Esoterische Märchen
Christine Steiger entdeckte drei wenig bekannte Autoren
Von Christine Steiger
Die Märchenerzähler von heute sind gemeinhin durchtherapiert, spirituell aufgeklärt und via Meditation in Kontakt mit höheren Sphären. Sie wissen längst, dass man das Böse nicht projizieren darf, sondern bei sich selbst orten und integrieren muss. Sie kennen sich in der Quantenphysik aus, verkehren mit Engeln und Feen per Du, erhöhen stetig ihre Schwingungen und haben gelernt, dass die Zeit eine Illusion und eh alles Eins ist. Kurz: Sie blicken voll durch. Nur haben sie manchmal Mühe, dies auch in Worte zu fassen. Trotzdem wagten zwei Autorinnen und ein Autor, ihre Erzählungen im Eigenverlag zu veröffentlichen.
In Christiane Durers Erzählung Tamalita gerät der junge Held in eine Traumwelt, die in Gefahr ist, einer kontrollierenden und berechnenden Macht zu erliegen. Der Retter macht zwar manchmal Augen, die «vor Staunen gross und rund wie Pfannkuchen wurden», und gibt auch hin und wieder ein «indifferentes Grunzen» von sich, aber sonst erledigt er seine Arbeit natürlich gut, weil er rechtzeitig entdeckt, dass die Liebe das richtige Heilmittel ist.
Das weiss natürlich auch Juanita Maria Schalekamp, die sich bereits acht Bücher von Engeln diktieren liess und nun in ihrem ersten Roman Die Königin der Zeit selbst um Worte ringt. Sie las den Engeln zwar ihre Entwürfe vor, aber als Korrektoren versagten die himmlischen Heerscharen des Öfteren. Dafür diktierten sie den Werbetext. Das Buch sei, so liess die geistige Welt verlauten, «ein gemeinschaftlich erarbeitetes Werk der Engelwelt mit einem ebenso auf die Liebe ausgerichteten Menschenkind, das die Reife erlangt hat, in einem solchen Werk mitzuwirken». Die Heldin mit dem schönen Namen Kirsten Steinbrügge van der Loen meditiert jeden Morgen drei Stunden lang für die Welt und setzt sich in der restlichen Zeit mit ihren eigenen dunklen Seiten auseinander, die sie so lange mit Liebe behandelt, bis der letzte schwarze Fleck getilgt ist und sie porentief rein anderen Menschen bei der Suche nach spirituellen Erfahrungen beistehen kann.
Das dritte Buch gefiel mir am besten, weil es auch Humor besitzt. Rolf Grossenbacher erzählt die Geschichte eines depressiven jungen Mannes, der einer sehr modernen Fee begegnet, die ihn geschickt in eine rettende Liebesbeziehung lotst. Manchmal theoretisiert die Gute zwar ein bisschen viel («Eine Fee ist ein Wunschbild», erklärte sie. «Dein Wunsch nach mir war derart stark, dass ich Gestalt annehmen konnte, die Gestalt einer Fee nach deiner Vorstellung. Ganz einfach, oder?»), aber sonst ist Diala – so lautet der Name der Fee und der Titel des Buches – auch in irdischen Belangen eine ganz patente Person.
Geärgert habe ich mich über die Lektoren, deren Aufgabe es gewesen wäre, die schlechten Formulierungen zu eliminieren, aber offenbar selbst der Sprache nicht mächtig waren. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Texten die gleiche Liebe angedeihen zu lassen, die ihr Inhalt den Lesern ans Herz legt. Anderseits gibt es ja auch viele Autoren, die nichts zu sagen haben, dies aber unsäglicherweise so sagen, dass es für Literatur gehalten wird.
Christiane Durer: Tamalita. Verlag Christiane Durer, München 2004. 87 Seiten, Fr. 22.–, www.tamalita.de
Juanita Maria Schalekamp: Die Königin der Zeit. Devas Verlag, Sion 2004. 176 Seiten. Fr. 24.50, www.devas.ch
Rolf Grossenbacher: Diala. Luftschloss-Verlag, Trubschachen 2004, 223 Seiten, Fr. 32.–, www.luftschloss-verlag.ch
