Olive Shanti: Wer kennt diesen Mann?
Seit gut zwei Jahren ist er auf der Flucht vor der Polizei. Sexuelle Misshandlungen an Minderjährigen in über hundert Fällen werden ihm zur Last gelegt. Ulrich Schulz alias Oliver Shanti ist auch heute noch in vielen Bereichen unfassbar.
Von Claude Jaermann
Viele Menschen liessen sich berühren von den wunderschönen Alben des Oliver Shanti. Sie gingen zu hunderttausenden über den Ladentisch und öffneten manch einem Ohr und Herz für Meditations- oder Entspannungsmusik. Umso schockierender die Nachricht, die Anfang 2002 in der Szene die Runde machte: Oliver Shanti sei auf der Flucht. Misshandlung von Minderjährigen. Unterschlagung von Geld.
In SPUREN Nr. 68 liessen wir einen Direktbetroffenen zu Wort kommen, dessen Kind von Ulrich Schulz, so der bürgerliche Name von Oliver Shanti, sexuell missbraucht worden sei. Auf der SPUREN-Homepage wurde der Artikel über 4000 Mal angeklickt und auch kommentiert. Doch was ist seither in Sachen Ulrich Schulz passiert? Wo hält sich der Gesuchte auf? Fragen, auf die wir Antworten gesucht haben.
Phantom Shanti
Einer, der schon früh mit der Musik von Oliver Shanti in Berührung kam, ist der Schweizer Max Regli. Als Leiter der Musikabteilung eines Warenhauses war er auch für den Einkauf der Tonträger zuständig. 1989 besuchten ihn zwei Deutsche und stellten ihm CDs mit Meditationsmusik vor – damals noch eine Randsparte, für die es keinen grossen Markt gab. Sie lobten Oliver Shanti in den höchsten Tönen, schwärmten von ihm als Produzenten und überzeugten Max Regli, einige CDs ins Sortiment zu nehmen. Mit der Zeit führte er das grösste Sortiment an Meditationsmusik in der ganzen Schweiz.
Schon bald luden die beiden Deutschen den Schweizer nach München ein und stellten ihm Oliver Shanti vor. Obwohl Max Regli erkannte, wie seine Bekannten vom Meister eingenommen waren, bemerkte er die vielen Ungereimtheiten noch nicht. Nicht unwesentlich für diese Blindheit waren wohl die guten Umsätze, die sich mit den Shanti-Alben erzielen liessen. Der Einfluss der Leute von Sattva-Music stieg, und Max Regli wurde Vegetarier und Esoteriker erster Güte. Er war nicht mehr der Max, den seine Freunde kannten. 1991 lud man ihn nach Portugal in die Ferien ein, und erst dort gingen ihm die Augen auf. Er hörte von Plänen zur Weltverbesserung, erfuhr, dass Oliver Shanti gar kein Instrument spielen konnte, sah, wie Geld zum Fenster rausgeschmissen wurde und wie die Anhänger dem Meister die Schuhe anzogen. Nach diesen Ferien war Max Regli klar, dass etwas nicht stimmte: Soziale Projekte, in die Geld aus dem Verkauf von Shanti-CDs hätte fliessen sollen, erhielten keinen Rappen.
Als die Schattenseiten nach Jahren des erfolgreichen Geschäftens endlich ruchbar wurden, kam es in der Sattva-Gemeinschaft zum Zerwürfnis. «Ich habe Mühe, dass die gleichen Menschen, die Oliver Shanti wie einen Gott angebetet haben, ihn jetzt verteufeln», meint Max Regli heute. Für ihn ist Shanti ein spiritueller Hochstapler. Gleichzeitig hat ihm Shantis Musik eine neue Welt erschlossen, von der er heute als Musikverkäufer lebt.
Shantirecords
Das Label von Oliver Shanti, die Sattva GmbH, gibt es heute nicht mehr. Noch Anfang Herbst 2002 wurden die Anschuldigungen auf deren Homepage in Frage gestellt. Im September 2002 war Sattva.com weg vom Netz, und heute wäre die Domain wieder zu haben. Interessant ist, dass unter dem in Portugal eingetragenen Label Shantirecords fast ausschliesslich Oliver-Shanti-Produkte angeboten werden. Noch heute wird dort Oliver Serano Alve (ein weiterer Name des Ulrich Schulz) als genialer Künstler dargestellt, und es heisst, Shantis Lebenslauf würde genug Stoff für einen Film ergeben. Wie Recht die doch haben!
Doch weshalb findet sich auf dieser Homepage kein einziger Hinweis auf das seit zwei Jahren laufende Verfahren? Auf unsere Fragen, wieso und wer hinter dem Label stehe, erhielten wir sibyllinische Antworten. Shanti sei ein grosser Künstler, und es sei Sache des Gerichts zu befinden, ob er schuldig sei oder nicht. Man vermute Geldprobleme hinter allem, und schon bei manchem Musiker, die ja verrückte Leben führen, hätten sich Anschuldigungen hinterher als unwahr erwiesen. Die detaillierte Antwort, die wir vom Shanti-Team unpersönlich erhielten, wurde nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Wer hinter dem Shanti-Team steckt, haben wir trotz unzähliger E-Mails bis heute nicht herausgefunden.
Doch was wissen Margot Reisinger und Veit Wegmann, die beiden wichtigsten musikalischen Bezugspersonen, von Oliver Shanti? Vermutlich einiges. Doch beantworten wollten auch sie keine unserer Fragen. Margot Reisinger gründete eine neue Band namens Existence und vertreibt ihre Musik unter dem eigenen Label Costa Verde Productions mit Sitz in Portugal. Veit Wegmann ist Komponist und Produzent mit eigenem Studio in Israel.
Und die Polizei?
Nach mehrmaligem Drängen und Rückfragen erhielten wir vom Polizeipräsidium München eine dünne Stellungnahme zur aktuellen Fahndungssituation um Ulrich Schulz alias Oliver Shanti. Man gehe davon aus, dass sich der Gesuchte in Portugal aufhalte und seine Festnahme in Zusammenarbeit mit den dortigen Behörden in absehbarer Zeit erfolgen wird. Was immer dies auch heissen mag. Einem seiner mutmasslichen Opfer nützt dies alles nichts mehr. Es verstarb im vergangenen Jahr nach kurzer Krankheit. Ob ein Zusammenhang zwischen den Anschuldigungen und der tödlichen Krankheit des möglichen Opfers besteht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Was ein Kind körperlich und seelisch durch einen Missbrauch durchmachen muss, hinterlässt Wunden, die auf die eine oder andere Art wieder aufbrechen können. Nur schon im Sinne der Hinterbliebenen ist es höchste Zeit, dass Licht und Klarheit in die Sache Oliver Shanti kommt.
