristischer Akt, der mit meinem persönlichen Glauben gar nichts zu tun hat. Und da es nur ein juristischer Akt ist, kann ich es auch ertragen, ohne besonders darunter leiden zu müssen. Schwierig wird es nur, weil immer mehr Menschen zu mir kommen, die von mir getraut werden möchten oder einen Segen für ihre Partnerschaft suchen. Es kommen auch Eltern mit ihren Kindern, die getauft werden möchten. Manche möchten ein religiöses Ritual für ihren Lebensweg. Ich darf aber selbst keine Eucharistie vornehmen, keine Trauung vollziehen und keine Sakramente spenden. Um meine pastoralen Aufgaben weiterführen zu können, sind mir paradoxerweise die eigentlichen pastoralen Mittel verboten. Aber Gottesdienste halte ich weiterhin, und viele kommen, weil sie hier finden, was ihnen anderswo versagt bleibt.

Ist es Ihnen möglich, in dem Redeverbot eine Art spiritueller Übung zu sehen?
Es ist für mich das, was es ist, eine Phase meines Lebens, die mir von Gott beschieden ist. Es scheint eine sehr bedeutsame Zeit für mich und für andere zu sein. Immer mehr Suchende kommen zum Zentrum für spirituelle Wege, zum Benediktushof. Dieses Zentrum wäre nicht entstanden ohne das Redeverbot. Gott schreibt offensichtlich immer noch auf krummen Zeilen gerade. Und Ausgrenzungen haben der Kirche stets mehr geschadet als genützt.

Entsteht nicht trotzdem manchmal das Gefühl «Ich bin hier. Dort sind die anderen»?
Ich würde mich nie absetzen. Ich verstehe mich immer als einer, der mit anderen auf dem Weg ist. Wir sind ja auch hier eine Weggemeinschaft, die einfach versucht, einen spirituellen Weg zu gehen aus der Überzeugung heraus, dass hier die Fülle unseres Menschseins liegt und auch die Rettung unserer Spezies. Es wird Zeit, dass wir uns auf andere Werte besinnen, auf Werte der Gemeinschaft, des Wohlwollens und des Verstehens. Vielleicht waren wir als Spezies sehr stark gezwungen, uns gegen alles andere zu behaupten, was in uns ein paar sehr aggressive Kräfte freigesetzt hat. Dabei sind die mehr weiblichen Kräfte, die im Mann natürlich auch angelegt sind, zu kurz gekommen. Ich will nicht sagen, dass wir wieder zum Matriarchat zurückkehren müssen, aber wir sollten uns mehr auf weibliche Werte besinnen. Der Verlust des Weiblichen in Gesellschaft und Kirche ist offensichtlich. Unser patriarchaler Narzissmus und unser Egoismus sind das Grundübel der Problematik in dieser Welt. Und es ist meiner Ansicht nach nicht möglich, mit moralischen Appellen aus dieser Misere herauszukommen.

Und warum sind Sie nicht aus der Kirche ausgetreten?
Wenn ich aus der Kirche austrete, werde ich nicht mehr gehört. Dann heisst es: «Das ist ein Aussenseiter! Der gehört nicht mehr zu uns.» Ich bleibe in der Kirche aus Liebe zur Kirche, wie viele Christen heute. Ich kümmere mich um die Ausgegrenzten. Die Kirche hat durch ihre rigorose Haltung vielen Menschen tiefe Gewissensnöte bereitet und manche in Verzweiflung und grosse Hilflosigkeit gestürzt. Ich bin zur Anlaufstelle geworden für Expriester, Exnonnen, aus der Eucharistie Ausgeschlossene, Missbrauchte und für alle, die Christen bleiben wollen, aber in der Kirche keine Antwort mehr auf ihre wirklichen Lebensfragen finden.

Das ganze Interview lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von SPUREN Nr. 74.


Autor: Doris Iding | Profil
Seitenaufrufe: 10199 - Kommentare: 2
Print Print-Version | Email Artikel per E-Mail weiterempfehlen
 
 

Kommentare:

Einer der wenigen echten deutschen Mystiker der Gegenwart.

Beitrag von: Dr. Ernest Wallmüller am 20.02.2005 | 23:23

"Mystik als Reinheit heißt Zen."
"Mystik als Erkenntnis heißt Koan."

Liebe

Beitrag von: Rowena am 23.02.2005 | 16:50

Sie können diesen Artikel kommentieren, wenn Sie sich zuerst mit Ihrem Username/Passwort anmelden. Sie haben noch kein Username/Passwort? Registrieren Sie sich - es ist ganz einfach!

 
 
 Suchen
Suchbegriff eingeben:

[Erweiterte Suche]

 Newsletter
 
Regelmässig über SPUREN-Aktivitäten informiert sein?
 

Anzeigen
Liebe, Lust & Sinnlichkeit
Ferienseminar Ibiza, Wochenendseminare, Abendgruppe, Beratung für Einzelne & Paare. Nicola Marchesi
www.on-the-way.ch
Die Kraft des Weiblichen
Diese Kraft wieder zu aktivieren und in den Alltag zu integrieren ist das Ziel der Treffen in einem Frauen-Heilkreis.
www.visionspirit.ch
Stiller Aufenthalt
Meditationsretreat auf Lanzarote inmitten der Klarheit & Kraft der Vulkane. Für Menschen, die eine neue Ausrichtung suchen, sich zurückziehen möchten.
www.la-madreperla.com
 
 
Aktuelle Ausgabe | Verlag | Edition SPUREN | Archiv | Weblogs | Specials | Veranstaltungen | Kontakt | Links

© 2000 - 2012 SPUREN

Design by Octave 2 Media