Persönlich: Eugen Drewermann
«Jesus hat diese Kirche nicht gewollt.» Diese Aussage führte dazu, dass die Kirche Eugen Drewermann nicht mehr wollte. Als Priester wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen, später folgte das Redeverbot. Seitdem arbeitet er als Psychotherapeut und Schriftsteller.
Von Doris Iding
SPUREN: Sie sind für unser Telefoninterview ins Hotel Ibis gegangen. Haben Sie zu Hause kein Telefon?
Eugen Drewermann: Nein. Ohne Telefon habe ich viel mehr Ruhe, die Gespräche zu führen, die ich führen möchte. Es sind seelsorgerische, therapeutische Gespräche, bei denen ich nicht ständig unterbrochen werden möchte. Und zum anderen ist es in gewisser Weise auch ein Schutz. Die Menschen, die mit mir in Kontakt treten möchten, müssen mich vorher anschreiben und sich wirklich überlegen, ob sie den Kontakt wollen. Dieser erste Schritt, schriftlich mit mir in Kontakt zu treten, ist etwas anderes, als wenn man mal schnell anruft.
Sie waren katholischer Priester und sind seit 1992 suspendiert. Wenn man an Sie herantreten würde, würden Sie das Priesteramt noch einmal ausführen wollen?
Das ist unmöglich, da alle Gründe, die damals zum Konflikt führten, weiterhin bestehen. Und selbst wenn man das (überlegt) … Nein, es ist so. Die Gründe kann ich erläutern: Es geht um den Fundamentalismus in der Bibelauslegung und um den Objektivismus des gesamten theologischen Verständnisses von Gott, von Göttlichkeit, von Jesus, von Wundern, von allem. Adam und Eva haben historisch gesündigt; Maria war, als sie Jesus gebar, biologisch eine Jungfrau; Jesus ist zum Himmel aufgefahren, sichtbar am vierzigsten Tag, zeitlich genau gebunden. Da nimmt man symbolische Texte von hoher Poesie, deutet sie ins Unsinnige und zwingt damit die Menschen zu einer falschen Alternative zwischen unaufgeklärtem Aberglauben, den man dogmatisch verordnet, und aufgeklärtem Unglaube, der sich reaktiv dazu förmlich entwickeln muss.
Mir liegt an einer vernünftigen Synthese zwischen Wissen und Glauben, zwischen Denken und Fühlen. Ich möchte, dass die Religion eine therapeutische Dimension zurückgewinnt, ganz im Sinne Jesu. Sie soll psychisch heilsam sein und nicht krank machen.
Soll Religion auch befreien?
Unbedingt. Es gibt seelisch keine Heilung ohne mehr Mündigkeit, ohne mehr Entscheidungskompetenz, mehr Selbstvertrauen, mehr Gefühl in die eigene Berechtigung und Liebenswürdigkeit.
Welche Rolle spielt für Sie die Selbstverantwortung?
Eine sehr grosse! Ich muss vielleicht ein bisschen ausholen. Das Christentum ist im Unterschied zum Islam oder Judentum, aus dem es selbst kommt, keine Gesetzesreligion. Es glaubt nicht, dass man Menschen helfen könnte oder dass man sie bessern könnte mit der Anmahnung von Vorschriften, Geboten und Gesetzen. Das Christentum geht erst mal davon aus, dass der Mensch nicht in eigener Regie gut sein kann, nur weil er es möchte. Er kann nur gut werden durch Gnade, durch eine Güte, die ihn meint, ihn empfängt, die nachgibt, und die nie verloren geht. In einem Raum der Bestätigung reift die Freiheit, die am Ende Selbstverantwortung ermöglicht.
In der Psychotherapie ist immer wieder zu sehen, dass die Menschen glauben, sie handeln frei, aber sie handeln gebunden an die Mechanismen ihrer frühen Kindheit. Da es unbewusst läuft, ist es umso wirksamer. In der Ehe finden Wiederholungszwänge, Übertragungen auf die eigene Frau oder auf den eigenen Mann statt. Es sind Ängste, Erwartungen, Enttäuschungen, die man gelernt hat bei Vater und Mutter. Natürlich möchte man eine harmonische Beziehung führen. Aber das geht nicht im Schatten von all den Verwerfungen, die man aus der eigenen Biografie mitgebracht hat. Erst wenn man das durchgearbeitet hat, kann man Konflikte offen lösen und auch mal die Sicht des anderen einnehmen. Man fühlt sich nicht mehr bedroht, man muss sich nicht mehr sofort in die Stellung der Selbstverteidigung begeben. Man hat viel mehr Atem, um in Ruhe zu antworten. Und das muss gelernt werden. So entsteht langsam das, was in Ihrer Frage enthalten ist: Eigenverantwortung.
Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Druckversion von SPUREN.
