Sonnenaufgang auf der Rigi
Was Mark Twain so eindrücklich in seinen Erzählungen geschildert hat, kann man heute nach einem 50-Kilometer-Nachtmarsch auch erleben. Blasen und schwere Beine inbegriffen.
Von Susanne Kläusler
Zugegeben: Es sind nicht einfach 50 Kilometer, die es zu überwinden gibt. In der Fachsprache heisst es 65 Leistungskilometer, worin alle Aufs und Abs einberechnet sind. Jedes Jahr wird dieser Marathon durchgeführt, und zwar immer – nomen est omen – in der Nacht vor Auffahrt.
Man trifft sich zwischen 19 und 20 Uhr beim «Sunnemärt» in Bremgarten. Nachmelden ist dort auch noch möglich. Gestartet wird frei nach eigenem Gusto. Vom speziellen Service, die Wanderschuhe in Schachteln zu verpacken und auf die Seebodenalp transportieren zu lassen, machen wir – meine Schwester und ich – gerne Gebrauch. So können die ersten, flacheren Kilometer in Turnschuhen zurückgelegt werden.
Stock und Stein
Die ganze Strecke ist ausgesprochen gut markiert und daher auch einfach zu finden. Wir folgen dem Flusslauf der Reuss. Über Wege und Stege, durch Naturschutzgebiet, an Weihern vorbei, über Brücken, Wiesen, Wälder, durch hüfthohes Gras, mal hören wir einen Nachtkauz, sehen Schwäne, Enten und unendlich viel mehr. Wir plaudern, laufen, geniessen den herrlichen Sonnenuntergang. Langsam dämmert es.
Tee und Bouillon
An insgesamt fünf Posten wird vom organisierenden Verein ... Tee, Bouillon und Kakao ausgeschenkt. Einen Becher haben wir mitgebracht, und beim Schöpfen füllen wir auch Flaschen und andere Trinkgefässe mit flüssiger Nahrung.
Es ist dunkel, und die Sterne sorgen für die richtige Stimmung unterwegs. Wir kommen zügig voran, der Weg ist abwechslungsreich und die Temperatur ideal zum Laufen. Im Dunkeln ist der Weg mit Kerzen markiert, und so laufen wir durch Waldstücke, von Kerze zu Kerze, es könnte nicht stimmungsvoller sein.
In Immensee schmerzen meine Beine ungewohnt. Wenn ich so herumsehe, wie sich einige bewegen, muss es auch anderen so gehen. Es gäbe jederzeit und an jedem Posten die Möglichkeit für den Rücktransport. Doch sachte: Wir machen erst eine längere Pause, essen ein Sandwich, einen Müesliriegel und etwas Schokolade, obwohl der Hunger gar nicht so richtig da ist. Wir trinken auch viel, doch die Beine fühlen sich nicht viel besser an. Wenigstens gibt der Bauch Ruhe.
Auf und davon
Unglaublich: Kaum geht es aufwärts, verschwinden die Schmerzen in den Beinen, und nachtwandern macht wieder richtig Freude. Langsam wird es hell, und wir freuen uns bereits auf den Sonnenaufgang. Die ersten Vögel erwachen und zwitschern. Zugersee und Vierwaldstättersee werden sichtbar, und auch der Pilatus taucht auf im Morgengrauen. Wir kommen auf der Seebodenalp an und wechseln unsere Schuhe. Die Füsse fühlen sich in den Wanderschuhen ganz anders an. Nochmals einen warmen Tee trinken. Dann geht es Schritt für Schritt weiter den Berg hoch. Obwohl die Rigi gerade mal 1798 Meter hoch ist, liegt am Nordhang noch Schnee. Das letzte Stück ist steil. Aber es lohnt sich, weil ein Panorama auf uns wartet, das uns begeistert.
Die Beine fühlen sich nun schwammig an. Noch 200 Höhenmeter, bevor wir uns im Restaurant auf den ersten freien Stuhl setzen, mit dem unsicheren Gefühl, ob wir von diesem je wieder aufstehen können. Doch was für eine Aussicht! Ein Genuss, der fast alle Strapazen vergessen lässt! Nach einem stärkenden Getränk nehmen Vereinzelte den Abstieg in Angriff. Unsere tonnenschweren Beine lassen keine solchen Gedanken aufkommen. Ein Blick auf die Leute, die rückwärts die Treppe hinunterlaufen, lässt uns ahnen, dass es anderen ähnlich gehen muss.
Infos: Verein Rigi91, Xavier Schüepp, 5621 Zufikon, Tel. 056 633 57 36
