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Nr. 75 Frühling 2005
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Das Zen des Glücks in uns. Das 3. Buch von Peter Steiner
 

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Die Friedenspaare
Wenn es um den Frieden geht, sind Gegensätze zu überwinden. Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm, zwei lautstarke Aktivisten der freien Liebe, Pia Gyger und Niklaus Brantschen, zwei christliche Zolibatäre, haben diesen Schritt getan. Die Paare spannen zusammen.
Von Martin Frischknecht

Die Gegensätze könnten grösser kaum sein: Hier die zwei christlichen Ordensleute, sie katholische Nonne, er Pater der Jesuiten, beide seit Jahrzehnten verpflichtet auf den Zölibat und zugleich ein Paar, dort zwei politisch bewegte Freigeister, die seit der 68er Revolte ungebrochen agitieren für freie Liebe und dieses Anliegen in wechselnden Kommunen und Lebensgemeinschaften handfest in die Tat umsetzen. Hier zwei angesehene, weitum respektierte Vertreter einer wegweisenden neuen Spiritualität, dort zwei Freigeister der sexuellen Revolution, die vor Anfeindungen und Medienkampagnen flohen an den Rand Europas. Hier eine Kultur des tage- und wochenlangen Schweigens und Sammelns, dort die sinnenfrohe Provokation.
Gegensätze erzeugen Spannung. Die zeigt sich als Anziehung oder Abstossung zwischen den Polen. Seit sich Pia Gyger und Niklaus Brantschen, Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm vor drei Jahren kennen lernten, ist allen Beteiligten klar, dass es sich um Anziehung handelt. Die beiden ungleichen Paare können gut miteinander, und mit wachsender Begeisterung haben sie im Verlaufe der Begegnungen Gemeinsamkeiten entdeckt.
Auch wenn sie sich in ihrem Beziehungsalltag diametral gegenüberstehen, zeugen beide Paare davon, wie fruchtbar, ja heilsam die Verbindung von Mann und Frau im Spirituellen sein kann. Alle vier handeln sie aus innerer Berufung, und sie haben das, was die meisten Bürger hinter Schlafzimmertüren vor dem Einblick anderer bewahren, öffentlich gemacht: Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm leben in Mehrfachbeziehungen, Pia Gyger und Niklaus Brantschen leben den Zölibat. Als Paare haben sie Projekte angestossen, die heute für hunderte von Menschen Leitsterne sind auf ihrem Weg der inneren Entwicklung. Alle vier sind sie unerschrockene Pioniere, die in hingebungsvoller Arbeit Grosses aufgebaut haben und nun vor der Herausforderung stehen, das Aufgebaute kurz- bis mittelfristig einer nachkommenden Generation zu überlassen.

Friedensvision für Nahost
Was sie derzeit umtreibt, ist aber nicht das Bewahren der eigenen Strukturen, sondern das Bewahren der Welt. Friedensarbeit heisst der Nenner, der sie zusammen gehen lässt und antreibt zu gemeinsamen Projekten. Im Mittelpunkt der Bemühungen stehen Friedensmissionen in Israel und Palästina. «Wir wählen den Nahen Osten, weil hier einer der grossen Akupunkturpunkte liegt, wo über Krieg oder Frieden auf der Erde entschieden wird. Hier, so unser Plan, sollte so bald wie möglich ein internationales Friedensdorf gebaut werden», erklärt Sabine Lichtenfels, die im vergangenen Herbst erstmals mit Pia Gyger und Niklaus Brantschen gemeinsam in die Region reiste zu Begegnungen über die Grenzen der verfeindeten Lager hinweg. Im kommenden Herbst wird die Reise wiederholt. Geplant ist eine Pilgerreise mit Schlusskundgebung in Jerusalem, wobei an verschiedenen Orten ein Theaterstück aufgeführt wird unter dem Titel: «Wir weigern uns, Feinde zu sein».
Jerusalem scheint so etwas wie der gordische Knoten des Nahen Ostens zu sein. In der Stadt, um die bereits Kreuzfahrer und Sarazenen stritten, stehen sich die Anhänger der drei monotheistischen Religionen mit unvereinbaren Ansprüchen gegenüber. Pia Gyger hat dazu eine Vision. Als sich die Zen-Meisterin vor einigen Jahren einer überlebenswichtigen Operation zu unterziehen hatte, begann sie intuitiv zu schreiben. In jener Zeit der existenziellen Bedrohung habe sie einen Prozess der Öffnung durchlaufen, was sie heute als unabdingbare Voraussetzung betrachtet, um «solche Ideen an mich heranzulassen».
Die Idee ist einfach und überzeugend: Statt sich auf Gegensätze und Unterschiede zwischen den einzelnen Lagern zu versteifen, besinnen sich einflussreiche Integrationsfiguren auf die tiefsten Visionen des Friedens in ihrer jeweiligen Religion und stiften Gemeinschaft über die Grenzen hinaus. Eigentlich, so weiss es der Mystiker aufgrund eigener Erfahrung, geht es in sämtlichen Religionen um das eine, und dieses eine hat in ihnen lediglich zu unterschiedlichen Ausdrucksformen gefunden. Wenn es gelingt, dieses verschüttete Eine aus dem Hintergrund zu holen und in den Vordergrund zu rücken, wird ganz von alleine das Verbindende deutlicher, das Trennende verblasst und verliert an Bedeutung. Vergleichbar mit der Ringparabel in Lessings Theaterstück Nathan der Weise träten dann Juden, Muslime und Christen zusammen und fügten ihre Teile des Rings zum runden Ganzen.

Gang durch die Wüste
Pia Gyger fiel es zunächst selber nicht leicht, ihrer Friedensvision zu trauen und damit nach aussen zu gehen. Niklaus Brantschen hat sie darin aber sofort rückhaltlos unterstützt, das Lassalle-Institut ebenso, und als sich herausstellte, dass seitens der Uno drei Resolutionen zur Altstadt von Jerusalem vorliegen, welche in diese Richtung weisen, wandte sie sich an die Weltorganisation und stiess dort auf Zustimmung. Auf ebenso starke Übereinstimmung stiess sie beim schweizerisch-jüdischen Publizisten Ernest Goldberger, dessen Buch Die Seele Israels die Nahost-Diskussion neu belebt hat. Durch dieses Zusammentreffen fühlte sie sich in der eigenen Vision wunderbar bestätigt.
Was nicht heissen will, dass es von nun an so weitergeht. «Dieser Ablauf entspricht meinen Erfahrungen mit der inneren Führung», erklärt Pia Gyger heute dazu. «Wenn der innere Impuls, auf den wir uns einlassen, stimmt, treffen wir zunächst auf erfreuliche Koinzidenzen, die aus allen Richtungen kommen und Zeichen der Bestätigung sind. So antwortet uns das Universum. Darauf folgt eine Phase des Widerstands, die mindestens so lange dauert. Von Paulo Coelho wird das sehr schön beschrieben: Bevor ein grosser Traum in Erfüllung geht, werden die Widerstände so stark, dass viele, die sich damit konfrontiert sehen, in dieser Phase aufgeben. Dann verdurstet man in der Wüste, obwohl die Palmen am Horizont bereits sichtbar sind. Die meisten Menschen geben auf, weil sie diese Widerstände nicht verstehen und davon ausgehen, es müsse flott vorangehen, wie es zu Beginn doch der Fall war. Doch mit den Widerständen wird der Visionär von der Weltenseele geprüft. Das geschieht nicht, um es ihm schwer zu machen, sondern um ihm zu helfen, dass er die Lektionen, welche er unterwegs erlernte, vollständig in Besitz nimmt.»

Projekte in Portugal
Dieter Duhm ist gewiss kein Mann, der unterwegs aufgäbe. Andere schon, er nicht. Am 25. September 2004 sprach er auf Einladung des Lassalle-Instituts in Edlibach bei Zug und liess sich von seiner langjährigen Weggefährtin Frieda Radford den rund siebzig Tagungsteilnehmern vorstellen als einer, der 1968 aufgestanden sei und sich im Gegensatz zu den meisten anderen seither nicht mehr hingesetzt habe. Wer dem gross gewachsenen Kunsthistoriker und Psychoanalytiker zuhörte, wie er über die «Heilige Matrix» als «Grundlage für den Aufbau von Heiligungsbiotopen» sprach, konnte sich bei so viel Ideologie schon mal wünschen, der Mann hätte sich zwischenzeitlich hingesetzt und die eigenen Erfahrungen gründlich bedacht. Immerhin hatte Pia Gyger im Namen der Gastgeber vor Duhm über den Weg der Zen-Mediation gesprochen und dabei klar gemacht, worum es in dieser spirituellen Praxis geht: Sich systematisch sämtlicher Vorstellungen zu entledigen, bis der Praktizierende transformiert dasteht und «mit leeren Händen den Markt betritt».
Mit leeren Händen waren die Aktivisten aus Portugal Ende September aber nicht in die Schweiz gefahren. Der gemeinsame Tag stand im Zeichen der Tamera-Projekte. Jürgen Kleinwächter informierte über den Plan, in Portugal eine Mustersiedlung mit geschlossenem Energiekreislauf zu errichten. Das Modell basiert auf erneuerbaren Energien und liesse sich mit geringem Aufwand in dörflichen Strukturen der Dritten Welt verwirklichen. Frieda Radford berichtete zusammen mit Ursula Flury über das Experiment Monte Cerro, bei dem ab Frühling 2006 zweihundert vorwiegend junge Menschen aus aller Welt drei Jahre lang zusammenleben sollen, um auf dem Gelände von Tamera zu erproben, «was es heute heisst, in Gemeinschaft zu leben. Nicht nur in Gemeinschaft mit Menschen, sondern in Gemeinschaft mit Pflanzen, Tieren und allen Wesen».
Pia Gyger und Niklaus Brantschen gehören zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Monte Cerro. Sie planen zwar nicht, selber an dem Experiment des dreijährigen Zusammenlebens teilzunehmen, doch die Tamera-Projekte halten sie für derart wegweisend, dass sie deren Zustandekommen nach Kräften unterstützen. Als zum Deutschen Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin mit rund 200 000 Besuchern Sabine Lichtenfels als Rednerin zunächst eingeladen war, diese Einladung später aufgrund des Sektenverdachts aber widerrufen wurde, nutzte Niklaus Branchtschen die eigene Anwesenheit an der Grossveranstaltung, um für Tamera eine Lanze zu brechen. «Wer andere ausgrenzt, schliesst sich ein», schrieb er den Organisatoren des Kirchentags bei der Gelegenheit ins Stammbuch.

Wahrhaftig zuhören
Wahrhaftigkeit heisst der eigentliche Nenner, der die beiden Paare über den ungleichen Hintergrund hinaus verbindet. Pia Gyger begegnete dieser Qualität, als sie die Einladung nach Tamera annahm und 2002 zusammen mit Niklaus Brantschen zum ersten Mal nach Portugal fuhr, um sich dort an der regelmässig abgehaltenen Sommeruniversität zu beteiligen. Natürlich gab und gibt es dort einiges, womit sie und ihr Partner sich schwer tun. «Wir tragen in uns eine hohe Achtung vor der Entschlossenheit dieser Gruppe, in der Sexualität wahrhaftig zu sein, Wahrheit zu leben in einem Bereich der Gesellschaft, in dem gelogen und betrogen wird wie in keinem zweiten», erklärt Pia Gyger, «ein Grundsatz von Tamera lautet beispielsweise: ‘Berühre nie, ohne dass dein Herz offen ist!’ Dahinter steckt eine Haltung, die mich beeindruckt, und es stimmt mich zuversichtlich, dass in Tamera eine neue Generation unter solchen Vorzeichen heranwächst.»
«Ich glaube, dass es so viele unterschiedliche Formen in der Liebe gibt, wie es Menschen gibt», ergänzt hierzu Sabine Lichtenfels. «Entscheidend ist die Frage: Haben wir ein Umfeld des Vertrauens, wo wir wahr werden dürfen? Wir geben auf diese Fragen keine ideologischen Antworten, sondern wir suchen nach neuen Erfahrungsräumen für Wahrheit und Erkenntnis. Die neue Epoche braucht ein neues Bild der Liebe. Es kann nur in Verbindung mit allen anderen Themen gelöst werden. Die Lösung beginnt nicht mit einem konfessionellen Bekenntnis zu Monogamie, Polygamie oder Zölibat, sondern mit einer inneren Wahrheit, die unterstützt wird durch die Wahrheit anderer. Es ist ein Wahrheitsfeld, aus dem die Heilung kommt.»
Als sich Sabine Lichtenfels und Pia Gyger vor einigen Jahren zum ersten Mal persönlich begegneten, ging ihre Diskussion natürlich auch und zunächst intensiv um die doch sehr unterschiedlichen Auffassungen in Liebesdingen. Die Differenzen auf diesem Gebiet sind seitdem keineswegs ausgeräumt, aber es ist zwischen ihnen ein tiefes Grundvertrauen dafür gewachsen, dass es der anderen Frau um Wesentlicheres und Tieferes geht als darum, die eigene Überzeugung durchzusetzen. «Uns fällt es nicht schwer, sich wirklich zuzuhören und Unterschiede auch mal stehen zu lassen», charakterisiert Sabine Lichtenfels diese Qualität der Beziehung, womit sie natürlich zugleich eine wesentliche Grundlage jeder echten Friedensarbeit beschreibt. Kein Wunder also, dass es zwischen den beiden Frauen schon bald hiess: «Nächstes Jahr in Jerusalem!»


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Das Schöne an dir
Pia Gyger und Niklaus Brantschen: Sind die Nonne und der Pater denn nun ein Paar oder sind sie es nicht? Ja und nein. Niklaus Brantschen erklärt es genauer.
«Man hat gesagt, das 21. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Frau – Gott bewahre uns! Es wird ein Jahrhundert der Partnerschaft sein, oder es wird nicht sein.
Ich habe, von innen bewegt, den Weg des Zölibates, der Ordensgemeinschaft mit einem einfachen Leben, Engagement für die Gemeinschaft und Verzicht auf Ehe gewählt, bevor ich Pia Gyger getroffen habe. Ich habe sie bei einem Vortrag kennen gelernt. Wir sassen nachher zusammen und haben einen Schnaps getrunken. Irgendwie hat sie mich schon beeindruckt, eine junge Nonne, die leger einen Schnaps trinkt. Sie sagte: ‘Das Schöne bei dir ist, dass man nicht Angst haben muss, dass du dich in einen verliebst.’ Also habe ich mich entschlossen, mich nicht zu verlieben.
Irgendwie habe ich dann offenbar doch gewisse Signale gesendet, so dass sie sich auch verliebt hat. Und da standen wir dann mit unserer Ausrichtung, und ich weiss noch genau, wie ich ihr sagte, als die Liebe wuchs: ‘Ich liebe dich mit dem Kopf und mit dem Herzen bis zur Lendengegend. Das andere beachte ich nicht’. Pia war damit nicht einverstanden. Sie sagte: ‘Was fällt dir ein, du darfst nichts abschneiden.’ Also habe ich nichts abgeschnitten. Aber was jetzt? Wie integriere ich diese Kraft?
Es dauerte ein paar Jahre, die schmerzvoll waren. Einerseits unsere Berufung, die uns beiden wichtig war, und dann die Gegenströmung, so kraftvoll zueinander gezogen zu sein. Ich habe damals gelegentlich gesagt: Liebe ist, wenn man trotzdem lacht. Das hat Pia gar nicht gut gefallen. Aber es zeigt, wie mir zumute war, vorübergehend.
Es war uns bewusst, dass es so etwas wie eine Berufung gibt um des Himmelreichs willen. Aber wie wird das gelebt von Herz zu Herz, ohne dass etwas abgespalten wird? Wir haben, um es im Klartext zu sagen, nie miteinander geschlafen. Wir haben aber eine ganz tiefe Beziehung aufgebaut.
Was hat uns geholfen? Die Pflege der Stille, die Meditation, die Innerlichkeit. Sonst ist es eine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, ein Pflichtzölibat.
Wir sind fruchtbar geworden. Wir haben voneinander enorm viel gelernt. Ich habe von Pia gelernt, nie jemanden aufzugeben. Jemanden abzuschneiden. Sie hat von mir gelernt, in ihre Stärke zu gehen. Weil ich sie nicht nur aktzeptiert habe, wenn sie schwach war. Es ist ja leicht für einen Mann, eine schwache Frau zu akzeptieren.
Wir wagten, miteinander in Projekte hineinzugehen, die wir allein nicht gewagt hätten. Das ist die Frucht, das ist die Kraft einer zölibatären Partnerschaft: Miteinander gehen wir in Neues hinein, das unsere persönliche Kraft übersteigen würde. Miteinander haben wir keine Berührungsängste, uns auf Projekte und Menschen einzulassen, die ganz anders sind als wir selber. Dabei bleiben wir wir selbst, sind offen für das Neue und Andere und begegnen den Menschen von Herz zu Herz. Daraus entsteht oft grosse gegenseitige Bereicherung.»

(Aus einem Vortrag, den Niklaus Brantschen 2002 in Tamera hielt. Teilweiser Nachdruck aus der Zeitschrift Die weibliche Stimme.)


Autor: Martin Frischknecht | Profil
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Kommentare:

ich war an jenem treffen in portugal dabei, kannte schon vorher beide "paare" und freue mich sehr über ihren artikel, vor allem über die arbeit in tamera, die ich schon länger verfolge als jene im lassallhaus. schön, dass es solches noch gibt. herzlich shalom-salam, chlous.

Beitrag von: Klaus Dettwyler am 20.04.2005 | 23:43
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